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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 3, (Winter/Frühjahr 1990)

Guru-Yoga - Den Segen Karmapas empfangen

Von Jamgön Kongtrul Rinpoche

Ich begleitete Seine Heiligkeit Karmapa, als er das zweite Mal Europa besuchte. Damals war ich auch an einigen Stellen in Deutschland, hatte seitdem aber keine Gelegenheit mehr, hierher zu kommen. Von den anderen Lamas habe ich jedoch gehört, wie gut sich die Lehre hier verbreitet hat, wie gut praktiziert wird, und ich hörte viel über die Aktivität von Ole und Hannah. Über das alles bin ich sehr zufrieden.

Die Lehre, die sich hier verbreitet hat, ist die Lehre Karmapas innerhalb der Kagyüpa-Schule. Der Buddha hat sehr viele Belehrungen gegeben, und es sind verschiedene Wege daraus entstanden. Unter diesen Wegen ist der Mahayana-Weg etwas ganz Besonderes. Was macht diesen Weg so besonders?

Buddha hat innerhalb des Mahayana sehr viele verschiedene Mittel gegeben. Alle entstammen höchster Weisheit und sind auf sehr hoher Ebene. Das Mahayana hat zwei Arten von Belehrungen: Sutra und Tantra.

Das Tantra ist spezieller als das Sutra, weil mehr Mittel zur Verfügung stehen. Die Methoden des Tantra (auch Vajra- oder Mantrayana genannt) werden auch als Frucht-Belehrungen bezeichnet, und es sind die höchsten Belehrungen überhaupt. Um sie richtig nutzen zu können, braucht man viel Vertrauen in die Methoden und viel Hingabe, womit jedoch kein blinder Glaube gemeint ist.

Wenn wir den Sutra-Weg gehen, dann werden wir zuerst sehr viel lernen müssen. Im Abidharma zum Beispiel gibt es viele Belehrungen über die äußere Welt und die Entstehung des Universums, und im Madhyamika gibt es sehr viele philosophische Belehrungen. Man untersucht damit intellektuell und logisch die äußere Welt und bekommt so ein Verständnis von der Essenz dieser Welt, ein Verständnis davon, daß es eben keine wirklich existierende Welt gibt.

Wenn wir so die Lehre studieren, dann ist es wichtig, daß wir sie nicht wie ein normales Studium betrachten. Es geht im Dharma nicht darum, nur mehr zu lernen, sondern irgendwann die Freiheit der höchsten Erleuchtung zu erreichen und von Leid frei zu werden. Das ist mehr als eine normale Ausbildung. Das Vajrayana ist ein sehr direkter Weg, damit der Dharma nicht nur etwas Äußeres bleibt, sondern zu einer Erfahrung wird.

Manche Leute denken zwar, daß es nicht reicht, nur zu meditieren, aber ich möchte, daß ihr versteht, daß es die Erfahrung ist, was wir unbedingt brauchen.

Es ist zwar auch gut, wenn wir verschiedene Texte studieren und etwas lernen, aber man muß sich im Klaren sein, was man damit erreichen kann. Wenn wir die Texte studieren wollen, haben wir zuerst die Sprachschwierigkeiten. Außerdem müssen wir bedenken, daß jemand in Tibet erst nach 20 bis 30 Jahren Studium als gelehrt galt. Ich selbst habe erst sechs Jahre lang die Sprache gelernt und dann 18 Jahre lang Texte studiert und bin noch lange nicht fertig.

Es wird also eine sehr lange Sache, wenn wir das tun wollen. Wir riskieren dabei, daß wir sehr viele Worte lernen, aber wenig von ihrer Bedeutung, obwohl es doch gerade das ist, was wir brauchen. Wir müssen zwar lernen worum es geht, aber die eigentliche Erfahrung bekommen wir nur durch die Praxis. Regelmäßige Praxis ist für uns sehr wichtig. Dadurch werden wir allmählich mehr und mehr verstehen, denn die Sicht wird von innen her als Erfahrung entstehen.

