Aus: Buddhismus Heute Nr. 33, ( 2001)

Südamerika im Aufbruch - ein Reisebericht

Von Sarah Kalff

„Südamerika? Das ist gefährlich!" sagt Ole stirnrunzelnd jedesmal, wenn ich ihn wieder gefragt habe, ob ich mitreisen kann. „Vielleicht nächstes Jahr." So geht das seit Jahren. Als es dieses Jahr endlich wirklich klappt, bin ich überrascht und überglücklich. Kurz vor Silvester fliege ich ein paar Tage vor den anderen zur ersten Station: Caracas in Venezuela.

Venezuela und Caracas -  Stadt im Daueralarm

In Caracas schrillen die Alarmanlagen die ganze Silvesternacht. Das ist der Silvesterspaß der Wohnblockkinder: Die Kracher so zu platzieren, daß sie die Alarmanlagen der Autos auf Trab halten. Eine Alarmanlage braucht man in Caracas, und nicht nur das. Die Türen und Fenster sind vergittert, die Reichen haben sich in Extrawohnbezirken mit eigenem Wachdienst abgeschottet, um sich vor den ständigen Einbrüchen zu schützen. Die Sechsmillionenstadt ist von riesigen Slums umzingelt, deren Bewohner so bitterarm sind, daß ihnen kaum ein anderer Broterwerb als Kriminalität übrigbleibt. Niemand traut sich in die Slums, nicht einmal die Polizei, und die Vorstellung, auf einer der Straßen, die durch die Slums führen, mit einem Motorschaden liegenzubleiben, treibt den Bewohnern von Caracas den Angstschweiß auf die Stirn. Nachts legt sich gespannte Wachsamkeit über die Stadt. Die Venezolaner brausen dann über die Kreuzungen ohne anzuhalten, nicht weil sie lebensmüde sind, sondern weil dort öfters mal ein Pistolenmann für die Umverteilung der Güter wirbt. Und nicht jeder reagiert darauf so gelassen, wie das einer von Oles Schülern neulich tat. „Überfall doch lieber jemand anderes", schlug er dem verblüfften Räuber vor - Alternativen anbieten ist konstruktiv - und fuhr einfach weiter.

Wie praktiziert man in einem solchen Land den Dharma? In einem Land in dem die Mittelschicht so am Abrutschen ist, dass selbst ein Rechtsanwalt oder Ingenieur ohne Unterstützung seiner Eltern keine Familie mehr ernähren kann? In einem Land, das so surrealistisch ist, daß die Fahrtkosten zur Arbeit höher sein können, als das Gehalt, das dabei herausspringt? Welchen Überschuss hat man in einem Land, in dem man ständig mit Überleben beschäftigt ist? Tatsächlich ist das riesige Engagement und die liebevolle Organisation der Venezolaner für mich beeindruckend. Trotz dieser Lebensumstände erwartet mich in Caracas nicht ein Buddhismus in den Kinderschuhen, sondern eine engagierte Gruppe mit eigener Website, gemieteten Zentrumsräumen und umfangreichen Aktivitäten. Seit Wochen fiebern sie dem Olebesuch entgegen, nehmen Zusatzjobs an und rackern sich ab, um alles finanzieren zu können.

Am 1. Januar ist es soweit: Fast dreißig Leute holen Hannah und Ole und vier Mitreisende vom Flughafen ab. Alle sind übernächtigt von Jetlag und Silvesterfeier. Am nächsten Morgen bricht die Gruppe in einem Reisebus auf. San Felipe, Valencia und ein Mahamudrakurs nahe Caracas stehen auf dem Programm. Die Vorträge in beiden Städten sind trotz Urlaubszeit gut besucht, und zum Mahamudrakurs kommen über 200 Leute. Da Ole nur einmal im Jahr hier ist, wird die kostbare Zeit optimal genutzt. Auch Kagyüs können früh aufstehen, wenn es sein muss! Drei Sitzungen am Tag Mahamudrabelehrungen, von morgens früh bis spät in die Nacht - eine geballte Ladung Weisheit und Segen. Die Venezolaner faszinieren mit karibischemTemperament und der lockeren, heiteren Stimmung, die sie sich trotz ihrer immensen wirtschaftlichen Schwierigkeiten bewahrt haben. Es wird einer der freudvollsten Mahamudrakurse, die ich erlebt habe. Vielleicht jedoch nicht unbedingt einer der konzentriertesten: Mitten in den tiefsten Belehrungen über die Natur des Geistes springen die meisten Teilnehmer auf und strömen in Scharen hinaus. Ich schaue irritiert meinen Nachbarn an. Der verrät mir den tieferen Grund der Völkerwanderung: „Sie haben entdeckt, daß es draußen Kaffee gibt!"

