Aus: Buddhismus Heute Nr. 33, ( 2001)

Zurückziehungen

Von Monika Kruse

Ganz allgemein bedeutet Zurückziehung im buddhistischen Sinne, dass man sich von den Aktivitäten, die nach außen gehen, zurückzieht und dafür die Aufmerksamkeit gezielt nach innen richtet.

Diese Aufmerksamkeit, die nach innen geht, nennt man auch Meditation. Durch Meditationstechniken wird sie geschickt gelenkt, so dass sich dabei unsere Konzepte von Raum und Zeit auflösen können und wir einen Zustand jenseits aller dualistischen Vorstellungen erreichen können. Eine Zurückziehung ist also eng mit Meditation, dem Prozess, wo der Geist sich seiner eigenen Natur bewusst wird, verbunden.

Dazu ist es grundsätzlich nicht nötig, sich in eine Höhle oder an einen einsamen Ort zurückzuziehen. Die Aufmerksamkeit nach innen richten - das heißt auf den Erleber zu schauen, statt auf die Erlebnisse - kann immer und überall stattfinden. Eine buddhistische Lehrerin hat dazu einmal gesagt, "Manche sind mit dem Körper in einer Höhle, aber mit dem Geist im Supermarkt. Andere sind mit dem Körper im Supermarkt, aber mit dem Geist in Zurückziehung".

Allerdings ist es schwierig Meditation immer und überall zu praktizieren, wenn man sie nicht vorher an einem Ort mit wenig Ablenkung geübt hat. Es gibt nur wenige Beispiele in der buddhistischen Geschichte, wo Menschen alleine durch Meditation im Alltagsgeschehen die Natur ihres Geistes erkannt haben. Es gab zum Beispiel den König Indrabodhi, der zum Buddha ging und um Belehrungen bat. Buddha gab ihm zuerst die Belehrungen zu Meditationen, die er nur ausüben konnte, wenn er seine weltlichen Aktivitäten aufgeben würde. Also fragte er den Buddha, ob er ihm nicht eine Meditation geben könnte, die er als König üben könnte. Daraufhin legte der Buddha einen Schleier über die anwesenden Mönche und gab dem König Belehrungen zu einem vereinigten Buddhaaspekt, den er auf seinem Ringfinger vergegenwärtigen konnte. Der König wurde durch diese Praxis erleuchtet.

Aber für die meisten Praktizierenden ist es wichtig, dass sie sich auch äußerlich zurückziehen. Das kann die kleine Meditationsecke in der Wohnung sein oder das buddhistische Zentrum im Ort oder in der Stadt oder ein Zurückziehungszentrum auf dem Land. Wichtig ist, dass der Ort nach außen hin wenig Ablenkung bietet und den Geist natürlich auf sich selbst lenkt. Alles, was die Meditation unterstützen kann, wie eine Buddhastatue oder ein Bild von einem Buddhaaspekt, helles Licht oder eine Kerze, ein Meditationskissen und eine warme Decke gehören an diesen Ort. Der Ort sollte schön gestaltet sein, die Bedingungen sollten so beschaffen sein, dass man sich gerne hinsetzt. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Gibt es dann doch irgendwelche Ablenkungen, weil der Nachbar gerade neu anbaut usw., dann regiert die Kunst des Möglichen.

Besucht man das nächste Zentrum um sich auf den Geist zu konzentrieren, dann profitiert man von den Qualitäten der anderen Zentrumsbesucher. Die eigene Meditation fühlt sich oft viel kraftvoller an, da sich hier die Konzentration vieler Leute sammelt und die Qualitäten des Geistes wie höchste Freude, höchstes Mitgefühl und Klarheit sich verdichten und einfach greifbarer sind. Hier ist der Austausch zwischen den Praktizierenden sehr wertvoll und auch unterstützend für die Meditation.

Geht man in ein Zurückziehungszentrum, dann gibt es verschiedene Arten die Zurückziehung zu gestalten. Es gibt sogenannte offene und geschlossene Zurückziehungen. Der Unterschied liegt dabei hauptsächlich in der Art, wie man noch Kontakt nach außen hat. Bei offenen Zurückziehungen hat man Kontakt zwischen den Meditationssitzungen zu den anderen Praktizierenden. Der Austausch wird meist als sehr inspirierend und bereichernd erlebt. Man nimmt die Mahlzeiten mit den anderen ein, unternimmt gemeinsame Spaziergänge und praktiziert gemeinsam im Meditationsraum oder auch alleine im eigenen Zimmer.

