Aus: Buddhismus Heute Nr. 33, ( 2001)

Sieben Punkte zur Meditation - Teil 1

Von Künzig Shamar Rinpoche

Meditation hat den Zweck, die wahre Natur des Geistes zu erkennen, Buddhaschaft zu erlangen. Der Geist ist die Grundlage für sowohl unsere derzeitige Erfahrung der bedingten Existenz als auch für Erleuchtung. Erleuchtung bedeutet, die wahre Natur des Geistes zu erkennen, wohingegen man sich im gewöhnlichen Leben dieser Natur nicht bewusst ist.

Wie sollen wir verstehen, dass alles eine Erscheinung des Geistes ist? Zur Zeit erleben wir verwirrte Geisteszustände, die zu Störgefühlen wie Zorn, Anhaftung, Dummheit, Eifersucht und Stolz führen. Die wahre Natur des Geistes ist aber frei von solchen Störgefühlen. Wenn wir Störgefühle erleben, neigen wir dazu sie auszuleben. Solche Handlungen hinterlassen dann Eindrücke in unserem Geist - Gewohnheiten oder Tendenzen, die Welt in einer bestimmten Weise zu erleben. Wenn eine solche Tendenz später aktiv wird, führt dies zu der Erscheinung einer illusionären Welt.

Selbst ein winziger Eindruck im Geist kann ein Leben voll Illusion bewirken. Die Welt, die wir jetzt erleben, beruht auf solchen Eindrücken die von früheren Handlungen erzeugt wurden. So setzt der Geist die Illusion fort. Es gibt keine Grenze dafür, wieviele Eindrücke der Geist speichern kann und jeder davon erzeugt immer weiter Illusionen. Deswegen ist die bedingte Existenz, die jetzt von uns erlebte Welt, ohne Anfang und Ende. In dieser Weise ist alles was wir erleben, ein Produkt unseres Geistes.

Worum es bei der Meditation geht, ist mit geschickten Methoden die Illusionen zu entfernen. Wenn wir in einem Moment die Unwissenheit entfernen könnten, würden all die endlos vielen karmischen Eindrücke natürlicherweise wegfallen.

Verschiedene buddhistische Linien betonen unterschiedliche Arten von Meditation. In der Kagyü-Tradition ist es das "Große Siegel", Mahamudra. In der Nyingma-Tradition ist die Hauptpraxis die "Große Vollendung", Maha Ati. In den Gelugpa- und Sakya-Traditionen beinhaltet die Praxis der Yidam-Meditationen eine Verschmelzungphase bei der der Weisheitsaspekt des Yidam sich in einen selbst auflöst. Dies ist eine Art Einsichts-Meditation, ähnlich dem "Großen Siegel". In der Theravada-Tradition ist die erste Praxis, den Geist auf dem Atem oder einer Buddha-Statue ruhen zu lassen, wonach dann die Hauptpraxis der Kontemplation auf Egolosigkeit folgt.

All diese verschiedenen Meditationsstile können zusammengefasst werden in zwei allgemeine Kategorien: Die erste ist Meditation der Geistesruhe, des Verweilens. In Sanskrit heißt sie Shamatha, in Tibetisch Shine. Die zweite ist die Meditation der Einsicht, Vipassana in Sanskrit, Lhagtong in Tibetisch.

Alle buddhistischen Meditationspraktiken können eingeordnet werden in die beiden Gruppen des "Verweilen" und der "Einsicht", Shine und Lhagtong. Diese beiden werden im folgenden allgemein in sieben Punkten beschrieben.


Die Bedingungen für Meditationspraxis

Der erste Punkt hier ist die äußere Bedingung, die Basis für die Praxis von Shine und Lhagtong. Das bedeutet, dass man einen anständigen Platz zum Meditieren braucht, eine Stelle ohne Hindernisse. Es kommt zum Beispiel vor, dass die Leute in manchen Gegenden etwas gegen Meditierende haben, was Probleme hervorrufen kann. Der beste Meditationsplatz ist einer, der von großen Meditierenden der Vergangenheit gesegnet wurde.

