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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 33, ( 2001)

Öffentliche Erklärung der Mönchsgemeinschaft

bei der Internationalen Karma-Kagyü-Konferenz

Öffentliche Erklärung der Mönchsgemeinschaft v Seiner Heiligkeit Gyalwa Karmapa bei der internationalen Karma Kagyü Konferenz in Kathmandu Nepal,
16. und 17. März 2001

Wir haben uns zu dieser Konferenz vor allem aufgrund besonderer außergewöhnlicher Entwicklungen der jüngsten Zeit entschlossen. Diese müssen dringend besprochen, erwogen und es müssen von der gesamten Karma Kagyü Organisation Beschlüsse gefasst werden. [...]

Während der letzten Jahrhunderte existierten immer vier große getrennte und unabhängige Schulen des Tibetischen Buddhismus. Selbst nach 1959 gelang es ihnen, ihre spirituelle und auch rechtliche Selbständigkeit im Exil auszuüben und zu bewahren. Neulich jedoch hat S.H. Dalai Lama diese lang etablierte gute Tradition zum Schutz und zur Bewahrung der reichen Vielfältigkeit des Tibetisch-Buddhistischen Glaubens ernsthaft in Gefahr gebracht.

Der verstorbene 16. Karmapa Rangjung Rigpe Dorje, das unumstrittene spirituelle Oberhaupt der Karma-Kagyü-Schule, musste immer wieder die besonderen Qualitäten der Lehren seiner Schule gegen wiederholte Einmischungen durch S.H. Dalai Lama verteidigen. Schlussendlich waren diese Angriffe vergeblich und hatten keinen Erfolg. Als direkte Konsequenz daraus begann S.H. jedoch anscheinend eine ununterdrückbare Abneigung zu entwickeln - sowohl gegen den selbständig denkenden 16. Karmapa als auch die Karma-Kagyü-Schule. Bedauerlicherweise setzte der Dalai Lama seine subversiven Aktivitäten gegen die Karma-Kagyü-Schule fort - und verstärkte sie sogar noch - nachdem Karmapa im Jahre 1981 verstorben war.

Zuerst erlebten wir nur sehr schädliche Aktivitäten eines bestimmten hohen Kagyü-Rinpoches, der offensichtlich seine Loyalität und seinen Respekt für seine eigene Schule völlig aufgegeben hatte. Dieser Situ Rinpoche führte viele ehrliche Leute in die Irre, bestach eine Reihe von Beamten und arbeitete eng mit Dieben und Gangstern zusammen, die Schwerverbrechen bis einschließlich Mord begingen. Wir hatten deswegen nie eine andere Wahl als unsere Schule gegen diese böswilligen Angriffe zu verteidigen. Wir taten das, indem wir alle politischen und nichtreligiösen Einflüsse zurückwiesen und uns strikt auf die reine Praxis unserer Religion beschränkten. Wir vermieden aktiv alle potenziell schädlichen Auseinandersetzungen und arbeiteten immer hart dafür, das gute Bild des Tibetischen Buddhismus in der Welt weiter zu verbessern. Diese mitfühlenden und friedlichen Reaktionen auf die manchmal ziemlich bösartigen Angriffe Situ Rinpoches und seiner Verbündeten dienten uns bisher sehr gut. Deswegen ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass die internationale Gemeinschaft, politische Führer, Menschenrechtsgruppen und die internationalen Medien in der Vergangenheit nicht einmal von unserer Existenz wussten. Wir erachteten das erwähnte Problem als äußerst unglücklich und sehr bedauernswert, aber dennoch als eine interne Angelegenheit unserer Karma-Kagyü-Schule, in die sich Außenstehende nicht einmischen sollten. Neulich entdeckten wir jedoch, dass S.H. Dalai Lama, der nicht zu unserer Schule gehört, die besagten Aktivitäten Situ Rinpoches von Anfang an aktiv gesteuert hat. Diese schockierende Entdeckung ist der Grund für diese öffentliche Erklärung.

In enger Zusammenarbeit mit Situ Rinpoche hat S.H. Dalai Lama die falsche Anerkennung und Inthronisation eines Karmapa in China im Geheimen geleitet und dadurch erfolgreich eine Spaltung der Karma-Kagyü-Schule herbeigeführt. Seit Urzeiten schon haben schlaue Politiker immer versucht, ihre Gegner und potenziellen Konkurrenten zu teilen und beherrschen. In dieser Hinsicht ist S.H. keine Ausnahme.

Bis neulich haben wir uns immer gewundert, warum S.H. Dalai Lama nie öffentlich die gewaltsame und feindselige Übernahme des Klosters Rumtek in Sikkim im August 1993 verurteilt hat. Damals hatte Situ Rinpoche erfolgreich einige mächtige Beamte in der Verwaltung Sikkims geschmiert. Dankbar hatten diese im Gegenzug die gewalttätige Übernahme des Klosters organisiert und die loyalen Mönche Karmapas mit Gewalt vertrieben. Gleich im Anschluss übergaben sie die Kontrolle über das Kloster an Situ Rinpoche.

