Aus: Buddhismus Heute Nr. 33, ( 2001)

Rede von Künzig Shamar Rinpoche

bei der Internationalen Karma-Kagyü-Konferenz 2001

Wir sind bei unseren Bemühungen um die Bewahrung der authentischen Übertragung der Karma-Kagyü-Linie an einen Scheideweg gekommen. Die Personen, die hinter dem geheimen Plan zur Spaltung und letztendlichen Übernahme der Karma-Kagyü-Linie stehen, sind nun hervorgetreten.

Bei meinem Treffen mit S.H. Dalai Lama in Washington im Juni 2000, betonte ich, dass die Karmapas und die Shamarpas über Jahrhunderte hin die Autorität in der Karma-Kagyü-Linie ausübten. Ich erklärte, dass ich alleine im Jahre 1994 Thaye Dorje als den 17. Karmapa identifiziert und anerkannt hatte, in Übereinstimmug mit unseren traditionellen Methoden. 

S.H. Dalai Lama hatte sich zuvor in die Karmapa-Angelegenheit eingemischt und schien eine Seite eingenommen zu haben. Er hatte auch erwähnt, es könne mehr als einen Karmapa geben. Ich akzeptierte seinen Standpunkt und bat ihn, diesen öffentlich zu enthüllen. Da Urgyen Trinle in Tsurphu eingesetzt war, schlug ich vor, dass Tsurphu natürlicherweise weiterhin sein Sitz sei. So wäre er der Karmapa für China und Tibet. Im Gegenzug würde Thaye Dorje als der Karmapa für Indien und Oberhaupt der dortigen Kagyü Klöster unterstützt werden.

Ich brachte diesen Kompromiss mit dem ehrlichen Wunsch vor, den Konflikt zu lösen, der die Karma-Kagyü-Linie in der Mitte gespalten hatte. Der Dalai Lama wies mein Angebot jedoch zurück. Schriftlich wurde ich dann informiert, dass S.H. in der Tat Urgyen Trinle als den authentischen Karmapa anerkannt hätte. Die Anerkennung durch den Dalai Lama wurde nicht nur auf Basis von Situ Rinpoches sogenanntem "Prophezeiungs-Brief", sondern auch aufgrund seiner eigenen privaten Hinweise gegeben. Dies war eine völlige Abkehr von der Praxis und Tradition der Karma Kagyü. Der Dalai Lama drängte in die Position eines religiösen Schiedsrichters, mit den spirituellen Kräften und der Autorität, die Karmapas zu liefern. Ein Schritt, der gemacht wurde um die Kagyü-Schule zum Gelugpa-Orden zu konvertieren!

Einem solchen Szenario konnte ich nicht stattgeben!

Ich schlug dann einen anderen Kompromiss vor, der - falls er umgesetzt worden wäre - uns die Einheit der Linie zurückgebracht und zur Einsetzung eines Karmapa geführt hätte, der von all seinen Anhängern hätte akzeptiert werden können. Ich schlug vor, dass die Angelegenheit von den Karmapas selbst gelöst werden solle. Nur von ihren Eltern begleitet sollten Urgyen Trinle und Thaye Dorje sich treffen und miteinander zu einer zufriedenstellenden Lösung kommen. Ich könnte keinerlei persönlichen Gewinn von diesem Angebot haben und hatte ausschließlich das Wohl der Linie im Blick. Ich war auch überzeugt davon, dass meine Vorschläge den Interessen der Jungen am Besten dienen würden. Wieder wurde mein Angebot jedoch nicht gewürdigt, dieses Mal von der bevorzugten politischen Gruppe des Dalai Lama in Sikkim, dem Joint Action Commitee.

Welchen logischen Schluss kann man aus diesen ständigen Abweisungen ziehen? Die Antwort, die einem in den Geist kommt ist, dass S.H. der Dalai Lama gegen das Wachstum von Karmapas Aktivität ist und sich auf eine "Teile und Herrsche"-Politik eingelassen hat. Wie anders kann man die gebrochenen Versprechen, das Intrigieren hinter den Kulissen, das Übertreten unserer Jahrhunderte alten Tradition, das Erschaffen neuer religiöser Sitten interpretieren?

