Ein Stupa in KalmückienVon Tolek SokolovIm Juli 1999 weihte Lopön Tsechu Rinpoche den großen Stupa in Elista, der Hauptstadt Kalmückiens im südlichen Wolga-Gebiet, ein. Der Bau dieses Stupa, nicht weit von den Krisengebieten Dagestan und Tschetschenien entfernt, wurde vor allem von Künzig Shamar Rinpoche und Lama Ole Nydahl gesponsort. Viele unserer Leser wissen wahrscheinlich, daß seit dem Fall des Kommunismus auch in Rußland der Buddhismus verbreitet wird, der im Westen seit den Sechzigern bekannt ist. Oft geschieht dies durch die gleichen Lehrer, wie zum Beispiel Lama Ole Nydahl. Aber wer weiß schon, daß sich - so wie sich Amerika von Osten nach Westen ausbreitete - Rußland von West nach Ost expandierte und dabei etliche Volksgruppen absorbierte, deren traditionelle Religion der Tibetische Buddhismus war? Eines dieser Völker sind die Kalmücken, ein westlicher Zweig der Mongolen, die wie alle Mongolen seit Jahrhunderten dem Diamantweg-Buddhismus angehörten. Im 17. Jahrhundert ließen sie sich in Kalmückien nieder, in der Don-Steppe, nahe dem Kaspischen Meer, wo sie erfolgreich ihre Tradition, Kultur und Religion beibehielten, bis zum Ausbruch der kommunistischen Revolution 1917. Sie praktizierten alle vier Hauptschulen des Tibetischen Buddhismus und erhielten die Karma-Kagyü-Übertragung direkt vom 2. Karmapa, Karma Pakshi. Im Zuge des Versuches der Kommunisten, ihr Utopia zu erbauen, wurden alle die Tempel und Klöster in Kalmückien zerstört und praktisch alle Lamas und Mönche getötet oder als Gefangene in Arbeitslager, Gulags, deportiert. 1943 wurde dann die gesamte kalmückische Bevölkerung im Zuge der Nationalitätenpolitik der damaligen Sowjetunion nach Sibirien deportiert. Sie kehrten erst 1956 nach Kalmückien zurück, als Stalin gestorben war. Dadurch gab es bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion nahezu keine Lamas oder lebende buddhistische Übertragung mehr in Kalmückien. Als aber verschiedene Lehrer den Dharma in den letzten Jahren dort verbreiteten, hatten sie für ihre Arbeit immerhin eine historische Grundlage. Seine Heiligkeit der Dalai Lama besuchte 1993 diese kleine Republik innerhalb der russischen Staatengemeinschaft. Es war auch dasselbe Jahr, in dem Lama Ole zum ersten Mal Elista, die Hauptstadt, besuchte, so daß man dieses Jahr als den Beginn der Wiederbelebung der Karma-Kagyü-Linie in Kalmückien bezeichnen kann. Aber, wie so oft in traditionell buddhistischen Ländern, glauben die Leute lieber, anstatt die Belehrungen als eine Praxis zu nehmen. Lieber beten sie zum Buddha oder verehren die Lamas als selber zu meditieren. Andererseits können durch solch blinden Glauben und Offenheit auch Dinge geschehen, die sonst im restlichen Rußland und Europa undenkbar sind. In der ganzen früheren Sowjetunion sind Regierungen - sowohl in ethnisch russischen als auch nicht-russischen Gebieten - bereit, bei der Wiederbelebung von Traditionen zu helfen, die von den Kommunisten unterdrückt wurden. Dies war das erste Mal seit der Erneuerung der Karma-Kagyü-Linie in Kalmückien, daß ihre Anhänger einen solch hohen und bedeutenden Stupa bauen wollten. Es war schwieriger die Höhe als die Bedeutung festzulegen, was ja schon Künzig Shamar Rinpoche, der wichtigste Linienhalter der Karma-Kagyü-Schule, getan hatte. Jeder wollte den Stupa so hoch wie möglich haben. Der Stupa war auf 16 Meter Höhe geplant, so daß er größer als alle umliegenden Gebäude wäre. Aber es ist offensichtlich: je höher der Stupa, desto mehr Baumaterial wird benötigt und desto größer sind die Kosten. Solch materiellen Probleme können die Erfüllung der besten Wünsche verhindern. Erst im Herbst 1998 kamen all die nötigen Bedingungen zusammen und es war möglich, mit dem Bau zu beginnen. Seit Shamarpas Besuch war eine ganze Zeit vergangen und Baupläne und Umgebung hatten sich verändert. Die Stelle, die