Aus: Buddhismus Heute Nr. 28, ( 1999)

Einstieg in eine regelmäßige Praxis

Von Detlev Göbel

Der Beginn einer regelmäßigen Meditationspraxis bedeutet eine Umstellung des gewohnten Tagesablaufs. Hier und da eine kurze Meditation in den Alltag einzuflechten ist zwar relativ leicht möglich, aber wenn man die Grundübungen des Großen Siegels machen möchte, wird das schon anstrengender und braucht mehr Zeit. Einige Ideen und Ratschläge für die ersten Schritte auf dem Weg.

Nicht nur Meditation...

Wenn wir "Praxis" hören, denken wir als Buddhisten meist zuerst an die Meditationsübung. Aber die buddhistische Praxis ist mehr als das, denn es gibt alle möglichen Arten von Meditation, die nicht alle selbstverständlich zu Befreiung und Erleuchtung führen. Auch kann durch Meditation praktisch jede menschliche Eigenschaft – positive und negative – kultiviert werden. Damit durch Meditation Positives im Geist entsteht und der Geist letztendlich in Richtung Erleuchtung geführt wird, umfaßt deshalb eine vollständige buddhistische Praxis noch zwei weitere Aspekte: Die Meditation muß eingebettet sein in eine befreiende Sicht und ein richtiges Verhalten.

Die befreiende Sicht entsteht, indem man Buddhas Erklärungen zur wahren Natur des Geistes bekommt, sich mit ihnen vertraut macht und durch Nachdenken und Fragen eine innere Gewißheit darüber entsteht. Die Sicht, daß Erleber, Erlebtes und Erlebnis Teile einer Ganzheit sind und daß unserem Geist alle Qualitäten der Buddhaschaft schon als zu erweckendes Potential innewohnen, ist es, die unsere Praxis zur Erleuchtung führen läßt.

Die Meditation läßt das so Verstandene zu einer Erfahrung werden – "vom Kopf ins Herz rutschen" – denn es geht auf dem Weg letztendlich nicht darum, immer mehr Wissen anzusammeln, sondern die Natur des Geistes zu erkennen, die jenseits von Begriffen und Vorstellungen liegt.

Das dazu gehörende richtige Verhalten ist keine Bevormundung, wie man es von den theistischen Glaubensreligionen kennt, sondern eine gut gemeinte Empfehlung Buddhas, die einem hilft, eine runde menschliche Entwicklung zu erfahren. Buddha ist hier als ein Freund mit mehr Überblick zu sehen: Er macht uns darauf aufmerksam, wie sich bestimmte Verhaltensweisen auswirken, gibt Ratschläge wie wir einmal erreichte Entwicklungsstufen absichern können.

Diese drei Pfeiler buddhistischer Praxis gehören zusammen. Beispielsweise führt Meditation alleine, ohne die richtige Sichtweise, nicht zu Erleuchtung. Meditieren ohne eine Idee davon zu haben, was der alle Phänomene erlebende Geist und die erlebten Dinge in ihrem Wesen eigentlich sind, wird im Buddhismus damit verglichen, daß jemand hilflos im Nebel herumtappt.

Wenn sich jemand andererseits mit der buddhistischen Sichtweise beschäftigt, ohne jemals zu meditieren, so könnte er zwar ein kluger Gelehrter werden, würde aber nie grundlegend seine Störgefühle in den Griff bekommen und nie zur Essenz der Lehre Buddhas vorstoßen. Er wäre vergleichbar mit jemandem, der einen Weg theoretisch kennt, ihn aber nie wirklich geht.

Schließlich wäre es auch schwierig, eine richtige Sichtweise verbunden mit guter Meditation entstehen zu lassen, wenn Buddhas Ratschläge zum Verhalten auf lange Sicht völlig ignoriert würden. Diese Mittel, wie einmal Erreichtes abgesichert werden kann, sind vergleichbar mit Sicherungshaken beim Klettern an einer Felswand.

Ablenkung und Inspiration

Die Diamantweg-Gruppen bieten heute dem Interessierten verschiedene Möglichkeiten, ihr Angebot zu nutzen. Man kann einfach Teile davon verwenden, um seinem Leben mehr Sinn und inneren Reichtum zu geben, oder sich voll und ganz dem stufenweisen Weg anvertrauen und nach der Zufluchtsmeditaton mit den Grundübungen, dem Ngöndro, anfangen.