Um den Tantra-Weg zu gehen, sind Vertrauen, Hingabe und eine reine Sichtweise wichtig. Wir fangen damit an, uns selber als rein zu sehen, also in uns selbst, in unsere Buddha-Natur Vertrauen zu haben. Damit ist nicht gemeint, daß man in allgemein weltlicher Weise stolz wird und sich für besser hält als Andere, denn diese Buddha-Natur haben alle Wesen. Es bedeutet auch, den Mut zu haben, eine Praxis zu machen, ohne dabei zu denken, daß man es nicht schafft, daß man nicht praktizieren kann. Wir sollten darauf vertrauen, daß wir und alle Wesen die allerhöchste Weisheit schon in uns tragen.

Die erste Bedingung für Vajrayana-Praxis ist also Vertrauen in unseren eigenen Wert. Die zweite Bedingung ist Vertrauen in die "drei Juwelen", die Zuflucht. Das erste Juwel ist der Buddha, der Dharmakaya, jemand der völlig erleuchtet ist, jenseits von Begrenzungen und Fehlern, mit voll entwickelten Qualitäten. Das zweite Juwel ist die Lehre, unser Weg, all die Methoden, die Buddha gegeben hat. Das dritte Juwel ist die Sangha, diejenigen, die uns auf dem Weg helfen können.

Wenn wir Vajrayana praktizieren, dann vertrauen wir darüber hinaus auch auf die "drei Wurzeln": Lama, Yidam und Schützer. Der Lama ist die Quelle von Segen. Yidam ist die Quelle der Siddhis, der besonderen Fähigkeiten. Die Schützer sind die Quelle der Aktivität. Der Lama ist die Hauptwurzel und das Spiel seines Geistes, seine Aktivität sind Yidam und Schützer. Diese drei Wurzeln sind in keiner Weise verschieden von den drei Juwelen.

Wie ist es nun möglich, daß der Vajrayana-Weg der schnellste ist, daß er Erleuchtung in einem einzigen Leben ermöglicht? Dies hat mit dem Lama zu tun. Auf dem langsameren Bodhisattva-Weg bauen wir Verdienst - gutes Karma - auf und reinigen uns mit verschiedenen Methoden. Es wird gesagt, daß es sehr lange, drei unzählige Kalpas (Äonen) dauert, bis man sich von allem Negativen befreit hat und alles Positive voll entwickelt ist. Dies dauert so lange, weil unsere Handlungen aufgrund unserer störenden Gefühle immer gemischt sind und wir immer wieder Negatives tun, das uns zurückwirft. Wenn wir jedoch die Hilfe eines Lamas bekommen, dann kann durch unsere Offenheit der Segen des Lamas die Essenz unseres Geistes, unsere Buddha-Natur, die höchste Weisheit sehr schnell zur Entwicklung bringen.

Der Segen wirkt durch das Zusammenkommen unserer Offenheit und des Segens vom Lama. Es ist dann nicht nur unsere eigene Anstrengung, die uns dann vorwärtsbringt, sondern wir bekommen Hilfe durch den Lama. Das macht unseren Weg sehr schnell und direkt. Wenn der Segen von Körper, Rede und Geist des Lamas zu uns kommt und wir dadurch die Natur unseres Geistes sehen können, ist das wie das Aufwachen vom Schlaf der Unwissenheit.

Die Offenheit, die diesen Prozeß ermöglicht, ist mehr, als einen Lehrer nur zu mögen, weil er gut reden kann oder weil man ihn sonst irgendwie toll findet. Damit der Segen übertragen wird, ist es vor allem nötig, daß man den Lama als die Essenz aller Buddhas, als völlig rein sieht; dann wird die Hingabe sehr tief und rein sein, und der Segen kann ganz schnell wirken.

Das Mittel, um diese Hingabe zu entwickeln, ist Guru-Yoga, die Meditation auf den Lama. Bei uns ist dies die Karmapa-Meditation. Den Lama als die Essenz der Buddhas der drei Zeiten zu sehen bedeutet nicht, daß wir ihn in der physischen Form des historischen Buddha sehen sollen. Es geht darum, daß die Essenz seines Geistes der Dharmakaya ist. Der Dharmakaya zeigt sich dann in verschiedenen Formen ohne Begrenzung: auf Sambhogakaya- und Nirmanakaya-Ebene. Man kann das auch so verstehen: die Essenz des Lama-Geistes, also der Dharmakaya, ist der absolute Lama. Wie diese Essenz sich in den verschiedenen Formen zeigt, ist der relative Lama, wie wir ihn eben kennen. Es ist das, was wir sehen und hören können.