In einer geschlossenen Zurückziehung bleibt man hauptsächlich im eigenen Zimmer und man nimmt auch die Mahlzeit alleine ein. Man hat wenig bis gar keinen Kontakt zu den anderen Praktizierenden. Dadurch wird  die Konzentration auf die Meditation verstärkt und die Ablenkung durch äußere Einflüsse dezimiert.

Die Länge einer Zurückziehung ist sehr individuell. Manche haben nur einen Tag Zeit, andere mehrere Monate oder Jahre. Die meisten, die voll im Leben stehen mit Arbeit, Partner, Kind etc, haben ein Wochenende oder eine Woche. Alles was möglich ist, ist gut.

Andere entscheiden sich für eine Zurückziehung, die drei Jahre, drei Monate und drei Tage dauert. Solche traditionellen Drei-Jahres-Retreats werden angeleitet von einem erfahrenen Lehrer.

Da es im Augenblick wichtig ist, den Buddhismus in der Gesellschaft zu vertreten, sind die kürzeren Zurückziehungen im Moment wirksamer. Besonders im Hinblick darauf, dass Leute aus allen Gesellschaftsschichten und Berufszweigen die freigelegten Qualitäten ihres Geistes in die Gesellschaft tragen.

Will man eine Zurückziehung in einem Zurückziehungszentrum wie in Karma Gön (Spanien), Schwarzenberg (Allgäu), Kuchari (Polen), in Lolland (Dänemark) oder an einer anderen Stelle machen, dann gibt es Ratschläge, wie so ein Unternehmen geplant werden kann.

1. Man plant einen geregelten Tagesablauf. Das bedeutet,  man nimmt sich eine bestimmte Anzahl von Sitzungen pro Tag vor. Traditionellerweise sind es vier Sitzungen pro Tag. Es ist gut, wenn man nur so viele Sitzungen plant, wie man auch gut durchhalten kann. Z.B. eine Sitzung vor dem Frühstück, eine Sitzung nach dem Frühstück, eine Sitzung nach dem Mittagessen und eine Sitzung am Abend. Durch diese Planung vermeidet man einerseits, dass man Sitzungen ausfallen lässt wegen Kleinigkeiten wie Lustlosigkeit oder Müdigkeit und auch keine Energie darin verschwendet, sich Ausreden einfallen zu lassen und andererseits macht man nicht zuviel. Normalerweise pendelt sich nach einer Weile ein Rhythmus ein.

2. Sind es mehr als sieben Tage, ist es gut dem eigenen Lehrer Bescheid zu geben. Vor allem wenn man an eine Stelle geht, die nicht gesegnet ist.

3. Für Anfänger, also Leute die mit den vorbereitenden Übungen beginnen, ist es ratsam, eine offene Zurückziehung zu machen. Anfänger haben meist noch nicht die Sichtweise, die nötig ist, um Diamantwegmeditationen zu machen. Deswegen ist hier der Austausch mit anderen noch sehr wichtig. Natürlich gibt es auch Ausnahmen wie überall.

Dann gibt es noch die Möglichkeit der Zurückziehung in Gruppen. An den größeren Stellen, wie Schwarzenberg und Lolland wird diese Möglichkeit schon viel genutzt. Die gemeinsame Praxis und der Austausch stehen dabei im Vordergrund. Neue Leute können so ihre Gruppe besser kennenlernen und gleichzeitig Erfahrungen über Zurückziehung sammeln. Die Gruppe kann gemeinsam einen Entwicklungsschritt machen, ermöglicht durch die Praxis und den Austausch. An manchen Stellen wird abends noch ein Vortrag angeboten.

Zwischen den Meditationssitzungen gibt es Pausen und diese können für Spaziergänge, Sonnenbaden, Massage, Lesen etc. genutzt werden. Alles, was die Meditation und das Wohlbefinden unterstützt, kann in den Pausen eingebaut werden.

Ich hoffe, dass dieser Artikel klären konnte, was Zurückziehung ist und dass er euch Leser ermutigt, eine Zurückziehung zu machen.


Monika Kruse ist seit 16 Jahren Buddhistin und leitet mit ihrem Mann das Retreatzentrum Rödby. Sie ist Mutter von zwei Kindern, buddhistische Lehrerin und hat selbst einige Retreats gemacht.