Fast jeder, der in der einen oder anderen Weise mit einer regelmäßigen Meditationspraxis beginnen möchte, stößt dabei auf alle möglichen Schwierigkeiten. Unzählige Umstände lenken einen ab und stehlen einem die Zeit; die ganze Welt scheint eine Verschwörung zu sein, die darauf abzielt, daß man sich in den vielen vom Geist erlebten Bildern verliert statt zu lernen, auf den erlebenden Geist selbst zu schauen. Immer wieder ertappt man sich dabei, wie einem die Dharmapraxis entgleitet und man merkt, daß es eine bewußte Anstrengung erfordert, um wieder Inspiration zu bekommen und weiterzumachen.

Zum Glück gibt es aber auch eine Reihe von äußeren und inneren Hilfen. Vor allem der Kontakt zu einer Gruppe von Freunden, die mit einem den Weg gehen, sowie eine vertrauensvolle Verbindung zu einem Diamantweglehrer, geben immer wieder Kraft und Inspiration. Innerlich ist es vor allem die Zuflucht und die altruistische Motivation, den Weg nicht nur zum eigenen Nutzen gehen zu wollen. Wie ein heißes Messer durch Butter, schneidet das tiefe Vertrauen, daß letztendlich nur der Buddha-Zustand dauerhaftes Glück für einen selbst und andere bringt, durch all die Ablenkungen der bedingten Welt. Angenehmes wird mehr und mehr als ein Geschenk des Geistes an sich selbst erlebt, und Unangenehmes als eine Reinigung, als ein sich Auflösen von negativen Eindrücken im Geist. Weder Angenehmes noch Unangenehmes können einen dann vom eingeschlagenen Weg abbringen. Wenn man dieses Vertrauen zutiefst verinnerlicht hat, lösen sich viele Hindernisse im Nu auf, denn man setzt ganz andere Prioritäten im Leben. Vieles, was man jetzt für unentbehrlich hält, verblaßt gegenüber der großen Vision, den Buddhazustand zu erlangen und andere dahin zu führen.

Das berühmteste Beispiel für jemanden mit solch einem unerschütterlichen Vertrauen und der daraus folgenden Konsequenz ist Milarepa, der dadurch in einem Leben vom denkbar schlechtesten Start als Mörder von 35 Menschen zum voll erleuchteten Buddha wurde. Er sagte einmal: "Wenn man in diesem Leben nicht meditiert, verschwendet man es. Sorgt dafür, daß ihr zur Sterbestunde nichts zu bedauern habt." Seine Lebensgeschichte zu lesen ist eine der stärksten Inspirationen, die uns ein Buch geben kann.

Ein Fundament

Ein solches Vertrauen, wie Milarepa es hatte, kann man natürlich nicht einfach anknipsen; es muß sich entwickeln und braucht eine solide Basis, die auch dann bestehen bleibt, wenn es im Leben mal stürmisch zugeht. Diese innere Stärke, der Dharmapraxis einen zentralen Platz im eigenen Leben zu geben und dabei zu bleiben, gleich was an Freuden und Reinigungen auf dem Weg daherkommt, nennen die Tibeter bildhaft njing-rü, "Herzknochen". Es ist vor allem die Beschäftigung mit den sogenannten "Vier Richtunggebenden Gedanken", die uns das Fundament und die Tiefe gibt, um unsere Dharmapraxis unerschütterlich werden zu lassen. Große Meister haben früher sogar gesagt, daß diese Vier Gedanken wichtiger als die eigentliche Hauptpraxis sind, denn ohne sie wird es sowieso niemals Stabilität in der Praxis geben. Ohne ein Verständnis davon, daß man jetzt in einer sehr begünstigten Situation ist, und daß dies nicht für immer so bleiben wird, ohne das Wissen, daß wir aufgrund von Karma selbst für unser Erleben verantwortlich sind und daß der Zustand des Nicht-Erleuchtetseins immer unbefriedigend sein wird im Vergleich mit der Freude der Erleuchtung, wird man nie zu einer stabilen Meditationspraxis kommen.

