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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 34, ( 2002)

Die fünf Skandhas

Manfred Seegers

Die Bestandteile der Persönlichkeit

Der Glaube an ein wirkliches, einheitliches und gleichbleibendes Ich ist eine grobe Täuschung, auf die man aber aus alter Gewohnheit heraus immer wieder hereinfällt. Diese feste Vorstellung von der eigenen Person als einer wirklichen Einheit ist das größte Hindernis auf dem Weg zu Befreiung und Erleuchtung, denn aus dem Festhalten an einer wirklichen Einheit der Person entstehen alle weiteren Störgefühle, negativen Handlungen und Leiden. Es lohnt sich also, die Sache einmal genauer zu betrachten.

Die heutigen Wissenschaften beschäftigen sich viel mit der Frage, was denn eigentlich eine Persönlichkeit ausmacht. Je nachdem, ob man sich mehr mit dem physischen oder dem geistigen Aspekt auseinandersetzt, kann man dabei zu sehr unterschiedlichen Antworten kommen. Den physischen Aspekt kann man zum Beispiel von der Entwicklungsgeschichte der Menschheit aus betrachten, ebenso von der ethnologischen, biologischen oder medizinischen Seite her. Legt man den Schwerpunkt mehr auf den geistigen Aspekt, so wird man sich dieser Frage eher von der soziologischen, psychologischen oder philosophischen Seite her annähern. All diese Gebiete zeigen aber jeweils nur einen bestimmten Teilaspekt der Persönlichkeit. Um ein volles Verständnis davon zu erlangen, ist es notwendig von einer ganzheitlichen Betrachtungsweise auszugehen und all diese Gebiete im Zusammenhang zu sehen.

Fragt man eine beliebige Person auf der Straße, was denn ihre Person eigentlich ausmacht, so wird sie selbstverständlich antworten: "Das bin ich." Und sie wird dabei von einer wirklich existierenden Einheit der Person ausgehen. Aber die Tatsache, dass hier Geist und Körper zusammentreffen, zeigt bereits, dass die Vorstellung von der eigenen Person als einer wirklichen Einheit nur eine Vereinfachung im Alltag ist, die nur solange gilt, wie sie nicht genauer untersucht wird. Tatsächlich ist diese feste Vorstellung sogar das größte Hindernis auf dem Weg zu Befreiung und Erleuchtung, denn aus dem Festhalten an einer wirklichen Einheit der Person entstehen alle weiteren Störgefühle, negativen Handlungen und Leiden. Es lohnt sich also, die Sache einmal genauer zu betrachten.

Der Buddha beschreibt die beiden Aspekte von Geist und Körper mit dem Begriff "Name und Form". Name steht für die geistigen Bestandteile der Person, nämlich Gefühle, Unterscheidungen, Geistesaktivität und Bewußtsein. Form ist hauptsächlich der eigene Körper, auf den sich ja die Identifikation mit einer Person stützt, aber auch andere Formen, nämlich diejenigen, zu denen die eigene Person im Gegensatz erlebt wird. Im Zusammenhang mit den Zwölf Gliedern des Abhängigen Entstehens steht Name und Form als viertes Glied in der Kette von allen Ursachen und Wirkungen, die eine Geburt im Kreislauf der Existenz hervorbringen. Auf der Grundlage von Unwissenheit und starken Gewohnheitstendenzen aus früherer Zeit wendet sich der Geist in eine bestimmte Richtung. Bewußtsein entsteht, die Funktion des Geistes, sich auf Objekte auszurichten. Die Vorstellung von jemandem, der sich von etwas bewußt ist, bringt dann die Identifikation mit Name und Form hervor, was wiederum die Grundlage für weitere begrenzte Funktionsweisen des Geistes ist, wie Störgefühle, Handlungen und deren Resultate, also eine Geburt im Kreislauf der Existenz mit all den damit verbundenen Erfahrungen.

Ganz speziell bezeichnet Name und Form aber auch den Moment, in dem sich das Bewußtsein aus dem Zwischenzustand zwischen Tod und Wiedergeburt kommend mit einer neuen Form verbindet, nämlich die Empfängnis. Hier steht Form für Ei und Samen, das Erbgut der Eltern, das die materielle Grundlage, das heißt die wesentliche Bedingung für die neue Existenz bildet. Name, das Kontinuum des Bewußtseins mit all den darin gelagerten Tendenzen, ist jedoch die hauptsächliche Ursache für die neue Identifikation mit einer bestimmten Person in dem nun beginnenden Leben. Das ist auch der Grund, warum dies Kontinuum Name genannt wird.

