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Aus: Buddhismus Heute Nr. 33, ( 2001)

Kagyüs sagen "Nein"

Ein Bericht von der 2. Karma-Kagyü-Konferenz

Kagyüs sagen "Nein" zu Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama  -  Nepal, am 16. März 2001

von Brooke Webb

Die Kagyü-Linie hält eine beneidenswerte Tradition geistiger Verwirklichung, die über die Jahrhunderte aufrechterhalten wurde: zuerst von Marpa und Milarepa und dann weiter durch die Linie inkarnierter Lehrer, die als die Karmapas und Shamarpas bekannt sind. Diese unvergleichlichen Verwirklicher haben den Segens-Strom von Tilopa, Maitripa und später von Guru Rinpoche getragen, und die einzigartigen Methoden der Kagyüs in die moderne Welt gebracht. Unter den Kagyü-Meistern besteht eine lange Tradition, einen Stil zu halten, der Buddhas guten Namen unübertreffliche Vorzüglichkeit gibt.
Sicherlich gab es über die Jahrhunderte gelegentlich Schlaglöcher auf dem Weg. Nichts ist jedoch auch nur annähernd vergleichbar mit der Sickergrube von Korruption, die sich in den frühen 90er Jahren in der Kagyü-Szene auftat. Zwei Karmapas wurden proklamiert und eingesetzt, was die Kagyü-Schule direkt in zwei Teile spaltete. Nach mühseligen Untersuchungen wurde klar, dass einer der beiden Kandidaten, Urgyen Trinle, im chinesischen "Teile und Herrsche"-Spiel als eine politische Marionette auf den Thron gesetzt wurde um die tibetische Bevölkerung zu unterwerfen. Auch wurde bekannt, dass diese Inthronisierung nur mit williger Kooperation zweier hoher bekannter Kagyü-Lamas geschah: Tai Situ Rinpoche und Gyaltsab Rinpoche. Keine der weitreichenden Manipulationen, die nötig waren um weltweit die Kagyü-Anhänger hinters Licht zu führen, hätte ohne die zusätzliche Mitarbeit einer besonderen und bekannten Nicht-Kagyü-Figur durchgeführt werden können: dem 14. Dalai Lama.

Karmapa Thaye Dorje wurde 1994 von Shamar Rinpoche anerkannt. Wie alle Karmapas, so hatte auch Thaye Dorje sich selbst als Karmapa zu erkennen gegeben, als er noch ein kleines Kind war. Er wohnt derzeit in Kalimpong in Nord-Indien und hat bereits ausgedehnte Reisen in Asien und Europa unternommen, wo er Belehrungen und Ermächtigungen gab. Einige Jahre lang war Shamar Rinpoche in seiner Wahl nur von einer Handvoll Kagyü-Lamas unterstützt worden. Am deutlichsten vernehmbar darunter war Lama Ole Nydahl, der die Sache von Karmapa Thaye Dorje im ganzen Westen verfochten hat.

Urgyen Trinle war inmitten kontroverser Umstände mittels einer Zeremonie und im Beisein hoher Regierungsbeamter aus Peking 1992 als "Lebender Buddha" inthronisiert worden. Die alleinige Grundlage seines Anspruchs auf den Thronhalter war ein von Tai Situ Rinpoche - damals ein hoher namhafter Kagyü-Lama - präsentierter Brief. Als ihnen dieser Brief zum ersten Mal gezeigt wurde, erklärten sowohl Shamar Rinpoche als auch der mittlerweile verstorbene Topga Rinpoche ihn zu einer Fälschung. Beide waren gut vertraut mit der Handschrift des 16. Karmapa, denn sie hatten viele Jahre in seiner nahen Umgebung verbracht. Shamar Rinpoche bestand sofort darauf, dass der Brief einer gerichtswissenschaftlichen Prüfung unterzogen werden solle. Situ Rinpoche lehnte dies eisern ab. Stattdessen führte Situ zusammen mit Gyaltsab Rinpoche eine verschlagene Intrige aus, um die Autorität des zweithöchsten Lamas in der Kagyü-Linie zu umgehen. Sie suchten und bekamen von S.H. dem Dalai Lama schnell die Zustimmung für ihren Kandidaten. Es war mehr oder weniger so als ob zwei hohe katholische Kardinäle zum Oberhaupt der Protestantischen Kirche Englands gingen, um Zustimmung für den Papst zu bekommen.