Schwer zu verstehen sind diese Lehren, mit etwas grundlegendem Vertrauen in den Dharma, ja eigentlich nicht. Was soll man aber dann davon halten, daß selbst große Meister manchmal sagen, daß sie sie immer noch nicht wirklich verstanden hätten? Worauf sie hindeuten wollen, ist: Bei der Beschäftigung mit den Vier Gedanken geht es vor allem darum, daß man sich nicht mit einem intellektuellen Verständnis zufrieden gibt, sondern sie wirklich verinnerlicht. Nur was uns ins Mark der Knochen eingedrungen ist, bleibt auch angesichts von Alter, Krankheit und Tod und den anderen Problemen eines Menschenlebens bestehen. Man kann die Belehrungen über den kostbaren Menschenkörper, die Vergänglichkeit, Karma und die Nachteile der bedingten Welt nur ein einziges Mal hören und sie gehen einem wirklich unter die Haut und verändern die Sicht gegenüber dem Leben und der Welt. Oder man kann sie sein Leben lang hören und so sein wie ein "Stein im Wasser", der nur außen naß wird, aber nie innen. Vielleicht ist es nur eine Frage davon, sich einmal mit Offenheit darauf einzulassen, was diese Belehrungen mit dem eigenen Leben und der Situation all der Wesen um uns herum zu tun haben könnten.

Gewohnheiten

Kalu Rinpoche soll auf die Fragen der Leute zu ihren Praxis-Problemen oft geantwortet haben, daß sie wohl mindestens einen der Vier Gedanken nicht wirklich verstanden hätten, denn sonst hätten sie keine Probleme mit der Praxis. Die natürliche Folge der Verinnerlichung der Vier Gedanken ist die Zufluchtnahme zu bleibenden Werten statt nur zu vergänglichen und kurzfristigen. So bereiten sie am Anfang jeder unserer Meditationen den Geist auf die Zufluchtnahme und die Entwicklung des Erleuchtungsgeistes vor, um diesen beiden mehr Tiefe zu verleihen. Sich ohne dieses Verständnis und ohne eine wirkliche Zufluchtnahme zur Dharmapraxis zu zwingen, macht wenig Sinn und entspringt meist nicht der richtigen Motivation. Von heute auf morgen so praktizieren zu wollen wie Milarepa es tat, schafft niemand von uns. Es gibt zwar manchmal Leute, die an einem Wochenende so viele Verbeugungen machen, daß sie blutige Knie haben, aber oft machen sie danach monatelang gar nichts mehr, was ja nicht der Sinn der Sache ist.

Besser ist es da, jeden Tag nur soviel zu machen, daß es einem möglich ist, daraus eine tägliche Gewohnheit für Dharmapraxis zu entwickeln. Gewohnheiten entstehen, indem man lange, oft über viele Leben hin, immer wieder das gleiche getan hat. Man kann sie schlecht mit einer Hauruck-Aktion an einem Wochenende ändern, wohl aber durch Beharrlichkeit und Kontinuität, denn der unerleuchtete Geist ist wie ein träges Tier, das am liebsten das tut, was es schon immer getan hat, nämlich: Unerleuchtet zu bleiben.

Die Gewohnheit, die Erlebnisse interessanter zu finden als den Erleber selbst, ist uns seit anfangsloser Zeit zu eigen. Wir laufen immer den Bildern im Spiegel nach, statt auf die Spiegelfläche des Geistes selbst zu schauen, und es dauert in der Regel schon eine Weile an Dharmapraxis, bis sich daran grundlegend etwas ändert. Die Erfahrung, daß der Spiegel selbst unendlich viel schöner und interessanter ist als alle Bilder, die in ihm erscheinen, und daß alles was im Geist geschieht spannend ist, einfach nur weil es geschieht, kommt normalerweise nicht gleich nach ein paar Wochen Praxis. Der erste Schritt dahin ist, überhaupt einmal das Vertrauen zu bekommen, daß es so sein könnte; denn es entspricht ja nicht dem derzeitigen Erleben. Zum Glück gibt es unter den Diamantweglehrern lebende Beispiele von Menschen, die diese Erfahrung haben und einen, im Maße der eigenen Offenheit, daran teilhaben lassen können.

