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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 29, ( 1999)

Karmapa Thaye Dorje in Kalimpong

Interviews mit Lama Tsultrim Namgyal und Yeshe

Im Mai 1999 hatte Wolf Mangler aus Basel anläßlich eines Besuches des 17. Karmapa Thaye Dorje in Kalimpong die Gelegenheit, ein Gespräch mit Lama Tsultrim Namgyal und mit Yeshe zu führen. Die beiden sind die "Diener" und Begleiter des 17. Karmapa.

Lama Tsultrim Namgyal war bereits der langjährige Diener des 16. Karmapa gewesen. In einer früheren Ausgabe der Kagyü Life (Nr. 5, September 1990) berichtete er in einem Interview über seine Eindrücke aus dieser Zeit. Auch Yeshe wurde schon einmal von Kagyü Life interviewt (Nr. 14, April 1994), kurz nachdem der 17. Karmapa in die Öffentlichkeit trat. Im folgenden einige Auszüge aus den Interviews:

Sie waren der persönliche Diener des 16. Karmapa und kümmern sich nun seit einigen Jahren um den 17. Karmapa. Gibt es auffallende Merkmale des 16. Karmapa, die Sie beim 17. Karmapa wieder erleben?

Tsultrim Namgyal: Ich traf Seine Heiligkeit den 17. Karmapa zum ersten Mal 1996, nach seiner Ankunft in Indien im Jahr 1994. Als ich sein Diener wurde, sagte ich zu ihm: "Ich möchte Dich prüfen. Es steht mir vielleicht nicht zu, das zu sagen, aber die Situation um die Aktivität unserer spirituellen Meister war in den letzten Jahren sehr durcheinandergeraten und es gab viel Streit und Probleme. Deswegen werde ich Dich, während ich als Dein Diener tätig bin, mindestens drei Jahre lang prüfen und ich bitte Dich, in dieser Zeit auch mich zu prüfen."

In diesem Jahr sind diese drei Jahre nun verstrichen und ich bin mit dem Ergebnis meiner Prüfung völlig zufrieden. Natürlich habe ich nicht die Fähigkeit zu beurteilen, ob es sich tatsächlich um Seine Heiligkeit Karmapa handelt oder nicht. Aber ich bin davon überzeugt, daß es sich bei ihm um einen sehr außergewöhnlichen Menschen handelt. Ich ziehe diesen Schluß auf Grundlage der vielen Texte, die erklären, wie man seinen Lehrer prüft und ebenso auf Basis meiner Erfahrung aus den Jahren, in denen ich der persönliche Diener Seiner Heiligkeit des 16. Karmapa war und dem Vergleich dieser Erfahrung mit der Aktivität Seiner Heiligkeit des 17. Karmapa.

Wissen Sie etwas über die Kindheit des Karmapa?

Bei seiner Geburt war Seine Heiligkeit nicht von Blut, sondern von einer Milch-ähnlichen Flüssigkeit bedeckt, was ein Zeichen für einen Bodhisattva ist.

Als Seine Heiligkeit ungefähr zwei oder drei Jahre alt war und in Lhasa lebte, erklärte er "Ich bin der Karmapa". Einmal tat er das, während er um den Jokhang-Tempel ging, und viele Leute hörten es.

1988 war Gyaltsab Rinpoche in Lhasa zu Besuch und bemalte das Gesicht der "Jowo"-Buddha-Statue. Seine Heiligkeit wußte nichts von Gyaltsab Rinpoches Anwesenheit in der Stadt oder wer Gyaltsab Rinpoche überhaupt ist. Aber er sagte an dem Tag zu seinen Eltern, daß er in den Jokhang wolle. Sie sagten ihm, daß es regne und er lieber an einem anderen Tag gehen solle. Er bestand aber darauf und so brachte ihn ein Diener dorthin.

