Aus: Buddhismus Heute Nr. 28, ( 1999)

Das Verhältnis von Lehrer & Schüler im Diamantweg

Von Dietrich Rowek

Die effektiven Mittel des Diamantweges beziehen ihre Kraft aus dem besonderen Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler im Diamantweg. Der Lehrer hat hier eine Rolle, die weit darüber hinausgeht, was man gewöhnlich unter einem Lehrer versteht – er vermittelt nicht nur Wissen sondern ermöglicht das direkte Erkennen der uns innewohnenden Erleuchtungsnatur. Das Funktionieren einer guten Lehrer-Schüler-Beziehung erkennt man unter anderem an einer wachsenden Dankbarkeit des Schülers für die ihm so zuteil gewordene menschliche Entwicklung.

Allgemeines Lernen

In allen Lebenssituationen entsteht Lernen durch einen Austausch zwischen unterschiedlichen Ebenen der Erfahrung. Potentiell liegt alles Wissen der Menschheit in uns, aber wir brauchen Bedingungen und Anregungen, um es zu entfalten und sichtbar werden zu lassen. Diese Erkenntnis bezieht sich nicht nur auf das Lernen äußeren Wissens. In der schnellebigen Zeit der Jahrtausendwende mit ständig wechselnden Anforderungen sind wir auf Flexibilität und Austauschbarkeit geeicht. Berufsbilder wechseln häufig und es ist eher selten, daß jemand eine Tätigkeit sein Leben lang ausführt. In den alten Kulturen war das anders. In Japan waren beispielsweise traditionelle Berufe des Mittelalters vom Aussterben bedroht, als die Schulpflicht nach westlichem Muster eingeführt wurde, da die Ausbildungszeit in einigen Berufen bis zu 40 Jahren einnahm. Sie erforderten ein lebenslanges Training von frühester Kindheit an. Der Lehrer mußte begleitend anwesend sein, um immer neue Stufen der Meisterschaft in seinen Schülern herauszubilden. Bei allen äußeren Künsten und Fertigkeiten geht es um das Erlernen von Techniken und Fertigkeiten bis zum Grad der Meisterschaft.

Was ist nun das Ziel des Lernens im Buddhismus und welche Bedingungen und Anregungen erfordert der Erfahrungsaustausch?

Buddhismus beinhaltet Religion, Philosophie und Psychologie und geht in der praktischen Erfahrung sogar noch darüber hinaus. Ziel ist die volle Erfahrung des Geistes. Was ist überhaupt Geist? Wer erlebt eigentlich? Wie ist das Bewußtsein beschaffen? Was ist die tiefste Natur der Dinge und Erscheinungen?

Diese Fragen kennzeichnen einen potentiellen Schüler des Diamantweg-Buddhismus. Diamantweg-Lehrer müssen die Weisheit und Kraft der Erleuchtungserfahrung leben. Dann vermitteln ihre Rede und ihr Körper die Erfahrungen von Furchtlosigkeit, unbedingter Freude und den spontan aktiven Kräften von Liebe und Mitgefühl. Dieser geistige Lernprozeß erfordert mehr als das Aneignen von Wissen und Können. Im Vergleich müßte man sagen, daß ein Leonardo Da Vinci trotz seiner vielfältigen Talente nur Aspekte des Geistes entwickelt hat, während die Kennzeichen der ganzheitlichen Erleuchtungserfahrung sind, daß Störgefühle, Unzufriedenheiten, Verwirrung und Leiden sich aufgelöst haben. Konzentrationsfähigkeit und Lernfähigkeit werden durch unser europäisches Schulsystem hervorragend vorbereitet. Aber der Umgang mit den wechselnden inneren Erfahrungen während äußerer Lernprozesse wird selten trainiert. Die Frage nach der Natur des Geistes muß sich individuell jeder selbst stellen. Hier setzt das buddhistische Lehrangebot an. Im buddhistischen Sinne ist Lernen noch nicht einmal auf eine Lebenszeit beschränkt. Nach den traditionellen Belehrungen sind 18 verschiedene Bedingungen nötig, um überhaupt mit Buddhas Lehre fruchtbar in Kontakt zu kommen. In vielen Leben treten diese gar nicht erst auf. Sind aber die Voraussetzungen bei einem Individuum und seiner Umgebung zusammengekommen, entwickelt man zunächst ein grundlegendes Verständnis von Ursache und Wirkung und soviel geistigen Freiraum, daß man bewußt über sein Leben zu bestimmen lernt. Das ist sozusagen die Grundschule. Es dauert wieder einige Zeit bis man über den Vorgarten des eigenen Lebens schaut. Menschen mit Überschuß (mit der Kraft, auf mehr als die eigene Situation einzugehen) und mit der Einstellung, zum Besten anderer zu handeln, nennt man Bodhisattvas. Die hier notwendige Entwicklung von Mitgefühl und Weisheit gehört zur Oberschule. Nachdem diese Voraussetzungen entwickelt sind, kann man mit den Mitteln des Diamantwegs in Berührung kommen und eine Beziehung zu einem Lehrer einer authentischen Übertragung aufbauen. In einer solchen Lehrer-Schüler Beziehung ist dann ein “Crash-Kurs” möglich, das heißt sehr intensives Lernen mit sprunghafter Entwicklung. Buddhistisch gesehen, entstehen Lebensumstände und Entwicklungsbedingungen weder zufällig noch durch göttliche Fügung. Begegnet man in seinem Leben hervorragenden Voraussetzungen für die weitere Entwicklung, ist dies ein Zeichen für viel geistige Vorarbeit in früheren Leben. Realistisch gesehen gibt es heutzutage kaum einen besseren Platz als Europa für geistige Entwicklung. Wer hier mit Buddhas Lehre in Kontakt kommt, hat bereits einen hohen intellektuellen Stand durch unser Schulsystem und eine idealistische Lebenshaltung durch den generellen gesellschaftlichen Kontext unserer Demokratie. An diesem Punkt geht es darum, das höchste Ziel menschlichen Lebens zu erreichen; einen Geisteszustand, der – unabhängig von äußeren Umständen – mutig, froh und aktiv mitfühlend ist.