"Adel verpflichtet"

Was jedoch schnell kommen kann, ist die Erfahrung, daß die Praxis etwas Gutes in einem bewirkt, und daß man mit sich und der Welt besser zurechtkommt. Immer öfter kommt man in Situationen, die man früher als problematisch erlebt hat und bemerkt mit Erstaunen, daß sie das auf einmal nicht mehr sind. Diese Erfahrung gibt einen Geschmack davon, wieviel mehr Freiheit und Freude einen im Laufe des Weges erwartet.

Wenn man also gleich am Anfang etwas Energie in die Praxis steckt, bekommt man recht schnell gute Feedback-Erlebnisse, die einem weiteres Vertrauen in die Methoden geben, so daß man auch wieder mehr Freude an der Praxis hat. Dies geschieht ja zum Beispiel auch durch das Phowa, wo durch ein paar Tage intensiver Meditation im Kraftfeld eines starken Lehrers mit tiefer Segenskraft eine echte körperliche und geistige Veränderung eintritt. Diese schnelle erste Erfahrung gibt einem einen guten Schub für die weitere Praxis.

Wie so oft, kommen auch bei der Praxis im Idealfall Qualität und Quantität zusammen. Qualität verleiht der Praxis Tiefe – sie ist verbunden mit Verständnis, guter Motivation, Hingabe zum Lehrer, Mitgefühl für die Wesen. Quantität heißt, man ist nicht faul, sondern nutzt seine Zeit und praktiziert auch mal etwas mehr als gerade bequem ist. Das lohnt sich wohl auf jeden Fall, denn der 9. Karmapa Wangchuk Dorje sagte dazu einmal: "Wenn ihr meditiert, während ihr eure Ausdauer angesichts von Schwierigkeiten stärkt, werdet ihr unvorstellbare Qualitäten ernten."

Am besten wäre natürlich, man hätte Qualität und Quantität, aber wer fängt schon damit an? Da sich die beiden aber gegenseitig bedingen, folgt man einfach dem, wo man sich hingezogen fühlt. In der Arbeit mit dem Geist führt Quantität an irgendeinem Punkt sowieso automatisch zu Qualität; die Ansammlung vieler guter Eindrücke im Geist öffnet ihn mehr und mehr für eine weitere Sicht; der Geist “traut” sich, etwas mehr von seiner wahren Natur zu erkennen. Wenn sich andererseits durch Beschäftigung mit den Lehren und der Anwendung im Leben zunehmend ein Gefühl für die Tiefgründigkeit des Dharma einstellt, so wird dies zunehmend den Wunsch nach mehr Praxis aufkommen lassen.

Unsere Karma-Kagyü-Schule, die auch als die "Praxislinie" bekannt ist, hat viele der bedeutendsten Verwirklichten Tibets hervorgebracht – und: “Adel verpflichtet”. Die Bedeutung der Praxis bekam Gampopa einmal in besonders eindringlicher Weise von seinem Lehrer Milarepa vermittelt: Als  Gampopa sich von ihm verabschiedete, gab ihm Milarepa alle möglichen Ratschläge und Prophezeiungen mit auf den Weg. Am Ende sagte er: "Ich habe noch eine besonders tiefgründige Belehrung, die ich dir aber nicht geben kann, weil sie zu wertvoll ist." Was blieb Gampopa anderes übrig? Er machte sich ohne diese Lehre auf den Weg.

Ganz plötzlich aber erschien Milarepa wieder bei ihm und sagte: "Andererseits: Wenn ich sie dir nicht gebe, wem sonst?" Gampopa fragte noch, ob er Milarepa für diese Lehre – wie in diesem Fall üblich – ein Mandala darbringen sollte. Milarepa sagte nur, das sei nicht nötig, hob dann sein Gewand und zeigte Gampopa seinen vom vielen Meditieren auf dem nackten Steinboden vernarbten und verschwielten Hintern. Er sagte dem sicherlich verdutzten Gampopa: "Die tiefgründigste Belehrung im Buddhismus ist: Praktizieren!"

Motivation

Im Prinzip gibt es immer zwei Möglichkeiten, wie man sich motivieren kann: Durch die Freude der Erleuchtung oder durch das Leid der bedingten Welt. Man kann auch abwechselnd, je nachdem wie man drauf ist, mit beiden jonglieren.

