Aus: Buddhismus Heute Nr. 34, ( 2002)

7 Punkte zur Meditation - Teil 2

Künzig Shamar Rinpoche

Die Essenz von Shine und Lhagtong
Beim dritten Punkt geht es um eine genaue Erklärung darüber, wie Shine und Lhagtong natürlich werden. Auf den Anfängerstufen ist unsere Meditation das noch nicht, sondern sie ist gewissermassen gekünstelt. Aber Meditation ist erst dann vollständig echt, wenn sie natürlich geworden ist, wie ich schon kurz unter Punkt 2 (siehe Teil 1) erklärt habe.

Was ist mit "echter" Meditation der Geistesruhe gemeint?
Am Anfang der Shine-Praxis wird der Geist auf ein Meditationsobjekt ausgerichtet. Das dient dazu, den Geist konzentriert zu halten, anstatt dass er den Gedanken folgt. Wenn die Meditation natürlich geworden ist, also bei echtem Shine, ist keinerlei Anstrengung mehr nötig um den Geist zu konzentrieren. Zuerst muss man sich darum bemühen, aber später wird es völlig natürlich.

Ich gebe ein Beispiel, um den Unterschied zwischen künstlichem und echtem Shine zu illustrieren: Es gibt eine spezielle Art von Meditation, die dazu führt, dass man sich völlig klar der Vergangenheit erinnern kann, bis hin zur Erinnerung früherer Leben. Der Geist ist nie der gleiche (derselbe?), er existiert nur von Moment zu Moment, verändert sich die ganze Zeit. Wenn wir uns einen Moment anschauen, so sehen wir, dass er entsteht, besteht und schließlich wieder verschwindet. Er besteht in dieser Weise aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ein Moment entsteht und verschwindet dann wieder um Raum zu machen für einen weiteren Moment, und so weiter. So besteht unser Geist aus einem unaufhörlichen Strom von Bewusstheitsmomenten. Bei dieser Art von Shine besteht die Praxis darin, sich jedes Momentes im Augenblick seines Entstehens bewusst zu sein: Nicht analysieren, nur fokussieren und das Entstehen der Momente beobachten, einer nach dem anderen; ohne einen davon zu verpassen oder ihre Reihenfolge durcheinander zu bringen, einfach nur beobachten wie sie vorbeiziehen; völlig konzentriert sein, darauf fokussiert bleiben. So können wir jetzt meditieren, in der Weise von künstlichem Shine.

Dies wird dann zu echtem Shine, wenn es natürlich wird, wenn wir uns nicht länger anstrengen müssen um den Geist fokussieren. Dann besteht einfach eine natürliche Bewusstheit der vorbeiziehenden Momente. Man gewöhnt sich so sehr daran, dass man sich nur einmal auf diese Bewusstheit konzentrieren muss, damit sie automatisch weitergeht, ohne dass man Anstrengung aufwenden muss. Sie geht natürlicherweise weiter.

Wenn wir diese Ebene erlangt haben, erscheint eine besondere Art von Gedächtnis. Wir können uns der Vergangenheit und sogar früherer Leben erinnern, im selben Maße wie die Meditation natürlich wurde. Die Erinnerung dehnt sich mehr und mehr aus:
Zuerst erinnert man sich der Kindheit, dann der Erfahrungen im Schoß der Mutter und dann früherer Leben. Da man das alles erlebt hat, kann man sich auch daran erinnern, genau wie man sich erinnert, was man gestern getan hat. Diese Erinnerung kommt automatisch, wenn Shine natürlich wurde.

Und was ist mit "echtem" Lhagtong gemeint?
Führen wir das Beispiel fort, bei dem man sich auf jeden Moment konzentriert. Lhagtong bedeutet, die Natur jedes Momentes zu untersuchen. Während dem Shine beobachtet man die Momente nur, ohne sie zu untersuchen, nun jedoch analysiert man sie. Lhagtong wird natürlich, wenn diese Untersuchung nicht mehr intellektuell ist. Man hat dann eine direkte Erfahrung der Natur jedes Momentes, eine Erfahrung jenseits von Namen und Ideen.

Wenn man etwas anschaut, so hat man im ersten Moment eine direkte Erfahrung davon und erst danach benennt man es. In den buddhistischen Lehren wird zwischen verschiedenen Arten von direkter Erfahrung unterschieden. Jetzt zum Beispiel haben wir zwar auch direkte Erfahrungen, aber wir projizieren immer sofort unsere Ideen auf die Dinge, obwohl diese Ideen nicht real sind. Wenn wir zum Beispiel ein weißes Stück Papier sehen, vermischen wir diese direkte Erfahrung mit unserem Konzept von Weiß. Das Konzept "Weiß" ist ein allgemeines Konzept, das viele andere Dinge betrifft, so wie weißer Stoff, weiße Blumen etc.. Die direkte Erfahrung ist viel umfassender als das. In echtem Lhagtong hat man eine direkte Erfahrung der Welt, man sieht die wahre Natur der Dinge. Das wird auch direkte Erfahrung des Verwirklichers (Yogi) genannt.
Einfach gesagt, geht es bei wahrem Shine und Lhagtong um die Entfernung der Meditations-Hindernisse, die unter Punkt 2 (siehe Buddhismus Heute Nr. 33) besprochen wurden. Shine wird natürlich, wenn Schwere, Dumpfheit und Schläfrigkeit völlig aus der Meditation verschwunden sind. Echtes Lhagtong entsteht, wenn geistige Wildheit, Bedauern und Zweifel völlig neutralisiert sind. Sie entstehen dann niemals in der Meditation, aber schon noch in der Nach-Meditation, da man noch nicht erleuchtet ist und es deswegen einen Unterschied zwischen Meditation und Nicht-Meditation gibt. Aber die voll gereifte Frucht von Shine und Lhagtong ist, dass die Meditation frei von diesen Hindernissen ist.

