Aus: Buddhismus Heute Nr. 34, ( 2002)

Die Übertragung im Diamantweg

Manfred Maier

Sind wir Praktizierende der Karma-Kagyü-Schule, ist der Begriff der Übertragung von zentraler Bedeutung. Schon im Namen Kagyüpa weist die Silbe Ka auf Übertragung hin. Karma Kagyü ist die "lebendige Überlieferung der vier Übertragungen", die Tilopa von den indischen Meistern Nagarjuna, Ngagpopa, Lawapa und der Dakini Kalpa Sangmo erhielt.

Die Erfahrung dieser Übertragungen als letztendliche Einsicht in die Natur des Geistes wurde von vielen verwirklichten Meistern über Jahrhunderte im nahen Austausch zwischen Lehrer zum Schüler weitergegeben und ist so bis in unsere Zeit lebendig. Meditieren wir heute im Zentrum mit unseren Freunden auf den Karmapa, knüpfen wir genau an diesen Strom von Verwirklichung an.

Betrachten wir Buddhas Lehre in ihrer Ganzheit, treffen wir eine Vielfalt von Methoden und Erklärungen an. Sie entsprechen den verschiedenen Potenzialen und Sichtweisen unterschiedlicher Leute und es ist naheliegend, dass für das Lernen und die Entwicklung mehrere Möglichkeiten offen stehen.
Wenn unser Klassenlehrer gebeten wurde, in die Poesie-Alben seiner Schüler zu schreiben, waren es oft folgende Zeilen:

"Es gibt drei Wege zu lernen:
Durch Erfahrung, das ist der härteste.
Durch Nachdenken, das ist der edelste.
Durch Nachahmen, das ist der schnellste."

Beim Lernen durch Erfahrung geht die Handlung dem vollen Verständnis voraus. Weil der Weg zum Ziel nicht klar ist, probiert man einfach etwas aus. Es ist wie ein Experiment, von der man nicht sicher weiß, ob es das gewünschte Ergebnis bringen wird. Geht alles gut, hat man einen Schritt auf dem Weg getan, geht es schief, ist man zumindest um eine Erfahrung reicher geworden.
Lernen durch Nachdenken hilft möglicherweise, Fehler zu vermeiden – Gedanken allerdings sind nur ein kleiner Teil unserer Ganzheit und es braucht oft viel Zeit, bis das Verstandene vom Hirn in das Herz gerutscht ist.
Lernen durch Nachahmen gründet sich auf ein bereits funktionierendes Beispiel. Die Schritte des Aus-Ehrenmann lieber selbst erfindet. Wo es um die Entfaltung menschlicher Fähigkeiten und Qualitäten geht, ist Nachahmen aber der unmittelbare Weg, der am schnellsten zu Erfahrung rührt. Es ist eine spontane Art des Lernens, die nach dem Erkennen bestimmter Qualitäten direkt auf deren Umsetzung zielt. Wählt der Nachahmer ein vollkommenes Beispiel, ist er vor groben Verirrungen weitgehend geschützt und kann einer inspirierenden Phase des Lernens entgegenschauen.
Buddhas Beispiel zeigt die ersten beiden Möglichkeiten als Teil seiner eigenen Verwirklichungsgeschichte. Er praktizierte in den Wäldern Nordindiens bei vielen Meistern, um jedoch festzustellen, dass ihn deren Lehren nicht über Begriffe und Vorstellungen hinausführen konnten. In seiner Zeit als Asket versuchte er durch bedingungsloses Fasten zu letztendlicher Erfahrung durchzudringen, bis er bemerkte, dass in einem halb verhungerten Körper auch der Geist nicht richtig funktioniert.
Die dritte Art des Lernens stand zu seiner Zeit nicht zur Verfügung: die des Nachahmens oder der "Identifikation", wie wir es nennen. Er selbst war es, der diese Methode durch seine Verwirklichung in die Welt bringen sollte.

In Buddhas Lehre ist es klar, was gelernt werden soll:
Befreiung und Erleuchtung ist das Ziel. Ein unbedingter Erfahrungszustand jenseits von Gedanken und Vorstellungen, der sich als Freude, Unerschütterlichkeit und Liebe ausdrückt und spontan und mühelos zum Besten aller zeigt.

Die Frage, auf welche Weise wir lernen, hat viele Aspekte und kann grob in zwei Bereiche unterschieden werden.
Einerseits über die Arbeit mit den Bedingungen, die zur "Freiheit des Geistes" führen - positive Handlungen, gute Eindrücke, mehr Mitgefühl und Weisheit. Dies ist der Weg des schrittweisen Änderns von Gewohnheiten und Anschauungen, um so zu mehr Einsicht und schließlich letztendlicher Erfahrung zu gelangen.
Andererseits dem Zeigen des Absoluten, des Ziels selbst, wo Übertragung von grundlegender Bedeutung ist.

