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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 34, ( 2002)

Interview mit S.H. dem 17.Karmapa Thaye Dorje

Detlev Göbel und Claudia Knoll

Ein Gespräch mit Gyalwa Karmapa Trinle Thaye Dorje

Neujahrsmorgen 2002, Kalimpong

Gyalwa Karmapa, danke, dass du dir die Zeit für dieses Gespräch genommen hast. Wir möchten dir ein Gutes Neues Jahr 2002 wünschen!
Danke, und euch auch ein Glückliches Neues Jahr.

Im Westen fassen die Menschen am Silvesterabend manchmal bestimmte Vorsätze für das kommende neue Jahr, wenn sie bestimmte Sachen erreichen wollen. Hast du bestimmte Pläne oder Projekte für das neue Jahr?
Unter Tibetern wird es als Glück verheißender angesehen, Wünsche während des Tages zu machen. Wir glauben, dass die Morgendämmerung die Glück verheißendste Zeit des Tages ist, da der Tagesanbruch den Dingen Leben gibt - die Blumen öffnen sich, die Tiere wachen auf usw.
Was mich selbst angeht, so plane ich nichts Besonderes außer mit meinen Studien fortzufahren.

Kannst du ein bisschen darüber erzählen, wie dein Studium aussieht?
Seitdem ich keinen Englisch-Lehrer mehr habe, studiere ich jetzt nur Dharma in Tibetisch. Mein Tagesablauf ist so:
Ich stehe gegen 6 oder 7 auf und mache eine kurze Tara-Meditation. Danach mache ich meine Hausaufgaben, rezitiere Dharma-Texte und erledige Schreibarbeiten bis 11. Von 11 bis 1 Uhr mittags nehme ich mir Zeit für Besucher, die hierher kommen und esse zu Mittag. Dann ruhe ich mich für eine Stunde aus. Von 2 bis 3 Uhr nachmittags mache ich eine kurze Meditation. Danach, bis 5 Uhr nachmittags, studiere ich mit meinem Lehrer Professor Sempa Dorje. Von 5 bis 6 habe ich frei und von 6 bis 7:30 mache ich mit den anderen Tulkus, Lamas und Mönchen die Mahakala-Puja. Von 8 bis 8:30 meditiere ich wieder bevor ich für die Nacht zur Ruhe gehe.

Ein ziemlich fester Stundenplan...

Ja, mehr oder weniger. Aber er ist nicht völlig festgeschrieben und kann sich bei besonderen Ereignissen ändern.

Hast du ab und zu einen Tag frei? Wir hörten, dass du dann gerne Cricket spielst...

Ja, die Sonntage sind frei und dann spiele ich manchmal Cricket.

Nah bei deinem Haus hier wurde eine neue Shedra gebaut.
Könntest du etwas darüber erzählen, was ihre Funktion ist und was deine Rolle in ihr sein wird?

Die neue Shedra, ein buddhistisches Forschungs- und Ausbildungs-Institut, ist vor allem für die Tulkus, Lamas und Mönche. Sie werden dort in Englisch und Tibetisch studieren, vor allem das Dharma. Ich selbst werde ein Student in dieser Shedra sein und später eventuell dort auch lehren. Das wird eine nette Erfahrung werden.

Wird dein Haupt-Lehrer, Professor Sempa Dorje, auch der Haupt-Lehrer in der Shedra sein?

Ja, wir werden von seinen wertvollen Belehrungen und seiner Leitung gesegnet werden. Wir werden aber auch viele andere gelehrte Lehrer dort haben.

Kannst Du uns etwas über Professor Sempa Dorje erzählen? Er ist im Westen nicht so bekannt.
Professor Sempa Dorje ist einer der gelehrtesten Lehrer und bekanntesten buddhistischen Gelehrten und Lehrer Indiens. Er hat ein wirklich großartiges Wissen des Dharma, sowohl in Tibetisch als auch in Sanskrit. Er wurde in Khunu in der Nähe von Ladakh geboren, ein Ort, der bekannt ist für Leute mit grossem Wissen. Als er sehr jung war, ging er nach Tibet und studierte dort als Mönch bis er Tibet nach der Invasion verlassen musste. Er ging dann zurück nach Indien und lebte lange Zeit in Varanasi.

Hat er, bevor er hierher kam, vor allem an indischen Universitäten unterrichtet?

In Varanasi gibt es eine grosse buddhistische Universität, wo er vor allem Dharma aber auch andere Bereiche lehrte. Schließlich ging er in den Ruhestand und zog nun mit seinen beiden Söhnen nach Kalimpong. Ursprünglich kam er hierher um mich zu unterrichten, aber nun haben wir die Shedra wo er auch lehren wird. Dies ist eine großartige Gelegenheit, insbesondere nach dem Verlust von Topga Rinpoche.

War es Künsig Shamar Rinpoches Idee, Professor Sempa Dorje zu bitten, dein Lehrer zu werden?

Ja, das war seine Idee. Er arbeitete wirklich hart dafür und wir sind jetzt wirklich froh.

Wer stellt den Inhalt deiner Studien zusammen, welche Texte ihr durchgeht usw.?

In meinem Fall, als geistiger Lehrer, muss ich ein sehr unfamgreiches Wissen von allem haben, und in dieser Hinsicht lehrt er mich sehr viel. Wir studieren vor allem Dharma, aber auch andere Themen wie zum Beispiel Geschichte. Professor Sempa Dorje gibt uns Wahlmöglichkeiten, was wir studieren möchten. Er hat einen sehr offenen Geist und geht auch auf moderne Themen, wie zum Beispiel Wissenschaft, ein.