Wir brauchen aber auch bestimmte innere Bedingungen für eine gute Meditation. Die erste Qualität, die wir hier brauchen, ist nicht zu sehr an äußeren Sinnesobjekten anzuhaften und nicht völlig damit beschäftigt zu sein, das zu kriegen was wir wollen. Wir sollten einfach wenig Begierden haben. Die zweite Qualität ist, mit unserer derzeitigen Situation zufrieden zu sein.

Wie man diese beiden Qualitäten fördert, lässt sich am Beispiel von Eltern zeigen, die gegenüber ihren Kindern über Meditation reden. Wenn die Eltern gute Praktizierende sind, ermutigen sie ihre Kinder, indem sie sagen: "Versuche, nicht zu ehrgeizig zu sein. Strebe nicht zu sehr nach äußeren Dingen. Sei zufrieden mit dem was Du hast. In dieser Weise wirst du fähig sein, Meditation zu praktizieren. Anderenfalls verschwendest du nur deine Zeit." Eltern, die nicht meditieren geben den entgegengesetzen Rat: "Du solltest dich sehr anstrengen und äußerst ehrgeizig sein. Du solltest versuchen, sehr reich zu werden und vorwärts zu kommen. Sammle Besitz an und halte ihn fest. Anderenfalls verschwendest du unsere Zeit." Hier können wir erkennen, wie man solche Qualitäten richtig fördern kann.

Der dritte Punkt ist, nicht in zu viel Aktivitäten und Verantwortungen verwickelt zu sein. Wenn wir zu beschäftigt sind, werden wir nicht fähig sein, Meditation zu praktizieren.

Der vierte Punkt ist, ein gutes Verhalten zu haben. Das bedeutet, dass wir negative Handlungen, die anderen schaden, vermeiden. Alle buddhistischen Versprechen haben mit dem Vermeiden negativer Taten, die schlechtes Karma bringen, zu tun. Es gibt verschiedene Arten von Versprechen: die der Laien, der Novizen, der voll ordinierten Mönche und der Bodhisattvas. Wenn Laienpraktizierende Meditation üben, können sie die fünf Laien-Versprechen nehmen, die in Sanskrit Upasaka-Versprechen heißen. Das beinhaltet: Nicht töten, stehlen, lügen, andere sexuell schädigen, Alkohol oder Drogen nehmen.

Da unsere Hauptpraxis aus dem Bodhisattva-Weg besteht, ist es wichtig das Bodhisattva-Versprechen zu nehmen, das als Laienpraktizierender geübt werden kann. Mönche und Nonnen nehmen auch das Bodhisattva-Versprechen - sowohl Laien- als monastische Praktizierende können die Bodhisattva-Praxis mit den Upasaka-Versprechen kombinieren. Marpa der Übersetzer war zum Beispiel ein Laien-Bodhisattva, wohingegen der indische Meister Nagarjuna ein Mönchs-Bodhisattva war. Beide waren erleuchtet.

Was ist nun erforderlich, um Lhagtong zu praktizieren? Hier ist es wesentlich, einem guten Lehrer zu folgen und sich auf ihn zu stützen jemandem, der die Lehren korrekt erklären kann. In der Theravada-Tradition muss ein Lehrer fähig sein, die Meditation auf die Egolosigkeit aus seiner eigenen Erfahrung heraus zu erklären. In der Mahayana-Tradition muss der Lehrer ein Verständnis von Leerheit haben - den Madhyamaka-Lehren - und sie klar darlegen können.

Die zweite Qualität für die Lhagtong-Praxis ist, dass man die Lehren die man erhalten hat, gründlich analysiert. Wenn wir Mahayana-Belehrungen über die Leerheit bekommen haben, sollten wir verschiedene Kommentare dazu studieren und von unserem Lehrer Anweisungen darüber bekommen, wie sie zu verstehen sind. Dann analysieren und durchdenken wir diese Belehrungen und Anweisungen, was unserer Lhagtong-Praxis großen Nutzen bringen wird.


