HOME 0 ARCHIV 0 BUDDHISMUS ABO NACHBESTELLUNG IMPRESSUM KONTAKT
BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 28, ( 1999)

Konfliktbewältigungen auf der Grundlage von Mitgefühl und Weisheit

Von Gerd Boll

In unserem Menschendasein sind es nicht nur die Leiden von Alter, Krankheit und Tod, die uns Probleme bereiten, sondern als Schönheitsfehler erleben wir in unserem Leben sicher auch die kleinen und die großen Konflikte, mit denen wir uns in Familie, Beruf und sozialem Umfeld auseinandersetzen müssen.

Zunächst ein paar Worte zur Konfliktvermeidung, denn obwohl wir ja gerne denken, daß nur die anderen an unseren Konflikten schuld sind, läßt sich ein gewisser Eigenanteil nicht leugnen, den wir in den Griff bekommen müssen.

Hierzu gibt uns der Buddha einige Verhaltensratschläge. Zum Beispiel ist es gut, wenn wir andere Wesen nicht schädigen, ausnutzen, oder ihr Eigentum mißachten. Unsere Rede sollen wir für Harmonie und Freundschaft einsetzen, so daß keine Verwirrung entsteht, sondern daß Qualitäten deutlich werden und Platz für Entwicklung ist.

Aber wie oft bemerken wir, daß wir trotz aller guter Vorsätze unser Handeln oder unsere Rede nicht unter Kontrolle haben. Das liegt an den Störgefühlen wie Stolz, Eifersucht, Zorn, Begierde und Gleichgültigkeit, usw. die sich oft unbemerkt unserer bemächtigen. So streuen wir meist unbewußt, wie kleine Giftpfeile, die Samen für Verwirrung, Disharmonie und Konflikte in unser soziales Umfeld.

Im Buddhistischen Diamantweg gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, mit diesen Störgefühlen zu arbeiten, wie zum Beispiel die verschiedenen Vorstellungen, Silben und Erfahrungen in der Aufbauenden und Verschmelzenden Phase der Meditation, aber besonders auch die Entwicklung von Liebe und Mitgefühl und gute Wünsche für das Wohlergehen der Anderen.

Nachdem man so mehr und mehr schafft, Konflikte zu vermeiden, nun zu Möglichkeiten, Konflikte aufzulösen: Hier ist es zunächst einmal sehr wichtig, zwischen innerer Einstellung und äußerem Verhalten zu unterscheiden. Bevor wir über unser Verhalten reden, müssen wir erst einmal unsere innere Einstellung zum Konflikt oder zum Konfliktpartner untersuchen: Zunächst denken wir ja, da wäre etwas Wirkliches gesagt worden, es gäbe einen wirklichen Konfliktgegenstand, eine wirkliche Situation oder eine wirkliche Person, die uns Schwierigkeiten bereitet, in einer wirklichen Welt. Aber unsere Probleme leben ja nur davon, daß wir sie für wirklich halten.

Durch die Sichtweise des Großen Weges verstehen wir, daß es nur der eigene Geist ist, der die Vielfalt einer scheinbaren äußeren wirklichen Welt produziert. Kein Schicksal, kein Gott oder Zufall bringt uns mit den ganzen unmöglichen Menschen und Situationen zusammen, sondern es sind die Eindrücke aus unserem Speicherbewußtsein, die ausnahmslos alles entstehen lassen und zusammensetzen, wie die riesige Show eines Magiers. Das ist natürlich schwer zu verstehen, wenn man so etwas zum ersten Mal hört. Die Welt scheint viel zu solide, die Feinde viel zu penetrant, als daß sie unser Geist geschaffen haben könnte. Man muß viel darüber nachdenken, bevor man Klarheit bekommt.

Unser Geist arbeitet im Grunde wie ein Diaprojektor: Unsere verschiedenen Eindrücke im Speicherbewußtsein sind wie die Farben auf dem Dia, die dann durch die Klarheit des Geistes auf die Leinwand projeziert werden. Weil wir es nicht besser wissen, denken wir, das so Erscheinende wäre eine unabhängig existierende Welt, ein Produkt des Zufalls. Aber genauso wie die Bilder auf der Leinwand von den Farben auf dem Dia abhängen, hängen die schönen und unschönen Erscheinungen der Welt von den Eindrücken ab, die wir in früheren Zeiten durch verschiedene Worte, Taten und Gedanken in unser Speicherbewußtsein gepflanzt haben.