Ich teile diese Informationen mit erheblicher Sorge und großem Bedauern mit. Wird der Dalai Lama immer noch von seiner alten persönlichen Feindseligkeit gegen den verstorbenen 16. Karmapa und die damalige Verwaltung Rumteks angetrieben? Der 16. Karmapa, unumstrittenes Oberhaupt der Karma-Kagyü-Schule, wehrte die Ambitionen Dharamsalas bezüglich der vier Schulen ab. Indem er erfolgreich ein Gegengewicht zur Politik Dharamsalas schuf, gewann Karmapa keine Freunde in der Exilregierung. Es scheint, dass alte Rivalitäten nur langsam sterben und die Karma-Kagyü-Schule heute an ihrem wichtigsten Punkt unter Beschuss geraten ist. 

Wir sind an einem Wendepunkt angelangt. Wenn wir das Recht auf Anerkennung Karmapas verlieren, wird unsere Linie aufhören, als eigenständige Übertragung zu funktionieren, die über neun Jahrhunderte bewahrt wurde. Ich bitte deswegen um Ihre Meinung und ersuche Ihren Rat. Werden wir kämpfen für unsere Unabhängigkeit? Oder unterwerfen wir uns einer anderen Linie? Wenn wir kämpfen, was ist es, worum es zu kämpfen gilt? Was macht die Einzigartigkeit der Karma-Kagyü-Schule aus, das jetzt in unmittelbarer Gefahr des Verschwindens steht?

Ist es das Kloster Rumtek, das das Zentrum des Kagyü-Vermächtnisses ausmacht? Die Antwort ist Nein. Entsprechend den buddhistischen Sutras verliert ein Platz, wo der Sangha gespalten wurde und in Kämpfe verwickelt war - in den Sutras beschrieben als eine der fünf grenzenlos negativen Handlungen (Tsam Meapa Nga) - seinen Segen, hat keinen spirituellen Verdienst mehr und wurde tatsächlich spirituell verschmutzt. Um seine unvergleichlichen Qualitäten wiederherzustellen, müssen die verfeindeten Seiten zusammengebracht und voll versöhnt werden; darüberhinaus muss an der Stelle eine Yen-Dum (Versöhnungs) Stupa gebaut werden, sonst ist dort keine spirituelle Aktivität möglich. Wenn Rumtek noch einmal als Buddhistische Stelle fungieren soll, wenn also jemals ein Praktizierender hier Verdienst entwickeln und ansammeln soll, muss derjenige der in Rumtek residiert, den Sangha wieder zusammenbringen und die Versöhnungs-Stupa bauen.

Darüberhinaus ist Rumtek - wie jedes andere Kloster, in dieser Hinsicht - nur ein Gebäude, um die Mönchsgemeinschaft zu beherbergen, damit sie die nötigen Rituale und Praktiken ausüben kann. Der verstorbene 16. Karmapa wählte Rumtek zu seinem Hauptquartier und das Kloster hat diesem Zweck gut gedient, bis zum 2. August 1993, als es von Situ Rinpoches und Gyaltab Rinpoches Unterstützern angegriffen und schließlich erobert wurde; Hand in Hand mit den Sicherheitskräften Sikkims auf Befehl von bestochenen Offizieren. Die Angreifer begingen eine der fünf grenzenlos negativen Handlungen, die in den Sutras beschrieben werden. Darüberhinaus kann ein Gebäude, bei all seiner Schönheit und glückverheißenden Lage, doch nicht Anspruch auf den spirituellen Status des einzigartigen Erbes der Kagyüs erheben. Trotzdem wird jedoch alle Anstrengung unternommen, um Rumtek zurückzugewinnen und es seinen rechtmäßigen Bewohnern zurückzugeben.

Die heiligen Reliquien, die in Rumtek gelagert sind, tragen den Segen der Linie. Es sind jedoch nur bewegliche Artefakte, die zum Glück schon im August 1992 durch die vorausschauende Mönchgemeinschaft Rumteks unter Verschluss gebracht wurden. Sie wurden später auf Anordnung des Distrikt-Magistrats versiegelt und können erst wieder freigegeben werden, wenn das Gericht ein Urteil gesprochen hat. Selbst die berühmte Schwarze Krone Karmapas - geschmückt mit einem wertvollen Rubin - ist nicht etwas, das für das Funktionieren der Linie unentbehrlich wäre. Die Krone wurde dem 5. Karmapa von Tai Ming Yung Lo, dem chinesischen Kaiser, geschenkt. Unsere Linie hat jedoch in Zeiten ohne die Krone nicht weniger erfolgreich geblüht wie in Zeiten mit ihrer physischen Existenz. Davon abgesehen kann es sein, dass weder Urgyen Trinle noch Thaye Dorje in der Lage sein werden, sie zu erhalten, wenn sie nicht zu einem gegenseitigem Übereinkommen finden.