Hindernisse für die Meditationspraxis

Bei dem zweiten der sieben Hauptpunkte geht es um eine Erklärung der acht Hindernisse oder falschen Geisteszustände, die uns von guter Meditation abhalten können.

Geistige Wildheit
Das erste Hindernis ist Wildheit. Hier wird der Geist sehr aktiv damit etwas zu wollen oder abzulehnen. Der Geist denkt immer und immer weiter darüber nach. Dieses Denken und sich mit anderen Sachen beschäftigen statt zu meditieren, wird geistige Wildheit genannt.

Bedauern
Das zweite Hindernis ist Bedauern. Es bedeutet, über etwas nachzudenken, das schon geschehen ist. Es ist vorbei und kann nicht mehr geändert werden. Und doch fühlen wir großes Bedauern.

Schwere
Das dritte Hindernis ist Schwere und hat mit Karma zu tun. Schwere bedeutet hier, dass ihr etwas Positives tun wollt, zum Beispiel meditieren, aber das Gefühl habt, dass ihr es nicht könnt. Ihr fühlt euch körperlich und geistig sofort müde und schwer. Aber sobald man etwas Negatives tun will, ist man plötzlich sehr aktiv und frisch.

Dumpfheit
Das vierte Hindernis ist Dumpfheit, oder Mangel an Klarheit. Hier sollten wir unterscheiden zwischen sich schwer und sich dumpf fühlen. Beide haben mit Karma zu tun, aber Dumpfheit hängt enger mit unserer Gesundheit und unserem physischen Zustand zusammen. Ein Beispiel ist, wenn man Zucker isst. Zuerst bringt das den Blutzucker-Spiegel hoch, aber dann fällt er sehr tief runter und man spürt diese Art von Dumpfheit.

Zweifel
Das fünfte Hindernis ist Zweifel. Dies ist ein fundamentales Problem für sowohl Shine als auch Lhagtong. Zweifel bedeutet, dass wir uns unsicher sind. Zum Beispiel denken wir: "Vielleicht gibt es Erleuchtung, vielleicht aber auch nicht." Dann wird man nicht gut meditieren, weil dieser Zweifel einen runterzieht. Manchmal macht man Fortschritte, aber dann zieht einen der Zweifel wieder zurück. Es ist ein sehr hartnäckiges Hindernis.

Böswilligkeit
Das sechste Hindernis ist, dass man anderen Negatives wünscht. Das bedeutet, skrupellos, selbstsüchtig und arrogant zu sein. Man wird eifersüchtig und fängt an, starke Abneigung gegen andere zu entwickeln. Dies ist ein sehr ernsthaftes Hindernis für Meditation.

Anhaftung
Das siebte Hindernis - gierig und anhaftend zu sein - ist nicht ganz so schlimm. Es bedeutet einfach, dass man viele Begierden hat.

Schläfrigkeit
Das letzte Hindernis ist Schläfrigkeit. Man wird völlig unbewusst und schläft ein.

Fünf Arten der Ablenkung
Für Shine und Lhagtong gibt es noch ein weiteres Set von Hindernissen. Sie werden die "Fünf Arten der Ablenkung" genannt.

Ablenkung von der Verpflichtung
Die erste Ablenkung ist, das Mahayana aufzugeben. Die Meditationspraktiken des Mahayana sind extrem weit. Wenn man von ihnen hört, könnte man sich entmutigt fühlen. Man hört Belehrungen vom Hinayana und kommt fälschlicherweise auf die Idee, mit ihnen in diesem Leben Befreiung erlangen zu können. Obwohl die Hinayana-Meditationen nicht so ausgedehnt sind wie die des Mahayana, erliegt man der Täuschung zu denken, man könne mit ihnen schneller Resultate erlangen. Das Mahayana für das Hinayana aufzugeben ist eine große Ablenkung.

