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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 33, ( 2001)

Meditation

Von Didi Rowek

Meditation bedeutet im Buddhismus: "Müheloses Verweilen in dem, was ist!" Diese Übung führt zum Erkennen des Wahrheitszustandes und ermöglicht ein unverfälschtes Wissen um die Natur des Geistes und seiner Erscheinungen.

Kontemplation ist bekannt als tiefes Nachdenken und ermöglicht die Analyse von Erlebnissen. Die wichtigste Kontemplation im Buddhismus besteht im Vergegenwärtigen der "Vier grundlegenden Gedanken". Der moderne Buddhist trainiert diese Kontemplation auf dreifache Weise:

Erstens hört er Belehrungen über die verschiedenen Aspekte dieser Gedanken oder liest Dharma Literatur zu diesem Thema.
Zweitens denkt er vor jeder täglichen Meditation kurz an die Hauptstichpunkte.
Drittens erfährt er sie in den täglichen Nachrichten oder Erlebnissen auf der Straße.

Beispielsweise lernt man in Belehrungen Details über die Vergänglichkeit des Universums, der Gezeiten, des eigenen Körpers oder der Gedanken und Gefühle. Vor jeder Meditation fasst man diese zusammen in dem Satz, dass alles Zusammengesetzte wieder auseinanderfallen muss. Aber im Leben erfährt jeder auf individuelle Weise die Vergänglichkeit.

Manchmal trifft es einen sehr direkt, wenn ein geliebtes und nahestehendes Wesen stirbt. Ein anderes Mal sieht man die Nachrichten über Afrika oder Kriegsländer und diskutiert eher abstrakt die politischen Umstände des Geschehens. Um diese verschiedenen Zugänge zur Vergänglichkeit nutzen zu können, versuchen wir diese Erfahrung direkt auf unser eigenes Leben zu übertragen. Das kann man tun, indem man sich in die Situation von anderen versetzt oder indem man versteht, dass wir alle von ähnlichen aber veränderlichen Lebensumständen abhängen. Damit kommt man zu der Einsicht, dass unser Glück von ebenso vagen Faktoren abhängt. Natürlicherweise entsteht daraus das Bedürfnis die Quelle zu bleibenden Werten zu finden.

In dieser oder ähnlicher Weise lassen buddhistische Kontemplationen die Motivation zur Meditation entstehen. Ihr Wert liegt also weniger in der brillianten Darstellung der zu kontemplierenden Texte als vielmehr in einer Änderung der Einstellung: Sie lassen Meditation als notwendiges Mittel zur Befreiung von verwirrten oder unbefriedigenden Geisteszuständen erkennen! Im Umkehrschluss können diejenigen von uns, denen der Antrieb zur Praxis fehlt, nun verstehen, warum das Reisen mit unserem Lama Ole Nydahl so inspirierend ist. In der unmittelbaren Nähe des Lama ist Meditation fast schon eine selbstverständliche Geisteshaltung. Alles scheint so selbstverständlich richtig zu passieren. Irgendwie ergibt sich immer sofort der Sinn einer Situation. Und wir erleben im Lama eine ständige Quelle geistigen Überschusses, die alle Wesen um ihn herum entwickelt und zum Wachstum anregt. Aber bereits in geringer Entfernung sieht man die Lebensumstände und Erlebniswelten der Menschen auf der Straße, in den U-Bahnschächten oder an den Mülleimern der Großstadtghettos. Man stellt sich die Frage nach der Ursache des Leidens und findet den Schlüssel zu Glück und Leid im eigenen Geist. Wie lernen wir aber dieses "mühelose Verweilen in dem, was ist"?

Nun, nach einigen Versuchen der Meditation in Kursen mit einem kraftvollen Lehrer oder in Zentren oder Gruppen, die einer authentischen Übertragung angehören, versuchen wir uns regelmäßig zum Meditieren hinzusetzen. Der wichtigste Tipp ist hier: mundgerechte Appetithäppchen steigern im Allgemeinen den Hunger auf mehr Erfahrung, während die ganz extremen Versuche den Enthusiasmus leicht ins Gegenteil schwenken lassen. Wer nach der ersten Belehrung über Buddhas Lebensgeschichte losrennt um einen Baum zu finden, unter dem er erleuchtet wird, hat mit Sicherheit viel Hingabe an die Möglichkeiten des eigenen Geistes. Doch bei aller Kraft und Zuversicht, kann man davon ausgehen, dass wir einen Entwicklungsweg zurückzulegen haben. Nach Buddhas Belehrung leben wir seit anfangsloser Zeit in einem Zustand der Einäugigkeit: wir sehen die Erlebnisse des Lebens aber nicht den Erleber selbst.

Natürlich haben wir keine Zeit zu verlieren, wenn wir die Möglichkeiten erahnen, die wir ohne Erleuchtung verpassen, aber auf der anderen Seite brauchen wir die natürlichen Erfahrungen des täglichen Handelns und Kämpfens, das Jagen nach Befriedigung und Liebe um in den Nachmeditationsphasen unsere Kräfte zu messen und unsere Einsichten zu erproben.

