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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 29, ( 1999)

Ratschläge zur Buddhistischen Sterbebegleitung

Von Lama Ole Nydahl

Der Tibetische Diamantweg-Buddhismus spricht oft Bereiche an, wo üblicherweise gehofft und gebetet wird oder Wünsche gemacht werden. Vor allem, wenn es um den Tod geht, begegnet dem Westen in unserer Zeit eine Religion, die sich sicher ist, auf diesem Gebiet genaue Aussagen machen zu können. Aus dem Grund wird es sich wohl mitunter ungewöhnlich "handfest" anhören, wie ich mir das Handlungsfeld buddhistischer Sterbebegleiter vorstelle.

Was sie zur Sterbebegleitung vor allem beitragen können, sind Erklärungen zum Wesen des Geistes, zum Sterbevorgang als solchem sowie zu den inneren Erlebnissen, die danach auftreten. Da mein Buch "Tod, Zwischenzustand, Wiedergeburt" erst später vorliegen wird, möchte ich hier ein paar allgemeine wie auch persönliche Gründe anführen, warum ich als nüchterner Däne den Sinn dieser uralten Hilfsmittel in keiner Weise bezweifle.

Berührungspunkte mit der Heilkunde haben die Diamantweg-Lehren reichlich, zum Beispiel betreffs der Nahtod-Erfahrung. Wenn auf dem OP-Tisch oder beim Unfall das Herz für bis zu fünf Minuten stehen bleibt, folgt meist kein Hirnschaden und die Erfahrungen, die während dieser Zeit gemacht werden, stimmen im Großen und Ganzen bei den meisten überein und sind sehr überzeugend für den Erleber. Dutzende Bücher sind darüber geschrieben worden. Ihre Ergebnisse decken sich in hohem Maße auch mit den Jahrtausende alten Aussagen des Tibetischen Totenbuches. Erlebnisse unter tiefer Hypnose untermauern dies oft; schließlich werden die Erklärungen auch von den Erinnerungen bewußt wiedergeborener Lamas ergänzt.
Leider ist es bis jetzt nicht möglich, die Vorgänge im gesamten Zeitraum zwischen Tod und Wiedergeburt unwiderlegbar zu beweisen. Dennoch füllen sich die Löcher; vielleicht kommen auch noch neue Forschungsmöglichkeiten hinzu. Am meisten begeistern mich die Verwirklicher, die sich an nachprüfbare Tatsachen aus früheren Lebenszeiten erinnern - vielleicht, weil ich mich selbst dazuzählen kann. In meinem letzten Leben habe ich in Ost-Tibet zum Schutz der Bevölkerung und Mönche viele chinesische Soldaten unschädlich gemacht.

Seit frühester Kindheit habe ich spannendste Wach- und Nachtträume von Kämpfen in den zwanziger und dreißiger Jahren in den dortigen Bergen. Auch stießen meine Frau Hannah, ein paar Freunde und ich 1986 als erste Weiße in ein von den chinesischen Besatzern verbotenes ost-tibetisches Gebiet vor und haben dort beide den Geburtsort unseres Lehrers, des 16. Karmapa, wiedererkannt. Es ist ein Dorf am Goldenen Fluß vor der Stadt Kantze. Karmapa selbst bestätigte mich als Wiedergeburt eines Schützers der Karma-Kagyü-Linie, und da seine Aussagen meine eigenen Erinnerungen sowie mein jetziges Umfeld und meine Gewohnheiten erklären, bin auch ich selbst davon überzeugt.
Solche Behauptungen wären völliger Unsinn, wenn die allgemeine Sichtweise stimmen würde, das Gehirn stelle das Bewußtsein her. Buddhisten denken aber, daß das Hirn das Bewußtsein eher umformt. Es ist der Empfänger und nicht der Sender. Bewußtseinsströme fließen seit anfangsloser Zeit wie Rundfunkprogramme durch den Raum. Selbst ihrem Wesen nach Raum und mit allem verbunden, werden sie nur leidvoll erfahren wegen der Wahnvorstellung, daß sie abgetrennte Ichs darstellen.