Die Stufen von Shine und Lhagtong
Dieser Punkt wird hier nur kurz angeschnitten. Es gibt neun Ebenen von Shine und vier Ebenen von Lhagtong, die die Stufen der Meditation beschreiben.

Die neun Stufen von Shine:

1) den Geist sich innerlich setzen lassen
2) den Geist sich beständig setzen lassen
3) den Geist sich intakt setzen lassen
4) den Geist sich intensiv setzen lassen
5) den Geist zähmen
6) den Geist beruhigen
7) den Geist völlig beruhigen
8) den Geist einsgerichtet machen
9) den Geist in Gleichmut bringen

Die vier Ebenen des Lhagtong:
1) Phänomene unterscheiden
2) vollständig zu unterscheiden
3) vollständige Untersuchung
4) vollständige Analyse

Im Tibetischen gibt es zwei verschiedene Worte für Untersuchung und Analyse: "Untersuchung" ist eine eher grobe Untersuchung und "Analyse" ist tiefgründiger, gründlicher und detaillierter. Im Tibetischen hat man diesen Unterschied zwischen den beiden Wörtern, der im Deutschen nicht so verständlich ist - dass eben das eine subtiler ist als das andere. Wenn Shine natürlich geworden ist, kann man auch die vier Ebenen von Lhagtong verwirklichen.

Die Reihenfolge der Praxis von Shine und Lhagtong
Allgemein gesagt, praktiziert man zuerst Shine und dann Lhagtong. Dies gilt so in der Theravada-Tradition. Aber im Mahayana, Vajrayana und dem Mahamudra ist das nicht unbedingt immer so. Manchmal können die beiden zugleich praktiziert werden, es hängt vom individuellen Praktizierenden ab. Euer Lehrer sollte entscheiden, was hier am besten für euch ist, sofern er in Meditation qualifiziert ist.

Ein Ergebnis der Verwirklichung von Shine ist, dass man den Geist anderer Wesen kennt. Ein verwirklichter Lehrer verwendet diese Fähigkeit um zu sehen, was für seine Schüler am besten ist. Die Methode, wie dies getan wird, ist die gleiche wie die zur Erinnerung der Vergangenheit. Aber hier konzentriert sich der Lehrer auf den Geist der anderen statt auf seinen eigenen. Das sagt sich natürlich leichter als es getan ist.Die gewöhnliche Reihenfolge ist also, dass man zuerst Shine und dann Lhagtong praktiziert, und am besten macht man es in dieser Weise.

Die Einheit von Shine und Lhagtong
Wie verbindet man Shine und Lhagtong? Es ist zwar möglich, Lhagtong ohne Shine zu praktizieren, aber es wird nicht angeraten. Man kann von einem Lehrer Lhagtong-Unterweisungen bekommen und mit Vertrauen und Intelligenz diese Praxis verwirklichen. Aber obwohl man eine direkte Erfahrung der Natur der Dinge bekommen kann, wird diese Erfahrung nicht stabil sein, wenn man nicht zuvor Shine verwirklicht hat. Das ist auch so, wenn man Lhagtong praktiziert, bevor Shine wirklich natürlich geworden ist. Es ist vergleichbar mit einer Kerze im Wind: Obwohl sie Licht gibt, ist es sehr unstabil. In der gleichen Weise kann man durch Lhagtong eine direkte Erfahrung bekommen, aber ohne Shine wird sie nicht stabil sein.

Wenn man auf der anderen Seite nur Shine praktiziert aber nie Lhagtong, kann man sich nicht aus der bedingten Welt befreien. Das wurde schon zuvor erklärt, als es um die Meditations-Hindernisse ging. Shine zu verwirklichen ohne Lhagtong-Praxis trägt das Risiko mit sich, dass man in lang andauernden Meditationszuständen (Götterbereiche) wiedergeboren wird, die immer noch im Bereich der Ich-Illusion liegen. In der vollen Verwirklichung von Shine ist der Geist in einer tiefgründigen Ruhe. Er ist zutiefst entspannt, jenseits von allem, was wir uns jetzt vorstellen können. Aber Unwissenheit, die Wurzel der Illusion, wurde noch nicht entfernt. Deswegen ist es nötig, sowohl Shine als auch Lhagtong zu praktizieren.