Auf der Fete am Ende des Kurses kämpfen Rock und Popklänge mit der einheimischen Salsa. Irgendwann siegt die Salsa, und die wenigen Europäer verkriechen sich ins Bett, während die Südamerikaner noch die ganze Nacht tanzen.

Argentinien und Uruguay - Nachtflug und Blackout

07. 01. 01. Der Nachtflug nach Argentinien bringt einen abrupten Szenenwechsel von tropischem zu kontinentalem Klima, von karibisch anmutendem Frohsinn zu europäischen Menschentypen. Argentinien ist beherrscht von Einwanderern aus Europa, vorwiegend Italienern, und auch das Wetter erinnert gerade an einen schwülen Sommertag in Italien. Die anderen Südamerikaner spotten über die Argentinier, sie hätten so ein großes Ego, und witzeln: „Wie bringt sich ein Argentinier um?" "Er klettert auf sein Ego und springt herunter." „Und woran ist er dann gestorben, wenn er unten ankommt?" „An Hunger."

Von großem Ego ist allerdings bei der argentinischen Gruppe nicht viel zu spüren, im Gegenteil. Es sind freundliche, erwachsene, umsichtige Leute, bei denen wir uns sofort wohlfühlen. Sie sind zum größten Teil Nachfahren deutscher Auswanderer und sprechen perfekt deutsch, englisch und spanisch. In Südamerika sind meist nicht Einzelpersonen sondern ganze Clans die Wurzeln, aus denen das Zentrum wächst. So ist auch hier die deutschstämmige Familie um Eckart der Ursprung der Gruppe.

Ole war lange nicht mehr in Argentinien. Eine alte Gruppe hat sich schon länger aufgelöst. Die neue Gruppe gefällt ihm sichtlich und er sagt ihr ein gutes Wachstum voraus. Es ist schön zu sehen, wie hier alles zusammenpasst: Beim Mittagessen fragt die Gruppe Ole, ob er hier bald einen Kurs über bewusstes Sterben machen wird, beim Vortrag wiederholt dann ein Besucher nochmals unabhängig davon dieselbe Bitte. Damit ist der Kurs für das nächste Mal so gut wie beschlossen.

08. 01. 01. Am nächsten Tag fliegen wir nach Uruguay, dem Nachbarland. In Uruguay ist Ole zum allerersten Mal. Das Wetter reagiert irritiert. Die Hitze schlägt plötzlich in strömenden Regen um. Es gießt wie aus Kübeln, und dann bricht ein Sturm aus, der ein Blackout in halb Uruguay verursacht. Die Uruguayaner sind beeindruckt. Sie haben noch nie so einen Stromausfall erlebt. Montevideo ist stundenlang dunkel, aber pünktlich zum Vortrag gehen die Lichter wieder an und der Regen lässt nach. Der Vortragssaal platzt aus allen Nähten und viele müssen mit einem Platz im Flur vorlieb nehmen. Die Gruppe aus Uruguay ist hinterher erschöpft und glücklich über den vollen Erfolg des ersten Diamantwegsvortrags von Ole in ihrem Land. Es sind beeindruckende Leute von großer Wärme und Reife. Sie treffen sich bereits seit zwei Jahren mit großer Regelmäßigkeit zum Meditieren und zum Besprechen von Dharmatexten in einem eigenen Meditationsraum, der jetzt eingeweiht wird. Auch hier lag der Ursprung des Zentrums in einer Familie, Eduardo und Laura und ihre Verwandten, und als ich höre, wie sehr das regelmäßige Meditieren und Studieren der Texte die Beziehungen in der Familie untereinander geklärt und verbessert hat, bin ich berührt davon, wie stark das Kraftfeld der Buddhas wirkt und was für gute Ergebnisse eine selbständige regelmäßige Arbeit in der Gruppe weit weg vom Lama bringen kann.  

Peru - Rosen und Indioflöten

09. 01. 01. In Peru werden wir mit Rosen empfangen. Wir beiden mitreisenden Frauen werden in Carlos Wohnung sofort zum Tanz aufgefordert. Meine Reisegefährtin glänzt mit perfekten Salsakenntnissen, wohingegen ich zu der optimistischen Einschätzung gelange, dass ich nur noch 20 Leben brauchen werde, um diesen Tanz zu beherrschen. Man hat hier Stil und liebt die Musik. Ole darf seine Briefe zum Klang von Gitarren und Gesang aus vielen Kehlen schreiben. Nachher erklärt er geduldig, daß Christentum und Buddhismus nicht dasselbe sind, nein, auch wenn man es genau betrachtet nicht, nein, auch wenn man es ganz genau betrachtet, sollte man sich für eins von beiden entscheiden.

