HOME 0 ARCHIV 0 BUDDHISMUS ABO NACHBESTELLUNG IMPRESSUM KONTAKT
BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 29, ( 1999)

Die Wiedergeburt und Anerkennung des 17. Karmapa Trinle Thaye Dorje

Von Künzig Shamar Rinpoche

Der 17. Gyalwa Karmapa, Trinle Thaye Dorje, wurde 1983, im Jahre des Schweines, geboren. Er ist der erste Sohn des 3. Mipham Rinpoche der buddhistischen Nyingma-Schule.
Der Vater des 17. Karmapa ist die dritte Wiedergeburt des 1. Mipham Rinpoche, des Oberhauptes von 13 Nyingma-Klöstern in Kham, Tibet. Er ist ein Nachkomme von vielen Generationen von Ärzten und medizinisch Gelehrten. Seine Mutter, Dechen Wangmo, ist eine Tochter aus einer Adelsfamilie, die auf König Gesar von Ling zurückgeht. In seiner Jugend entkam der 3. Mipham Rinpoche dem Schicksal vieler Tibeter, die unter der chinesisch-kommunistischen Herrschaft nicht mehr ihre Religion praktizieren konnten. Sein Lehrer fand ein Versteck in den Bergen, wo sie beständig ab seiner frühen Kindheit Dharma praktizieren konnten. Nach einer allgemeinen Lockerung der Regierungs-Restriktionen auf religiöse Praxis im Jahre 1982, ging Mipham Rinpoche nach Lhasa, um am Wiederaufbau buddhistischer Institutionen und der Praxis teilzunehmen. Aufgrund seiner guten Verbindungen zum Panchen Lama waren seine Aktivitäten besonders erfolgreich.

In den frühen 80er-Jahren prophezeite Mipham Rinpoches Yidam (ein persönlicher Buddha-Aspekt im Diamantweg-Buddhismus) ihm, daß er - wenn er eine Gefährtin nehmen würde - mehrere Söhne bekäme, die große Bodhisattvas wären. Am nächsten Tag kam eine Gruppe von Pilgern aus Kham um ihn zu sehen; unter ihnen war Dechen Wangmo. Er erkannte, daß sie bescheiden und angenehm und eine verwirklichte Praktizierende von Buddha "Höchste Freude" (tib.: Khorlo Demchog) war. Als er ihr einen Heiratsantrag machte, stimmte sie sogleich zu.

Mipham Rinpoche und Dechen Wangmo ließen sich in einer Wohnung nieder, die sie von einer alten Dame mieteten und die am Barkor in Lhasa lag - an der Straße, die des Weges um den berühmten Jokhang-Tempel umfaßt. Im Jahre 1983 wurde ihnen in ihrer Ehe ein Sohn geboren. Als er 2 Jahre alt war, begann er, den Leuten zu sagen, er sei der Karmapa. Die Vermieterin war zufällig eine entfernte Verwandte des verstorbenen 16. Karmapa und war ihm begegnet, bevor er 1959 aus Tibet floh. Er hatte ihr einmal gesagt: "Du wirst mir wieder begegnen, bevor Du stirbst." Aufgrund des außergewöhnlichen Benehmens des Jungen war sie davon überzeugt, daß er der Karmapa war. Sie hatte so große Hingabe, daß sie die Familie kostenlos in der Wohnung leben ließ. Mipham Rinpoche behielt jedoch Stillschweigen über seinen Sohn und hoffte auch, daß er sich als die Wiedergeburt des großen Nyingma-Meisters Katog Situ Rinpoche herausstellen würde.

Eines Tages Anfang 1985 umschritt Ngorpa Lagen, ein bescheidener alter Sakya Lama, den Jokhang-Tempel auf der Kreis-Straße. Er nahm plötzlich das leuchtend-weißes Gesicht eines kleinen Jungen wahr, der aus einem Fenster schaute. Der kleine Junge sagte zu ihm: "Weißt du nicht, daß ich der Karmapa bin?" Ohne die Ernsthaftigkeit hinter diesen einfachen Worten zu bedenken, antwortete Ngorpa Lagen: "Wenn Du es bist, dann gib mir einen Segen." Der Junge streckte seine Hand aus und berührte den Lama. Dem Lama zufolge fühlte er sofort etwas, das der nachmeditativen Erfahrung von tiefer Ruhe und Weite ähnelte, und allen Arten grober Emotionen überlegen war.

