Aus: Buddhismus Heute Nr. 29, ( 1999)

Ein Brief von KŁnzig Shamar Rinpoche

An die Karma-KaygŁ-Mitglieder

In meiner Eigenschaft als der Shamarpa, traditionell das zweithöchste geistige Oberhaupt der Karma-Kagyü-Linie, möchte ich einige der Umstände im Zusammenhang mit der Wiedergeburt Seiner Heiligkeit des 16. Gyalwa Karmapa beschreiben. Den Jahrhundertealten spirituellen Praktiken der Karma-Kagyü-Schule folgend, habe ich Trinle Thaye Dorje als die authentische Wiedergeburt anerkannt. Er nahm 1983 Geburt an, als der erste Sohn des dritten Mipham Rinpoche und Dechen Wangmo, beide aus Dzakhog in Ost-Tibet. Nachdem er und seine Eltern im März 1994 aus Tibet geflohen waren, erkannte ich ihn offiziell mit einer Willkommenszeremonie in New Delhi als den 17. Karmapa an.

Seit dem Tod des 16. Karmapa im Jahre 1981 bis zu meinder Anerkennung des 17. Karmapa Trinle Thaye Dorje durch mich, traten in dem Prozeß der Anerkennung viele bedauernswerte und unnötige Hindernisse auf. Sie waren in ihrer Essenz politischer, nicht spiritueller Natur. Ich habe immer die Trennung von Politik und Religion in der Tibetischen Kultur verfochten. Das Eindringen von Politik kann sowohl auf menschlicher als auch auf nationaler Ebene nur dazu führen, daß geistige Werte und Traditionen verdorben werden. Die Geschichte hat dies wiederholt bewiesen.

Meiner bescheidenen Meinung nach kann die Hauptursache des Aufruhrs im Zusammenhang mit der Identifikation der Wiedergeburt des verstorbenen Karmapas auf seine schonungslose Anfechtung der Politik Seiner Heiligkeit des Dalai Lama und der Tibetischen Exilregierung zurückgeführt werden, die die verschiedenen religiösen Schulen Tibets zusammenfassen wollten. Obwohl sie mit der Politik der politischen und ethnischen Vereinigung übereinstimmten, waren der verstorbenen Karmapa und viele andere tibetische religiöse Führer dagegen. Sie befürchteten, daß diese religiöse Politik die reiche und sinnvolle Vielgestaltigkeit des tibetischen Geisteslebens auslöschen würde. Die führende Rolle des verstorbenen Karmapa beim Widerstand gegen diese Politik setzte den Dalai Lama unter erheblichen Druck.

Daher ist es nur zu verständlich, daß die tibetische Exilregierung die Anerkennung des 17. Karmapa insofern für ihre politischen Zwecke benutzen würde, um einen eventuellen späteren Widerstand von einem starken, unabhängigen geistigen Führer wie dem 16. Karmapa von vorneherein zu verhindern. Ohne hier einzugehen auf all die komplizierten Details hinter den wetteifernden und betrügerischen Behauptungen, daß Urgyen Trinle in Tibet die Wiedergeburt Karmapas sei, bedauere ich mitteilen zu müssen, daß sich bereits seit 1990 Herr Juchen Thubten, Senior Minister der Tibetischen Exilregierung, zusammen mit einigen Karma-Kagyü-Lamas, vor allem Situ Rinpoche, mit der Regierung Chinas verschworen haben, um einen Karmapa in Tibet anzuerkennen. In dieser Weise wäre der neue Karmapa unter chinesischer Kontrolle und würde keinerlei Bedrohung für die Tibetische Exilregierung darstellen. Zugleich würde dies Situ Rinpoche eine beherrschende Stellung in der Karma-Kagyü-Schule außerhalb Tibets geben. Die Absicht hinter diesen Handlungen war, den buddhistischen Gemeinschaften im Himalaya ihren Zugang zu Gyalwa Karmapa zu nehmen und die Verwaltung des verstorbenen Gyalwa Karmapa in Rumtek, Sikkim zu untergraben. Das Vorgehen der Exilregierung gegen die Verwaltung des verstorbenen Gyalwa Karmapa kann ich verstehen, nicht jedoch, daß mehrere Rinpoches der Kagyü-Linie, die den verstorbenen Karmapa zu seinen Lebzeiten unterstützten, seine Politik und seine religiösen Ideale dann nach seinem Tod verrieten.

Ich schreibe dem Dalai Lama reine Absichten zu, und kann deshalb nicht glauben, daß er hinter den Taten von Herrn Juchen Thubten stand. Er hat jedoch öffentlich der Anerkennung von Urgyen Trinle zugestimmt, im Wissen, daß er damit unter der Kontrolle der chinesischen Regierung steht. Ich sehe darin einen ironischen Widerspruch, da der Dalai Lama der Wiedergeburt des Panchen Lama in Tibet entgegentritt, der wie Urgyen Trinle Untertan der chinesischen Obrigkeit ist.