Drei Wege im Buddhismus

Innerhalb des Buddhismus gibt es drei große Wege mit verschiedenen Erklärungen zu Weg und Ziel. Sie erfordern jeweils eine neue Definition des Lehrer-Schüler-Verhältnisses. Wir hören traditionell den Vergleich einer Reise zu einem unbekannten Ort (der Erleuchtung). Zu Fuß gehen erfordert einen gelehrten Lehrer, der Erklärungen über das Ziel (geistigen Frieden oder Freiheit von Leid) gibt und die eigenen Füße zum Laufen (auf dem achtfachen Pfad). Das entspricht der alten Schule des Theravada oder dem kleinen Fahrzeug. Ist das Ziel weiter gesteckt (Entfaltung der Qualitäten des Geistes statt bloßer Geistesruhe) fährt man lieber im Auto und nutzt das menschliche Beispiel eines (Fahr-) Lehrers, denn die bloßen Instruktionen reichen nicht mehr aus. Im Mahayana-Buddhismus ist der Lehrer nun eher der spirituelle Freund, der den Weg vorlebt. Das Bild für Buddhas schnellsten Weg ist das Fliegen. Hier geht es gar nicht mehr ohne Lehrer und die Fähigkeiten von Lehrern und Schülern müssen ausgezeichnet sein. Die Erklärungen über das Ziel (die Erfahrung der unbegrenzten Leerheits-Klarheits-Natur des Geistes) und das Vorleben möglicher Veränderungen sind nur noch Voraussetzungen für das direkte Spiegeln der unveränderlichen Erfahrung des Buddha. Wenn Hingabe und Offenheit die Triebfedern der Entwicklung sind, kann man alle Eigenschaften des Lehrers direkt als die eigenen verstehen. Dieser Weg ist der schnellste. Er ermöglicht das “Fliegen”.