Äußere Ablenkung
Das zweite ist äußere Ablenkung und bedeutet, dass man übermäßig mit Sinnesfreuden beschäftigt ist, und damit wie man reich werden und Luxus erlangen könnte.

Innere Ablenkung
Das dritte ist die innere Ablenkung, die verschiedenen Geisteszustände, die die Meditation stören. Diese sind insbesondere Wildheit und Dumpfheit. Eine andere innere Ablenkung entsteht in fortgeschritteneren Praktiken. Wenn man in der Meditation geübt ist, entsteht eine angenehme innere Ruhe. Dieses angenehme geistige Gefühl ist sehr erleichternd, weil der Geist sehr ruhig geworden ist. An dieser Ruhe anzuhaften ist ein Hindernis.

Ablenkung durch Wunderkräfte
Die vierte Ablenkung hängt mit dem Verständnis der Natur der Dinge zusammen. Man könnte es auch Ablenkung durch Wunderkräfte nennen. Durch die Verwirklichung von Shine, kann man sich sehr tief auf die physische Natur der Dinge konzentrieren und ihr Erscheinen manipulieren. Es ist Kontrolle durch Konzentration.

Im Buddhismus wird gelehrt, dass physische Dinge aus vier Elementen bestehen: Erde, Wasser, Feuer und Luft. Durch Konzentration im Sinne des Shine, kann man die Elemente verändern. Wasser wird Feuer, Feuer wird Luft, und so weiter. In unserem derzeitigen Entwicklungsstadium können wir nicht verstehen, wie solch eine Kraft funktioniert. Es ist nicht etwas, was man durch die Naturgesetze erklären kann. An solche Wunderkräfte anzuhaften macht ein Hindernis aus.

Negative Geisteszustände
Die fünfte Ablenkung ist die eines negativen Geisteszustandes. Wenn man Shine vervollkommnet hat, wird es sehr tief und stabil. Aber Shine ist begrenzt darauf, den Geist verweilen zu lassen; es ist immer noch Ego-Haften dabei. Erst durch die Praxis des Lhagtong wird Ego-Haften aufgelöst. Wenn man also nur immer weiter Shine praktiziert und es immer tiefer und weiter wird, man aber kein Lhagtong anwendet, führt dies zur Ablenkung eines negativen Geisteszustandes.

Zur Zeit sind wir als Menschen wiedergeboren worden und unsere Körper entstanden aufgrund von Handlungen in früheren Leben. Wenn das Karma für eine menschliche Existenz verbraucht ist, sterben wir und werden woanders geboren, in Abhängigkeit von unseren früheren Handlungen. Wenn wir in diesem Leben nur Shine ohne Lhagtong üben, so erzeugt dies das Karma für eine Geburt in einem Zustand ähnlich tiefer Meditation, aber immer noch in Samsara. Ein solcher Zustand kann sehr lange anhalten. Er ist sehr friedlich, aber es ist keine Befreiung. Wenn dann das Karma für das Verweilen in diesem Zustand verbraucht ist, fällt man wieder in die anderen Bereiche Samsaras zurück. Diese Ablenkung wird als ein negativer Zustand des Geistes beschrieben, denn Meditation die in dieser Weise falsch verwendet wird, führt nicht zur Befreiung sondern zu Wiedergeburt in der bedingten Existenz.

Es gibt vier Meditationszustände der Geistesruhe. Der erste ist eine Erfahrung von unendlichem Raum, der zweite ist den Geist als unendlich zu erleben, der dritte eine Erfahrung von Nichts-was-auch-immer, und der vierte ist die Erfahrung, dass alle Dinge weder existieren noch nicht existieren. Aber es ist immer noch keine Befreiung, nur aus dem Geist entstehende Erfahrungen. Man kann Millionen von Jahren in diesen Vertiefungen verweilen. Auf eine Art ist dies natürlich angenehm, aber es hat überhaupt keinen Nutzen, denn letztendlich fällt man doch wieder in die anderen Bereiche Samsaras.