Am 29. Juni 1992 wurde Urgyen Trinle nach Tsurphu, jetzt China, gebracht und inthronisiert. Abgesehen von einigen Besuchen in China, schmachtete er dort bis zu seiner gut publizierten Flucht nach Indien im Januar 2000 in ziemlicher Verborgenheit. Über die Notlage des Vierzehnjährigen wurde von den Weltmedien übertrieben ausführlich berichtet und er wurde ohne weitere Überprüfung als der alleinige und legitime Karmapa bezeichnet. Der junge Mann wurde in der Tat als ein Opfer von sowohl China als auch Indien dargestellt. Von ersterem, weil es ihn festgehalten hatte und letzterem, weil es ihm nicht sofort die Freiheit, das Kloster Rumtek und die berühmte Schwarze Krone gab.

Vor kurzem wurde Urgyen Trinle die Reisegenehmigung innerhalb Indiens erteilt, jedoch noch nicht für Rumtek in Sikkim. Nun hat er sich mit offensichtlichem Genuss auf seine Mission als der 17. Karmapa begeben. Tage, nachdem ihm grünes Licht für freies Reisen in Indien erteilt wurde, gelang es Urgyen Trinle eigenhändig, über seine eigenen Füße zu stolpern. Die Erziehung des jungen Mannes war dergestalt, dass es ihm gelang, sich den Zorn der gesamten indischen monastischen Gemeinschaft zuzuziehen, nachdem er beim Eintritt in das Allerheiligste des Mahabodhi-Tempel in Bodhgaya seine Schuhe angelassen hatte. Unter einem Aufschrei in der indischen Presse und der Drohung von Rechtsmaßnahmen wurde ein Bußgeld für die Verfehlung erhoben.

Kurze Zeit später - wiederum am Ort von Buddhas Erleuchtung - kam es zu weiteren Peinlichkeiten, als Urgyen Trinle sich unkontrollierbar in Krämpfen schüttelte und wand, während er eine Einweihung gab. Der junge Mann fiel in Ohnmacht, während er anscheinend eine "gechannelte" Botschaft an den Dalai Lama bezüglich der Zukunft Tibets übermittelte. Dies mag vielleicht eine nützliche Funktion als Orakel gewesen sein, aber ein solches Verhalten ist nicht das eines Karmapa. Offensichtlich war es auch nicht das erste Mal, dass der junge Mann in Ohnmacht fiel.

Am 15. April 2000 veröffentlichte eine Reihe von indischen Zeitschriften einen Bericht anlässlich der Tatsache, dass Urgyen Trinle in ein Krankenhaus gebracht worden war. Unter den Tests, die mit dem unpässlichen Vierzehnjährigen, der über 1,80 Meter groß ist, gemacht wurden, waren auch einige Röntgenaufnahmen. Die teilnehmenden Ärzte waren einigermaßen erstaunt zu entdecken, dass die Epiphyse in seinen Knochen vollständig ausgewachsen war. Dieses Phänomen tritt nicht auf, bevor das Wachstum mit 19 oder 20 abgeschlossen ist. Ihr Fund veranlasste die Ärzte, eine Reihe ausführlicher Tests durchzuführen. Professor S.K. Sharma, ein Doktor aus Chandigarh, berichtet, dass man zu dem Schluss kam, dass Urgyen Trinle zwischen 23 und 27 Jahre alt sein müsse. Der medizinischen Untersuchung zufolge ist Urgyen Trinle ziemlich sicher vor dem Tod des 16. Karmapa geboren worden.