Als sie den Jokhang erreichten, setzte ihn der Diener auf den Boden und Seine Heiligkeit ging direkt ins Gebäude. Darin saß Gyaltsab Rinpoche und malte. Karmapa ging direkt auf ihn zu und kletterte auf seinen Schoß. Er schaute ihn an und fragte: "Erkennst Du mich?". Gyaltsab Rinpoche sah ihn an und sagte: "Nein, ich kenne dich nicht." Karmapa fragte noch einmal: "Erkennst du mich wirklich nicht?" und Gyaltsab Rinpoche verneinte noch einmal. Karmapa sagte: "In Ordnung, dann habe ich dir nichts weiter zu sagen" und ging wieder heim.

Einige Leute, die von dem Vorfall im Jokhang nichts wußten, waren bei Karmapas Familie zu Besuch und erzählten dort von Gyaltsab Rinpoches Besuch in Lhasa. Sie erzählten den Eltern, die aus einer anderen Gegend Tibets kamen, daß Gyaltsab Rinpoche einer der Haupt-Rinpoches des Karmapa sei und empfahlen ihnen, zu ihm zu gehen um ihn zu sehen. Karmapa sagte jedoch: "Ich will nicht zu ihm gehen. Ich habe ihn bereits gesehen, aber er erkennt mich nicht. Ich will ihn nicht mehr sehen."

Dies sind einige der Ereignisse, die verläßliche Leute aus der Umgebung der Familie Seiner Heiligkeit erlebt haben. Als Gyaltsab Rinpoche im Jokhang die Statue bemalte, war das eine große Zeremonie, so daß viele Leute den Vorfall miterlebten. Insbesondere viele Khampa-Geschäftsleute aus Lhasa waren dabei.

Karmapa lebt seit ca. zwei Jahren in Kalimpong. Wie sind die Umstände für seine Studien und seine Entwicklung hier?

Was sein Studium angeht, so ist dies der beste Platz zum studieren und meditieren.

Die Situation ist auch für Kalimpong sehr gut. Seit der Ankunft des Karmapa hat die Stadt sich sehr entwickelt, was auch daran liegt, daß viele Schüler aus dem Westen hierher kommen und dadurch der "Tourismus" wächst. Sie kommen natürlich, um Karmapa zu sehen, aber tragen zum Tourismus bei, denn sie wohnen in den örtlichen Hotels und müssen verschiedene Sachen kaufen.

Auch die allgemeine Atmosphäre hat sich hier verbessert - das Wetter, die Ernten, die Blumen, das Gemüse und so weiter. Die Anwesenheit Seiner Heiligkeit nutzt sogar der Vegetation, nicht nur den Menschen. Auch als Karmapa 1994 nach New Delhi kam, konnte man das in der Umgebung von Delhi beobachten. Es kam damals auch in den Nachrichten, daß die Ernte in dem Jahr besonders gut war. Der Monsun kam sehr pünktlich.

Was sind die Inhalte von Karmapas Studium derzeit und was ist in dieser Hinsicht für die Zukunft geplant?

Professor Sempa Dorje ist derzeit der persönliche Lehrer Seiner Heiligkeit. Er war Professor an der Sanskrit-Universität in Varanasi und unterrichtet Seine Heiligkeit in der vom 8. Situpa entwickelten tibetischen Grammatik, die ohne Zweifel und von allen Schulen des Tibetischen Buddhismus anerkannt als die beste gilt.

Weiterhin studiert Seine Heiligkeit buddhistische Philosophie des Madhyamaka, Abhidharmakosha, Logik, tibetische Poesie usw. Daneben lernt Seine Heiligkeit auch das Wissen über die Rituale wie Ermächtigungen, Pujas usw., was auch ein großes Gebiet ist. Er folgt einem täglichen Stundenplan:

6.30 - 7.30 Uhr Weiße Tara Praxis
8 - 11 Uhr Unterricht
11 - 13 Uhr Besucher und Mittagessen
13 - 15 Uhr Unterricht
15 - 15.30 Uhr Tee/Kaffee-Zeit
16 - 17 Uhr Hausaufgaben/Unterricht
17 - 18.30 Uhr Freizeit, Sport etc.
18.30 - 20 Uhr Mahakala-Puja und Wunschgebete

Fragen an Yeshe:

Karmapa lernt zur Zeit auch unter einem erfahrenen Schullehrer (Stewart Jarvis aus Perth/Australien). Was sind hier die Schwerpunkte und Ziele?