Vertrauen wir den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft, wonach alles was wir als solide erleben, nur aus sich ständig bewegenden subatomaren Teilen mit riesigen Zwischenräumen besteht, die sich mal als Masse, mal als Welle zeigen und wo ein ständiges Auflösen und Entstehen stattfindet, so wird das magische Spiel schon etwas verständlicher. Bedenken wir jetzt noch, wie leicht unsere Sinne, die wir ja so gerne als Zeuge für die Wahrhaftigkeit der Welt aufführen, zu täuschen sind, können wir verstehen, daß die Welt die wir erleben, nur aus Konzepten besteht, die sich verselbständigt haben.

Ist das verstanden, wird klar, daß es nicht mehr darum gehen kann, die Feinde abzuschütteln oder auszustechen, sondern etwas zu finden um die Feindbildprojektionen des eigenen Geistes zu stoppen.

In uns ruht auch schon eine Kraft, die das kann: Durch das Entwickeln von Liebe und Mitgefühl werden Feindbilder, Konflikte und die ganze dualistische Wahrnehmung am kraftvollsten und dauerhaft überwunden. Das haben wir hoffentlich alle schon einmal erlebt, als wir richtig verliebt waren: Da haben sich plötzlich alle Probleme in Luft aufgelöst und wo wir uns dann in die Augen geschaut haben, war alle Trennung zwischen "ich hier" und "du da" plötzlich weg. Nur können wir solche Erfahrungen meist nicht lange halten.

Aber unser Geist ist ja entwicklungsfähig.
Liebe kann man trainieren, weil sie eine schon in uns ruhende Qualität ist. Bei so einem Geistestraining können wir nach einem Drei-Stufen-Plan vorgehen: Zunächst konzentrieren wir uns auf unsere Freunde und üben, ständig gute Wünsche für sie zu machen. Wird das zur guten Gewohnheit, schließen wir all die Wesen in unsere Wünsche ein, zu denen wir zunächst ein neutrales oder gleichgültiges Verhältnis haben. Das fällt leichter, wenn wir uns vorstellen, wie jeder sein ganzes Leben damit verbringt, Glück zu suchen und für sich zu konservieren, was ja nie gelingt, da sich immer wieder Unzufriedenheit einschleicht und am Ende kommt dann sowieso nur Alter, Krankheit und Tod in den verschiedenen unangenehmen Varianten. Fällt es dann immer noch schwer, können wir uns auch den Buddha oder unseren Lama im Herzen vorstellen, der Licht ausstrahlt und so das Entwickeln von Liebe für alle Wesen unterstützt.

Zuletzt üben wir dann, eine liebevolle Einstellung gegenüber allen, die wir nicht mögen, zu entwickeln. Dies fällt sicher am schwersten, ist aber eine unabdingbare Voraussetzung zur Konfliktbewältigung. Dazu müssen wir zunächst einmal verstehen, daß all diese schwierigen Menschen keine Dämonen sind, sondern Menschen wie du und ich, die eigentlich auf der Suche nach Glück und Zufriedenheit sind. Sie wissen aber nicht wie das geht und machen deshalb viele Fehler. Auf Grund von Ursache und Wirkung erfahren sie dann die Resultate ihres Handelns und erleben diese als wirklich und gegen sie gerichtet. Auf Grund ihrer Unwissenheit handeln sie abermals völlig verkehrt und verstricken sich so immer tiefer in Probleme, Widerwillen, Angst und Aggression. Haben wir das verstanden, fällt es leichter, für unsere Konfliktpartner gute Wünsche zu machen, oder sogar Liebe und Mitgefühl zu entwickeln.

Durch diese beiden Aspekte unserer inneren Einstellung - dem Ausrichten auf das Glück der anderen und dem Versuch, alles was wir erleben, als freudvolles Spiel unseres Geistes zu erfahren - haben wir eine sehr solide und wichtige Grundlage für das Bewältigen von Konflikten geschaffen, und eine sehr breite Palette an Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung.

Zum Beispiel ist es oft gut, erst einmal alles zu beruhigen. Vielleicht ist man ja zu enthusiastisch eine Verbindung eingegangen und das gute Karma ist etwas dünn geworden. Dann ist es besser, mehr Raum zu geben, so daß man wieder eine Ebene findet auf der es funktioniert, so daß sich wieder Substanz bilden kann. Dazu ist es oft gut, daß man sich erst mal anhört was der Gegenüber überhaupt wollte, oder sich gegebenenfalls entschuldigt, als Signal der Kompromißbereitschaft. Wichtig ist hierbei, daß man ein Auseinandergehen, Auflösen oder Trennen nicht als etwas Negatives erlebt, sondern als das Schaffen von Platz für etwas Neues. Wenn man sich dann trennt, sollte man aber einen Lernschritt gemacht haben, sonst trifft man sowieso um die nächste Ecke wieder eine ähnliche Problemlage. Wenn man nämlich etwas auf innerer Ebene nicht als Qualität verwirklicht hat, kann es sich auf äußerer Ebene leicht als Konflikt zeigen. So werden unsere Konflikte auch zu unseren Lehrern und jeder gelöste Konflikt wird zu einem Schritt auf dem Weg.

