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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 33, ( 2001)

Retreats - Abstand vom Alltag

Von Karola Schneider

In den letzten 20 Jahren wurde viel Aufbauarbeit geleistet. Durch großen Enthusiasmus und ein Netzwerk an Freundschaften sind ca. neunzig Zentren der Karma-Kagyü Linie im deutschsprachigen Raum entstanden und viele weitere weltweit. Ein Dachverband, Regionalvereine und Stiftungen wurden gegründet, um die Zentren zu verwalten und für nachfolgende Generationen zu erhalten. Viele von uns stellten in diesen Jahren den Wunsch nach intensiver Meditationspraxis zurück, um den Buddhismus durch den Aufbau der Zentren, Öffentlichkeitsarbeit und die Arbeit für die Anerkennung des 17. Karmapa Thaye Dorje im Westen zu verankern. Nun ist ein großes Bedürfnis nach mehr Meditationspraxis entstanden. Sowohl der 17. Karmapa als auch Lama Ole haben uns in der letzten Zeit verstärkt geraten mehr zu meditieren.

Erste Erfahrungen

Ich erinnere mich genau, wie stolz ich war, mein erstes geschlossenes Retreat zu machen. Es war in Kathmandu 1982. Lama Ole und Hannah nahmen damals viele von uns mit auf Pilgerreisen, um uns von großen Meditationsmeistern gesegnete Orte zu zeigen.

Nach dieser Pilgerreise, die uns nach Rumtek, dem Kloster des 16. Karmapa, nach Darjeeling und nach Nepal führte, wollte ich zum ersten Mal in meinem Leben für vier Wochen eine geschlossene Zurückziehung starten, wollte ohne von zu viel Sinneseindrücken abgelenkt zu sein meditieren. Ich war mit den Grundübungen1, fertig und hatte Lust auf mehr.

Auf dem Markt kaufte ich mir einen Sack geröstetes Gerstenmehl, das Hauptnahrungsmittel der Tibeter. Ich hatte die Lebensgeschichte Milarepas gelesen, der unter den einfachsten Bedingungen in Höhlen des Himalaya meditierte und dadurch in einem Leben Erleuchtung erlangt hatte. Inspiriert von seinem Enthusiasmus wollte ich es besonders gut machen und dachte ein bisschen Askese, sprich mit diesem eigentlich scheußlichen Gerstenbrei zufrieden zu sein, wäre meiner Entwicklung bestimmt förderlich. Als Tenga Rinpoche, unter dessen Anleitung ich meine Zurückziehung machte, mich mit dem Sack sah, war er sehr erheitert. Er versicherte mir, dass gutes Essen viel besser für mein Retreat sei. Er kam dann oft abends zu mir und machte solange Witze, dass sogar ich, die viele heilige Vorstellungen über Buddhismus und die Tibeter hatte, lachte, bis mir die Tränen die Wangen herab liefen.

Einige der nachfolgenden Erklärungen kommen von Tenga Rinpoche. Obwohl er heute leider die Seite des chinesischen Kandidaten Urgyen Trinle unterstützt, bin ich ihm dankbar für seine Belehrungen.

Sichtweise, Meditation und mitfühlendes Handeln

Seit meiner Zufluchtnahme 1979 habe ich verschiedene Formen von Zurückziehungen gemacht. In den letzten Jahren leider immer weniger. Ausbildung, Job und die Arbeit im Zentrum forderten den Löwenanteil meines Tages. Da die meisten Menschen im Westen einen zeitraubenden Alltag haben, ist die Frage, wie und in welcher Weise wir die Meditation zu einem Teil unseres Lebens machen können, ein großes Thema.

Die Entwicklung eines Jeden sollte sich auf drei Säulen stützen: Auf Verstehen der buddhistischen Lehre, auch richtige Sichtweise genannt; auf Meditation, der Schlüssel zur tatsächlichen Erkenntnis der vorher begrifflich erfahrenen Sichtweise über die Wirklichkeit; und auf Aktivität, bewusstes Handeln im Leben zum Wohle Aller. Letzteres ist die praktische Umsetzung der in Meditation gemachten Wünsche für das Glück und Wohlergehen der Wesen. Sichtweise, Meditation und mitfühlendes, bewusstes Handeln sind gleichberechtigt wichtige Aspekte unserer Entwicklung. Fehlt der eine oder der andere Aspekt, wird die Entfaltung unseres Potentials nicht vollständig sein.