Die Gegenmittel


Wildheit
Warum entsteht Wildheit? Sie kommt von gewöhnlicher Anhaftung an dieses Leben. Wir wurden mit einem menschlichen Körper geboren, haften natürlicherweise daran an und sind besorgt um ihn. Aufgrund der gewohnheitsmäßigen Anhaftung fangen wir an, uns um ihn Sorgen zu machen. Eigentlich gibt es jedoch nichts wirklich zu erlangen im menschlichen Leben. Wenn wir erstmal gestorben sind, existieren unsere Vorlieben und Abneigungen nicht mehr. Wenn man sich daran erinnert, gibt es keinen Grund mehr, nach etwas zu greifen oder über alles was geschieht so irritiert zu sein. Deswegen ist das Gegenmittel gegen Wildheit der Gedanke an die Vergänglichkeit. Sie zu verstehen beruhigt die Wildheit.

Wir können Vergänglichkeit sowohl in Meditation als auch im täglichen Leben überdenken. Auf einer groben Ebene geht das durch Meditation auf die Vergänglichkeit der Welt und der darin lebenden Wesen. Wenn man die Vergänglichkeit der Welt bedenkt, macht man sich klar, wie sich die Welt im Laufe der Zeit verändert. Die Jahre gehen vorbei, und jedes Jahr besteht aus verschiedenen Jahreszeiten: Winter, Frühling, Sommer und Herbst. Diese bestehen wiederum aus Monaten, diese aus Tagen, diese aus Stunden, diese aus Minuten, diese aus Sekunden usw. Jeden Moment verändert sich die Welt.

Wir können auch die Vergänglichkeit der Wesen in dieser Welt bedenken. Wir können uns klar machen, dass wir und alle Wesen ständig älter werden und dass wir alle sterben werden. Zuerst kommt Kindheit, dann das Erwachsensein, dann Alter und schließlich Tod. Niemand ist bisher dem Tod entkommen.

Man kann die Vergänglichkeit auch auf einer subtileren Ebene überdenken. Die physische Materie besteht aus winzigen Partikeln oder Atomen. Diese sind nie gleich und bewegen sich die ganze Zeit umher. Wie sie sich die ganze Zeit verändern, hören die Partikel in jedem Moment auf zu existieren und produzieren neue Partikel in anderen Kombinationen. Jeder Moment von Materie ist deswegen neu, da seine Partikel sich seit dem letzten Moment verändert haben.

Die Bedeutung von Shine ist die Konzentration, das Resultat ist geistige Ruhe. Obwohl Konzentration auf Vergänglichkeit nicht die Haupt-Shine-Praxis ist, kann sie auch zu Ruhe führen.

Auch in unserem täglichen Leben können wir uns Vergänglichkeit bewusst machen um unsere Anhaftungen zu vermindern. Was auch immer geschieht: Seid weder verletzt noch findet die Sachen sensationell. Welches Problem man auch haben mag - an Vergänglichkeit denken hilft. Anderenfalls ist man vielleicht geschockt, wenn plötzliche Hindernisse auftreten. Das Problem selbst mag sich nicht ändern, aber das Verständnis der Vergänglichkeit besänftigt eure Reaktion darauf.

Bedauern
Wenn wir Bedauern empfinden, sollten wir einfach verstehen, dass dies ein sinnloses Gefühl ist, da die Vergangenheit bereits vorbei ist. Wir können daran nichts mehr ändern, auch wenn wir jetzt noch so viel darüber nachdenken. Deshalb sollten wir lieber einfach loslassen und vergessen.

Schwere
Der beste Weg, körperliche und geistige Schwere zu überwinden, ist starkes Vertrauen und Zuversicht in die Qualitäten der Drei Juwelen zu entwickeln. Denkt über die herausragenden Qualitäten des Buddha nach. Denkt an die Qualitäten der Lehren die tiefgründigen Methoden, die uns zur Erkenntnis bringen. Die Lehren sind wahr, sie funktionieren tatsächlich. Schließlich denkt über die Qualitäten der Praktizierenden, des Sangha, nach. Sangha bezieht sich hier nicht auf gewöhnliche Mönche oder Laien, sondern auf Praktizierende die Erkenntnis erlangt haben. Durch das Entwickeln von Zuversicht und Vertrauen in die Drei Juwelen können wir das Hindernis der Schwere überwinden.