Einige Tage nach diesem Segen ging der Sakya-Lama zusammen mit einer Gruppe von Pilgern, die aus seiner Heimat angekommen waren, zu Mipham Rinpoche. Sie wollten ihn um eine Vorhersage bitten, wohin ihre nächste Pilgerreise gehen solle. Er sah den kleinen Jungen, der ihm zuvor den Segen gegeben hatte, für sich in einer Ecke spielen. Mipham Rinpoche fragte die Besucher-Gruppe, wieviele Familien sie seien. Als sie antworteten: "Sieben", rief der kleine Junge aus der Ecke: "Acht". Sie zählten noch einmal durch. Als sie feststellten, daß der Junge recht hatte, so erzählt der Lama, standen ihm die Haare auf und sein Schock und seine Aufregung waren so groß, daß es schwer für ihn war, seine Reaktion völlig zu verbergen.

Später auf seiner Pilgerreise, Ende 1985, ging Ngorpa Lagen nach Kathmandu in Nepal und schloß sich einer großen alljährlichen Gebets- und Rezitations-Versammlung an, die von Lama Sherab Rinpoche, einem Schüler des verstorbenen Karmapas, geleitet wurde. Die beiden wurden schnell miteinander vertraut und Ngorpa Lagen erzählte Lama Sherab Rinpoche von seiner Begegnung mit dem kleinen Jungen im Barkor. Danach gingen Lama Sherab Rinpoche und sein Diener Tschöpel Sangpo auf eine Reise zum Kloster Tsurphu, stoppten jedoch zuvor in Lhasa, um Mipham Rinpoche zu treffen. Der Junge war nicht bei seinem Vater als sie ankamen, und so fragte Lama Sherab Rinpoche, ob er den Jungen sehen könne. Als man ihn hereinführte, setzte er sich ruhig neben seinen Vater, schaute jedoch ab und zu die Gäste an und lächelte offensichtlich amüsiert. Als Lama Sherab Rinpoche sich nach der Frau von Mipham Rinpoche erkundigte, antwortete ihm dieser, daß sie gerade eine Zurückziehung auf Buddha "Höchste Freude" mache. Im Laufe der Unterhaltung, so berichtet Lama Sherab Rinpoche, fing er zu zittern an und konnte es nicht stoppen. Kaum hatten sie das Haus verlassen, sagte ihm sein Diener, daß ihm etwas sehr Seltsames während des Gespräches widerfahren sei; es war das Gleiche, was auch Lama Sherab Rinpoche erlebt hatte.

Diese Geschichte wurde mir 1987 von Lama Sherab Rinpoche erzählt. Die Umstände der Geschichte passen zu früheren Berichten, die mir aus Lhasa zukamen. Im Oktober 1986 machte mich Chobje Tri Rinpoche auf Mipham Rinpoches Sohn aufmerksam und zeigte mir ein Foto des kleinen Jungen.

Zwischen 1981 und 1984 hatte das Komitee der Regenten, das von Damchö Yongdu, dem Generalsekretär des verstorbenen Karmapa, gegründet worden war und aus Tai Situ Rinpoche, Kongtrul Rinpoche, Gyaltsab Rinpoche und mir bestand, mehrere Treffen, um unsere Bemühungen zur Auffindung von Karmapas Wiedergeburt zu koordinieren. Obwohl Damchö Yongdu eigentlich nicht die Befugnis hatte, eine solche Gruppe von Regenten zu schaffen, machte ich zuerst aus Höflichkeit mit. Ich merkte jedoch bald schon, daß diese Treffen zunehmend politisiert wurden; Beschlüsse wurden nie so umgesetzt wie die anderen drei Komitee-Mitglieder versprochen hatten. Statt dessen wurden andere Wege eingeschlagen, ohne daß das ganze Komitee davon in Kenntnis gesetzt wurde. Mir blieb nichts anderes übrig, als in meiner Eigenschaft als der Shamarpa unabhängig, aber im Stillen, zu handeln. Innerhalb des Komitees tat ich mein Bestes, um die anderen Rinpoches für meine Sicht zu gewinnen. Schließlich sind es nach alter Praxis die Shamarpas, die ermächtigt sind, wiedergeborene Karmapas zu identifizieren und anzuerkennen.