Es ist nicht immer leicht zu wissen, ob man auf dem richtigen Weg ist. Das Wissen um diese drei Säulen für unsere Entwicklung ist in diesem Zusammenhang hilfreich. Ich hatte manchmal Zweifel, dachte, ich müsse viel längere Zurückziehungen machen, um Erleuchtung zu erlangen. Und ich machte auch immer wieder Retreats. Dennoch riet Lama Ole, den ich als meinen Wurzel-Lama betrachte, mir sogar ab, weitere Zurückziehungen zu machen. Er sagte: "Nicht solange es Arbeit gibt". Ein Grundsatz, den er selbst lebt, aber längst nicht allen seinen Schülern empfiehlt. Heute weiß ich, was er damit meinte. Das Hören von Belehrungen, gemeinsame Zeit mit dem Lehrer, die Zentrumsarbeit mit allem was dazu gehört, das war damals für meine persönliche Entwicklung und die anderer wichtiger.

Daher muss sich jeder von uns immer wieder neu überlegen, welche dieser Säulen gerade besonders wichtig ist, bzw. wie man sie im Alltag zu einer Einheit verschmelzen lässt. Je mehr man über den buddhistischen Weg erfahren hat und weiß, desto leichter ist es, selbst zu entscheiden, was "ansteht". Ansonsten ist es sicher gut, den Lama zu fragen.

Meditation in Zurückgezogenheit ist keine Flucht vor der Welt, sondern eine Erweiterung unseres Erfahrungshorizontes, ein Geschenk an uns selbst und die Welt. Ich denke, menschliche Reife und Überschuss sind eine gute Grundlage vor allem für längere Zurückziehungen, denn hier wird man mit vielen Dingen konfrontiert, die tief verborgen sind oder verdrängt wurden. Kommen diese an die Oberfläche, muss man im Retreat nicht, wie im Alltag, die Fassade aufrecht erhalten, sondern kann sich erlauben, die Knoten sich auflösen zu lassen. Deswegen sind unsere Retreat-Zentren, wo die Leute wissen, was mit einem passiert, sehr unterstützend. Wann der richtige Zeitpunkt für Zurückziehungen gekommen ist, bzw. welches Ausmaß davon wichtig ist, ist individuell verschieden.

Die tägliche Praxis

Bevor man sich länger zurückzieht, sollte man sich zuerst an tägliche Meditationspraxis gewöhnen. Meditation gibt den "Raum", um negative Eindrücke aus dem System zu reinigen, wo unendlich viel Gutes im Geist entsteht und man mehr und mehr fähig wird, bewusst zu sein, in der Frische des Augenblicks zu ruhen. Es geht nicht darum sich physisch zu entspannen, auf angenehme Erlebnisse zu hoffen oder so viel wie möglich zu "schaffen". Meditation muss man lernen, es ist ein Üben mit dem Geist. Deshalb empfehlen unsere Lehrer zum Beispiel die vielen Wiederholungen als eine Methode der Grundübungen. Indem wir uns etwas vornehmen, sehen wir, wie wir darauf reagieren. Mal ist es leicht 100 Wiederholungen einer Übung zu machen, mal sehr schwer. Das liegt natürlich nicht an den Übungen, sondern an unserem Erleben.

Auch ist es sehr hilfreich, sich Zuhause einen guten Platz für die Meditation zu schaffen: einen kleinen Altar mit Abbildungen oder einer Statue von jenen Buddha-Aspekten, auf die wir meditieren, ein bereit liegendes Kissen oder was immer eine ruhige, klare Atmosphäre erzeugt. Ein regelmäßiger Tagesablauf ist ebenfalls sehr unterstützend. Die morgendliche Meditation ist erfahrungsgemäß leichter einzurichten, weil hier der Tag noch selbstbestimmt ist und noch nicht auf uns eingewirkt hat. Am Abend ist man häufig müde und bringt die Disziplin nicht mehr auf, sich zur Meditation hinzusetzen.

Wenn man an tägliche Meditation gewöhnt ist, kann man probieren, an einem freien Wochenende mehrere Sitzungen pro Tag einzuplanen. So gewöhnt man sich langsam an Zurückziehungen. Der Sinn eines Retreats ist, sich bewusst von Sinneseindrücken zurückzuziehen, die den Geist "wild" machen. Je weniger auf uns einströmt, desto mehr kommen die im Speicherbewusstsein gelagerten Eindrücke an die Oberfläche. Der Geist wird einsgerichteter, wenn man lernt ihn zu "zähmen". Auf dieser Basis kann man sich dann vom eigentlichen zurückziehen: von leidbringenden Sichtweisen, störenden Gefühlen und Gewohnheiten. So lernt man mehr und mehr diese "innere" Zurückziehung auch während Alltagssituationen aufrechtzuerhalten, lernt den Körper herum laufen zu lassen, aber den Geist verweilen zu lassen.
Jede Meditation hat diesen Sinn, auch die kurzen. Das ist das Besondere am Buddhismus. Es geht immer um Weisheit in Verbindung mit Mitgefühl, nicht nur um Mitgefühl allein.