Die Beziehung von Lehrer und Schüler

Ein Diamantweg-Lehrer muß das Potential seines Schülers beurteilen, während der Schüler den Lehrer abklopfen muß, ob ihm zu vertrauen ist. Ein Schüler muß wissen, daß es drei Rollen gibt, die buddhistische Lehrer ausfüllen können. Der Mönch repräsentiert den Weg des Abschneidens weltlicher Interessen durch das Vermeiden schwieriger oder aufreibender Umstände. Zeit und Ruhe innerhalb der klösterlichen Mauern nutzt er für seine Entwicklung, und nachdem er in diesem Schutzraum seine Verwirklichung erreicht hat, trägt er diese Erfahrung wieder in die Welt. Der Laie zeigt, wie man die Auseinandersetzung mit der Welt verwendet, um Störgefühle abzubauen und höhere Funktionsebenen zu erreichen. Der Verwirklicher unterrichtet seine Schüler in der reinen Sichtweise des Buddha. Anders als der Mönch empfindet er die Schutzregeln des Klosterlebens als beengend, anders als der Laie hält er noch nicht einmal an einem bestimmten Rahmen für seine Entwicklung fest. Er spiegelt seinen Schülern die schnellstmögliche Erfahrung der leuchtend klaren Offenheit des Geistes. Voll verwirklichte Lehrer zeigen alle Qualitäten von Furchtlosigkeit, Freude und Liebe, während die eher begabten oder gelehrten Lehrer sich selbst noch auf dem Weg befinden. Für die Schüler ist es wichtig zu untersuchen, wie authentisch der Lehrer ist. Stimmen seine Belehrungen mit seinem Lebenswandel und seiner Sichtweise überein, kann man ihm voll vertrauen und ihn als Spiegel der Buddha-Natur verwenden. Sieht man Diskrepanzen zwischen Wünschen, Worten und Handlungen des Lehrers, kann man ihn immer noch als Vermittler von Information oder als Freund auf dem Weg verwenden, solange er in einem gesunden Umfeld arbeitet. Das heißt, seine Lehrer bestätigen ihn und er ist ehrlich über seinen Entwicklungsstand. Für Diamantweg-Lehrer ist Authentizität unabdingbar. Der Lehrer trägt hier sehr hohe Verantwortung und der Schüler muß sich auf seinen Segen und die Kraft seiner Übertragung verlassen können. Er wird zum Spiegel der Erleuchtung. Es ist nicht leicht, einen solchen Lehrer zu finden.

Die Suche

Ein schönes Beispiel für die Suche nach einem Lehrer finden wir in Naropas Leben. Naropa war von königlicher Abstammung, hatte seit seiner Jugend die höchste Motivation und bekam die denkbar beste Ausbildung auf allen Gebieten des buddhistischen Wissens. Nachdem er bereits ein berühmter Lehrer an der Nalanda-Universität geworden war, trifft er dort eine alte Frau mit 37 äußeren Anzeichen der Häßlichkeit. Sie konfrontiert ihn mit der Tatsache, daß er bei aller Bildung und allen günstigen Voraussetzungen ohne Lehrer nicht zur vollen Erleuchtung finden kann. Er erkennt ihre äußeren Zeichen als die 37 Unzulänglichkeiten der bedingten Welt und trifft eine Entscheidung. Gegen den Druck seiner bisherigen Lehrer, Schüler und Arbeitskollegen verläßt er die Nalanda-Universität und sucht seinen Lehrer Tilopa.