Diese Ströme verknüpfen sich mit Körpern und äußeren Umständen, die ihrem Karma entsprechen und tragen dabei ihre in früheren Leben aufgebauten Haupteigenschaften mit. (Das Bewußtsein ist bereits bei der Befruchtung da, was Abtreibung zu einer unguten Sache macht.) Danach füllen sie im Laufe eines Lebens den Geist mit unzähligen Eindrücken, die nach dem Tod wieder hochsteigen. Wenn wegen der fehlenden Sinneseindrücke keine weiteren Botschaften mehr ankommen, erscheint wieder die am stärksten gespeicherte Gefühlsneigung und führt einen ins nächste Leben.
Was ein buddhistischer Sterbebegleiter leisten kann, ist, auf Wunsch die Menschen auf die Vorgänge des Sterbens sowie auf die Erfahrungen nach dem Tod vorzubereiten. Einige der Zuhörer werden mit dem Großteil der möglichen Auskünfte etwas anfangen können. Doch auch sehr knappe Erklärungen können für Sterbende hilfreich sein: Zum Beispiel wäre ein festes Vertrauen, daß der Geist an sich klares Licht und Raum ist und deswegen unzerstörbar, unendlich wichtig für viele. Da jeder weiß, daß Körper vergehen und bedingte innere Zustände nicht haltbar sind, könnte diese letztendliche Sicherheit vielen Leuten innere Ruhe bringen.

Hier ein kurzer Überblick über die Mittel, welche erfahrungsgemäß die Todesangst vieler mindern:

Bei Sterbenden, die eine gute Ausbildung hatten, könnte man sagen: "Wie wär's, wenn du dir dein Gehirn als Empfänger vorstellst und nicht als Hersteller deines Bewußtseins? Eigentlich weißt du vieles, was du nicht hättest wissen können. Wenn du an Leute denkst, kommt oft am nächsten Tag ihr Brief!"

Oder: "Wie oft ahnst du nicht schon, wer anruft, bevor du die Stimme hörst?". Man könnte auch fragen: "Wie paßt dir die Vorstellung, daß Raum kein totes Loch ist, das uns trennt, sondern ein Behälter, der uns umfaßt? Kannst du dir vorstellen, daß dein Bewußtsein als Ergebnis früherer Leben jetzt diesen Körper und deine jetzige Umgebung erfährt? Daß er nun seinen Eindrücken gemäß in andere Umstände gehen wird?".
Hier kann man mit der Erklärung nachhelfen, daß Bewußtheit Raum und Energie ist. Beides kann sich ändern, aber nicht vergehen. Solche Worte nehmen den Sterbenden das Unbehagen vor dem vermeintlichen großen Verlust sowie die Sorge, daß plötzlich alle Liebe, Freude und Erfahrung sinnlos und verschwunden wären.

Man muß auch auf die Vorstellungswelt des Einzelnen eingehen. Bei religiösen Menschen sollte man zum Beispiel nicht auf dem Totenbett versuchen, ihre Weltanschauung zu verbessern. Es ist sinnvoller, den bereits bestehenden Glauben zu unterstützen. Auch bei Tätern oder Opfern von Frauenunterdrückung und "heiligen" Kriegen sollte den Sterbenden geholfen werden, zu verstehen, daß die Beteiligten eher irregeführt als böse waren. Alle suchen ihrem Hintergrund entsprechend Glück, nur führen solche Verhaltensweisen die Menschen unvermeidbar ins Leid. Dank dieser Sichtweise kann man entspannt mit der Welt abschließen und allen ein nützlicheres Verhalten wünschen. Die alten schlechten karmischen Verbindungen lösen sich bei der Einsicht und man braucht sich im nächsten Leben nicht wieder zu begegnen.