Zeitschriften in Asien zeigten neulich ein Photo von Urgyen Trinle, das ihn auf einem niedrigeren Thron zeigt, wie er Belehrungen vom Dalai Lama erhält. Niemals in der Geschichte befand sich der Dalai Lama in der Rolle eines Lehrers des Karmapa.

Am 16. März 2001 wurde in Kathmandu, Nepal, die 2. Karma-Kagyü-Konferenz abgehalten. Die Konferenz wurde einberufen um einen offensichtlichen Übernahme-Versuch der Kagyü-Linie von außen zu besprechen. Zu dem zweitägigen Treffen kamen Teilnehmer aus Karma-Kagyü-Zentren und -Klöstern von überall auf der Welt. Hier wurden bisher unveröffentlichte Informationen hinsichtlich der Karmapa-Angelegenheit gegeben um tieferen Einblick in den Ursprung der Krise zu geben. Man hatte lange Zeit angenommen, dass Situ Rinpoche und Gyaltsab Rinpoche alleine mit Chinas kommunistischer Regierung kooperiert hatten um ihr Komplott zur Inthronisierung eines falschen Karmapa in Tibet durchzuführen. Die Information, die Shamar Rinpoche in Kathmandu am 16. März enthüllte, war das fehlende Teil im Puzzle. Hier, vor 300 Repräsentanten aus aller Welt, ließ Rinpoche die Bombe hochgehen: Es war Seine Heiligkeit der Dalai Lama selbst, der den Plan von Anfang an ausgeheckt hatte. Die Intrige begann schon bevor der 16. Karmapa 1981 gestorben war. Zu dieser Zeit waren hochrangige Mitglieder der Gelugpa-Schule als direkte Gesandte S.H. Dalai Lama an bestimmte Kagyü-Lamas herangetreten, von denen man wusste, dass sie entweder unzufrieden waren oder dass ihre Loyalität für finanzielle Zuwendung anfällig war. Es wurde ein Plan zum Umgehen der authentischen Such-Prozedur und zum Einschmuggeln eines falschen Karmapa in die Welt ausgeheckt. Der letzte 16. Karmapa war dem Dalai Lama tatsächlich ein Dorn im Auge gewesen, nachdem es ihm gelungen war, die Autonomie jeder der tibetischen Linien zu sichern, statt dem ehrgeizigen und kontrollierenden Arm der tibetischen Exilregierung des Dalai Lama nachzugeben. Der 16. Karmapa hatte die Führerschaft übernommen um die Autonomie der einzelnen Linien zu sichern und wurde als Anführer der "14 Siedlungen" gesehen, einer Gruppe, die sich organisiert hatte um den Versuchen des Dalai Lama zu widerstehen, die Tibeter zu dominieren und die vier Linien unter den Schirm seiner eigenen Gelugpa-Machtbasis zu vereinen.

In der Nacht des 13. März 1977 wurde der Generalsekretär der "14 Siedlungen"-Gruppe in seinem Haus in Clemen Town, Nordwest-Indien, ermordet. Der Mörder wurde einige Tage später verhaftet und von Nepal an Indien ausgeliefert. Bei zwei verschiedenen Gelegenheiten gestand der Beschuldigte Amdo Rekhang Tenzin den Mord und dass er 300 000 Rupies dafür von der tibetischen Exilregierung bekommen habe. Er sagte auch aus, dass ihm von der gleichen Organisation eine noch viel größere Summe versprochen worden war für die Ermordung des 16. Karmapa selbst. S.H. Karmapa war auch gegen Feinde aus seiner eigenen Linie nicht völlig gefeit. Es fand sich jedoch nie genug Mut, dass sich die ehrgeizigen Intrigen dieser Leute während seiner Lebenszeit offen hätten ausdrücken können.