Sobald er diese Entscheidung getroffen hat, ist das Kraftfeld des Lehrers ständig um ihn “wie der Schatten, der dem Körper folgt”. Eine innere Stimme sagt ihm, in welche Richtung er gehen soll. Er vertraut auf die Kraft von Mantras und Meditationen und folgt seiner Intuition. Auf dem Weg fragt er jede Person, der er begegnet, nach seinem Lehrer Tilopa. Aber jede dieser Begegnungen wird zum Spiegelbild seiner eigenen Begrenzungen. Er trifft eine Lepra-Kranke, aber trotz seines Mitgefühls ekelt er sich vor ihrem Geruch. Sie löst sich in Licht auf. Er ekelt sich vor einem Vogel, der über und über mit Ungeziefer bedeckt ist. Kaum ist er an ihm vorbei, löst sich alles in Licht auf. Jedesmal erhält er Belehrungen über falsche Anschauungen oder feste Konzepte in seinem Geist, die die Begegnung mit dem authentischen Buddha noch verhindern. So geht es weiter und in vielen Visionen erscheint ihm der Lehrer als Schurke, Bandit, Schlachter, König, Mönch, Jäger, Fischer und Mörder. Aber in all diesen Formen konfrontiert er ihn mit seiner Unfähigkeit den Buddha in gewöhnlichen Wesen zu erkennen. In einer der letzten Begegnungen zeigt sich Tilopa als Bettler in einer Einsiedelei. Weil er einen lebendigen Fisch aufgespießt über dem Feuer brät, wird Tilopa von den Einsiedlern geschlagen. Doch auf ein Fingerschnipsen von ihm springt der Fisch zurück in den See und schwimmt davon. Naropa erkennt Tilopa in dem Bettler und bittet ihn um Belehrungen. Doch der Lehrer hält ihm eine Handvoll Läuse hin und sagt: “Sobald du alle festen Vorstellungen und die auf dem endlosen Pfad angelegten Tendenzen aufgibst – zugunsten der absoluten Natur aller Lebewesen! Doch zuerst mußt Du diese Läuse töten.” Als Naropa unfähig ist, das zu tun, löst sich auch diese Erscheinung in Licht auf. In seiner Verzweiflung kommt ihm der Gedanke Selbstmord zu begehen, um dem Lehrer nach dem Tod Kraft seines Geistes begegnen zu können. Doch dann hört er eine Stimme die sagt: “Wenn Du nicht fündig wurdest, wie willst Du den Lehrer finden, indem Du den Buddha in Dir umbringst?” Und er sieht Tilopa, der weiterspricht: “Ich war immer um Dich, seit Du mir in Form der Lepra-Frau begegnet bist. Wir waren nie getrennt, sondern wie der Körper und sein Schatten. Die Visionen, die Du hattest entstanden durch Schleier in deiner Sichtweise und so konntest Du mich nicht erkennen.” Man kann diese Suche auf viele Weisen deuten, aber ein Aspekt ist bis heute wichtig. Bei der Untersuchung des Lehrers geht es darum, die äußere Erscheinung zu durchdringen und den Buddha-Zustand in einem lebenden Menschen zu erkennen. Das Töten anderer Lebewesen oder Selbstmord sind die schwierigsten Karmas und schaffen die größten Hindernisse auf dem Weg. Während Tilopa Unmögliches von seinem Schüler verlangt, befindet sich Naropa in der Zwickmühle. Einerseits hält er an seinen Prinzipien fest, andererseits ist ihm der lebendige Lehrer mehr wert als das erlernte Wissen. Bis zum heutigen Tage erleben Schüler des Diamantwegs eine Zwickmühle zwischen voller Identifikation mit der Offenheit des Lehrers und dem Befürchten einer Änderung ihrer “Identität”. Konstruktiver Zweifel und ehrliches Vertrauen sind also wesentliche Kräfte in einer solchen Verbindung.

Die Begegnung

Um durch seinen Diamantweg-Lehrer zur Erleuchtung zu gelangen, muß der Schüler Hingabe und tiefes Vertrauen haben. Wenn er Belehrungen bekommt, zeigt er unabgelenkt Interesse und setzt sie sofort nach Kräften um. Der Lehrer dagegen muß im Schüler die karmischen Verbindungen und dieMotivationsebene sehen können, um voll mit ihm arbeiten zu können. So wurde Milarepa von seinem ersten buddhistischen Lehrer fortgeschickt, da sie nicht die richtige karmische Verbindung miteinander hatten. Wir sehen darin ein gutes Beispiel, wie wichtig ein ehrlicher Umgang zwischen Lehrern und Schülern ist. Versucht der Lehrer Schüler an sich zu binden, begeht er einen schweren Fehler und blockiert ihre und seine Entwicklung. Bis heute bestätigt sich, daß verschiedene Wege und Unterrichtsstile für verschiedene Schüler geeignet sind. Aus diesem Grund hat es bis heute keinen buddhistischen Missionsgedanken gegeben.

In den traditionellen Schriften steht, Lehrer und Schüler sollten sich drei Jahre Zeit nehmen um einander kennenzulernen. In Lebensgeschichten wie der von Milarepa findet man oft schon in der ersten Begegnung alle wesentlichen Zeichen. Als Milarepa seinen späteren Lehrer Marpa trifft, paßten alle Zeichen und die Verbindung war perfekt. Marpa zeigt sich Milarepa das erste Mal pflügend auf einem Feld am Wegesrand. Milarepa fragt ihn nach dem Weg zu Marpa. Dieser gibt sich nicht zu erkennen. Statt dessen bietet er ihm amüsiert ein Trinkhorn an und sagt, er werde ihm den Weg weisen, wenn er sein Feld zu Ende pflüge, doch zuerst solle Milarepa das Bier austrinken. Dieser leert das Horn in einem Zug und macht sich sogleich an die Arbeit, worauf Marpa sich entfernt. Als schließlich eines seiner Kinder Milarepa vom Feld zu ihm holen will, pflügt dieser zuerst das Feld zu Ende und folgt dem Kind erst danach. An diesen Zeichen erkennt Marpa, daß Milarepa alle seine Belehrungen (das Bier) aufnehmen und selbst alle Anstrengungen auf dem Weg (das Feld pflügen) meistern würde. Aber auch hier ist die Zeit der Prüfungen nötig gewesen. Bis heute stellen wir fest, das es in unserer Dharma-Entwicklung der ersten Jahre um das Aufbauen oder das Bestätigen der Verbindung zu unserem Lehrer geht. Das geistige Band zwischen Schüler und Lehrer basiert auf gegenseitiger Ehrlichkeit und tiefem Vertrauen. Gerade heute sind uns die Gefahren von bedingungsloser Hingabe und Vertrauen an die falschen Zielfiguren bewußt. Daher müssen die buddhistischen Lehrer sich selbst untersuchen und von ihren Schülern gecheckt werden, ob sie befreiend arbeiten und nicht neue Fesseln der Abhängigkeit schaffen.