1988 begann ich eigene Nachforschungen anzustellen, um die Authentizität von Mipham Rinpoches Sohn als Karmapa zu bestimmen. Zuerst bat ich Tsechu Rinpoche, der als Mitglied einer nepalesischen Regierungs-Delegation nach Tibet reiste, mehr Informationen über den Jungen einzuholen. Danach schickte ich einen Lama nach Lhasa, um den Jungen etwas direkter zu untersuchen. Direkt bei ihrer ersten Begegnung sagte der Junge dem Lama, daß er gekommen sei, um Nachforschungen über ihn anzustellen. Das Ergebnis alle dieser Berichte und Untersuchungen brachte mich 1988 dazu, in eine längere Zurückziehung zu gehen, in welcher ich Bestätigung erhielt, daß der Junge in der Tat der wiedergeborene 17. Karmapa ist.

Trotz meiner persönlichen Überzeugung über die Identität Karmapas war die Zeit für eine öffentliche Bekanntmachung noch nicht gekommen. Anfang 1991 gab ich jedoch bei der Einweihung des Karma-Kagyü-Klosters von Shangpa Rinpoche bei Pokhara - Dashang Rinpoche, Shachu Rinpoche und Hunderte von Lamas und 4000 Tibeter waren anwesend - bekannt:

  1. Tibet könnte möglicherweise das Land sein, in dem Karmapa sich wiedergebären ließ.
  2. Die Anrufungen an den 16. Karmapa für seine schnelle Wiedergeburt sollten geändert werden in Anrufungen für ein langes Leben des 17. Karmapa.
  3. Der Name des 17. Karmapa, für den ich mich entschieden hatte, ist Thaye Dorje.


Die offensichtliche Schlußfolgerung, die man aus dieser Ankündigung ziehen konnte war, daß ich die Wiedergeburt Karmapas bestätigt hatte.

Karma Pakshi, der 2. Karmapa, prophezeite in seiner Geheimen Lebensgeschichte (tib.: Sangwe Namthar) namens Dugpa Tsarchod 21 Karmapas und prophezeite auch die Namen eines jeden davon. Der Name des 18. Karmapa ist Thaye Dorje. Der 5. Karmapa prophezeite jedoch: "Meine Linie wird zur Zeit des 16. oder 17. Karmapa geschwächt." Oberflächlich gesehen scheint Karma Pakshis Prophezeiung meiner Anerkennung und Namensgebung des 17. Karmapa als Thaye Dorje zu widersprechen. Diese anscheinende Unvereinbarkeit kann aber gleich erklärt werden. Es ist allgemein bekannt, daß der 14. Karmapa nur drei Jahre lang lebte und nie inthronisiert wurde; das offizielle Protokoll zählt die 15. Geburt deswegen nicht als den 15. Karmapa. Daraus folgt, daß die 16. Geburt des Karmapa zum 15. Karmapa nach seiner Inthronisation wurde und so weiter. Anders gesagt: Die Vorhersagen Karma Pakshis und des 5. Karmapas sind nicht widersprüchlich, sondern tatsächlich korrekt. Die Prophezeiung des 5. Karmapa über die Schwächung der Linie zur Zeit des 16. oder 17. Karmapa bezieht sich tatsächlich auf die Diskrepanz zwischen der Anzahl der Geburten und der Anzahl der Inthronisierungen, verursacht durch den frühen Tod der 15. Geburt. Karma Pakshis vorhergesagte Verleihung des Namen Thaye Dorje für den 18. Karmapa ist tatsächlich korrekt, da der 17. inthronisierte Karmapa die 18. Geburt Karmapas ist.

(Meine Bekanntmachung in Pokhara im Jahre 1991 widersprach und widerlegte völlig Tai Situ Rinpoches kurz danach im Jahre 1992 geäußerten Vorwürfe gegen mich, daß ich versuchen würde, Karmapas Wiedergeburt in der Königs-Familie von Bhutan zu installieren. Ich kann nur schließen, daß seine grundlose Behauptung nichts als eine kalkulierte verzweifelte Taktik war, um meine Anerkennung des echten Karmapa zu behindern.)