ursprünglich für die Konstruktion gesegnet worden war, war anderweitig vergeben worden und eine andere Stelle wurde gefunden - sie war in vieler Hinsicht besser. Die Höhe des Stupa war auf mehr als die Hälfte gekürzt worden. Um den Stupa höher zu machen und dennoch innerhalb des Budgets zu bleiben, hatte schließlich Lama Ole Nydahl die rettende Idee. Er schlug vor, einen Unterbau zu konstruieren, so daß die vier Meter Höhe des Unterbaus den sieben Meter hohen Stupa auf insgesamt elf Meter verlängern würde. Obwohl solche Stupas nicht so häufig sind, findet man diesen Typ in Ladakh, in Nordindien. Im Raum unterhalb des Stupa sollten ein Altar und eine Gebetsmühle Platz finden, so daß jeder der hereinkommt, sowohl den Segen des Stupa als auch den des großen, mit 50 Millionen Om Mani Peme Hung -Mantras gefüllten Zylinders, bekommt. Die Leitung des Bauprojektes hatte unser guter Freund Sanal Batyrev, einer der ersten kalmückischen Schüler von Lama Ole und Präsident des Karma-Kagyü-Zentrums in Elista. Ihm ist zu verdanken, daß aus einem bloßen schönen Traum ein konkretes Projekt wurde. Während der drei Jahre seit der ersten Entscheidung, 1995 die Stupa zu bauen, bis zum tatsächlichen Baubeginn 1998, arbeitete Sanal ausdauernd an den Vorbereitungen. Wojtek Kossowski, ein bekannter buddhistischer Architekt, der schon viele Stupas konstruiert hat, nahm sich des Projektes an. Architekten aus Elista stellten ebenfalls ihr technisches Fachwissen zur Verfügung. Künzig Shamar Rinpoche war der Hauptsponsor des Projektes. Der zweite Hauptunterstützer war Lama Ole Nydahl, der während seiner jährlichen Rußlandtouren Kalmückien regelmäßig besucht. Der Autor dieses Artikels nahm aktiv an der Organisation des Baus teil. Das grundsätzliche Problem war schlicht: Wie sollte man einen elf Meter hohe Stupa mit einer relativ kleinen Summe Geld bauen? Im Herbst 1998, als wir zusammen mit Lama Ole überlegten, wie wir den Stupa schneller und billiger bauen könnten, kam die Idee auf, die freiwillige Arbeitskraft aller Buddhisten in ganz Rußland zu nutzen, sowohl die mit einer fachlichen Qualifikation als auch diejenigen, die einfach nur an einer großartigen Sache mitarbeiten wollen. Es gibt mehr als 50 Karma-Kagyü-Zentren und Meditationgruppen in Rußland, und es wäre schade eine solche Kraft nicht zu nutzen. Jetzt steht der Stupa und ich möchte gerne erwähnen, wer es war, der dieser Idee zum Leben verholfen hatte: Es waren Idealisten aus Elista in Kalmückien, und von überall aus Rußland und der Ukraine, freiwillige Bauhelfer aus den Karma-Kagyü-Zentren und viele Kalmücken, die es als ihre Pflicht und eine Ehre betrachteten, ihre Energie in ein Projekt zu stecken, daß soviel Nutzen für alle bedeutet. Alle arbeiteten ohne Bezahlung, denn sie verstanden den großen Nutzen, den der Stupa der kalmückischen Republik, der russischen Föderation und unserem ganzen Planeten bringen würde, denn der Einfluß eines Stupa ist weder durch Raum noch durch Zeit begrenzt. Diese Hingabe war besonders überraschend und angenehm. Man trifft nicht jeden Tag Leute mit soviel Überschuß, die genug Zeit und Energie haben, nicht nur etwas Wichtiges für sich selbst zu schaffen, sondern auch für andere, etwas für heutige und künftige Generationen. Stupas sind Bauwerke, die den erleuchteten Geist Buddhas symbolisieren. Sie wurden seit undenklichen Zeiten in allen buddhistischen Ländern errichtet und halfen mit ihrer heilsamen Energie Wohlergehen und Frieden zu erhalten. Es gibt Stupas in Nepal und Indien, in Tibet und Burma, Thailand und Sri Lanka. Ihre Formen und Funktionen sind unterschiedlich, aber alle drücken die erleuchteten Qualitäten von Buddhas Geist aus. Viele Stupas sind inzwischen auch in Europa gebaut worden. Ein Stupa ist nicht nur einfach ein Gebäude, sondern eine Struktur, die die ganze Zeit arbeitet und allen Leuten