Andererseits findet sich in den Belehrungen der Hinweis, daß man seine Bände mit seinen Lehrern nie brechen soll. Was bedeutet das nun? Die erste Möglichkeit zählt zu den schlechtesten Karmas, die man aufbauen kann und ist daher wie bei vielen kriminellen Taten eher von theoretischem Interesse. Das Töten eines oder gar des eigenen geistigen Lehrers läßt die Entwicklung zur Erleuchtung geradezu in astronomische Ferne rücken. Der nächste Fall liegt schon näher und bezieht sich auf das Intrigenspiel. Schüler, die versuchen, ihrem eigenen Lehrer zu schaden oder gegen seine Arbeit zu gehen, bauen sich selbst die größten Schwierigkeiten auf. Wie ist das zu erklären? Im Diamantweg ist der Lehrer der Spiegel der perfekten Natur des eigenen Geistes. Der Schüler seinerseits kann nicht vermeiden neben Hingabe auch Zweifel zu empfinden und seinen eigenen Störgefühlen zu begegnen. Nur sollte er bemerken, wann er seine eigenen Störgefühle auf den Lehrer projeziert. Der Lehrer hingegen darf sich nie als Zielscheibe erleben und muß immer das Potential hinter der Störung sehen können. Kurzum, er muß seine Leute mögen, wie sie sind. Solange man sich immer wieder gern begegnet, ist es das sicherste Zeichen für funktionierende Bände. Anders ist es, wenn aus der Projektion von Störgefühlen Intrigenspiel wird. Die ungesunden Auswirkungen davon werden durch die Arbeit mit Meditation viel schneller erlebt. Je höher ein Objekt von Handlungen gesehen wird, desto stärker sind die daraus folgenden Erlebnisse. Der Lehrer stellt den eigenen Erleuchtungszustand dar. Durch Hingabe und Vertrauen kann man diesen Zustand in sich selbst erkennen und so durch das Kraftfeld des Lehrers auf Ebenen der reinen Sichtweise springen. Diese Erfahrungen erklären die Kraft des Diamantwegs. Während man durch die Augen des Buddha erfährt, muß man aber auch die Fundamente von ethischem Verhalten und inneren Motivationen absichern. Geht man gegen dieses Fundament, fällt man leicht tiefer als auf das alte Niveau. Während der Schüler sich fast alles erlauben kann außer direktem Angriff und Intrige, sieht es für den Lehrer anders aus. Er muß die Leute mögen, auch mit schwierigen Geisteszuständen. Sonst kann er sie nicht befreien. Er muß die Bände halten und zur Buddha-Natur seiner Schüler stehen.

Der größte Fehler des Lehrers ist das Vorgaukeln nicht vorhandener Erfahrungen oder Eigenschaften. Wenn er keinen stabilen Geisteszustand erfährt, darf er sich nicht als Diamantweg-Lehrer anbieten. Denn wenn er sich schwach oder gestört zeigt, haben seine Schüler lange Zeit Schwierigkeiten an anderer Stelle Vertrauen zu zeigen und sich zu öffnen. Zumindest der schnelle Weg der direkten Einsichts-Übertragungen des Diamantwegs wird so verschlossen.