Hierüber erzählt auch eine Geschichte aus Tilopas Leben:
Eines Tages, als er gerade dabei war die Prajnaparamita-Belehrungen zu studieren, erschien ihm eine alte Frau. Sie schaute interessiert auf die Texte und fragte sodann: "Mein Sohn, was machst Du da?", worauf er antwortete: "Ich studiere."
Sie zog ihre Augenbrauen hoch und sprach: "Ja, die Belehrungen sind tiefgründig, aber der Weg führt über viele Lebenszeiten und ist schwer. Willst Du wirklich ihren Sinn verstehen, kenne ich einen Weg, der schnell ist und mit wenigen Hindernissen."
Tilopa erkannte, dass sie eine Dakini war und antwortete: "Ja, ich wünsche sehr die direkte Erfahrung der Belehrungen zu verwirklichen." Darauf zeigte sie ihm das Mandala von "Höchste Freude" als Kraftfeld von Energie und Licht vor ihm im Raum. So gab sie ihm eine direkte Übertragung in die Freudennatur seines Geistes und lehrte ihn, wie er sich mit dem absoluten Aspekt seines Geistes identifizieren konnte, um so zu einer ungebrochenen Erfahrung höchster Einsicht und Freude durchzudringen.
Wünschen wir diesen Weg des "Zeigens des Ziels" zu gehen, ist ein erfahrener Lehrer unerlässlich. Er ist die Quelle der Inspiration und Übertragung und er ermöglicht dem Schüler, die unbedingten Qualitäten und Fähigkeiten immer wieder in sich selbst zu entdecken. Hier bedeutet Lehrer nichts Persönliches sondern das Beispiel von unbedingter Erfahrung auf zwei Beinen. Schaut man auf den Lehrer, blickt man in dessen Geist als Spiegel für den eigenen Geist. Der Geist des Lehrers und unser Geist sind in ihrem absoluten Ausdruck nicht verschieden.

Den Vorgang der Übertragung, dem im Diamantweg und dem Großen Siegel besondere Bedeutung zukommt, kann man in vielen Bereichen des Lebens antreffen. Es geschieht immer da, wo ein Austausch über Begriffe hinaus das Teilen von Erfahrungen einschließt. Jede Darstellung einer körperlichen oder geistigen Fähigkeit wird zur direkten Erfahrung des aufmerksamen Schülers, wenn er diese Qualitäten im Beispiel des Lehrers erkennt. Hat der Schüler gute Voraussetzungen, kann er das Gezeigte spontan umsetzen und so wahre Sprünge in seiner Entwicklung machen. Sind menschliche Verbindungen von Vertrauen und Offenheit getragen, können ganze Erlebnisebenen geteilt werden. Hat einer viel Freude, wird sie leicht auch in anderen geweckt, ist einer liebevoll, wird auch diese Eigenschaft zur unmittelbaren Erfahrung für andere. Damit eine lebendige Übertragung im Sinne des Diamantweges geschehen kann, bedarf es verschiedener glücklicher Umstände. Beschreibt man sie in kurzer Form, geht es dabei vor allem um die Verbindung nach "draußen" zum Lehrer, der die Natur des Geistes zeigt, und Verbindung nach "drinnen" zum eigenen Erleber.

Oft wird der Geist mit einem Diamanten verglichen: unzerstörbar, strahlend und klar. Je mehr der "Diamant" des Geistes von Schleiern befreit ist, eröffnet sich die Möglichkeit, sich seiner letztendlichen Natur gewahr zu werden. Die Verbindung nach "drinnen" erwacht. Begegnen wir dann dem unerschütterlich freudvollen Raum des Geistes unseres Lehrers, entdecken wir dieselben Eigenschaften auch in unserem Geist und "Übertragung" ist schon geschehen. Ab diesem Augenblick ist etwas erwacht, das wir nicht einfach wieder vergessen können. Es eröffnet sich eine Sicht von letztendlicher Bedeutung. Manche erleben es als zweiten Geburtstag oder einfach wie wenn man sich tief verliebt. Die Lebensgeschichten der Verwirklicher unserer Übertragungslinie geben hier inspirierende Beispiele.

Aus dem Erkennen des gezeigten Ziels entsteht mehr und mehr eine Gewissheit, aus der Vertrauen und Offenheit natürlich entspringen. Wenn der Geist frei von Zweifeln ist, kann sogar Hingabe entstehen. Je mehr wir von unserer Ganzheit einbeziehen, desto scheller kommen wir ans Ziel. Die Übertragung des Lehrers führt den Schüler zu mehr Eigenständigkeit, denn es gibt keine größere Selbständigkeit als ein wachsendes Vertrauen in den unerschütterlichen Raum des Geistes.
Wollen wir direkt auf den Erleber schauen – soll dies der Kern unserer Praxis sein – ist Übertragung unerlässlich. Es bedarf des Lehrers, als Halter letztendlicher Einsicht und Kraft.
Neben der formalen Übertragung durch Einweihung in die verschiedenen Aspekte des Geistes wie Höchste Freude, Weisheitsbuddha oder Diamant in der Hand geschieht die Übertragung des Yogi oder Verwirklichers oft frei von äußerer Form. Hier vertritt der Lehrer die Frische des Geistes und ist über die nahe Verbindung mit seinen Schülern jederzeit bereit, ihnen den "Spiegel" vorzuhalten, wo immer sie auch eine Offenheit zeigen. Es kann in der Begegnung zwischen Klo und Vortragssaal sein, beim stillen Teilen desselben Raums oder bei freiem "Flug" über die Autobahn. Auch wenn der Lehrer gerade weit weg auf Reisen ist, kann der Schüler in der Übertragung des Lehrers ruhen und daraus ständig neue Kraft und Einsicht schöpfen.

Mit jeder Überfragung und Inspiration wird die Erlebnisebene gehoben und das Vertrauen zum Geist gestärkt. Der Reichtum des Geistes ist das Ziel und gleichzeitig der Weg. Hier erklingen Lama Oles Worte, als Essenz der Übertragung:

"Höchste Wahrheit gleich höchste Funktion. Je mehr Liebe und Freude, Einsicht und Kraft wir entwickeln, desto näher sind wir an der Wahrheit."

Diese Gewissheit und Erfahrung auch in den Wogen das täglichen Lebens zu halten, ist Teil unserer Praxis und gleichzeitig aufrichtigster Dank an unseren Lehrer.


Manfred Maier
geboren 1956
Musikstudium und Arbeit als Lehrer an einer Musikschule
seit 1982 Schüler von Lama Ole Nydahl
leitet das Zentrum in Villingen-Schwenningen seit 1987
reist als Lehrer seit 1992