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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 30, ( 2000)

Die Magie des Augenblicks

Der erste öffentliche Auftritt des 17. Gyalwa Karmapa in Europa

Er trat hinter dem Bühnenvorhang hervor und plötzlich stand die Zeit still. 6000 Menschen hielten für einen Moment den Atem an, bevor sie von ihren Stühlen aufsprangen und unter tosendem Beifall, unzähligen Pfiffen und Jubelrufen den 17. Gyalwa Karmapa Thaye Dorje , in Zentraleuropa begrüßten. Minutenlage Standing Ovations offenbarten sich als facettenreicher und geradezu magischer Moment.

Thaye Dorje war sichtlich berührt von einer derart überwältigenden Begrüßung.

Lopön Tsechu Rinpoche zeigte ein Gefühl tiefer Hingabe und im selben Moment war Lama Ole Nydahl im höchsten Maße freudvoll erregt. Für ihn war es der Zeitpunkt, an dem er seinem Lehrer das Resultat von dreißig Jahren härtester Arbeit präsentierte. Gleichzeitig fiel mir ein zentnerschwerer Stein vom Herzen und unermeßliche Dankbarkeit breitete sich aus. Wir hatten es geschafft! Ein Team von 200 ehrenamtlich arbeitenden Freunden hatte organisiert, improvisiert und das nahezu Unmögliche möglich gemacht.

Noch wenige Stunden zuvor hatte Gabi Volenko über ihr Handy vom Frankfurter Flughafen aus die letzten Anweisungen weitergegeben. Sonntagmorgens war es uns geglückt, die frische Farbe an den Wuppertaler Zentrumswänden trocknen zu lassen, im Garten die letzten Pflastersteine zu legen, zugleich einen blütengleichen Primaveraduft im ganzen Haus zu verteilen, tibetisch-traditionellen Rosinenreis zu kochen und unangemeldete Gäste im überfüllten Zentrumhaus unterzubringen. Hartmut, der eigentlich Lama Oles Chauffeur war, gelang es, alle guten Zeichen zu bewahren, indem er in Rekordzeit eine fehlende Statue in Köln abholte, während Karmapa, Rinpoche und Lama Ole bereits Wuppertal verließen und Richtung Veranstaltungsort aufbrachen. Hartmut jagte mit über 200 km/h nach Düsseldorf, was ihm drei Punkte in Flensburg einbrachte. Er erreichte währenddessen telefonisch die VIP-Kolonne, konnte diese veranlassen, langsamer zu fahren und überholte Karmapas Mercedes in der letzten Autobahnausfahrt vor der Philipshalle - mit der Statue auf dem Beifahrersitz, die Gyalwa Karmapa Minuten später von Lama Ole als traditionelles glücksverheißendes Zeichen, in Verbindung mit einem Text und einer Erleuchtungsstupa, symbolisch als Körper-, Rede- und Geistgeschenk, überreicht bekam.

Gyalwa Karmapa bedankte sich bei Lopön Tsechu Rinpoche, Lama Ole und allen, die von soweit her angereist waren und dieses denkwürdige Ereignis möglich machten.

Er bekräftigte, daß dies ein großartiger Moment sei, zum erstenmal in Europa mit all seinen westlichen Schülern zusammenzutreffen. Die Tatsache, daß wir uns hier in Verbindung mit Buddhas Lehre begegnen, liege in starken gemeinsamen Wünschen aus früheren Leben begründet und zeige, daß Lehrer und Schüler eine sehr gute Verbindung haben.

Mit seinem angenehm humorvollen Charme und der Tatsache, daß Thaye Doje jedes Detail von Zuflucht, Bodhisattva-Versprechen und der Einweihung in "Kraftvolles Langes Leben" (tib. Tsepame) auf Englisch erklärte, eroberte er die Herzen Aller im Saal. Mich berührte vor allem seine sehr verbindliche Art und das wirkliche Interesse an jedem Einzelnen, welches sich nicht zuletzt darin zeigte, daß er darauf bestand, sowohl am ersten wie auch am darauf folgendem Tag, während einer Einweihung auf den zweiten Karmapa, alle 6000 Besucher der Philipshalle einzeln zu segnen.

Am Dienstag morgen wurde Gyalwa Karmapa offiziell im Rathaus als Ehrengast der Stadt Wuppertal empfangen. Der SPD-Fraktionsvorsitzende begrüßte Thaye Dorje mit einem Buch der Stadtgeschichte. Karmapa verschenkte im Gegenzug eine Statue des Langlebensbuddhas, die im Rathaus ein neues Zuhause fand.

Caty Hartung hatte an diesem Abend eine kulturelle Abschiedssüberraschung geplant. Das Organisationsteam wurde zu einem gemeinsamen Essen mit Karmapa auf den Petersberg in Bonn geladen. Sybille und Stefan aus dem Kölner Zentrum präsentierten ein sehr einfühlsam ausgesuchtes klassisches Musik- und Gesangsprogramm, und wir fanden uns an einer riesigen, mit Rosenblättern dekorierten Tafel bei einem kulinarischen Schmaus über den Lichtern Bonns wieder. Für mich war es ein Tag der krassen Gegensätze. Waren mein Mann Reinhard und ich doch am selben Tag unter einem Schreibtisch auf dem Fußboden schlafend geweckt worden - wir hatten unser Zimmer für einen französischen Mönch bereitgestellt.

Bei seiner Tischrede hinterließ Thaye Dorje einen starken Eindruck bei vielen von uns. Er dankte allen für die geleistete Arbeit und betonte den zukunftsweisenden Aspekt dieser Zusammenkunft und den Vorteil, den sehr viele Wesen aus dieser Aktivität gewinnen. Es war dann aber sein letzter Satz, der mich zutiefst traf: "It is just the beginning."

Nach dem Essen verließen die Rinpoches in Begleitung von Hannah und Caty recht zügig das Restaurant und fuhren zurück nach Wuppertal. Niemand hatte darüber nachgedacht, daß Karmpas Limousinen bei weitem schneller fuhren als unsere älteren Gebrauchtwagen. So ergab es sich, daß die gesamte Abendgesellschaft vor verschlossener Tür stand und in einer recht frischen Winternacht auf die "Eingeborenen" warten musste.

Zum Abschied schenkten wir deshalb Karmapa Thaye Dorje nicht nur unsere Hingabe in Verbindung mit Tatkraft, sondern auch einen Türschlüssel für das Zentrumshaus.

Als Gyalwa Karmapa das Wuppertaler Zentrum bei leichtem Nieselregen am Morgen des 5. Januar verließ, standen wir alle viel zu dünn bekleidet, völlig erschöpft und mit einer leisen Wehmut im Herzen auf der Straße und winkten ihm zum Abschied zu, als er noch einmal die Scheibe seines Wagens herunterdrehte und rief: "I'll come back, I will come back soon!"

"Manchmal arbeitet man sehr hart aber es kommt nicht so viel dabei heraus, doch diesmal habt ihr hart gearbeitet und es hat sehr viel Sinn gemacht!"
Lopön Tsechu Rinpoche kurz vor seiner Abreise am 05.01.2000

Autor:
Kerstin Seifert (27) ist von Beruf Papierrestauratorin und seit 1980 Schülerin von Lama Ole. Sie studierte im KIBI fünf Jahre buddhistische Philosophie und lebt zusammen mit ihrem Mann seit 1990 im Buddhistischen Zentrum Wuppertal.