Gerade wir Nachwuchs-Lehrer erleben deutlich die Kraft, die in Hingabe liegt. Wenn man das erste Mal auf Buddhas Stuhl sitzt und seine Lehre vertritt, ist der Eindruck dieser zeitlosen Kraft des Segens sehr stark. Da ist es immer wieder wichtig, sich bewußt zu machen, das wir nicht dieses Kraftfeld erzeugen. Viel eher müssen wir unseren Lehrern und ihren Vorgängern danken. Die Kraft der Übertragungslinie ist so stark, daß wir uns nicht verstellen oder besonders heilig benehmen müssen. Durch bloße Hingabe und Vertrauen zieht man den Kraftkreis der Linie an. Die Ehrlichkeit uns selbst und den Freunden und Zuhörern gegenüber zeigt sich schnell als sehr wichtig. Wir stehen mehr als andere in der Verantwortung, aus unseren Fehlern zu lernen, auch wenn wir noch welche haben. Ihr anderen Dharma-Freunde helft uns dabei, wach zu bleiben. Unter dieser Voraussetzung kann man denken, jede Inspiration entsteht durch Buddhas Segen und die kleinen Macken gehören dem Lehrer privat.

Wie verhält es sich nun, wenn einer ein Band aufgebaut hat und es wieder lösen will? Wieder trägt hier der Lehrer die größere Verantwortung. Bei der Begegnung mit den Schülern darf er keine Abneigung haben, in der Arbeit keine Unwissenheit und wenn sie sich verabschieden wollen keine Anhaftung. Der Schüler sollte möglichst wenig auf seine Störgefühle eingehen und einfach denken: Dieser Lehrer ist gut für andere, aber nicht für mich. Solange man nicht wirklich tiefgründig recherchiert und auch über längere Zeit beobachtet hat, ist es besser, sich mit seinen Meinungen und Wertungen auf die eigene Entwicklung zu beschränken. Hier kann man aufgrund der hoffentlich vorhandenen Intuition entscheiden und sich auf diesen Weg oder Lehrer einlassen oder weiterziehen, je nach Wunsch.

Das karmische Potential

Die Suche und das Finden der geeigneten Verbindung, die günstigen Voraussetzungen aufgrund des mitgebrachten Potentials bilden die Grundlage des Diamantwegs. Nach der Zuflucht und dem Wunsch nach Glück für alle Wesen geht es um Reinigung und Aufbau von Verdienst. In der direkten Verbindung von Lehrer und Schüler wird das karmische Potential des Schülers für den Weg verwendet. Marpa mußte Milarepa von den schwierigen Eindrücken der schwarzen Magie befreien, mit deren Hilfe Milarepa 35 Feinde seiner Familie umgebracht hatte. Darum ließ er ihn Türme bauen, bis sein ganzer Rücken blutig war. Alle Schmerzen und Schwierigkeiten dieser Zeit reinigten seine negativen Eindrücke. Tilopa mußte Naropa von einem “Wasserkopf” an erlerntem Dharma-Wissen befreien. Demzufolge hat er kaum mit ihm gesprochen. Mit Hilfe von Symbolen und Erlebnissen hat er ihn durch die Vorstellungswelt zur direkten Erfahrung der Raum-Klarheit geführt. Viele von uns fragen sich heutzutage: wie sieht denn mein Karma aus oder welche Möglichkeiten stecken in mir? Oftmals schätzt man sich dabei verkehrt ein. Der Buddha selbst hat gesagt: “Wenn du dein vergangenes Karma kennen willst, schau darauf, wie Du jetzt bist. Der Körper, das Umfeld, die geistigen Tendenzen im Hier und Jetzt beinhalten Vergangenheit und Zukunft.” Wenn wir uns selbst aber auch schon mal falsch einschätzen können, der Lehrer darf es nicht. Seine erste Aktivität ist die beruhigende. Er nimmt den Schüler so an wie er ist und zeigt ihm, daß die äußere Suche beendet ist. Jetzt muß er nach innen schauen. Erst durch die innere Ruhe meditativer Stabilität kann man innere und äußere Erfahrungen und Möglichkeiten unverzerrt erfahren. Die nächste Aktivität des Lehrers besteht darin, aus der Fülle der sich zeigenden Entwicklungsmöglichkeiten diejenigen herauszuschälen, welche den Aufbau von Verdienst und Weisheit unterstützen. Auf dieser Grundlage verhilft der Lehrer dem Schüler dazu, die Grenzen in der eigenen Wahrnehmung zu sprengen, neue Horizonte zu öffnen oder ungewohntes Neuland zu betreten, auf dem er seine Kräfte erfahren und testen kann. Schließlich überträgt der Lehrer dem Schüler die innere Sicherheit, sich auf die grenzenlosen Raumerfahrungen der Erleuchtung einzulassen. Furchtlosigkeit reift in der Erkenntnis, daß der Geist kein Ding ist. Diese erste Erfahrung der Natur des Geistes selbst ist für den Schüler sehr wesentlich.