Manchmal ist es auch gut, neue Ebenen der Begegnung zu erschließen. Oft haben sich feste Vorstellungen über den oder die Andere eingeschlichen, oder man hat sich an einem Problem festgebissen und es fehlt der nötige Abstand. Hier ist dann die Phantasie gefragt: Was könnte man mal unternehmen, um sich selbst und andere von einer neuen Seite zu erleben? Vielleicht könnte man etwas Kulturelles oder Spannendes zusammen erleben, neue Menschen in die Gruppe aufnehmen, sich für globale Entwicklungen interessieren oder vielleicht soziales Engagement üben. So etwas kann dann den nötigen frischen Wind bringen. Wichtig hierbei ist der Mut, altbekanntes Gebiet aufzugeben und das Fingerspitzengefühl, die Sache nicht zu überziehen. Jeder Beteiligte sollte die Chance haben mitzukommen und sich zu verändern.

Als Drittes läßt man sich nicht von der Ebene "Höchste Wahrheit ist höchste Freude" runterbringen. Kommt jemand mit schlechter Laune und sieht nur Probleme, macht man einen Witz. Ist jemand kompliziert, redet man vom Wetter. Direkt oder indirekt macht man immer auf die Worte von Liebe, Freude und Einfachheit aufmerksam. Das hilft sogar in schwierigen Situationen, wo jemand einen Zornausbruch hat. Geht man nicht darauf ein und stiehlt ihm die Show, ist man wieder Herr der Lage. Hierbei darf man nicht stolz werden, sondern sollte genug Liebe entwickelt haben, um zu sehen, wie weit man gehen darf, was der Andere noch aushält. Auch sollte schon genügend eigene innere Erfahrung da sein, sonst wirkt unser Auftreten gekünstelt.

Manchmal ist es aber auch wichtig, klare Grenzen zu setzen. Damit tut man anderen oft einen Gefallen. Wichtig ist hierbei, daß man nur noch die Entwicklung und den Vorteil des Anderen im Auge hat, und nicht mehr aus eigenen Ängsten oder Störgefühlen heraus handelt - auch nicht unterschwellig, denn wie ein kleiner Tropfen Gift kann das die ganze Situation ins Gegenteil kehren. Trifft man auf ein vollkommen aufgeblasenes Ego, und keine andere, mildere, Methode würde mehr greifen, dann muß eine grundlegende Klärung her. Entweder in einem unsentimentalen Gespräch alle Karten auf den Tisch legen, oder zum Beispiel wie wenn man den Einbrecher stoppt die Wohnung auszuräumen. Nicht weil man Anhaftung an die Sachen hat - die hat man im Geist sowieso schon lange verschenkt - sondern aus Liebe zu ihm, weil man nicht möchte, daß er noch mehr schlechte Eindrücke in sein Speicherbewußtsein pflanzt.

Hier könnte man noch viele Beispiele durchgehen, die Lösungsmöglichkeiten sind immer sehr individuell und hängen von vielen Faktoren ab. Aber die beiden essentiellen Grundlagen für die Konfliktlösung sind immer das Verstehen, daß alles was uns begegnet nichts wirklich Äußeres ist, sondern das freie, freudvolle Spiel des eigenen, auch nicht wirklich existierenden, Geistes, und daß der Weg dahin, alles auch so zu erleben, das Entwickeln von Liebe und Mitgefühl ist. Hat man das verstanden, entwickeln sich alle Qualitäten, Weisheiten und Intuition nach und nach. Wachsen einem aber die Konflikte über den Kopf, ist es besser sich zurückzuziehen und sich durch die Dharmapraxis dem Entwickeln von Mitgefühl und Weisheit zu widmen. Ist dieses erst einmal geschafft, wird man erkennen, daß keine Mühe zu groß war, denn dann ist alles was geschieht ein Geschenk. Jeder auch noch so unangenehme Konflikt wird zu einer willkommenen Möglichkeit, Lebenserfahrung zu sammeln und ist phantastisch, bloß weil er geschieht.


Gerd Boll ist 1960 geboren, von Beruf Landwirt und lebt im Buddhistischen Zentrum Holzbunge. Er ist seit 1988 Buddhist und Schüler von Lama Ole Nydahl. Gerd studiert in der europäischen Sommerschule des KIBI buddhistische Philosophie und ist seit 1992 als buddhistischer Lehrer tätig.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

- 30 - Emotionale Intelligenz und Buddhismus