Was macht also die unvergleichliche Übertragung der Karma Kagyü aus, das auf jeden Fall bewahrt werden muss? Vor allen Dingen unser Recht, den Karmapa aufzufinden, das unumstrittene spirituelle Oberhaupt unserer Linie. Die Versuche des Dalai Lama, die Kagyü Schule in den Gelugpa-Orden zu zwingen, müssen auf der Stelle gestoppt werden. Bedauerlicherweise haben sich Situ Rinpoche und Thrangu Rinpoche, eng gefolgt von Gyaltsab und Bokar Rinpoche, auf dieses Eindringen des Dalai Lama eingelassen und damit eine Krise von noch nie gesehenem Ausmaß in der Karma-Kagyü-Geschichte herbeigeführt. Ihre kurzsichtigen und dem eigenen Wohl dienenden Geschäfte mit den kommunistischen Chinesen und ihre törichte Unterwerfung unter die Macht der Gelugpa-Schule bringen die Selbständigkeit unserer Linie in höchste Gefahr.

Zweitens müssen wir die Lehren und Methoden bewahren, die von den Karmapas und den Kagyü-Meistern aufgeschrieben und weitergegeben wurden und die Einzigartigkeit der Linie ausmachen. Die Hauptquelle der Linie sind die Gründerväter: Marpa, Milarepa und Gampopa. Die Übertragung umfasst tiefgründige Diamantweg-Lehren wie die essentiellen Anweisungen, die Karmapa Düsum Khyenpa gab; die Sechs Lehren von Naropa, zum ersten Mal in schriftlicher Form gelehrt vom 2. Shamarpa; die tiefgründigen Kommentare zu den Tantras, ausführlich gelehrt vom 3. und 6. Karmapa zusammen mit dem 4. Shamarpa. Die Kagyü-Übertragung beinhaltet auch die Weite der Sutras, so wie das Madhyamaka, das Abhidharma, das Prajna-Paramita, das Vinaya und das Tsema, in allen Details gelehrt vom 7. und 8. Karmapa. Schließlich enthält die Übertragung sowohl Sutra als auch Tantra in der Tiefgründigkeit des Mahamudra - aufgeschrieben, erklärt und gelehrt vom 9. Karmapa und anderen. Zusätzlich beinhaltet die Karma-Kagyü-Übertragung Nyingma-Lehren, genannt Karma Nyingtik, die vom 3. Karmapa in die Linie eingebracht wurden, sowie die Termas von Jatson Nyingpo und Karma Chagme.

Wir stehen an einem Wendepunkt in unserer Geschichte. Es wäre in der Tat ein großer Verlust für die buddhistische Welt, wenn unsere Übertragung zugunsten einer anderen ehrgeizig expandierenden Linie verschwinden würde. Ich stelle Ihnen noch einmal die entscheidende Frage: Kämpfen wir für unsere Linie oder geben wir auf? Wir müssen auf dieser Konferenz zu einem verbindlichen Beschluss kommen. Wenn wir aufgeben, verlieren wir den Schatz der Karma-Kagyü-Übertragung. Wenn wir weiterkämpfen wollen, bleibt uns keine andere Wahl als in Opposition zum Dalai Lama zu gehen. Es ist seine Einmischung und seine "Teile und Herrsche"-Strategie, die heute die Hauptbedrohung für die Unversehrtheit unserer Karma Kagyü ausmacht.

Wenn wir gemeinsam beschliessen, die Linie zu verteidigen, werden wir jedermanns Hilfe und Unterstützung brauchen. Es geht darum, unser gemeinsames Haus zu schützen. Wir ringen um das Überleben des Karma-Kagyü-Segen; unser Ziel ist es, Buddhas unvergleichliche Methoden zu bewahren, mit denen man Wesen helfen kann, Erleuchtung zu erlangen. Diese Methoden wurden über Jahrhunderte von Meistern und Lehrern bewahrt und weitergereicht. Sie dürfen heute nicht durch Korruption von innen und Aggression von außen verschwinden.

Um als effektive Körperschaft unter den heutigen Herausforderungen funktionieren zu können, schlage ich folgendes vor: Die Einrichtung unseres Karma-Kagyü-Hauptquartiers in New Delhi, Indien, und zwei Verwaltungszentren, eines in Washington, DC, USA für den Westen und eines in Hong Kong für den Osten.