Es ist sehr heilsam zu spüren, wie wackelig unsere Einstellung und unsere Einsicht im Alltag ist: Eben noch hat man während der Meditation starke Wünsche für das Glück aller Wesen gemacht, aber kaum ist man auf der Straße, nervt einen die erstbeste "doofe" Bedienung. Meditation und Praxis im Alltag im Wechsel zu praktizieren ist eine gute Übung.

Man kann Zurückziehungen in unterschiedlichen Längen machen: von einem Wochenende bis zu Monaten. Man kann sich alleine zurückziehen, mit einem Partner, aber auch in Gruppen. Alleine zu meditieren ist konzentrierter. Ohne Ablenkung durch Andere ist man mehr auf sich selbst zurückgeworfen. Wenn starke Gefühle entstehen, kann man sie im Schutz der Zurückgezogenheit leichter gehen lassen. Bei Gruppen-Retreats tragen sich die Teilnehmer gegenseitig. Der Austausch und die gemeinsame Beschäftigung mit dem Buddhismus ist sehr anregend, man profitiert voneinander, das heißt die Erfahrungen des Einzelnen inspirieren alle.

Aber auch wenn man alleine an eine Zurückziehungsstelle geht, gibt es zwei Möglichkeiten: eine offene Zurückziehung, wo man in den Pausen im Zentrum mithilft und/oder das Angebot des Zentrums an Vorträgen und gemeinsamer Praxis nutzt. Bei geschlossenen Retreats spricht man nicht mit anderen oder nur mit extra dafür ausgesuchten Personen, die uns als Ratgeber begleiten. Diese strengere Form von Zurückziehung ist nur empfehlenswert, wenn man schon mit den Grundübungen vertraut ist oder sie bereits einmal abgeschlossen hat.

Verdienst und Weisheit

Warum soll man sich überhaupt für längere Zeit zurückziehen? Sind nicht tägliche Meditationen genug, um Einsicht in die Natur der Wirklichkeit zu erlangen?

Es kommt darauf an. Die großen Meister der Vergangenheit und auch die unserer Zeit, wie zum Beispiel Lopön Tsechu Rinpoche, haben viele Jahre in Retreat verbracht. Andere haben gezeigt, dass die Nähe zum Lehrer und das Arbeiten für andere auch zu Entwicklung und Befreiung führt. In der Essenz unterscheiden sich also die zwei genannten Wege der jahrelangen Zurückziehung bzw. Meditation und mitfühlendes Handeln im Leben zu verbinden, nicht.

Erleuchtung ist die Einheit von Mitgefühl und Weisheit.

Im Großen Weg (Mahayana) sieht man die Meditation als Schlüssel zur Weisheit, das Leben hingegen mit seinen vielfältigen Herausforderungen als Training im Mitgefühl, einer der wesentlichen Eigenschaften eines Erleuchtungsmutigen, eines Bodhisattvas. Den Mut für sein Training erhält der Bodhisattva aus der Einsicht, dass die Leiden dieser Welt nicht wirklich sind, sondern einem Traum gleichen und die Menschen aus diesem Traum erweckt werden können.

Im Diamantweg (Vajrayana) entwickelt man Mitgefühl und Weisheit durch die "aufbauende" und die "vollendende" Phase der Meditation. Um diese zwei Phasen richtig verwenden zu können, braucht man eine Einführung durch den Lehrer. Auf der Basis dieser Einführung in die wahre Natur des Erlebers und der von ihm erlebten Dinge, übt man die vom Lehrer vermittelte Sichtweise in der Meditation und versucht sie danach aufrecht zu erhalten. Die aufbauende Phase der Meditation, bei der man mit Vorstellungen von Buddhas und ihren Kraftkreisen, mit Wünschen, Körperübungen und Mantras arbeitet, bewirkt ein Verständnis von den spielerischen Eigenschaften des Geistes und den Aufbau von Mitgefühl. Die Vollendungsphase gibt den Zugang zur Weisheit von der raumgleichen, zeitlosen, unveränderlichen Natur des Geistes. Durch die Praxis beider Phasen entsteht das Verständnis, dass jeweils der Geist die Grundlage des Erlebens ist und Meditation und die Nach-Meditationsphase, der sogenannte Alltag, somit eigentlich nicht zu trennen sind.