Meine Bekanntmachung in Pokhara verursachte zweifellos nicht nur viel Aufregung, sondern löste auch viele Stellungnahmen aus. Sie veranlaßte auch Lama Sherab Rinpoche, in Kathmandu sofort zu mir zu kommen und mir ein auf ein Stück Papier geschriebenes Gedicht zu zeigen. Ein sehr heiliger Mann namens Lopön Künsang Rinpoche, der schon vor 1991 gestorben war, hatte das Papier 1983 vertraulich Lama Sherab Rinpoche gegeben, als dieser auf einer seiner vielen Besuche in Lopön Künsang Rinpoches Zurückziehungsstelle in den Rinang-Bergen von Sikkim war. Der genaue literarische Ursprung des Gedichtes muß noch bestimmt werden. Sherab Gyaltsen Rinpoche zufolge - dem spirituellen Oberhaupt der Stammesgemeinschaft der Manang in Nepal - hatte Lopön Künsang Rinpoche gesagt, daß es zwei mögliche Quellen gäbe. Eine ist der alte Text namens "Die Schätze des Yogi Zilon Lingpa" (Zilon Lingpa gehörte zur buddhistischen Nyingma-Schule). Die andere mögliche Quelle für das Gedicht ist der verstorbene Dudjom Rinpoche, als er 1960 eine spezielle Guru-Rinpoche-Puja in Kalimpong abhielt.

Das Gedicht besteht aus den folgenden vier Versen:

DZA YI YUL DU KI YI DRONG KHYER NA
Die Gegend Dza, die Stadt (ist) Ki

LHAMO NORBU DZIN PE SER NGAL DU
Göttin Norbu Dzinma (hält) (in ihrem) goldenen Schoß das Wunscherfüllende Juwel

KHAILASH YI CHUD LY YONG SMIN PE
Mit Unterstützung von (Berg) Kailash (wird es) voll reifen

THAYE DORJE DROWE PAL DU SHAR
Thaye Dorje (wird) erscheinen (zum) Wohle der fühlenden Wesen


Die Bedeutung des Gedichtes ist im Großen und Ganzen selbstverständlich. Die Hinweise im ersten Vers auf Dza und Ki beziehen sich auf die Geburtsstellen des 3. Mipham Rinpoche und Dechen Wangmo, seiner Gefährtin und Mutter des 17. Karmapa. Die Anspielung auf den Berg Kailash bezieht sich auf Dechen Wangmo, die eine Diamantwegs-Praktizierende ist. Ihre Hauptpraxis ist das Tantra von "Höchste Freude" (tib.: Khorlo Demchog) und der Berg Kailash gilt im Diamantwegs-Universum als der Kraftkreis von Buddha "Höchste Freude".

Bevor die offizielle Ankündigung der Anerkennung des 17. Karmapa Thaye Dorje gemacht werden konnte, versuchten Tai Situ Rinpoche und seine Partei mich in Mißkredit zu bringen und die Glaubwürdigkeit meiner Identifikation des 17. Karmapa zu unterminieren. Er unternahm viele illegale und spirituell unlautere Schritte, die - soweit es unsere Karma-Kagyü-Tradition betrifft - völlig ehrlos, sogar verräterisch, sind. Er und seine Anhänger gingen sogar soweit, im August 1993 gewaltsam das Kloster Rumtek in Sikkim anzugreifen, und durch Pöbel-Aktionen die Mönche des verstorbenen Karmapas mit Gewalt aus dem Kloster zu vertreiben.

Direkt nachdem es Karmapa Thaye Dorje und seiner Familie gelungen war im März 1994 aus Tibet zu entkommen, kam der junge Karmapa nach New Delhi, wo er von mir formell in einer Willkommenszeremonie als der 17. Karmapa anerkannt wurde. Im November 1996 trat er mit dem Nehmen der Zufluchtsgelübde vom Buddha in einer großen Zeremonie im Buddha Gaya Tempel der Mönchsgemeinschaft bei. Zu dieser Zeit erhielt er den Namen Trinle ("Buddha-Aktivität") Thaye ("grenzenlos") Dorje ("unveränderlich").

Aus diesem Bericht sollte deutlich werden, daß meine Identifikation und Anerkennung des 17. Karmapa Trinle Thaye Dorje vielen Jahrhunderten der Karma-Kagyü-Tradition entsprach. Der Prozeß war rein spirituell und durch keinerlei politische Motive verdorben. Leider kann nicht das Gleiche über Tai Situ Rinpoche und seine Anhänger gesagt werden. In einem gesonderten Dokument werde ich seine illegitimen Handlungen aufzeigen und seine Anschuldigungen widerlegen.


Aus dem Englischen von Detlev Göbel