Äußerer, innerer und geheimer Lehrer

Im Buddhismus unterscheidet man die Erfahrungen des äußeren, inneren und geheimen Lehrers. Eigentlich sind sie nicht getrennt voneinander, aber zu Beginn werden sie so erlebt. Darum ist auch am Anfang des Weges der äußere Lehrer der wichtigste. Nach der Zuflucht braucht man viel Belehrungen, Einweihungen und Kraftübertragungen. Während dieser Zeit entsteht alles durch den äußeren Lehrer. Er spricht, segnet oder führt Rituale aus. Sein Verhalten und all seine äußeren Attribute sind für die Schüler bedeutungsvoll, denn sie schaffen Verbindungen und Reibungspunkte. Durch regelmäßige Meditationen daheim und in den Zentren und durch den Austausch in den Gruppen werden diese Erfahrungen über die Jahre verdaut und der innere Lehrer erscheint. Um ihn zu erfahren muß man natürlich nicht unbedingt Stimmen hören, wenn keiner spricht. Aber der eigene Kommentar zu den Lebenserfahrungen fügt nun immer mehr sinnvoll zusammen. Je größer die Fähigkeit wird, selbst den Dharma im Leben zu erfahren, desto größer wird auch unsere Unabhängigkeit vom äußeren Lehrer. Wir erleben immer stärker, daß der “Raum des Erlebers” uns verbindet. In vielen Situationen erfahren wir, wie die überpersönlichen Kraftkreise der Buddhas in und um uns sichtbar werden. Ob wir formal in die Fußstapfen unserer Lehrer treten oder nicht, in jedem Fall strahlen wir nun etwas Besonderes in die Welt aus. Aber diese Erfahrung muß noch weiter vertieft werden, bis man zum geheimen Lehrer findet. Der bestätigt schließlich jedes Erlebnis durch sich selbst. Erst wenn der äußere und der innere Lehrer uns von Wertungen und Störgefühlen befreit haben, kann er stabil auftreten. Er zeigt die Wahrheitsebene in jeder Erfahrung ohne irgendeinen Kommentar. Hier wird der Schüler vom äußeren Lehrer völlig unabhängig und als einzige Verbindung bleibt unauslöschliche Dankbarkeit für das Geschenkte und Erreichte.

Bei der dritten Reise überträgt Naropa Marpa die letzten und tiefsten Übertragungen. Es ist ihre letzte Begegnung und er sagt: “Verglichen hiermit sind die mündlichen Belehrungen, die Du zuvor erhalten hast nur wie die äußere Hülle. Sie sollen für dreizehn Generationen nur an je einen Halter der Linie gegeben werden. Gib sie nur an Milarepa und die Buddha-Aktivitäten werden sich verbreiten und blühen. Sind diese mündlichen Belehrungen verschieden von denen, die Du zuvor erhalten hast?”

Marpa dachte: “Grundlegend sind sie gleich, aber es gibt Unterschiede in der Tiefgründigkeit der Methoden, Verwirklichung entstehen zu lassen, und Unterschiede in Bezug auf die Schnelligkeit in der Vertrauen, direkte Erfahrung und Verwirklichung ohne große Anstrengung entwickelt werden."

Und er antwortet: “Eine Sache richtig zu kennen, befreit Alles. Da diese Königs-Belehrung allein genügend ist, hätte es gereicht, mir sie bereits am Anfang zu geben.”

Darauf antwortet Naropa: “Bei unseren beiden früheren Begegnungen war nicht der geeignete Zeitpunkt gegeben. Ohne all deine Anstrengungen für den Erhalt der Belehrungen hättest Du ihre Seltenheit und den großen Wert darin nicht erkannt. Darum wärest Du nicht in der Lage gewesen, sie ordentlich zu praktizieren. Selbst bei dem Versuch, sie zu praktizieren, wären ihre Früchte nicht in Dir erschienen. Wie ich Dir berichtete, mußte ich unter Tilopas Führung zwölf große Prüfungen und zwölf kleinere Proben in bezug auf Leib und Leben bestehen, um diese Belehrungen erhalten und praktizieren zu dürfen.”