Shamar Rinpoche erklärte der Konferenz in welcher Weise sich die Verschwörung zur Vernichtung der Kagyü-Linie entfaltet hatte. Die anfänglichen Annäherungen des Dalai Lama richteten sich an einen prominenten Kagyü-Lama namens Thrangu Rinpoche. Anscheinend war der Köder attraktiv genug für diesen hingebungsvollen Buddhisten um sich die zusätzliche Kooperation dreier anderer hochrangiger Kagyüs zu angeln. Diese Gruppe, bestehend aus Thrangu, Situ, Gyaltsab und Bokar Rinpoche, heckte auf Drängen des Dalai Lama emsig einen Plan aus, der selbst Machiavelli wie einen Novizen aussehen ließe. Das Resultat ihres Planes war die Inthronisierung des Jungen Urgyen Trinle in Tibet. Der Coup wurde in direktem Widerspruch zu der bekannten Autorität Shamar Rinpoches ausgeführt, dem höchstrangigsten Kagyü-Lama. Keiner der Mönche des 16. Karmapa oder der Mitglieder des von ihm gegründeten Vereins war zu der großen und von der chinesischen Zentralregierung prunkvoll gestalteten Inthronisation eingeladen worden.

Zurück im Kloster Rumtek, hatten sich am 16. Juni 1992 die meisten Kagyü-Lamas für die Rituale versammelt, die in den 49 Tagen nach dem tragischen Tod von Jamgön Kongtrul Rinpoche ausgeführt wurden. Die besondere Gelegenheit war anscheinend reif für einige deftige politische Winkelzüge. Die meisten Kagyü-Lamas unterschrieben - unter direktem Druck von Situ Rinpoche - eine gewichtige Petition, die ihre einmütige Unterstützung für Urgyen Trinle zum Ausdruck brachte und eine andere mit Danksagungen an S.H. Dalai Lama für seine Anerkennung Urgyen Trinles. Anfang August 1993, unterschrieben auch die meisten von Karmapas Mönchen eine ähnliche Petition. Dies geschah in hohem Maße aufgrund der Tatsache, dass eine Pistole auf sie gerichtet war, die niemand geringerer als der Chef der sikkimesischen Polizei, Suran Oshi, in der Hand hielt. Einigen wenigen mutigen Seelen gelang es, der völligen Kompromittierung ihrer Werte durch Flucht mitten in die Nacht zu entgehen.

Dies ist nicht das erste Mal, dass ein Dalai Lama in Versuche verwickelt ist, einen selbst ausgewählten Karmapa zu inthronisieren. Eine ähnliche Situation hatte es zur Zeit des 13. Dalai Lama in Tibet gegeben, als dieser den Sohn einer seiner Minister als Wiedergeburt des 15. Karmapa anerkannte und bestätigte. Erst nach diesem Debakel trat derjenige, der die Anweisungen des 15. Karmapa hatte, hervor und enthüllte die Umstände zur Auffindung des authentischen 16. Karmapa Rangjung Rigpe Dorje. Zu jener Zeit war die Einmischung des Dalai Lama von den rangälteren Kagyü-Lamas ignoriert worden.