Karmapa hatte schon zuvor von einem schottischen Gentleman namens Dr. Sprik, der für viele Jahre in Kalimpong lebte, Englisch-Unterricht bekommen. Nun hat Stewart angeboten, Karmapa zu unterrichten und da er ein Schullehrer ist, kann er auch andere Themen wie Geographie, etwas Mathematik, etwas Wissenschaft usw. lehren. So gibt er ein allgemeines Wissen all dieser Themen, die gewöhnlich in einer Schule gelehrt werden. Da Karmapa privat unterrichtet wird, denke ich nicht, daß es irgendwelche Prüfungen geben wird, aber es ist sehr nützlich für ihn und sein Englisch hat sich schon sehr verbessert 1.

Mögen Sie die wachsende Zahl von westlichen Dharma-Studenten, die Karmapa besuchen kommen?

Ich denke, daß das ein sehr gutes Zeichen ist. Im Moment hat Karmapa ein strenges Unterrichts-Programm und deswegen ist jetzt für ihn noch nicht die geeignete Zeit zum Reisen. Wenn er jetzt schon mit den Reisen beginnen würde, dann würden sich das Studienprogramm auflösen. Es wird in der Zukunft so viel Aktivität für ihn geben, so viele Zentren, so viele Schüler, daß er dann nicht mehr studieren können wird.

Ich denke, daß es deswegen jetzt eine gute Zeit für sein Studium ist und daß es gut ist, wenn die Schüler versuchen, hierher zu kommen. Es gibt ihm auch eine große Anerkennung, denn er weiß, daß er überall auf der Welt Anhänger hat. Seine Heiligkeit freut sich darauf, euch alle zu treffen.

Die meisten Leute kommen aus euren Zentren und Seine Heiligkeit freut sich immer, sie zu sehen.

Wie reagieren die Menschen in Kalimpong auf die westlichen Besucher?

Sie sagen, daß es noch nie so viele Westler in Kalimpong gab, wie in der Zeit, seit Seine Heiligkeit Karmapa hierher kam. Ansonsten ist Kalimpong ja kein besonders touristischer Ort. Von daher freuen sie sich, mehr Besucher zu haben. Die Schüler, die kommen, um Karmapa zu sehen, kommen vor allem, um ihn zu sehen und deshalb zu jeder Jahreszeit, ganz gleich, wie das Klima ist. Manchmal kommen sie außerhalb der Saison und die Menschen hier sind sehr beeindruckt von der Motivation der Besucher. Ich denke, das macht großen Eindruck.

Möchten Sie den interessierten Westlern noch irgend etwas sagen?

Nur daß es schön ist, daß sie kommen um Karmapa zu sehen. Wir hoffen, daß sie weiterhin kommen, während er noch nicht reist. Wir, die wir hier mit Seiner Heiligkeit sind, fühlen uns sehr glücklich zu sehen, wie all die Schüler von überall auf der Welt herkommen. Es ist eine große Unterstützung und gibt uns viel Zuversicht.

1 Wolfgang Mangler gelang hier ein Interview mit weltoffenen Lamas um Karmapa. Wie im August 1999 bekannt wurde, gibt es dort aber auch Leute, die es nicht für richtig halten, daß ein traditioneller Lama moderne Sprachen und Sichtweisen lernt.


Wolf Mangler, durch Lama Ole seit 1985 praktizierender Kagyü-Buddhist, lebt in Basel/ Schweiz und ist für das dortige Zentrum und regional als buddhistischer Lehrer aktiv. Beruflich stellt er sich den Herausforderungen der Gesundheits- und Krankenpflege.