Carlos hat gute Arbeit geleistet und für den nächsten Tag jede Menge Interviews im Radio arrangiert. Da sie fast gleichzeitig stattfinden, muss er mit Ole im Eiltempo auf dem Motorrad zwischen den Radiosendern hin und herflitzen. Aber die Arbeit hat sich gelohnt: Auch hier quillt der Vortragssaal über. In Peru sind die Zeiten, in denen Ole den Vortrag absagte, weil nur sieben Leute kamen, endgültig vorbei. Schade, dass Ole den Abend kürzen und verfrüht aufbrechen muss. Die Fluggesellschaft hat urplötzlich unseren Flug nach Bogota um 6 Stunden vorverlegt, mit der überzeugenden Begründung, sie bräuchten halt dringend heute Nacht ein Flugzeug in Kolumbien. Die Peruaner sind enttäuscht. Sie haben sich doch so auf die Fete gefreut und extra eine Band arrangiert. Jetzt erschallt ihr Musikopfer für die Bodhisattvas während wir hastig unsere Koffer packen und davoneilen. Noch im Flugzeug klingen die Indioflöten in meinem Ohr nach.

Kolumbien -  Leibwächter und Drogenhunde

11. 01. 01 „Schlaf - was ist das?" frage ich mich langsam, als unser Flugzeug mitten in der Nacht in Bogota ankommt. Aber Ole ist frisch und in bester Laune, als er seine kolumbianischen Schüler begrüßt. Gedrungene Kämpfertypen sind es, die am Flughafen auf uns warten. Ole sagt aus tiefstem Herzen: „Hier fühle ich mich zu Hause." In Kolumbien gibt es den Diamantwegbuddhismus schon sehr lange, seit etwa 10 Jahren, hier ist sozusagen die Wiege des Dharma für Südamerika. Ole hat hier seine ältesten und erfahrensten Schüler und es geht von hier viel Aktivität nach außen. Eduardo aus Bogota und andere reisen als Lehrer in viele lateinamerikanische Länder und die spanischen Bücher und Meditationstexte wurden hier gedruckt und verteilt.

Statt Rosen begrüßen uns die Schnüffelhunde der Drogenpolizei und die Nachricht über den letzten Bombenanschlag in Medellin mit zig Toten. Die kolumbianische Guerilla wirft jetzt auch Bomben, um den Bürgerkrieg in die Städte zu tragen, und die ohnehin katastrophale Situation in Kolumbien spitzt sich dadurch weiter zu. Der Vortrag in Kali findet in einer vergleichsweise friedlichen Gegend statt, aber die dauernde Bedrohung hat die Kolumbianer geprägt. Sie sind ständig bemüht, uns Ausländer zu schützen. Sie lassen uns nicht einmal 200 Meter alleine zum Kiosk gehen! Es ist einerseits rührend, andererseits auch nicht so einfach, sich ständig bewacht zu fühlen wie ein Kleinkind.

Es ist ein Wunder, dass wir mit den Kolumbianern zusammen in einem Bus über Land zum Mahamudrakurs fahren dürfen. Normalerweise vermeiden die kolumbianischen Organisatoren es, uns „Touristen" mit über Land fahren zu lassen, da das Risiko, von Guerilleros gekidnappt zu werden, zu groß ist. Aber da wir nur drei Europäer sind und die Strecke vorher von einem Sicherheitsdienst gecheckt wurde, dürfen wir mit durch dieses wunderschöne Land fahren. Kolumbien ist paradiesisch: Phantastische Landschaften, blühende tropische Gewächse in intensiven Farben, köstliche Früchte, Kolibris und andere schillernde Vögel. Ich verstehe gut, dass beim Kurs ein Teilnehmer fragt: „Wir haben so ein herrliches Land und alles könnte so schön sein. Aber durch unsere Störgefühle gibt es so viel Hass und Gewalt und dieses paradiesische Land wird zur Hölle. Wie siehst du unsere Lage?" „Verglichen mit Afrika lebt ihr hier so gut, als wärt ihr in der Schweiz", sagt Ole trocken. „Und die Bedrohung, die ihr dauernd erlebt, hat euch reif und erwachsen gemacht." Die Reife der Leute spürt man an der Ernsthaftigkeit und Einsgerichtetheit, mit der sie am Kurs teilnehmen. Es ist mit ca 500 Teilnehmern der größte Mahamudrakurs der Reise und unsere Erkundungsreise in die Natur unseres Geistes wird am Kursende mit einem riesigen Regenbogen belohnt.