Wie können wir die beiden in der Praxis vereinen?
Das ist nicht etwas, was wir jetzt so ohne weiteres tun können. Man kann mit beiden in gewissen Weisen arbeiten, aber erst, wenn man die höchsten Ebenen des Shine erlangt hat, kann man beide völlig vereinen. Die neunte Ebene des Shine ist, "Den Geist in Gleichmut bringen". Hier wird Lhagtong natürlich und die zwei Arten der Praxis werden eins.

Das Resultat von Shine und Lhagtong
Das Resultat davon, dass man Shine verwirklicht hat, ist, dass der Geist völlig rein wird - alle groben Störgefühle sind besiegt und gereinigt. Das Resultat der Verwirklichung von Lhagtong ist, dass Weisheit völlig rein geworden ist. Das bedeutet, dass die grundlegende Unwissenheit gereinigt und entfernt ist, und auch die Störgefühle sind entfernt.

Eine andere Weise, das Resultat dieser beiden Praktiken zu beschreiben, ist, dass die beiden Arten von Schleiern entfernt sind. Ein Schleier ist, von Konzepten oder Neurosen gefangen zu sein. Der andere ist, gefangen zu sein von Unwissenheit oder Illusion und deswegen immer wieder in Samsara geboren zu werden. Shine befreit den Schleier der Konzepte und Lhagtong den Schleier der Unwissenheit.
Ein weiteres Resultat ist, dass Shine die Anhaftung an die Phänomene auflöst. Es besiegt Erwartungen, Zweifel, Sorgen. Wir hoffen immer, zu bekommen, was wir uns wünschen und sind besorgt, wenn wir es nicht bekommen. Dies kommt von Begierde und Anhaftung. Das Resultat von Shine ist, dass man - selbst wenn man anstrebt, etwas zu erreichen - keine Erwartungen, Zweifel oder Sorgen mehr hat, weil Anhaftung und Begierde überwunden sind.

Wenn man echtes Shine erlangt hat, hat man auch alle möglichen außergewöhnlichen Fähigkeiten wie zum Beispiel Hellsicht. Man kann frühere Leben und den Geist anderer Wesen sehen. Aber erfahrene Meditierende warnen davor, damit zu spielen. Es beinhaltet ein großes Risiko, an Shine anzuhaften, und dann nehmen unsere Probleme sogar zu. Wenn jemand aber stark genug ist, kann er es ohne Anhaftung kontrollieren.

Devadatta war ein Cousin des Buddha und er war ziemlich boshaft. Er wollte mit Buddha konkurrieren und ging deswegen zu einem fortgeschrittenen Schüler Buddhas, dem Arhat Kashyapa, um Shine zu lernen. Arhats haben den Fehler, dass sie ihre Kräfte nur in Meditation nutzen künnen. In seiner Nach-Meditation konnte Kashyapa nicht die negative Motivation von Devadatta erkennen. So dachte er sich: "Dieser Mann war früher sehr schlecht, aber jetzt will er Meditation lernen. Ich sollte ihn unterrichten, damit er sich ändern kann."
So unterrichtete er ihn in Shine und Devadatta lernte sehr gut. Er erlangte eine kraftvolle Stufe von Shine und verwendete seine Kräfte gegen den Buddha. Zuerst führte er den örtlichen König hinters Licht, dann spaltete er den Sangha und hatte den König auf seiner Seite. Dann ermutigte er den jungen Prinzen, gegen seinen Vater zu revoltieren und griff mit seinen Mönchen den Buddha an. Er tat das alles, weil er eifersüchtig auf den Buddha war, und er verwendete Kräfte, die er durch Shine erlangt hatte. Aus diesem Grunde ermutigen die Lehrer die Schüler, Shine für Befreiung zu verwenden, aber sie raten davon ab, damit zu weit zu gehen. Besondere Schüler, so wie die Bodhisattvas mit reiner Motivation, werden diese Kräfte aber nicht missbrauchen.

Das Resultat von Lhagtong ist recht einfach:
es ist Befreiung und Erleuchtung.

Aus dem Englischen: Detlev Göbel


Künzig Shamar Rinpoche wurde in Ost-Tibet geboren und im Alter von vier Jahren vom 16. Gyalwa Karmapa als der 14. Shamarpa anerkannt. Shamar Rinpoche erhielt vom 16.Karmapa die vollständige Übertragung der Lehren der Kagyü-Linie und blieb bis zu dessen Tod im Jahre 1981 bei ihm. Nach dem Tod Karmapas widmete Künzig Shamar Rinpoche sich den vielen von Karmapa gestarteten Projekten. Es ist auch vor allem seiner Aktivität zu verdanken, dass die Wiedergeburt Karmapas der 17. Karmapa Thaye Dorje in Tibet gefunden wurde.
Shamar Rinpoche reist überall auf der Welt und lehrt in vielen Kagyü-Zentren. Er plant zugleich die Einrichtung eines Institutes für höhere buddhistische Studien und ein Zurückziehungs-Zentrum in Nepal.

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