Wenn Menschen gewählt haben, ohne Religion zu leben, soll ihnen auch zum Lebensende kein Glaube auf den Rücken gekleistert werden. So etwas ist unfein. Man kann ihnen aber durchaus die Möglichkeit geben, ihre Sicht zu erweitern und zum Beispiel zu lernen, wie andere Völker dem Tod begegnen.
Hier wären wieder die Tibeter nützlich, denn sie haben ein besonders ungestörtes Verhältnis zum Tod. Die Mitglieder der drei alten "Rotmützen"-Schulen lernen oft schon früh im Leben, das Bewußtsein aus der Schädeldecke "herauszuschleudern". Diese Meditation heißt "Phowa" und führt neben überzeugenden "geheimen" und "inneren" Zeichen bei den Übenden zu einer zusätzlichen, winzigen Öffnung auf der Schädeldecke. Als Bluttropfen oder kleiner Riß erkennbar, bleibt die Öffnung durch den Schädel auch hinterher bestehen; viele Teilnehmer der rund ein Dutzend jährlichen Phowa-Kurse besuchen dadurch Bewußtseinsebenen von höchster Freude. Seit 1987 habe ich über 30.000 Menschen rund um die Welt dieses Mittel eines bewußten Sterbens beigebracht. Auch die Diamantweg-Buddhisten der Karma-Kagyü-Linie, die als Sterbebegleiter in der Hospiz-Bewegung arbeiten, waren bei meinen Kursen erfolgreich. Sie können auf Wunsch auch dem Bewußtsein anderer dazu verhelfen, nach dem Tod in befreite Bereiche zu gelangen.
Um den Sterbenden diesen Reichtum an Mitteln zu eröffnen, genügt mitunter ein einziger Ratschlag: "Die Tibeter stellen sich das Beste, was sie kennen, oberhalb ihres Kopfes vor. Dorthin wollen sie gehen. Versuch das mal." Besteht darüber hinaus die Bereitschaft, in ungewohnte Bereiche vorzustoßen, können gezielte Mantras fast jedem helfen - vor allem die häufige Wiederholung der Silben OM AMI DEWA HRIH. Diese Schwingungen ziehen die Energien des Sterbenden spürbar nach oben und der folgende ruhige, innere Druck auf die Schädeldecke läßt oft große Zuversicht entstehen. Zur Umformung aller Begierden, die die Wesen an die Welt binden, ist auch die Vorstellung eines durchsichtigen roten Licht-Buddhas sehr geeignet. Während man das eben erwähnte Mantra spricht, stellt man sich ihn oberhalb des eigenen Kopfes vor, in derselben Richtung sitzend wie man selbst.

Und was kann man all jenen sagen, die zur Erfahrung des Sterbens etwas wissen wollen, dabei aber alles "Übersinnliche" ausklammern möchten?
Bei einem Tod, der nicht augenblicklich erfolgt, verschwindet die Beherrschung des Körpers allmählich. Während sich das Bewußtsein von den Sinnen zurückzieht, kann man sich immer schwerer bewegen. Danach beginnen Nase und Mund zu laufen und ein Kältegefühl zieht von den Fingern und Zehen bis zur Körpermitte. Währenddessen wird die Atmung zunehmend stockender.

Während dieser Vorgänge flackert beim Meditations-Unerfahrenen das Bewußtsein: Mal ist der Sterbende hellwach. Wollen sich die Herumstehenden dann mit ihm verständigen - oder er sich mit ihnen - ist diese Klarheit oft schnell wieder vorbei. Wer schon einmal Sterbende beobachtet hat, wird den bisherigen Erklärungen zustimmen können; vielen sind sie wohl auch genug. Hat man aber Vertrauen in den Diamantweg, gibt es noch weitere Erklärungen, wegen denen die alten Schulen Tibets so berühmt sind. Bei Kursen gebe ich sie meinen Schülern so:

"Nach dem letzten Ausatmen wird sich ein Mondstein-weißes Licht, das bei der Entstehung eurer Körper dem Samen des Vaters folgte, von der Schädeldecke durch die Zentralachse eurer Körper auf die Herzens-Ebene hinab bewegen. Das wird 10 bis 15 Minuten dauern. Während dieser Zeit werdet ihr ein sehr feines Licht erleben, wie ein schönes Mondlicht. Vielleicht hört ihr dabei auch das Geräusch eines langgezogenen HAANG.
33 unterschiedliche Gefühle, die alle von Zorn herrühren, verschwinden, dadurch wird euer Bewußtsein riesig klar werden. Alle, die das Phowa nicht kennen oder nicht gezielt meditiert haben, erleben hier ungefähr dasselbe."