In den Belehrungen hören wir: "Der einzige Unterschied zwischen einem Buddha und uns ist, er hat mehr meditiert!" Also liegt der Wunsch nahe, es zu tun wie die Gründerväter unserer Übertragungslinie. Wenn wir uns nun in eine Hütte setzen wie Tilopa, der seinen langen Zopf an den Deckenbalken genagelt haben soll, um immer in der richtigen Meditationshaltung zu bleiben: Sind wir dann auch in der Lage, Körper, Rede und Geist voll für die Meditation zu nutzen? Was nützt uns diese Tortur, wenn wir sowieso nicht die Kraft haben, Schmerzen wegzuatmen, den Schlaf zum Bewusstwerden zu nutzen und Ähnliches? Hindernisse werden wir auf unserem Entwicklungsweg von allein finden. Dafür garantiert unser noch unerleuchteter Geisteszustand. Also gilt es intelligent und entsprechend der eigenen Voraussetzungen zu meditieren. Zunächst gelten hier einige allgemeine Ratschläge:

Meditationen in der Gruppe sind zunächst wichtiger als die einsame Zurückziehung. Auch wenn man in den eigenen vier Wänden gern und regelmäßig meditiert, kann es sein, dass die Erfahrung in den Zentren ganz andere Erlebnisse hervorbringt. Im Allgemeinen tauchen in den Meditationen Erfahrungen von Offenheit, Glück und Freude ebenso auf wie das Gefühl ständig einzuschlafen oder überdreht zu sein und wegrennen zu wollen. Kurze Meditationszeiten wie die Abende in den Zentren sind ideal um unsere Beine und unseren Geist auf längere Zeiten vorzubereiten. Der nächste Schritt zu tieferen Erfahrungen sind die Wochenendzurückziehungen, die in den Zentren monatlich angeboten werden. Im ständigen Eintauchen in die Meditationen der Grundübungen und Auftauchen in den Kaffeeklatsch und Dharma-Tratsch der Gruppe lernt unser Geist viel über das Wechselbad seiner Gefühle und die Notwendigkeit von Zuflucht und Reinigung. Hier kann man gerade die Meditationspausen sehr sinnvoll nutzen um den eigenen Geist zu beobachten, ob man heilig steif bleibt oder sofort wieder mit den alten Rede- und Denkgewohnheiten fortfährt.

Der gesamte Weg zur Erleuchtung ist bildlich gesprochen auf zwei Beinen zurückzulegen. Es geht um das Ansammeln guter Eindrücke im Geist und das Auflösen der Schleier zur Entfaltung innerer Weisheit. In den vielen Stunden des Tagesablaufs werden unaufhörlich karmische Eindrücke verarbeitet. Die ersten Meditationserfahrungen lassen so viel Raum entstehen, dass mehr Bewusstheit darüber entsteht. Der Schwerpunkt des Alltagslebens kann also im Ändern unserer Gewohnheiten und im Aufbau glückbringender Eindrücke liegen. Da aber der Geist die Rede und den Körper kontrolliert, ist das Wichtigste die Sichtweise zu trainieren. Nur regelmäßige oder immer wiederkehrende Meditationsphasen ermöglichen eine tiefgreifende Umwandlung unserer Erfahrungsebene. Alle Buddhisten auf der Welt erleben vor ihrer Erleuchtung Vertrauen und Zweifel. Um das Vertrauen zu stärken sollten wir alle Tricks einsetzen um Kraft im Geist aufzubauen. Dazu zählen Reisen mit dem Lama, der Besuch von Vorträgen, die Arbeit im Zentrum und der Einsatz für die Lebewesen im Allgemeinen. Hier finden wir jede Menge Möglichkeiten um auf einem Bein vorwärts zu kommen. Aber das andere Bein sollte auch mitbewegt werden. Dazu zählen die geistige Verschmelzung mit dem Lama, also das Teilen gegenseitiger Offenheit ebenso wie die "verschlafene Meditation", solange wir gegen den Schlaf kämpfen und zur Klarheit zurückkehren wollen. Auch in vielen Umbruchsituationen des Lebens lernen wir loszulassen und uns immer neu zu öffnen. In den Gruppenprozessen im Zentrum geht es darum, den entstehenden geistigen Überschuss mit Weisheit einzubringen. Wenn es uns gelingt, die beiden Beine zu stärken und tiefer in den Geist zu schauen, dann ist es tatsächlich sinnvoll und möglich aus dem Geist heraus die gesamte Wahrnehmung zu verändern. Die Dharmapraxis lässt wie von allein das Bedürfnis entstehen, für längere Perioden den Geist in Meditation verweilen zu lassen. Hier gilt es immer wieder zu prüfen, dass wir keinen unerledigten Aufgaben im Leben entfliehen wollen, sondern tatsächlich die Kraft unseres Bodhisattva-Versprechens verspüren. Das heißt, der Wunsch mehr Kraft und Überschuss für andere zu haben, treibt uns in ein längeres Retreat und lässt uns auch stärker und sinnbringender in die Welt zurückkehren. Im Allgemeinen kann man sagen, dass einige zu Beginn ihrer Praxis gern in Dharma-Projekte springen und Bauen und Organisieren immer an erster Stelle sehen, während andere eine Neigung zu tiefen Meditationen und Zurückziehungen haben. Langfristig sollte aber ein jeder beide Anteile zur Entwicklung nutzen, um die ganzheitliche Erfahrung der Buddhas erleben zu können, dass alles nur der eigene Geist ist, der freudvoll mit sich spielt!


Dietrich (Didi) Rowek wurde 1961 geboren und nahm 1984 Zuflucht. Seit 1988 reist er als buddhistischer Lehrer. Viele kennen ihn durch die Kassel-Kurse, auf denen er u.a. für Lama Ole ins Englische übersetzt. In seinem Beruf als Heilpraktiker arbeitet er mit der traditionellen chinesischen Medizin, mit Schwerpunkt Tai Chi und Qi Gong.