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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 30, ( 2000)

Zentrentreffen mit Gyalwa Karmapa in Schwarzenberg

Von Detlev Göbel

Anläßlich des Besuches von Gyalwa Karmapa hatten Lama Ole Nydahl und sein Team die deutschsprachigen Zentren eingeladen, Vertreter zu einem Treffen am Schwarzenberg mit Karmapa zu schicken.

Die Idee war, Karmapa einen Eindruck von der Zentren-Landschaft - in Deutschland allein immerhin schon über 80 - zu geben. Im schön renovierten Meditationsraum des Haus Schwarzenberg trafen sich so am 2. Februar über 100 Menschen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Dänemark, um Karmapa in den nächsten drei Stunden von ihren Zentren zu erzählen und seinen Segen für die weitere Arbeit zu bekommen.

Das Treffen wurde mit einem Ständchen allgäuerischer Folklore - Gesang mit Gitarren-Begleitung eingeleitet. Bei den „Lobpreisungen" des Allgäu im Refrain konnte das Publikum die aufkommende Erheiterung nicht mehr zurückhalten und Karmapa - der ja noch kein Deutsch, geschweige denn Allgäuerisch versteht - schaute fragend-belustigt zwischen dem Trio und dem lachenden Publikum hin und her.

Caty Hartung gab für Karmapa eine kurze Einleitung: Sie erzählte, dass sich Vertreter der Zentren zwei mal im Jahr für einen Erfahrungsaustausch treffen, welche Funktion diese Treffen für die Zusammenarbeit der Zentren und die Arbeit innerhalb der Zentren haben, usw. Gabi Wohlfahrtstetter-Volenko aus Wuppertal berichtete Karmapa dann über die Geschichte der Organisation des Karma-Kagyü-Gruppen in Deutschland. Da es in den 70er-Jahren noch stark an Koordination zwischen den Zentren mangelte und es infolgedessen zu Problemen kam, rief Lama Ole Nydahl im Auftrag des 16. Gyalwa Karmapa den Karma-Kagyü-Verein ins Leben. Diesem gehörten fast alle Karma-Kagyü-Zentren an. Nach dem Tod des 16. Gyalwa Karmapa im Jahre 1981 bauten einige tibetische Rinpoches eigene Organisationen auf, statt die Zentren ihres verstorbenen Lehrers zu unterstützen. Lama Ole Nydahl ging dagegen an, um Karmapas Vermächtnis zusammenzuhalten und bis zu seiner Wiederkehr wachsen zu lassen. Er machte sich damit Feinde, da nicht jeder diese Vision teilen konnte oder wollte. Bald wurde klar, dass ein Verein für alle Kagyü-Zentren nicht ausreicht - die Vorstellungen über die Arbeit gingen zu sehr auseinander. 1990 wurden die Zentren von Sys Leube in Regional-Vereinen mit einem Dachverband organisiert. Dieses Modell hat sich bis heute bewährt. Es baut vor allem auf die Freundschaft und den Idealismus der Menschen, auf eine Graswurzelvernetzung aller Stellen ohne die Betonung auf Verwaltung und Hierarchien.

Nachdem Karmapa so einen Überblick über die Organisation der Zentren bekommen hatte, stellten sich nacheinander die einzelnen Länder, Regionen und Zentren vor: Zuerst Dänemark, dann Österreich, die Schweiz und dann die einzelnen Regionen Deutschlands.

Meistens wurde zuerst etwas über die Geschichte des Diamantweg-Buddhismus in den einzelnen Regionen erzählt, auch ein wenig über kulturelle, historische oder wirtschaftliche Besonderheiten. Anschließend erzählten die Vertreter der einzelnen Zentren über ihre Stellen. Viele bemühten sich, Besonderheiten ihrer Städte und Zentren herauszustellen, aber bei ca. 100 Zentren gab es natürlich viele Wiederholungen. Gyalwa Karmapa hörte sich alles sehr geduldig an, nickte immer wieder, fragte auch mal nach, wenn er etwas nicht verstanden hatte. Nach den Berichten wurden oft Spenden und Geschenke aus den Zentren überreicht - oft lokale Spezialitäten wie zum Beispiel Wein, mit dem Hinweis „für den Tsog"1.

Zwischendurch sprach Lama Ole Nydahl einmal über die Bedeutung der „Meditation auf den 16. Karmapa" in den Zentren. Er erzählte dem 17. Karmapa Thaye Dorje, dass der 16. Karmapa immer wieder gesagt hatte, dass Lama Ole diese Meditation verbreiten solle, und dass er sie immer in einer Weise lehren solle, dass sie ins Leben der Leute passt. Deswegen habe sich innerhalb der Meditation der Fokus mehrfach verschoben. Es gab Zeiten, wo die Aufbauende Phase besonders wichtig war, zu anderen Zeiten die Schwarze Krone, dann die Mantra-Phase. Zur Zeit liegt die Betonung besonders auf der Phase, wo man nach der Verschmelzung wieder in die Welt hinausgeht und Körper und Rede als Mittel sieht um den Wesen zu helfen. Lama Ole bedankte sich bei Karmapa, dass er uns in seiner letzten Inkarnation ein so tolles Mittel gegeben hat.

Gyalwa Karmapa hatte sich mehrere Stunden lang die Berichte der Leute angehört, offensichtlich mit voller Aufmerksamkeit und ohne ein Zeichen von Müdigkeit oder Ungeduld. Für viele „alte Hasen" war dieses Treffen durchaus ein bewegender Moment. Ohne dem 16. Karmapa je begegnet zu sein, hatten viele doch die Hingabe gehabt, 15 bis 20 Jahre lang dafür zu arbeiten, dass seine Wiedergeburt eines Tages im Westen lehren kann. Dieser Vormittag in Schwarzenberg war der Augenblick, in dem Karmapa das Resultat vieler Jahre Arbeit offiziell vorgestellt und übergeben wurde. Er selbst hatte jedoch bisher von sich aus nicht viel gesagt. Als das Treffen zu Ende ging, erzählte ihm Caty Hartung deswegen, dass die Zentren-Vertreter normalerweise nach diesen Treffen zurückfahren und in ihren Zentren etwas zu berichten haben. Ob Karmapa nicht ein paar Worte sagen könne, zum Weitererzählen daheim?

Zuerst erwiderte Karmapa, dass er eigentlich nichts Spezielles zu sagen habe, setzte dann aber doch zu einer kleinen Rede an: „Ich freue mich, dass es hier so viele Praktizierende gibt. Praktiziert gut. Ich weiß, dass Ihr sowieso gut praktiziert, aber bitte investiert noch mehr Konzentration und Energie in Eure Praxis. Wenn ich mit meiner Ausbildung fertig bin, werde ich alle Zentren besuchen."

 

1 Tsog-Pujas sind Diamantwegs-Rituale, bei denen auch Mönche, obwohl sonst an ihr Abstinenz-Versprechen gebunden, symbolisch eine kleine Menge Alkohol zu sich nehmen.


Detlev Göbel, Redakteur bei BUDDHISMUS HEUTE, nahm 1984 bei Lama Ole Nydahl die buddhistische Zuflucht.