Halten sich die Zuhörer jetzt nicht schon ihre Köpfe, gehen die Beschreibungen folgendermaßen weiter:
"Wenn das klare Licht auf Herzens-Höhe mitten im Körper angekommen ist, wird ein rotes Licht hochsteigen. Es entsteht eine Handbreit unterhalb eures Nabels. Es stammt vom Ei eurer Mutter her, ist durchsichtig und bewegt sich 10 bis 15 Minuten lang durch die Körpermitte hoch. Das Erlebnis dabei ist unbeschreiblich wonnevoll. Dabei erfahren viele ein Geräusch wie ein langes AAH und 40 Gefühle, die aus Begierde und Erwartungen entstanden waren, lösen sich damit auf. 20 bis 30 Minuten nach dem Tod verschmelzen weißes und rotes Licht auf Herzens-Höhe mitten in der Brust und alles wird zunächst schwarz. Hierbei verschwinden sieben Gefühle, die aus Dummheit herrühren. Dann entsteht ein riesiges klares Licht - und wer das halten kann, wird erleuchtet. Es ist das Ziel, der zeitlose Wahrheitszustand. Alles, was dem Geist an Kraft und Fähigkeiten innewohnt, wird sich zu diesem Zeitpunkt im Herzzentrum bewußt."

Wer helfen möchte, kann aber auch einfacher reden. Zum Beispiel kann man ganz allgemein den Sterbenden raten, immer in das klarste Licht zu gehen, daß sie wahrnehmen können. Auch früh eine menschenfreundliche Einstellung zu entwickeln, ist sehr nützlich. Wer anderen oft langfristig Gutes wünschte, steht im Tod sehr stark da. An weitere Belehrungen zu den Erlebnissen nach dem Tod wird sich der Verstorbene oder wenig Meditierende sicher nicht erinnern können. Sie müssen ihm während der weiteren Nachtod-Erfahrungen vom Lama oder von nahen Vertrauten seiner Erfahrung entsprechend gegeben werden. Hier ist es am wirksamsten, wenn der Lehrer auf schon vorhandene Entwicklungen zurückgreifen und das erwähnte Phowa oder die Erinnerung an Belehrungen oder Meditationen aus dem vergangenen Leben erwecken kann. So ermöglicht er den Toten, in überpersönliche Erlebnisbereiche zu gehen oder sich sinnvolle Wiedergeburten in der Menschenwelt zu suchen. Sogar das bloße Verhindern von Angst hat Sinn: Ständig kehrt im tibetischen Totenbuch der Satz wieder: "Fürchte nichts, es ist alles dein eigener Geist."

Es vergehen nicht mehr als sieben Wochen, bis die stärksten Neigungen im Speicherbewußtsein voll herangereift sind. Danach erlebt man eine Wiedergeburt. Ohne geistigen Lehrer und die hier erwähnten geistigen Hilfsmittel hat man dabei kaum eine Wahl. Dann entscheiden die wegen der fehlenden Sinnes-eindrücke aus dem Speicherbewußtsein auftretenden Gefühle, welcher Erlebnisbereich sich durchsetzen wird. Was zu der Zeit vorherrscht - ob Stolz, Eifersucht, Begierde, Verwirrung, Geiz oder Zorn - entscheidet dann über Glück und Leid des nächsten Lebens. Den Wesen an dieser Schnittstelle zu helfen, bedeutet eine wirklich umfassende Sterbebegleitung und ist eine Wohltat ersten Ranges.


Auf ihrer Hochzeitsreise nach Nepal im Jahr 1969 begegneten Ole Nydahl und seine Frau Hannah dem 16. Karmapa, dem geistigen Oberhaupt der Karma-Kagyü-Linie des Tibetischen Buddhismus. Nach mehreren Lehrjahren im Himalaya wurden sie von ihm als seine ersten westlichen Schüler gebeten, die Lehre Buddhas in den Westen zu bringen.

Seit über 25 Jahren hat Lama Ole Nydahl weltweit den Diamantweg-Buddhismus bekannt gemacht und bis heute mehr als 500 Meditationszentren gegründet, die er regelmäßig besucht.