Ist dein Studium zur Zeit vor allem Kagyü-orientiert, und später kommen auch Lehren anderer Schulen hinzu?
Die Basis eines jeden buddhistischen Studiums sollten die allgemeinen Lehren Buddhas sein und als Ornament haben wir dann die Kagyü-Lehren.

Kannst du Beispiele geben von den wichtigsten Texten, die du in letzter Zeit studiert hast?
Bis jetzt habe ich die ganz grundlegenden und gut bekannten Lehren Buddhas studiert. Gerade zur Zeit gehe ich durch das Abhidharma.

Studiert ihr Auszüge oder die vollständigen Texte?

Das Ganze, von Anfang bis Ende. Es ist tatsächlich ziemlich schwer.

Liegt der Schwerpunkt jetzt auf Sutra und später kommt Tantra hinzu?

Es ist eigentlich gemischt.

Wird es auch für Westler die Möglichkeit geben in der Shedra zu studieren, oder ist sie vor allem für Tibeter?
Die Belehrungen werden in Tibetisch gegeben und der Fokus liegt vor allem auf den Leuten, die hier leben.

Im Westen ist der übliche Ansatz, dass die Leute sozusagen direkt in die Dharma-Praxis "springen", ohne vorher viel zu studieren. Was denkst du darüber?
Es ist nicht wichtig, wie man sich dem Dharma annähert, ob durch Studium oder Meditation. Das Wichtigste ist die volle Konzentration, ganz gleich was ihr tut. Wenn ihr zum Beispiel nur fünf Minuten Zeit habt für eine Meditation und ihr macht sie korrekt und mit guter Konzentration, dann wird sie einen sehr guten Effekt haben - besser als wochen- oder monatelang oder sogar in einem Drei-Jahres-Retreat ohne viel Konzentration und Interesse zu sitzen und nur die Anzahl der Mantras zu zählen, die man wiederholt hat. Natürlich kann man Drei-Jahres-Retreats oder sogar mehr machen, aber heutzutage, da wir nicht so viel Zeit für die Praxis haben, ist es sehr wichtig die volle Motivation und Konzentration zu haben.

Hier wurde eine großes Projekt gestartet: Die Shedra wurde gebaut, du machst langfristige Pläne dafür... Heißt das, dass du kein Interesse daran hast in der Zukunft nach Rumtek zu gehen?

Das war nie mein Ziel. Als Tradition ist es wichtig, etwas von den früheren Karmapas zu haben. Aber ansonsten ist das Einzige, was mir wichtig ist, fähig zu werden zu lehren und dabei zu helfen das Dharma zu verbreiten.

Alles, was du erzählst, klingt danach, dass diese Stelle hier in Kalimpong sich zu einem wichtigen Pfeiler der Kagyü-Linie im Osten entwickeln wird...
Das ist tatsächlich, was wir im Sinn haben. Insbesondere, da Indien das Land ist, in dem das Dharma geboren wurde.

Ohne jetzt in die Politik einsteigen zu wollen: Verfolgst du die Ereignisse im Zusammenhang mit dem anderen Karmapa-Kandidaten, Rumtek usw.?

Natürlich, das tue ich. Aber ich nehme es nicht so ernst. Es ist so eine Art Routine zu schauen, was vorgeht. Aber es stört mich in keiner Weise.

Wir haben diese Frage schon in früheren Interviews gestellt, würden aber gerne nochmal fragen: Hast du einen Ratschlag für die Kagyüs im Westen, etwas, das du den Lesern dieses Magazins mitteilen möchtest?
Ich denke wirklich, ich habe nicht viel zu sagen. Ich war im Westen und ich sah, dass das Dharma sich dort großartig entwickelt. Meine Hoffnung ist, dass es so weitergeht und noch größer wird. Viele Leute arbeiten hart um das Dharma zu verbreiten. Es gibt wirklich eine große Entwicklung und es ist mein Herzenswunsch, dass die Situation eines Tages genau so wie zur Zeit Buddhas sein kann.
Es ist wichtig, dass wir ein Verständnis entwickeln, das uns ermöglicht auf alles vorbereitet zu sein. Wir müssen für alles Mögliche bereit sein - für Gutes und Schlechtes. Wenn etwas Negatives geschieht, dann müssen wir damit umgehen können, indem wir das Dharma als Mittel verwenden. Wenn es Hindernisse gibt, dann ist es wichtig, sich nicht einmal für den winzigsten Augenblick von negativen Gedanken leiten zu lassen. Es ist also sehr wichtig, immer das Dharma zu verwenden um Hindernisse zu überwinden.
Die Entwicklung ist großartig, die Leute praktizieren hart und einige haben sogar sehr gute Verwirklichung.

Vielen Dank für dieses Gespräch. Und bitte komm in der Zukunft so oft wie möglich in den Westen um zu lehren!
Nach meiner Ausbildung werde ich natürlich kommen um zu lehren. Ich werde dann überall herumreisen.

Im Gespräch mit Gyalwa Karmapa:
Detlev Göbel und Claudia Knoll, Redaktion der "Buddhismus Heute"

Der Text wurde von Gyalwa Karmapa im Englischen überarbeitet, ins Deutsche übersetzt von Detlev Göbel.

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