Shamar Rinpoche erzählte den Anwesenden von dem Treffen, das er mit S.H. dem Dalai Lama am 20. Juni 2000 in Washington D.C. gehabt hatte. Während dieses Treffens betonte Shamar Rinpoche gegenüber S.H. Dalai Lama, dass die Karmapas und die Shamarpas über Jahrhunderte hin die Autorität in der Karma-Kagyü-Linie innehatten. Er erklärte S.H. auch, dass er selbst Thaye Dorje als den echten 17. Karmapa identifiziert und erkannt hätte, in Übereinstimmung mit den traditionellen Methoden der Kagyü-Linie. Shamar Rinpoche legte dar, dass S.H. sich direkt in die Karmapa-Angelegenheit eingemischt und sich anscheinend auf eine Seite geschlagen habe. S.H. Dalai Lama hatte vorher einmal erwähnt, dass es mehr als einen Karmapa geben könne. Shamar Rinpoche erklärte, dass er die Position des Dalai Lama in dieser Angelegenheit akzeptiere und zu einem Kompromiss bereit sei. Er bat S.H. Dalai Lama, seine Position öffentlich zu machen. Da Urgyen Trinle in Tsurphu eingesetzt ist, schlug Shamar Rinpoche vor, dass Tsurphu natürlicherweise sein Sitz sei. So könne er der Karmapa für China und Tibet sein. Im Gegenzug schlug Rinpoche vor, dass Thaye Dorje als der Karmapa für Indien und als Oberhaupt der Kagyü-Klöster dort unterstützt werden solle. Dieser Vorschlag wurde nicht nur abgelehnt, S.H. Dalai Lama ging noch weiter, seinen genauen Standpunkt hinsichtlich Urgyen Trinle in einer auf den 14. Juli datierten schriftlichen Antwort darzulegen. Der vom Sekretär des Dalai Lama geschriebene Brief sagt aus: "Ich möchte darauf hinweisen, dass die letztendliche Anerkennung Seiner Heiligkeit nicht nur auf Basis des Prophezeiungsbriefes und anderer Informationen, die S.H. gegeben wurden, erfolgte, sondern auch durch Anzeichen, die S.H. selbst zuvor hatte." Im selben Brief an Shamar Rinpoche legt S.H. Dalai Lama seine Position noch genauer dar: "Es kann nur einen Karmapa geben, Urgyen Trinle, der von S.H. Dalai Lama offiziell anerkannt ist und der der Thronhalter ist. S.H. erklärte weiter, dass es überhaupt keine Frage sei, dass Rumtek auch der Sitz des 17. Karmapa Urgyen Trinle, der jetzt ins Exil komme, sei, da das Kloster Tsurphu der ursprüngliche Sitz des 16. Karmapa war, der selbst das Kloster Rumtek in Sikkim gegründet hatte, nachdem er ins Exil ging."

Shamar Rinpoche erklärte der Konferenz, inwiefern dies eine völlige Abweichung von der Praxis und Tradition der Karma-Kagyü ist. Er sagte in seiner Rede: "Der Dalai Lama eignete sich die Position eines religiösen Schiedsrichters an, mit den spirituellen Kräften und der Autorität, die Karmapas anzuerkennen. Ein Schritt, der gemacht wurde um die Kagyü-Schule zum Gelugpa-Orden zu konvertieren!"

Shamar Rinpoche erzählte dem Publikum von einem weiteren Vorschlag, den er dem Dalai Lama gemacht habe, um die Einheit der Linie zurückzugewinnen: "Ich schlug vor, dass die Angelegenheit von den Karmapas selbst gelöst werden solle. Nur von ihren Eltern begleitet, sollen Urgyen Trinle und Thaye Dorje sich treffen und miteinander zu einer zufriedenstellenden Lösung kommen. Ich hätte keinerlei persönlichen Gewinn von diesem Angebot gehabt und hätte ausschließlich das Wohl der Linie im Blick. Ich war auch überzeugt davon, dass meine Vorschläge den Interessen der Jungen am besten dienen würden. Wieder wurde mein Angebot jedoch nicht gewürdigt."

Was kann der Grund für diese lang geplanten feindlichen Übernahmeversuche sein? Während der Konferenz sprach Khenpo Tschödrag Tenphel als Vertreter der Mönchsgemeinschaft des Gyalwa Karmapa. Er sagte: "In der Zwischenzeit haben wir die Aktivitäten S.H. gegen unsere Schule analysiert und sind zu dem Schluss gekommen, dass er motiviert ist von seiner tiefen Abneigung gegen den verstorbenen Karmapa, der sich immer stark den zahlreichen Versuchen Seiner Heiligkeit widersetzt hat, die Karma-Kagyü-Schule unter seine Kontrolle zu bekommen. Es gab eine grundlegende Unstimmigkeit zu Karmapa, der stark für die spirituelle Freiheit und Unabhängigkeit seiner Schule eintrat."