Nach dem Kurs geht es weiter nach Bogota. Wir kommen an den Slums vorbei, in die viele Landbewohner geflüchtet sind. Ihre Situation zwischen den Fronten mehrerer Guerillaorganisationen, der Militärs und Paramilitärs ist wirklich unerträglich. Wenn an einem Tag die Guerilla kommt, mit Waffengewalt einen ihrer Söhne zwangsrekrutiert und eine Kuh beschlagnahmt, kommen am nächsten Tag die Paramilitärs und erschießen alle, weil sie angeblich die Guerilla unterstützt haben. Die Flucht aus dieser schrecklichen Lage in die Slums ist dann am Schluss auch nicht viel besser.

Die Präsenz von Leibwächtern und Wachdiensten, die die Reichen und Mächtigen beschützen sollen, ist unübersehbar. Ich erfahre von einem vierjährigen Politikerkind, dass es von 60 Leibwächtern begleitet wird. Bei der Vorstellung, wie diese den Kindergarten umstellen, wird klar, in welchem Ausmaß die ständige Entführungsgefahr das Leben vergiftet. Wir verlassen Bogota mit dem Flugzeug. Die Kontrollen dauern endlos, aber da die Insassen des letzten entführten Flugzeugs immer noch durch den Dschungel wandern sollen, lassen wir sie geduldig über uns ergehen. In Caracas angekommen, nehmen die Beamten auch noch Ole mit und wollen ihn auf Drogen untersuchen. Er ist allerdings schnell wieder zurück. „Ich habe ihnen gesagt, ich bin zu alt für den Drogenschmuggel."

Guatemala - heraus aus dem Ausnahmezustand

19. 01. 01. In Guatemala-City ist das Zentrum bei einer tollen, gastfreundlichen Familie, Olga und Jaime. Es entstand aufgrund ihrer Initiative und der eines Freundes, Walter. Sie hörten über Freunde von einem Kurs über Bewusstes Sterben im Nachbarland, El Salvador, nahmen daran teil und waren so inspiriert, dass sie ein Zentrum in Guatemala-City und eins im Nachbarstädtchen Antigua gründeten. Ich staune über die umfangreiche Bücherei. Olga hat einen Schatz des Wissens vom KIBI mit nach Guatemala-City gebracht. Ich staune auch über Jaime und Olgas Haus. Es ist so groß, dass ich mich darin verirren könnte. Es gibt einen Extraraum im Garten für das Zentrum, wo sich die Gruppe zweimal wöchentlich trifft. Das Zentrum besteht noch nicht lange, zwei bis drei Jahre, und so ist es ein großer Erfolg, dass etwa 100 Leute zum Mahamudrakurs ins nahe gelegene Antigua kommen. Aus El Salvador können leider wegen des Erdbebens nicht viele zum Kurs reisen, und die wenigen, die gekommen sind, haben eine Odyssee durch vom Erdbeben blockierte Straßen hinter sich.

In Guatemala habe ich das entspannte Gefühl, in geordnete Verhältnisse zurückzukommen. Mit der Guerilla im Land hat man Frieden geschlossen, man lebt also nicht im ständigen Ausnahmezustand wie in Kolumbien. Man kann auch wieder ohne Probleme ins Ausland telefonieren, nicht wie in Venezuela, wo die meisten Telefongeräte für Auslandsgespräche gesperrt sind, weil jeder Angst hat, dass die Telefongesellschaft für Gespräche, die nie geführt wurden,  irrationale Beträge dazudichtet. Hannah hat zwar trotzdem stundenlang Schwierigkeiten, Oles E-mails abzurufen, aber das liegt daran, dass jemand die Leitung mit einem großformatigen Bild seiner Katze blockiert hat, für die Ole doch unbedingt die Praxis des Bewussten Sterbens machen solle...

Meine Lateinamerikareise geht mit diesem Mahamudrakurs in entspannter, herzlicher Atmosphäre zu Ende. Ich fliege froh nach Hause mit der Gewissheit, daß die Südamerikaner mit ihren starken Emotionen ein großes Diamantwegspotential haben.  Das allgemeine Chaos in solchen Ländern wie Venezuela und Kolumbien schafft auch ein Bewusstsein dafür, wie kostbar es ist, mit den Belehrungen über die Natur seines Geistes etwas Dauerhaftes zu finden, das Alter, Krankheit und Tod standhält. Das Interesse an den buddhistischen Belehrungen ist hier groß, das Wachstum enorm. Lateinamerika scheint im Aufbruch und wir können gespannt auf die weitere Entwicklung sein.


Sarah Kalff ist von Beruf Logopädin und seit 1991 Schülerin von Lama Ole Nydahl. Sie studierte im KIBI vier Jahre Buddhistische Philosophie und ist aktives Mitglied im Freiburger Buddhistischen Zentrum. Sie hilft bei der Organisation der Kurse über Bewusstes Sterben (Phowa) in Karma Gön/Spanien.