Wenn wir Guru-Yoga praktizieren, sollen wir alles als einen Ausdruck des Lamas sehen, als ein Spiel des Lamas. Wir sollten uns bemühen, alle Form als "Lamas Körper", allen Laut als "Lamas Rede" und alles im Geist als "Lamas Geist" zu sehen. Dies heißt nicht, daß sich die äußere Welt verändern soll bis sie wie die konkrete physische Form des Lama aussieht, sondern dass Erscheinung und Leerheit untrennbar sind. Alles was sich manifestiert, ist leer, und Leerheit manifestiert sich.

Diese Vereinigung von Manifestation und Leerheit heißt Lamas Körper, und dies zu verstehen, heißt alles in Lamas Form zu sehen. Lamas Rede bedeutet, daß die Essenz der Rede leer ist, also daß Laut und Leerheit untrennbar sind. Lamas Geist ist die untrennbare Vereinigung von Freude und Leerheit; alles, was im Geist geschieht, ist nicht zu trennen vom Wahrheitszustand. Dies ist auch die Bedeutung von "Dorje-Körper", "Dorje-Rede" und "Dorje-Geist".

Wenn wir auf den Lama meditieren, brauchen wir Vertrauen, damit sich Hingabe entwickeln kann, wir den Segen empfangen können und dann die Natur des Geistes erkennen. Unsere Kagyü-Linie ist insbesondere eine Übertragungslinie von Hingabe; in vielen Gesängen von Erleuchteten aus unserer Linie wird immer wieder betont, daß die Voraussetzung für das Erkennen der Natur des Geistes Hingabe ist. Die Hingabe ist wie ein Keim, ohne den nichts wachsen kann.

Man unterscheidet drei Arten von Vertrauen: die erste ist ein grundlegendes Vertrauen, so daß man überhaupt das Bedürfnis hat, den Dharma zu lernen und zu praktizieren und zum Beispiel nicht dazu gezwungen wird. Die zweite Art ist ähnlich, aber sie geht tiefer; das Bedürfnis zu praktizieren und sich anzustrengen wird größer, weil man wirklich versteht, wie wichtig es ist. Die dritte Art hat zu tun mit Vertrauen in die drei Juwelen und in das Gesetz von Karma. Man hat das tiefe Vertrauen, daß alle unsere Handlungen Folgen haben. Wenn wir diese drei Arten von Vertrauen haben, entsteht tiefe Hingabe. Unter Umständen kann es schwierig sein, eine solche ganz reine Hingabe zu jemandem mit einem physischen Körper zu entwickeln. Dann kann man sie zu einem Yidam entwickeln, was ebenfalls sehr gut ist.

Es gibt viele Arten von Guru-Yoga. Für uns als Schüler der Karma-Kagyü-Linie ist der Guru der Karmapa. Manche Leute sind dich nicht sicher, welcher Lama ihr Wurzel-Lama ist. Dies ist jedoch kein Problem, denn wenn wir zu einem Lehrer ein ganz spezielles Verhältnis haben, dann können wir ihn als unseren Wurzel-Lama nehmen und denken, daß Karmapa die Quelle für alle Lamas ist. Wenn wir gerne auf diesen Lama meditieren wollen, so können wir das tun. Wir sollten aber unbedingt denken, daß die Essenz dieses Lamas der Karmapa ist, daß dieser Lama eine Aktivität von Karmapa ist. Alles kommt von Karmapa.

Ich sage dies nicht nur, weil er mein eigener Lama ist, sondern weil es viele Ebenen von Tulkus, von bewußt Wiedergeborenen, gibt und der Lama Karmapa sich auf der höchsten Tulku-Ebene befindet. Das heißt, daß er voll erleuchtet ist und sich - um den Wesen zu helfen - wieder und wieder gebären läßt. Sein Name "Karmapa" heißt auch "Herr der Buddha-Aktivität". Die schwarze Krone wurde ihm im Moment seiner Erleuchtung von 100.000 Dakinis geschenkt. So wie ein König inthronisiert wird, so erhielt Karmapa von den Dakinis die Schwarze Krone als Zeichen seiner Erleuchtung und seiner Funktion als "der Mann der Aktivität aller Buddhas". Diese Krone ist, obwohl für uns nicht sichtbar, immer da. Später wurde sie materiell nachgemacht, damit auch wir sie sehen können als das Zeichen von Karmapas Aktivität.