Während er die Aktivitäten des Dalai Lama hinsichtlich der Verbreitung der reinen Lehren von Gewaltlosigkeit, Mitgefühl und Liebe in unserer Welt pries, wies Khenpo auch auf den anderen Aspekt der Arbeit des Dalai Lama hin. "Zugleich sehen wir jedoch, dass viele Bewunderer S.H. Dalai Lama nicht unterscheiden können oder wollen zwischen seinen rein religiösen Lehren und seinen politischen Aktivitäten." Zu der Frage, warum die Welt praktisch uninformiert ist über die Karmapa-Kontroverse, führte Khenpo Tschödrag aus: "Insbesondere die Medien in vielen westlichen Ländern wie den USA, Deutschland, Frankreich und anderen Ländern folgen häufig nur den populären, gut eingeführten Trends und Meinungen ohne selbst anständig zu recherchieren und die komplizierten unter der Oberfläche liegenden Realitäten tibetischer Angelegenheiten zu beurteilen."

S.H. Dalai Lama hat sich bewusst gescheut, seine namhafte öffentlich Rolle als Friedens-Stifter auch in der Frage des Karmapa-Konfliktes einzunehmen. Er wusste die ganze Zeit, dass die Krise, die so vielen Leuten Leid gebracht hatte, sich um einen ganz klaren Streitpunkt dreht. Die Klärung dieses Punktes hatte die ganze Zeit das Potenzial die gesamte Angelegenheit völlig aufzulösen. Es geht dabei um den ursprünglichen Prophezeiungsbrief, den Situ Rinpoche öffentlich als die Grundlage seines Anspruches anführte, einen Karmapa anzuerkennen. S.H. der Dalai Lama hat nicht ein einziges Mal in den Ruf derer eingestimmt, die fordern, dass dieser Brief gerichtswissenschaftlich untersucht wird. Dieser einfache und logische Akt hätte jede Frage, ob er Partei ergriffen habe und politisch gehandelt habe, abgeschnitten. Shamar Rinpoche hat wiederholt die Fälschung in formellen Appellen an den Dalai Lama zur Sprache gebracht. S.H. Dalai Lama hat neulich jedoch anscheinend die Tür zu auch dieser Möglichkeit geschlossen, nachdem er verkündet hatte, er hätte Urgyen Trinle unabhängig von dem Brief, aufgrund seiner eigenen spirituellen Einsicht, ausgesucht.

Man mag sich auch wundern, warum S.H. Dalai Lama als Friedens-Nobelpreisträger nie versucht hat eine friedliche Lösung herbeizuführen, nachdem das Kloster Rumtek im August 1993 gewaltsam von Mitgliedern von Situ Rinpoches Kadern übernommen wurde, und nachdem es dort zu unvorstellbar grausamen Handlungen und sogar Mord gekommen war. Die Mönche des 16. Karmapa werden bis heute am Betreten ihres Klosters gehindert und leben unter beengten Verhältnissen in einem Haus in der Nähe, das Shamar Rinpoche gehört. Diese Ereignisse fanden indirekt als Folge der völligen Unterstützung Situ Rinpoches und seines Kandidaten durch den Dalai Lama statt. Dieser wankte nicht einmal, als Situ Rinpoche von der indischen Regierung wegen "anti-indischer Aktivitäten" aus Indien verbannt war. Es ist wichtig im Geist zu halten, dass von vornherein S.H. der Dalai Lama weder legal noch in anderer Hinsicht irgendein Recht auf Einmischung in die Auswahl eines Karmapa hat.