Dumpfheit
Das nächste Hindernis ist Dumpfheit, mangelnde Klarheit. Der Weg um damit zu arbeiten ist, sich selbst aufzufrischen, zu ermutigen und stimulieren. Wenn sich zum Beispiel ein General auf einen Krieg vorbereitet, beginnt er damit, die Moral seiner Leute zu stärken. Wenn Soldaten zögerlich sind, können sie ängstlich werden und vor Schreck erstarren. Aber mit gründlicher Ermutigung werden sie tapfer und können effektiv angreifen. Dumpfheit ist ein sehr subtiler Feind der in Meditation entsteht. Ihr müsst euch selbst ermutigen um ihn zu besiegen.

Zweifel
Das Mittel gegen Zweifel ist einfach Konzentration. Es ist von Anfang an besser, euren Zweifeln gar nicht zu folgen, sondern mit der Praxis weiterzumachen.
Ein anderer Weg, Zweifel zu entfernen, ist die Verwendung von Logik. Wenn wir zum Beispiel daran zweifeln, ob es wirklich einen Weg zur Erleuchtung gibt, sollten wir uns fragen, woraus den ein solcher Weg besteht? Der Weg ist, Unwissenheit zu entfernen. Und was ist Unwissenheit? Unwissenheit ist ein Produkt des Geistes und entsteht durch Haften an einem Ego. Indem man fortfährt, in dieser Weise zu analysieren, kann man Zweifel klären und schließlich beseitigen. Genau dies ist der Sinn des Studiums. Nicht jeder hat Zeit zum studieren, aber diejenigen die viel studiert haben, können den anderen helfen, indem sie ihnen Dinge in einfacher Weise erklären.

Böswilligkeit
Gegen das Problem, dass man anderen Schaden wünscht, solltet ihr über Güte nachdenken. Das kann man in zwei Weisen tun:
Eine ist, auf die wahre Natur des Geistes zu schauen. Güte ist nicht etwas Solides. Obwohl sie in ihrer Essenz leer ist, entsteht aber ein Gefühl von Güte im Geist.
Ein anderer Weg besteht darin, Güte zu entwickeln zuerst gegenüber denen, die ihr mögt: Eltern, Kinder, Freunde usw. Dann dehnt man das Gefühl langsam auf mehr und mehr Wesen aus. Diese Meditationen auf Güte sind sehr kraftvolle Praktiken. Wenn man sie verwirklicht hat, wirkt sich das auch auf andere Wesen aus. Ein Meditierender, der allein in seiner Höhle sitzt, kann damit alle Wesen die in der Gegend leben berühren. Menschen und sogar Tiere können natürlicherweise beginnen, ebenfalls Güte zu empfinden.

Anhaftung
Anhaftung oder zu viele Begierden haben, kann in der Weise kuriert werden, dass man über die Probleme nachdenkt, die mit Reichtum und viel Besitz einhergehen - man denkt über Ursache und Wirkung nach. Wenn ihr an eurem Besitz anhaftet, müsst ihr viel Arbeit investieren um ihn zu bewahren. Wenn man sieht, wieviel Mühe dafür nötig ist, nimmt die Gier automatisch ab. Eine andere Methode ist, über das Gefühl von Zufriedenheit nachzudenken und zu verstehen, wieviel Freiheit man hat, wenn man zufrieden ist mit dem was man hat.

Schläfrigkeit
Das nächste Hindernis ist Schläfrigkeit. Hier hilft es, sich Licht vorzustellen - wie der rote Herbsthimmel bei Sonnenuntergang. Es ist ein klares, sanftes rotes Licht. Stellt euch kein starkes Licht vor, auch kein direktes Sonnenlicht; das hilft nicht.