In der Zwischenzeit haben wir die Aktivitäten S.H. gegen unsere Schule analysiert und sind zu dem Schluss gekommen, dass er motiviert ist von seiner tiefen Enttäuschung und seiner Abneigung gegen den verstorbenen Karmapa, der sich immer stark den zahlreichen Versuchen Seiner Heiligkeit widersetzt hat, die Karma Kagyü Schule unter seine Kontrolle zu bekommen. Es gab eine grundlegende Unstimmigkeit mit Karmapa, der stark für die spirituelle Freiheit und Unabhängigkeit seiner Schule eintrat.

Wir geben nun diese öffentliche Erklärung ab, obwohl wir uns des vorzüglichen Ansehens des Dalai Lama in der westlichen Welt bewusst sind. Viele ehrliche Privatpersonen, große Lehrer, Politiker und bedeutende Staatsmänner wurden von der ungewöhnlich starken Persönlichkeit dieses „einfachen Mönches" ernsthaft beeindruckt. Auch wurden durch die religiösen Aktivitäten des Dalai Lama die reinen buddhistischen Lehren der Friedfertigkeit, des Mitgefühls und der Liebe in der heutigen Welt mehr und mehr populär. In dieser Hinsicht erkennen wir die außergewöhnlichen Beiträge des Dalai Lama aufrichtig an. Zugleich sehen wir jedoch, dass viele Bewunderer S.H. Dalai Lama nicht unterscheiden können oder wollen zwischen seinen rein religiösen Lehren und seinen politischen Aktivitäten. Viele Unterstützer S.H. haben den subtilen Einfluss der wiederholten Darstellung Tibets durch Hollywood als ein spirituelles Paradies mit dem Dalai Lama als absolut unfehlbaren heiligen Mann, nicht bemerkt. Mit diesem Hintergrund hat sein politischer Kampf gegen die legale kommunistische Regierung Chinas sein sorgfältig gezimmertes Image als galanter Verteidiger von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten sogar noch verstärkt. Insbesondere die Medien in vielen westlichen Ländern wie den USA, Deutschland, Frankreich und anderen Ländern folgen oft den populären, gut etablierten Trends und Meinungen ohne selbst anständig zu recherchieren und die komplizierten unter der Oberfläche liegenden Realitäten tibetischer Angelegenheiten zu beurteilen.

Infolge seiner tief verwurzelten Opposition gegen den verstorbenen 16. Karmapa, suchte und fand S.H. Dalai Lama eine kleine Gruppe unglückseliger Rinpoches in der Karma-Kagyü-Schule, die bereit waren seine Ambitionen insgeheim zu unterstützen. So wurden der verräterische Situ Rinpoche und seine Männer willige Mitwirkende an den Plänen S.H., die Karma-Kagyü-Schule zu teilen und erobern. S.H. ist nun ein großes Risiko eingegangen, indem er seine bisher geheime Führerschaft der Gruppe Situ Rinpoches öffentlich enthüllt hat. Aber er musste diese Enthüllung offensichtlich machen, weil er schließlich feststellte, dass Situ Rinpoche alleine keine realistische Erfolgschance mit seinen zerstörerischen Plänen gegen uns gehabt hätte.

Wir möchten betonen, dass wir nie vorhatten und auch jetzt nicht vorhaben, das Ansehen S.H. Dalai Lama als religiösen Führer zu trüben. In dieser Hinsicht respektieren wir ihn sehr. Nachdem S.H. seine führende Rolle in Situ Rinpoches Gruppe jedoch öffentlich enthüllt hat, sind wir gezwungen, einen deutlichen Standpunkt einzunehmen. Seine enge Verbindung mit dem hochgradig fragwürdigen Situ Rinpoche, der munter eine sehr besondere Verbindung mit China genossen hat und dem in der Vergangenheit aus guten Gründen die Einreise nach Indien verboten war, ist in der Tat äußerst bedauerlich. Da wir unseren eigenen spirituellen Führer, den Karmapa, zutiefst verehren, ist es unsere vorderste Pflicht die authentischen, speziellen Lehren unserer Karma-Kagyü-Schule zu schützen und bewahren. Deswegen können wir in gar keiner Weise dem absurden Anspruch S.H., die zur Inthronisierung des Karmapa authorisierte Person zu sein, zustimmen.

Diese Konferenz wurde angesetzt, um diese Angelegenheit zu besprechen und dieses heikle Problem, wenn möglich, in der effektivsten Weise zu lösen. Zugleich wird die Konferenz allen interessierten Parteien als wertvolle Informationsquelle über den Buddhismus Tibets und des Himalaya im allgemeinen dienen.


Khenpo Tschödrag Tenphel Ngendo Rinpoche

Kathmandu, 15. März 2001

(Aus dem Englischen: Detlev Göbel)