Shamar Rinpoche


(aus dem Englischen: Detlev Göbel)

Presse-Mitteilung

Betreff: Internationale Karma Kagyü Konferenz, Kathmandu, Nepal, 16./17. März 2001

Am 16. und 17. März 2001 wurde in Kathmandu, Nepal, eine Internationale Karma Kagyü Konferenz abgehalten. Eingeladen hatte die Mönchsgemeinschaft Karmapas, und den Vorsitz der Konferenz übernahmen Khenpo Tschödrag Rinpoche und Nyendo Rinpoche.
Als Hauptthemen wurden die Bewahrung der Karma-Kagyü-Tradition und die Angelegenheit der Inkarnation des 17. Gyalwa Karmapa diskutiert. Bei dem Treffen wurde ausführlich die tiefe Verwicklung des Dalai Lama in die Karmapa-Kontroverse und die Tatsache, dass seine Einmischung ein Katalysator für die Spaltung der Karma-Kagyü-Schule war, diskutiert. Die Rollen von Individuen wie Situ Rinpoche, Thrangu Rinpoche, Bokar Rinpoche und Gyaltsab Rinpoche bei der Besudelung der reinen Karma-Kagyü-Linie und ihr Handeln gegen die Wünsche des verstorbenen 16. Karmapa wurden ebenfalls nicht ignoriert.
Während dieser zweitägigen Konferenz wurden unter den aus 23 Ländern kommenden Teilnehmern, die über 500 Zentren und Klöster weltweit repräsentierten, Gruppen-Diskussionen abgehalten. Als Abschluss dieser Diskussionen einigte man sich einmütig auf folgenden Beschluss:

"Hiermit wird eine Internationale Karma Kagyü Organisation (kurz: IKKO) gegründet, mit einem Hauptsitz in New Delhi, Indien. Diese Organisation vertritt und handelt im Namen all der Repräsentanten dieser Konferenz und der entsprechenden Organisationen. Der Hauptsitz wird durch regelmässige Beiträge von Zentren und Klöstern weltweit finanziert.

Die IKKO wird gebeten, einen Offenen Brief an S.H. den Dalai Lama zu schreiben, unter Berücksichtigung der folgenden Punkte:
Es soll die Unabhängigkeit der Karma-Kagyü-Schule betont werden. Jegliche Einmischung von außen in die internen Angelegenheiten der Karma-Kagyü-Schule wird abgelehnt. Die Anerkennung und Inthronisation S.H. Karmapa ist eine reine interne Sache der Karma-Kagyü-Schule.
Bezüglich des auf den 14. Juli 2000 datierten Briefes, den das Privatbüro S.H. Dalai Lama an S.H. Shamar Rinpoche sandte, lehnen die Mitglieder die Erklärung des Dalai Lamas ab, dass er eine für die Anerkennung der Wiedergeburt Karmapas verantwortliche Autorität sei.
Es wurde beschlossen, Shamar Rinpoche darum zu bitten, seine Bemühungen fortzusetzen, den von Situ Rinpoche präsentierten sogenannten "Prophezeiungs-Brief" bezüglich der 17. Karmapa-Inkarnation einer unabhängigen, forensischen Prüfung unterziehen zu lassen. Diese Untersuchung muss in einer Weise vollzogen werden, die für beide Seiten in dem Streit annehmbar ist. Zugleich soll diese Angelegenheit durch die Gerichte Indiens rechtlich angegangen werden.

Die Mitglieder der Konferenz beschliessen, ihre einmütige aufrichtige Dankbarkeit und Unterstützung für S.H. Shamar Rinpoche für seine bisherigen und zukünftigen Aktivitäten bezüglich der Bewahrung der authentischen Karma-Kagyü-Schule kundzutun. Es wurde beschlossen, S.H. Künzig Shamar Rinpoche darum zu bitten, die authentische Übertragung der Karma-Kagyü-Linie an Seine Heiligkeit den Gyalwa Karmapa Trinle Thaye Dorje und auch an die vielen Schüler zu geben. S.H. Shamar Rinpoche wird gebeten, für einige Tage zu bleiben, um Ermächtigungen, Übertragungen und Belehrungen zu geben."

Yeshe Jungne (Sekretär, IKKC)

(Aus dem Englischen: Detlev Göbel)