Das, was unter dem Begriff Name zusammengefaßt ist, hat aber eigentlich zwei verschiedene Facetten. Einerseits ist es das grundlegende Bewußtsein, die Tatsache des Erlebens selbst, andererseits die verschiedenen Färbungen oder Zustände dieses Bewußtseins, die auch geistige Ereignisse, Geistesfaktoren oder Geistesaktivität genannt werden. Dabei ist sich das grundlegende Bewußtsein der Natur oder des Wesens der Objekte bewußt, die Geistesaktivität ist sich der besonderen Merkmale der Objekte bewußt.

Die Gefühle, die dabei entstehen, sind für uns normalerweise sehr wichtig. Sie bestimmen sehr stark unser Verhalten. Daher werden sie noch einmal von allgemeiner geistiger Aktivität unterschieden. Ebenso werden Unterscheidungen, die dabei getroffen werden, oft sehr wichtig genommen und daher hervorgehoben. Aus diesem Grund spricht man auch von den vier nicht-materiellen Bestandteilen der Person, nämlich Gefühle, Unterscheidungen, geistige Aktivität und Bewußtsein. Zusammen mit Form bilden sie die sogenannten Fünf Ansammlungen oder Fünf Skandhas.

Der Grund dafür, dass sie "Ansammlungen" genannt werden oder "Haufen", was der tibetische Begriff "phungpo" wörtlich bedeutet, ist, dass jede einzelne dieser fünf Bestandteile einer Person wiederum aus unzähligen weiteren Facetten besteht. Die Grundlage für die Identifikation mit einer Person ist tatsächlich das Zusammenwirken von den verschiedensten Formen, Gefühlen, Unterscheidungen, Geistesaktivitäten und Funktionen des Bewußtseins, die dabei niemals gleich bleiben, sondern sich in ständiger Veränderung befinden. Der Glaube an ein wirkliches, einheitliches und gleichbleibendes Ich ist daher eine grobe Täuschung, auf die man aber aus alter Gewohnheit heraus immer wieder hereinfällt.

Ein Beispiel, um das Zusammenwirken dieser fünf Ansammlungen zu illustrieren, ist die folgende Situation: Eine Person kommt uns von weitem auf der Straße entgegen. Zuerst erkennen wir nur eine Form, groß oder klein, weiblich oder männlich. Dann kommt die Person näher und es entstehen verschiedene Gefühle, sobald wir genauere Merkmale wahrnehmen können. Wir erleben die Person als angenehm, unangenehm oder neutral. Vielleicht kennen wir sogar den Namen der Person. Die genaue Unterscheidung ermöglicht es, angemessen zu reagieren, das heißt eine geistige Aktivität findet statt. Vielleicht begrüßen wir die Person oder wir gehen stur an ihr vorbei. Die Grundlage für diesen Prozeß ist das Erleben selbst, also Bewußtsein. So arbeiten diese fünf Faktoren ständig zusammen.

Ein klares Erkennen möglichst vieler dieser einzelnen Facetten der Fünf Ansammlungen wirkt nun einerseits der Gewohnheit entgegen, die Person auf ein immer gleich bleibendes Ich einzuschränken, das auf ein bestimmtes Bild festgelegt ist, woraus zahllose weitere falsche Anschauungen und Störungen entstehen, und es ermöglicht andererseits, den riesigen Reichtum bei einem selbst und bei anderen anzunehmen, den diese vielen Facetten eigentlich bedeuten. Man lernt, aus dem unendlichen Schatz aller Möglichkeiten zu schöpfen, die in einer Person enthalten sind. Man wird sich selbst und anderen gegenüber offener und natürlicher, das heißt man nimmt die Dinge eher so an, wie sie wirklich sind. Um also die ganze Vielfalt der Aspekte zu zeigen, die eine Person eigentlich ausmachen, werden im Folgenden die Fünf Ansammlungen genauer beschrieben.

Das Skandha der Form besteht aus der ursächlichen Form, den vier Elementen und der bewirkten Form, den fünf Sinnesfähigkeiten und den fünf äußeren Objekte der Sinne wie sichtbare Formen, Klänge, Gerüche, Geschmäcker und berührbare Objekte, sowie Formen für das Geistbewußtsein. Die Sinnesfähigkeiten sind die subtilen Sinnesorgane, der Sehnerv, usw. Die Sinnesobjekte gliedern sich grob in acht Arten von Gestalt und zwölf Arten von Farbe für das Auge, acht Arten von Klängen, vier Arten von Gerüchen, sechs Arten von Geschmack und elf Arten von Körpergefühlen. Hinzu kommen fünf Arten von Formen für das Geistbewußtsein, wie zum Beispiel alle Arten von vorgestellten Formen.