unermeßlichen Nutzen bringt, allen Lebewesen, die zu ihm kommen, denen, die vorbeigehen, denen, die in der Nähe leben, und diejenigen, die an dem Stupa Wünsche machen. Deshalb ist das Bauen eines Stupa verschieden von einer gewöhnlichen Baustelle. Es beinhaltet viele religiöse Rituale und spezielle Zeremonien. Zwei Lamas, Lama Sangye und Lama Ngedrup, kamen extra aus Lopön Tsechu Rinpoches Kloster in Kathmandu, um die Rituale in Kalmückien auszuführen. Sie wohnten gleich neben dem Stupa und konnten so ständig den Verlauf der Arbeiten beaufsichtigen. Beide wurden lange Zeit in nepalesischen Klöstern ausgebildet, sie studierten klassische buddhistische Texte wie die Prajnaparamita und den Kanjur. Zusätzlich zu den beiden Lamas kam Denzong Norbu, ein bekannter Meister der tibetischen Malerei aus dem Kloster Rumtek, der Hauptresidenz des 16. Karmapa, um bei den Arbeiten an dem Stupa mitzuhelfen. Er hatte viele Jahre ganz nah beim 16. Karmapa gelebt und war für lange Zeit dessen persönlicher Künstler gewesen. Hier in Elista beschloß der Meister, den Altarraum unter dem Stupa zu bemalen. Künzig Shamar Rinpoche hatte ihn gebeten, den Raum im traditionellen tibetischen Stil zu gestalten und die gesamte Übertragungslinie der Karma-Kagyü-Schule von Dorje Chang bis zum 16. Karmapa und die Linie der Shamarpas darzustellen. Aber trotz der Hilfe vieler Schüler konnte der Meister seine Arbeit dieses Jahr nicht fertigstellen. "Ich möchte nichts überstürzen", sagte er. "Gemälde höchster Qualität erfordern viel Zeit, und ich kann nichts Zweitklassiges liefern." Darum wurde dieses Jahr nur eine Wand bemalt, aber er versprach, nächstes Jahr wieder zu kommen und den Raum fertigzustellen. Am 1. August weihte Rinpoche den zweiten Stupa in Tsagan Nur ein. Er wurde trotz seiner Proteste gegen diese Sonderbehandlung von einer Spezial-Eskorte der Polizei begleitet. Ihm folgten fünf Busse voller Leute, die nach den Zeremonien in Elista alle auf dem Weg nach Wolgograd, dem früheren Stalingrad, waren, um von dort ihre Züge zurück nach Hause zu nehmen. Wir können uns einen Stupa vor seiner Einweihung wie eine Uhr vorstellen, die noch nicht aufgezogen wurde. Bevor die Uhr nicht aufgezogen ist, ist sie nicht mehr als ein schöner Mechanismus. Sie beginnt erst zu funktionieren, nachdem wir sie in Gang gesetzt haben. Das Schöne an Stupas ist, daß sie zu arbeiten anfangen, sobald sie eingeweiht sind. Man sagt, daß diejenigen, die einn Stupa umschreiten, viele positive Eindrücke im Geist ansammeln, inneren Reichtum oder sogenannten "Verdienst". Am ersten Abend nach der Eröffnung begannen die Aktivitäten rund um den Stupa in Elista. Sowohl Besucher wie Bewohner kamen, drehten den "OM MANI PEME HUNG"-Zylinder und umrundeten den Stupa. Die erste Hochzeit wurde am Samstag, zwei Tage nach der Eröffnung, abgehalten. Die Braut und der Bräutigam kamen, um Segen zu erhalten und ein paar Fotos zu schießen, bevor sie ihr neues Leben begannen. Jede Stadt in Rußland hat ein paar bemerkenswerte Plätze, wohin junge Paare vor ihrer Hochzeit kommen, um Erinnerungsfotos zu machen. In Elista war es früher das Lenin-Denkmal in der Mitte der Stadt, dann die Buddha-Statue ebenfalls in der Mitte der Stadt, und jetzt der Erleuchtungs-Stupa. So wurde sehr schnell eine neue Tradition geboren. Anatoli Sokolov (Tolek) ist 32 Jahre alt und nahm 1989 in St. Petersburg bei Lama Ole Nydahl die Buddhistische Zuflucht. Seit 1991 hilft er bei der Organisation der jährlichen Reisen von Lama Ole durch Rußland und die Ukraine. Er sorgt für die Tickets, Unterbringung etc. der oft 40 bis 50 Leute, die Lama Ole auf diesen Reisen begleiten. 1998 bat ihn Hannah Nydahl, bei der Organisation des Stupa-Baus in Elista mitzuhelfen. Ins Deutsche übersetzt von: Patricia Schaffrick Anmerkung der Übersetzerin: |
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