Guru-Yoga ist die Essenz unserer Praxis, obwohl wir natürlich das ganze Ngöndro praktizieren sollten. Bei der Guru-Yoga-Praxis entsteht zuerst vor uns im Raum der Karmapa oder ein anderer Lama, der dann jedoch die Essenz Karmapas ist. Man konzentriert sich auf die Visualisation und betet sehr stark um den Segen des Lama. Hier ist es gut, wenn die Hingabe ganz stark ist, so stark wie möglich, ohne Zweifel und völlig jenseits von gewöhnlichem Denken. Es wird gesagt, daß die Hingabe so stark sein soll, daß man nicht darüber nachdenkt, ob es stimmt, wenn der Lama sagt, Wasser sei Feuer oder umgekehrt. Man hat nicht alle möglichen gewöhnlichen Gedanken im Kopf, sondern denkt an die absoluten Qualitäten des Lamas und hat Vertrauen dazu. Danach kommt sein Segen als Körper-Segen von seiner Stirn mit der Schwingung OM und weißem Licht, dann als Rede-Segen von seiner Kehle mit der Schwingung AH und rotem Licht und schließlich als Geist-Segen und seinem Herzzentrum mit der Schwingung HUNG und blauem Licht. Zuerst kommt jedes für sich und schließlich alle zusammen.

Durch diese Meditation werden Körper, Rede und Geist gereinigt, und wir bekommen den Segen von Körper, Rede und Geist des Lamas. Wir bekommen auch die vier Einweihungen, was sich später als die vier Kayas, die vier Buddha-Zustände, also Erleuchtung manifestieren wird. Wenn wir so meditiert und das Mantra KARMAPA CHENNO rezitiert haben, sind Körper, Rede und Geist von uns selber untrennbar geworden von Körper, Rede und Geist des Lamas und wir verweilen in diesem Zustand.

Wenn wir richtig Guru-Yoga praktizieren, ist es möglich für uns, den Segen zu empfangen und uns damit weiterzuentwickeln. Auch für eine Yidam- oder Schützer-Praxis gilt: ohne den Segen des Lamas geschieht eigentlich nichts. Besonders auf dem Mahamudra-Weg ist der Segen absolut notwendig; ohne ihn passiert nichts, die Erfahrung entsteht einfach nicht. Manche Leute denken, daß Guru-Yoga nur Vorbereitung ist, weil es zum Ngöndro, der Vorschulung gehört. Sie können seine Bedeutung deshalb nicht richtig schätzen. Aber wenn man seinen Geist erkennen will, dann gehört Guru-Yoga-Praxis einfach dazu, man muß es tun. Unsere Motivation dabei ist ebenfalls sehr wichtig. Wir sollten Bodhicitta, den Erleuchtungsgeist, entwickeln und meditieren, um anderen Wesen helfen zu können. Wir sollten immer wünschen, daß alle Wesen die Erleuchtung erlangen. Wenn wir mit dieser Einstellung Guru-Yoga praktizieren und auch wenn Guru-Yoga unsere Hauptpraxis ist, dann sind wir auf dem richtigen Weg.

Was genau ist eigentlich "Segen"?

"Segen" ist nichts Substantielles, das von außen kommt. Es ist der Prozeß, daß der Geist sich durch unsere Öffnung zum Lama entwickelt. Es ist das, was dann im Geist geschieht. Dabei gibt es verschiedene Arten von Segen, zum Beispiel Segen für langes Leben.

Man kann Texte über den Dharma lesen und so ein gewisses Verständnis davon bekommen. Aber wenn ein Lehrer einem dann genau dasselbe sagt, kann es passieren, daß der Geist sich in dem Moment so entwickelt, dass man wirklich ganz viel versteht. Das passiert, weil Segen da ist.

Was kann man tun, um Hingabe zu stabilisieren?

Das ist eine Frage der Zeit. Am Anfang ist die Hingabe manchmal sehr stark und manchmal nicht, genau wie das Vertrauen. Daß es sich so ändert, dass es auf und ab geht, ist eben Samsara, die bedingte Existenz, in der wir jetzt leben. Wenn wir regelmäßig praktizieren und auch unser Mitgefühl stärken, dann werden sich Vertrauen und Hingabe stabilisieren. Irgendwann später ist die Hingabe dann nicht mehr bedingt, sondern fest und stabil.


Von Jamgön Kongtrul Rinpoche