Das Skandha des Gefühls ist gleichzeitig einer der Geistesfaktoren. Allgemein unterscheidet man drei Arten von Gefühlen, angenehme, unangenehme und neutrale Gefühle, die sich entweder auf den Körper oder auf den Geist beziehen können. Besonders die geistigen Gefühle kann man dabei jedoch in unendlich viele weitere Facetten unterscheiden, die zum Beispiel in der Meditation erfahren werden, Gefühle von Furchtlosigkeit, Freude, Mitgefühl, usw . Das charakteristische Merkmal der Gefühle ist ganz allgemein Erfahrung oder Erlebnis.

Auch das Skandha der Unterscheidung ist gleichzeitig einer der Geistesfaktoren. Hier gibt es Unterscheidung ohne Namen, wenn man den Namen nicht kennt, wie zum Beispiel bei Babys, oder mit Namen, wie zum Beispiel Beurteilungen als gut oder schlecht oder andere Benennungen. Dieses Skandha wird deswegen besonders hervorgehoben, weil die Unterscheidung für die Entwicklung bestimmter Weltanschauungen oder Sichtweisen sehr wichtig ist. Im Begierde-Bereich findet man geringe Unterscheidung, im Formbereich ausgedehnte Unterscheidung und im Formlosen Bereich grenzenlose Unterscheidung. Menschen können außer dem Tierbereich andere Bereiche nicht direkt wahrnehmen, während umgekehrt die Wesen anderer Bereiche, zum Beispiel der Form-, und Formlosen Bereiche, Menschen wahrnehmen können.

Das Skandha der Geistesfaktoren färbt das Bewußtsein. Es besteht aus sechs verschiedenen Gruppen von geistigen Ereignissen. Im Kleinen Fahrzeug werden insgesamt 47 Faktoren aufgezählt, im Großen Fahrzeug 51 Faktoren, die aber auch noch weiter unterteilt werden können. Dies sind alle positiven, negativen und wandelbaren Zustände im Geist. Hier haben wir fünf allgegenwärtige Faktoren, die jede geistige Erfahrung begleiten, wie Absicht, Kontakt, usw., fünf eindeutige Faktoren, die den Geist auf bestimmte Objekte ausrichten, wie Streben, Wertschätzung, Achtsamkeit, usw., elf positive Faktoren, wie zum Beispiel Vertrauen, Schamgefühl, Respekt, usw., sechs Hauptstörungen wie Unwissenheit, Begierde, Haß, usw., zwanzig Nebenstörungen wie Feindseligkeit, nachtragend sein, Groll, usw., vier wandelbare Faktoren, die entweder positiv oder negativ sein können wie Schlaf, Bedauern, usw.
Weiterhin gehören zu den Geistesfaktoren auch solche, die weder eindeutig geistig noch eindeutig materiell sind, so wie Geburt, Lebenskraft, Begriffe oder Worte, usw.

Beim Skandha des Bewußtseins unterscheidet man konzeptuelle Aspekte des Bewußtseins und solche, die frei sind von Konzepten, wobei Bewußtsein das ist, was Objekte wahrnimmt, was klar ist und erkennend. Man unterteilt Bewußtsein im Kleinen Fahrzeug und teilweise im Großen Fahrzeug in sechs Aspekte, die fünf Sinnesbewußtseine und das Geistbewußtsein. In anderen Schulen des Großen Fahrzeugs, der Nur-Geist-Schule und der Shentong-Madhyamaka-Schule, unterteilt man es in acht Aspekte, die fünf Sinnesbewußtseine, das Geistbewußtsein, das Verschleierte Bewußtsein und das Basisbewußtsein.

Schaut man sich diese ganzen Ansammlungen an, diese große Vielfalt der verschiedensten Bestandteile der Person, so löst sich dadurch die feste Vorstellung von einer wirklichen Einheit auf. Dabei wirken die Erklärungen zu den Fünf Ansammlungen besonders der Illusion entgegen, dass der Geist aus einer Einheit bestünde, denn es gibt ja vier nicht-materielle Ansammlungen und die eine materielle Ansammlung der Form. Die Vorstellung von einem wirklichen Ich, einem unabhängig existenten Selbst der Person, basiert auf der Anhaftung an dem Kontinuum dieser Fünf Ansammlungen. Sie ist die Grundlage für die Identifikation mit einem bestimmten Individuum in einem der Daseinsbereiche im Kreislauf der Existenz. Löst sich diese Illusion auf, so ist Befreiung von allem Leid, Befreiung vom Kreislauf der Existenz, erreicht.Der siebte Karmapa Tschödrak Gyamtso schreibt im Ozean der Logik-Texte:
"Spricht man von den Skandhas, so muß man sagen "leidhafte Skandhas" da sie für alle Schwierigkeiten verantwortlich sind, solange wir sie als wirklich existent ansehen."