Bei beiden Zugängen gibt es keine vorgeschriebene Zeitangabe für Meditationspraxis. Immer jedoch sind es die Gewohnheiten, die störenden Gefühle, und auf subtilster Ebene das Festhalten an unseren Vorstellungen über die Wirklichkeit, die uns behindern. Meditation schafft eine positive Gewohnheit gegen diese leidbringenden Gewohnheiten, auch wenn man am Anfang nicht alles versteht.

Der Vorteil an kurzen Meditationen ist, dass sie leicht in unser geschäftiges Leben einzubauen sind, aber sie uns vielleicht nicht genug "berühren", sie unsere Sichtweise nicht tief genug ändern, weil zu wenig Abstand von unseren Projektionen und Gewohnheitsmustern besteht.

Bei längeren Zurückziehungen können andere Erfahrungen gemacht werden. Es kann zum Beispiel passieren, dass man erst nach Tagen merkt, wie schwer es ist, von einer inneren Geschäftigkeit herunter zu kommen. Wenn man dann loslässt, wird man vielleicht erst einmal furchtbar müde. Diese Art von Erfahrungen entstehen bei kurzen Meditations-Sitzungen in der Regel nicht.

Längere Zurückziehungen schaffen einen größeren Abstand zum Alltag. Man verlässt die gewohnte Umgebung und vertraute Personen. Milarepa sagte einmal, die Heimat zu verlassen sei der erste Schritt auf dem Weg zur Erleuchtung. Mit Heimat sind dabei sicher v.a. unsere Gewohnheiten gemeint und nicht die tatsächliche Heimat. Dennoch ist es eine große Unterstützung, die uns vertrauten Kreise auch mal zu verlassen. Schon zu reisen und uns fremden Konzepten und gesellschaftlichen Prägungen zu begegnen, ist lehrreich. Für unseren Retreat an einen Ort fern der Heimat zu gehen, am Allerbesten an einen gesegneten Ort, ist sehr, sehr hilfreich.

Der Aufbau einer Zurückziehung

Gesegnete Orte sind Orte, an denen eine Stupa steht, verwirklichte Lehrer meditiert, gelehrt oder Einweihungen gegeben haben oder die Sangha bereits viel praktiziert hat.

Viele unserer Zentren haben Räumlichkeiten für eine Zurückziehung, besonders unsere Zentren auf dem Land sind geeignet, da man auch noch gute Luft, einen schönen Blick in die Natur und einen geschützten Garten für kleine Spaziergänge hat.

Traditionell teilt man den Tag während einer Zurückziehung in vier Praxis-Einheiten:
Eine kurze Sitzung vor dem Frühstück, jeweils eine längere Vor- und Nachmittags und eine kurze am Abend. Um sich an Zurückziehungen zu gewöhnen sollte man mit kurzen Retreats beginnen: mit einem Wochenende oder mit zweimal zwei bis drei Tagen und einem Tag Pause in der Mitte, dann mal eine Woche oder zwei. Länger als einen Monat sollte man kein geschlossenes Retreat alleine machen, sondern nur zusammen mit anderen.

Zu Beginn einer Zurückziehung schreibt man sich einen Tagesplan auf, der so gehalten sein sollte, dass man ihn einhalten kann. Man sollte bitte nicht den Fehler machen, sich zuviel vorzunehmen oder etwas zu versprechen, was man nicht einhalten kann. Sogar die kleinen Neujahrsversprechen, wie "Ich werde fünf Kilo abnehmen und aufhören zu rauchen" sind nicht der Renner. Einmal Versprochenes nicht zu halten, schwächt das Vertrauen in sich selbst.

Man kann den Zeitplan auch mit Wünschen verbinden. Diesen Zettel hängt man am besten auf, so dass man ihn als Erinnerung vor sich hat.

Die Einteilung des Tages in diese vier Sitzungen ist nicht zwingend. Wenn man sich aber an dieses Schema hält, beginnt man die Zurückziehung mit der Nachmittags-Sitzung. Dieser Tagesabschnitt ist der kraftvoll-schützenden Aktivität zugeordnet. Die Zurückziehung an diesem Zeitpunkt zu beginnen gilt deshalb als gutes Zeichen, dass die Praxis ohne Hindernisse verlaufen wird. Entsprechend beendet man die Zurückziehung nach dem Frühstück, da der Vormittag mit der vermehrenden Aktivität in Verbindung steht, ein Zeichen, dass durch die Widmung der positiven Eindrücke sich alles Gute vermehren und wachsen wird.