Shamar Rinpoche hat jetzt eine klare Linie gezogen. Er hat in Kathmandu gesagt, dass die Kagyü-Linie "unter allen Umständen bewahrt werden muss." Hinsichtlich der derzeitigen Situation der Einmischung durch S.H. Dalai Lama, sagte Shamar Rinpoche: "Die Versuche des Dalai Lama, die Kagyü Schule in den Gelugpa-Orden zu zwingen, müssen auf der Stelle gestoppt werden. Bedauerlicherweise haben sich Situ Rinpoche und Thrangu Rinpoche, eng gefolgt von Gyaltsab und Bokar Rinpoche, auf dieses Eindringen des Dalai Lama eingelassen und damit eine Krise von noch nie gesehenem Ausmaß in der Karma-Kagyü-Geschichte herbeigeführt. Ihre kurzsichtigen und dem eigenen Wohl dienenden Geschäfte mit den kommunistischen Chinesen und ihre törichte Unterwerfung unter die Macht der Gelugpa-Schule bringen die Selbständigkeit unserer Linie in höchste Gefahr. [...]. Wir ringen um das Überleben des Karma-Kagyü-Segens; unser Ziel ist es, Buddhas unvergleichliche Methoden zu bewahren, mit denen man Wesen helfen kann, Erleuchtung zu erlangen. Diese Methoden wurden über Jahrhunderte von Meistern und Lehrern gehalten und weitergegeben. Sie dürfen heute nicht durch Korruption von innen und Aggression von außen verschwinden."

Die Tatsache, dass die Kommunisten, nur kurz nachdem S. H. Dalai Lama Stellung in der Karmapa-Angelegenheit bezogen hatte, genau das Kind entführten, das er als den richtigen Panchen Lama ausgewählt hatte, entbehrt nicht der Ironie. China hat stattdessen seinen eigenen politischen Kanditaten als den Panchen Lama eingesetzt. Bei mehreren Begegnungen in der Vergangenheit betonte Lama Ole Nydahl Seiner Heiligkeit gegenüber: "Wenn Du uns einen Karmapa gibst, den wir nicht wollen, bekommst Du einen Panchen Lama, den Du nicht willst und er wird einen Dalai Lama aussuchen, den niemand will."

Die größte Ironie besteht jedoch darin, dass der Dalai Lama bei einer Intrige mitgemacht hat, die bedeutet dass er mit der kommunistischen Führung Chinas zusammenarbeitet, um die Aktivität des Karmapa, eines großen Tibetisch-Buddhistischen Meisters, zu vernichten. Eben dieses kommunistische Regime hat in einer Völkermord-Kampagne kurz zuvor nahezu 20 Prozent der Landsleute des Dalai Lama ermordet!

Als Resultat der einmütigen Übereinstimmung unter den Delegierten in Kathmandu, wurde ein offener Brief an S.H. Dalai Lama verfasst. Man wusste zum Teil bereits die ganze Zeit über die Rolle Seiner Heiligkeit in der Karmapa-Angelegenheit Bescheid. Im Lichte der letzten Enthüllungen durch Shamar Rinpoche beschloss man, dass die Zurückhaltung der Kagyüs bezüglich der Auseinandersetzung mit der Rolle des Dalai Lama in dieser Angelegenheit, vielleicht zu weit gegangen war. Der Brief wurde in aller Form von einer offiziellen Kagyü-Delegation dem Büro S.H. des Dalai Lama in Kathmandu übergeben.

Ein großer Teil der Kagyü-Welt wartet jetzt darauf zu sehen, wie der Dalai Lama auf die Frage antworten wird, warum er sich in die Auswahl einer Karmapa-Wiedergeburt eingemischt hat.


(aus dem Englischen: Detlev Göbel) 

Brooke Webb ist 47 Jahre alt und Akupunkteur. Er ist seit 1991 Buddhist und lebt im Zentrum San Francisco.