Wir halten dieses Kontinuum aufrecht durch unsere Unwissenheit. Die Skandhas an sich sind nicht negativ, sondern Ausdruck der Klarheit unseres Geistes. Nehmen wir sie jedoch als Grundlage für unser "Selbst", wird Leiden daraus. Rein logisch gesehen kann es ja auch keine wirkliche, das heißt unabhängig existente Einheit geben, denn Einheit ist immer von Vielheit abhängig, sowie Vielheit wiederum von Einheit abhängt. Man kann es natürlich nennen, wie man will, aber ob man es "Ich" nennt oder anders, es ist in keinem Fall wahrhaft existent.

Auf dem Weg zu Befreiung und Erleuchtung geht es darum, die Ursachen für alles Leiden zu entfernen, um wirklich bleibendes Glück zu erlangen. Von den groben Störungen bis hin zu den feinsten Gewohnheitstendenzen der grundlegenden Unwissenheit werden dabei alle Schleier im Geist gereinigt und gleichzeitig die dem Geist bereits innewohnenden perfekten Qualitäten entfaltet. Besonders im Diamantweg hat der Buddha sehr kraftvolle Methoden gelehrt, um die Natur des Geistes unmittelbar zu erkennen. Hier richtet man sich von Anfang an auf die reine Essenz der Störungen aus und identifiziert sich auf diese Weise mit den Qualitäten im eigenen Geist.

Die reine Essenz der Fünf Ansammlungen drückt sich durch die männlichen Buddhas der Fünf Buddha-Familien aus. Die Ansammlung der Form ist in ihrer reinen Essenz der Buddha Akshobya, Gefühl der Buddha Ratnasambhava, Unterscheidung der Buddha Amitabha, Geistesaktivität der Buddha Amoghasiddhi, und die reine Essenz des Bewußtseins der Buddha Vairocana. Aber auch ganz allgemein beseitigt jede Identifizierung mit einem Buddha-Aspekt die Anhaftung an die Fünf Ansammlungen und wirkt damit als Gegenmittel gegen alle Störungen im Geist.

Hier ist vielleicht noch besonders die Meditation auf den Buddha Diamantgeist zu erwähnen, den reinigenden Aspekt aller Buddhas, die natürlich auch die Anhaftung an alle Fünf Skandhas reinigt, aber deren Funktion besonders darin besteht, die Geistesfaktoren oder geistige Aktivität zu reinigen. Alle negativen geistigen Zustände werden zusammen mit den seit anfangsloser Zeit bereits im Geist gelagerten karmischen Tendenzen durch diese Praxis aufgelöst und damit deren Heranreifen zu leidvollen Erfahrungen verhindert. Dies ist ein wirklich großes Geschenk, denn wenn die schweren karmischen Eindrücke aus dem Geist entfernt sind, ist es leicht, ihn in sich ruhen zu lassen und daraufhin tiefe Einsicht in die Natur des Geistes zu erlangen.

Dies ist nur eine sehr kurz gefaßte Darstellung der Fünf Ansammlungen. Das Thema wird in großem Umfang in den Abhidharma-Texten, sowie in den verschiedenen Kommentaren der indischen und tibetischen Meister behandelt. Leider gibt es dazu noch nicht viel Literatur in deutscher Sprache. Will man mehr Einzelheiten wissen, muß man sich bisher hauptsächlich an englische Bücher zu diesem Thema halten. Es wird aber sicher in der Zukunft auch mehr Bücher in deutscher Sprache geben, die entweder Übersetzungen der Originalwerke sind oder dieses Thema in größerem Umfang darstellen. Bis dahin kann man sich auf Kassetten oder Mitschriften von Vorträgen und Kursen stützen, die regelmäßig in unseren Zentren stattfinden.


MANFRED SEEGERS
Nach Abschluss eines 5-jährigen Studiums authorisierter buddhistischer Lehrer. Studierte und lehrte von 1990 - 2000 am KIBI in Neu-Delhi.
Er hält Vorträge und Seminare im In- und Ausland.