Man kann auch nur drei Sitzungen machen oder noch mehr, aber dafür kürzere. Auch die Frage, wie streng man sich zurückzieht, kann man nur individuell beantworten. Grundsätzlich ist es während der Grundübungen nicht notwendig, ein geschlossenes Retreat zu machen. Allgemein sollte man sich von zu viel Ablenkung zurückziehen, vor allem aber sich von unerleuchteten Sichtweisen abwenden. In diesem Sinne können Gespräche mit Dharmafreunden in den Pausen sehr nützlich sein, weil sie einen auflockern und unterstützen. Zuviel Ablenkungen wie tratschen, fernsehen usw. werden den Geist sicher zerstreuen und sind während eines Retreats nicht empfehlenswert. Sich dagegen mit einem bestimmten buddhistischen Thema tiefer auseinanderzusetzen, ist sinnvoll. Wenn man zum Beispiel Diamantgeist-Praxis macht ist es gut, sich mit den Erklärungen zu Ursachen und Wirkung und den vier Kräften der Reinigung, die erst die Reinigung aller negativen Eindrücke aus unserem Bewusstsein ermöglichen, zu beschäftigen.

Schutz und Dankbarkeit

Die folgenden Belehrungen sind vorwiegend für geschlossene Zurückziehungen gedacht und sind bei kurzen und offenen Retreats nicht unbedingt notwendig. Ich bin mir bewusst, dass sie für den einen oder anderen sogar etwas mysteriös klingen. Trotzdem möchte ich sie der Vollständigkeit halber erwähnen.

Nachdem man sein Zimmer gemütlich gemacht hat, sich mit allen Kleinigkeiten, die man brauchen wird, versorgt hat und den Zeitplan niedergeschrieben hat, kann man Gaben von kleinen Leckereien, also etwas Eßbarem an die lokalen Energien und die sogenannten "Schützer" der vier Himmelsrichtungen machen.

Zuerst bedankt man sich bei den lokalen Kräften. Damit sind menschliche, wie nicht-menschliche Wesen gemeint. Für letztere stellt man einen Teller mit Keksen, Obst und Räucherstäbchen hinaus und bedankt sich für den schönen Ort. Man sagt, dass sie diese Art von Nahrung zu sich nehmen können. Mit den Menschen, die unseren Rückzug unterstützen, also Essen kochen, den Raum zur Verfügung stellen usw., haben wir eine besondere Verbindung: sie haben Anteil am Verdienst unserer Praxis. Ob man ihnen darüber hinaus nach dem Retreat noch ein Geschenk als Dank zukommen lassen möchte, kann man nach Gefühl entscheiden.

Dann ruft man die "Schützer" der vier Himmelsrichtungen. Sie sind in Asien seitlich der Eingänge zu buddhistischen Klöstern entweder an die Wand gemalt oder stehen als Steinskulpturen an den Toren. Sie sind Wesen mit sehr viel guten Eindrücken im Geist, die daher große Kräfte haben. Diese Schützer haben versprochen, die Dharma-Praktizierenden bei Zurückziehungen zu unterstützen. Deshalb gibt man auch ihnen zu Beginn des Retreats Gaben in Form von etwas Eßbarem.

Beide Teller stellt man hinaus, behält sie also nicht im Zimmer. Am Ende der Zurückziehung wiederholt man das Ganze und bedankt sich für die gegebene Unterstützung.

Zu guter Letzt sollte man den Verdienst der Zurückziehung dem Glück und der Erleuchtung aller Wesen widmen. Wie auch immer sie verlaufen ist, hebt die Widmung alles auf eine überpersönliche Ebene und macht das Gute somit zeitlos.

Ich hoffe, meine Ausführungen ermutigen Euch, Zurückziehungen zu machen und dadurch mehr innere Freiheit zu entwickeln. Ich wünsche, wir alle entdecken in diesem Leben, dass es in der Essenz keinen Unterschied zwischen Meditation und der Nach-Meditations-Phase, dem sogenannten Alltag gibt.

 

1 Die Grundübungen (tib. Ngöndro) sind ein Set von vier Meditationen, die uns eine Basis geben sollen, um die Natur des Geistes zu erkennen. 


Karola Schneider, 38 Jahre und selbständig tätig in ihrer Praxis für Chinesische Medizin, praktiziert seit 1979 und hat bei vielen Lehrern Einweihungen und Belehrungen erhalten. Auf ihre Erlebnisse zurückblickend, teilt sie ihr Wissen zum Thema Meditation in Zurückgezogenheit.

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