An diesem Beispiel kann man sehen, daß zwar der Diamantweg die stärksten Mittel beinhaltet und unter Umständen sogar zu spontaner Erleuchtung führen kann, aber nur ein qualifizierter Lehrer lehrt in Übereinstimmung mit dem Entwicklungsstand.

Wir können also zusammenfassen, daß wir erst einmal eine Lehrer-Schüler-Beziehung herstellen müssen. Lehrer und Schüler müssen ihre Qualitäten gegenseitig erkennen. Danach geht es um eine Übertragung von Belehrungen, Mitteln, Methoden und schließlich um die direkte Erfahrung der Natur des Geistes. Wenn wir unsere Zeit mit den historischen Ereignissen vergleichen, finden wir Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Viele Unterschiede bestehen sicher darin, daß weniger Leute fliegende Gurus sehen oder Meister, die durch die Wand laufen können. Aber wenn wir die Stationen unseres spirituellen Weges sehen entdecken wir viele Gemeinsamkeiten. Der Kontakt zur Lehre Buddhas hat etwas in uns ausgelöst. Im Rückblick erkennen wir, daß wir in dieser ersten Zeit große Umwälzungen erfahren haben. Langfristig wurde dadurch erst der Weg frei für ungestörte Dharmapraxis. Diese Umwälzungen haben natürlich nichts mit den Ängsten der Familie zu tun, wir würden nach Indien ausreisen oder uns an eine Sekte verkaufen. Viel unspektakulärer erfahren wir, wie unser Bücherschrank, der Freundeskreis und die Einstellung zum Leben sich ändern. Die Verbindung zum Lehrer beginnt im Spannungsfeld von Hingabe und Zweifel und führt zu immer größerer Dankbarkeit.

Zuerst hat man ähnliche Hemden getragen oder ähnliche Ausdrücke verwendet wie er, aber nach einigen Jahren wird man zum Träger stabiler geistiger Werte, während das Hemd wieder gewechselt hat. Das Vorarbeiten von den oberflächlichen zu den tiefen Erfahrungen, von einzelnen Konzentrationspunkten auf grenzenlose Erfahrungen, wird sichtbar. Um aber nicht irgendwo in der angenehmen Bürgerlichkeit guter karmischer Eindrücke hängenzubleiben, benötigen wir alle einen weiteren Ansporn.

Der Unterschied zwischen Buddha und uns…

Gampopa traf Milarepa gegen Ende seines Lebens. In kürzester Zeit übertrug ihm dieser den vollen Inhalt der Übertragungslinie. Aufgrund seines mitgebrachten Potentials und ihrer funktionierenden karmischen Verbindung zeigte sich Gampopa als künftiger Linienhalter. Er war Milarepa bereits durch Träume und Prophezeiungen angekündigt worden. Nachdem Milarepa ihm alle formalen Übertragungen gegeben hatte versprach er, ihm noch eine letzte – sehr essentielle – Belehrung, die alle anderen noch übertreffen würde, zu geben. Gampopa war aufs äußerste gespannt. Milarepa aber drehte sich herum und zeigte ihm den nackten Hintern. Er war voller steinharter Schwielen, wie die Hufe eines Tieres, aufgrund der langen Meditationssitzungen ohne Kissen auf felsigem Untergrund. Dann sagte Milarepa: “All meine Verdienste und Verwirklichungen entstanden einfach bloß durch unaufhörliche Bemühung. Du benötigst nur diese Anstrengungen, keine andere Anweisung. Das ist die Essenz meiner Belehrungen. Ob Du ein Buddha wirst oder nicht entscheiden deine Bemühungen. Mit ihnen wird es keine Fragen über deine Befreiung geben. Wie ein Sohn, tu’ was dein Vater sagt!” Diese letzte Belehrung setzte einen unvergeßlichen Eindruck in Gampopas Geist, der ihm in vielen späteren Gelegenheiten Kraft gab. Heutzutage hören wir in Lama Oles Belehrungen: “Der einzige Unterschied zwischen dem Buddha und uns ist – er hat mehr meditiert!”


Dietrich (Didi) Rowek wurde 1961 geboren und nahm 1984 Zuflucht. Seit 1988 reist er als buddhistischer Lehrer. Viele kennen ihn durch die Kassel-Kurse, auf denen er u.a. für Lama Ole in's Englische übersetzt. In seinem Beruf als Heilpraktiker arbeitet er mit der traditionellen chinesischen Medizin, mit Schwerpunkt Tai Chi und Qi Gong.