Seit dem Parinirvana des 16. Karmapa bis heute habe ich versucht, eine Fehde mit dem Dalai Lama zu vermeiden, und bin dafür von meinem Weg abgewichen - jetzt, im Nachhinein gesehen, vielleicht zu weit - um bei der Suche nach dem wiedergeborenen Karmapa zusammenzuarbeiten. Im Mai 1992 habe ich auf Tulku Urgyen Rinpoches Bitte hin, und aus Respekt vor dem Dalai Lama, sogar meine anfängliche Zustimmung zu Urgyen Trinle gegeben.

Nachdem im Mai 1992 die Karmapa-Kontroverse begann, traf ich mehrfach Seine Heiligkeit den Dalai Lama und bat ihn, sich nicht einzumischen und neutral zu bleiben. Er gab mir eine zustimmende Antwort, aber die Politiker unter ihm waren nicht so entgegenkommend. Ich habe großen Respekt vor Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama, vor einigen seiner Beamten jedoch nicht. Um die Harmonie in der Karma-Kagyü-Schule zu bewahren, habe ich nicht nur anfänglich meine Zustimmung zu Urgyen Trinle gegeben, sondern auch meine Forderung nach einer forensischen Prüfung des handschriftlichen Prophezeiungsbriefes aufgegeben, den Situ Rinpoche im März 1992 verzweifelt hervorzog und behauptete, daß ihn der verstorbene 16. Karmapa geschrieben habe, um die Anweisungen zur Auffindung seiner Wiedergeburt zu übermitteln. Ich tat das unter der Bedingung, daß Situ Rinpoche keine weiteren Schwierigkeiten verursachen würde. Obwohl er sein Versprechen, Frieden in der buddhistischen Gemeinschaft zu bewahren, nicht gehalten hat, hielt ich mein Versprechen bis jetzt.

Ich hege keinerlei Groll gegen Urgyen Trinle und biete ihm in der Tat Unterstützung und Gebete, damit seine Bemühungen den Dharma zu verbreiten seiner Nation und allen fühlenden Wesen nutzen werden. Nichtsdestotrotz kann und will ich nicht die geistige Tradition und die Werte unserer Karma-Kagyü opfern, indem ich das wahre geistige Oberhaupt der Karma-Kagyü nicht ernennen und nicht anerkennen würde. Darüber hinaus werde ich mich nicht daran beteiligen, die reine Tradition der Karma-Kagyü zu verunreinigen, indem ich ihre Anhänger durch Verfälschung und Fehlinterpretation unserer heiligen Geschichte in die Irre leiten würde.

Ich habe Trinle Thaye Dorje als die echte Wiedergeburt des 16. Gyalwa Karmapa anerkannt. Dies geschah in Übereinstimmung mit der Karma-Kagyü-Tradition und der geistigen Autorität, mit der sie über viele Generationen hin den Shamarpa ausstattete. Die frühere Rolle des Shamarpa hinsichtlich der Anerkennung des Karmapa kann durch die "Goldene Liniengeschichte der Karma Kagyü" des 8. Tai Situpa Tschökyi Jungne bekräftigt werden. Kopien davon finden sich in China, Tibet und Büchereien überall auf der Welt. Situ Rinpoches Kloster Palpung hat sogar die originalen Holz-Druckstöcke für den Druck dieses berühmten Textes.

Ich richte meine tiefsten Gebete an die Drei Juwelen, damit die boshaften Angriffe der letzten Jahre, die auf die Zerstörung der Karma-Kagyü-Tradition durch Geld, Macht und böswillige Methoden zielten, fortgewischt werden. Ich hoffe und bete auch inbrünstig, daß die Karma-Kagyü-Tradition wieder friedlich instandgesetzt wird, daß Politik von ihr getrennt wird und daß Selbstlosigkeit die Gier einiger Lamas nach Geschenken ersetzen möge. Nur in einer solchen Atmosphäre werden die echten Lehren des großartigen Buddha blühen.

Mein besonderes Gebet ist dafür, daß alle Gegensätze und bitteren Spannungen aufgelöst werden, die zwischen den Seiten des verstorbenen Karmapa und Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama entstanden sind. Wir müssen daran arbeiten, eine echte Freundschaft zu erneuern und im Sinne des Dharma zusammenzukommen, um den Buddhismus zu verbreiten und für die Besserung aller fühlenden Wesen.

In Treue zur Praxis und der Verbreitung des Dharma

Shamarpa


Aus dem Englischen: Detlev Göbel