Wenn ihr euch an Meditation gewöhnt habt und sie für euch völlig natürlich geworden ist, werdet ihr eigentlich von diesen Problemen und Hindernissen nicht mehr gestört. Meditation ist dann ein Teil von euch geworden.
Wenn der Geist diese Ebene erreicht hat, wirkt sich das auch auf den Körper aus. All die Energien im Körper werden friedlich und ruhig, man fühlt sich sehr angenehm bei der Meditation. Normalerweise denken wir, der Körper würde den Geist kontrollieren, aber auf einer tieferen Ebene kontrolliert eigentlich der Geist den Körper. Wenn Meditation ganz natürlich geworden ist, übernimmt deswegen der ruhige Geist unser System und macht den Körper fit für die Meditation.

Um natürliche Meditation zu entwickeln, brauchen wir zwei Qualitäten: Geistesgegenwart und Erinnerung.

Geistesgegenwart bedeutet hier, sich dessen bewusst zu sein, was im Geist erscheint, ohne dass einem etwas entgeht. Dadurch bemerkt man, wenn in Meditation ein Problem wie geistige Wildheit auftaucht. Dann muss man sich erinnern, welches Gegenmittel anzuwenden ist.

Geistesgegenwart und Erinnerung gehen immer Hand in Hand. Sie sind wesentlich, wenn es darum geht, Meditation zu einem Teil von euch zu machen. Wenn ihr in Meditation geübt werdet, versteht ihr wie sie zusammenarbeiten.

Im allgemeinen fallen alle Hindernisse in die beiden Kategorien Wildheit und Dumpfheit. Als Schutz vor diesen beiden Hindernissen ist ein allgemeiner Rat nützlich: Vermeidet Abhängigkeiten von Rauchen, Trinken usw. Vermeidet auch, zuviel zu essen; das führt zu Dumpfheit. Arbeitende Menschen müssen natürlich genug essen, aber man kann sich dessen bewusst sein, was man isst. Ernsthafte Praktizierende, die viel sitzen, brauchen weniger zu essen. Aus diesem Grunde aßen die Mönche zur Zeit Buddhas nichts mehr nach ein Uhr mittags. Das hilft der Shine-Praxis und dem Geist. Auf dieser Ebene wirkt es sich nicht auf den Schlaf aus, wenn man auf das Abendessen verzichtet.

Normalerweise ist es den Mönchen verboten, Alkohol zu trinken. Lhagtong-Meditierenden wird aber empfohlen, ein bisschen zu trinken - aber natürlich ohne betrunken zu werden - denn Lhagtong entwickelt viel Energie, die Schlaflosigkeit bewirken kann. In anderen Praktiken taucht das nicht auf.

Ein weiterer Ratschlag hat mit Schlaf zur rechten Zeit zu tun: Geht nach zehn Uhr abends ins Bett und steht um 5 Uhr morgens auf. Wenn man erst nach Mitternacht zu Bett geht, hat der Schlaf nicht wirklich Nutzen, selbst wenn man acht Stunden schläft. Geht also vor Mitternacht ins Bett.


Künzig Shamar Rinpoche wurde in Ost-Tibet geboren und im Alter von vier Jahren vom 16. Gyalwa Karmapa als der 14. Shamarpa anerkannt. Shamar Rinpoche erhielt vom 16.Karmapa die vollständige Übertragung der Lehren der Kagyü-Linie und blieb bis zu dessen Tod im Jahre 1981 bei ihm. Nach dem Tod Karmapas widmete Künzig Shamar Rinpoche sich den vielen von Karmapa gestarteten Projekten. Es ist auch vor allem seiner Aktivität zu verdanken, dass die Wiedergeburt Karmapas der 17. Karmapa Thaye Dorje in Tibet gefunden wurde.
Shamar Rinpoche reist überall auf der Welt und lehrt in vielen Kagyü-Zentren. Er plant zugleich die Einrichtung eines Institutes für höhere buddhistische Studien und ein Zurückziehungs-Zentrum in Nepal.

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