Im Westen kommt heutzutage natürlich der Freudenaspekt mehr an: Man vergegenwärtigt sich, was für eine riesige Freude mit der Erleuchtung einhergeht, geht zu Lehrern, die einem einen Eindruck davon vermitteln können, liest Biographien großer Meister, in denen das zum Ausdruck kommt, stellt sich vor, wie toll es wäre, andere Wesen richtig rundum dauerhaft glücklich machen zu können, usw. Künzig Shamar Rinpoche soll einmal auf die Frage, woran man erkennt, daß man die Grundübungen "gut" gemacht hat, sinngemäß geantwortet haben: "Danach hat man wirklich Freude an der Dharmapraxis."

Freude auf dem Weg zur Erleuchtung zu nutzen, ist das Herz des Diamantweges. Das Ziel ist ein Zustand, wo Raum und Freude untrennbar erlebt werden und einige der effektivsten Praktiken auf dem Weg arbeiten direkt mit Zuständen höchster Freude, verbunden mit dem Verständnis ihrer Leerheit. Der Erleber selbst, der im unerleuchteten Zustand den Wechsel von Freuden und Leiden erlebt, ist in seinem wahren Wesen nicht neutral, sondern allerhöchste Freude; jedoch ohne die Idee von einem Ich, das sie erlebt. Sich dessen bewußt zu sein, kann eine riesige Inspiration sein.

Die Jahrhunderte des Katholizismus mit Drohungen vor dem Höllenfeuer, auch der Lehrstil mancher Vertreter des Buddhismus mit wenig Freude im Leben, haben die meisten von uns eher allergisch gemacht gegen die andere Motivationsschiene: Die Betonung des Leidens in Samsara war in Tibet stark ausgeprägt, schreckt aber im Westen die Leute eher ab. Aber man kann auch jenseits aller Dramatik ab und zu darüber nachdenken, wieviel Leid es überall in der Welt gibt. Berichte aus Afrika, den Slums der dritten Welt, den Krebs- oder Aids-Stationen unserer Krankenhäuser usw. können das Gefühl erwecken, wie schön es wäre, wenn man wirklich etwas für alle diese Menschen tun könnte. Und die Vorstellung, wie es ist, wenn man selbst alt und krank wird und stirbt - und dabei immer noch glaubt, wirklich dieser Körper zu sein statt ihn zu haben - kann auch einen guten Motivationsschub geben, ohne daß man deswegen gleich aus der Welt ein Jammertal machen muß. Milarepa folgte aus seiner besonderen Situation heraus, mit 35 Toten auf dem Gewissen, eher diesem zweiten Ansatz: Er selbst sagte, daß es die Angst vor den karmischen Folgen seiner schlimmen Handlungen war, die ihn zur Erleuchtung getrieben hatte.

Mit welchem der beiden Ansätze man auch gerne arbeiten mag: Auf jeden Fall sollte man von Anfang an die Einstellung entwickeln, daß man nicht nur praktiziert, damit es einem selbst besser geht, sondern um fähig zu werden, anderen wirklich zu nutzen. Erst diese Einstellung läßt die Praxis wirklich erleuchtend werden, statt nur zu einem Zustand von persönlichem Frieden zu führen.

Freunde und Helfer

Nur wenige Leute sind auf Dauer fähig, alleine zu praktizieren. Den meisten hilft es sehr, wenn sie Kontakt zu einer Gruppe haben und sich mit Freunden austauschen können. Für eine runde Entwicklung ist es allemal gut, wenn man immer wieder ein Feedback von der Dharmagruppe bekommt und so nicht irgendwie auf Nebengleisen der Entwicklung landet oder sich seinen eigenen Dharma “zusammenbastelt”. Die Freunde in der Gruppe, wie eigentlich alles Erlebte, sollten als ein Spiegel für den eigenen Geist gesehen werden. Die Zusammenarbeit im Kraftfeld eines Diamantwegzentrums ist ja etwas anderes als die Mitarbeit im örtlichen Kaninchenzüchterverein, denn sie berührt und verändert tiefste Ebenen des Geistes. Wie verschmutzte Diamanten, die sich durch gegenseitige Reibung immer mehr schleifen, reinigen und immer strahlender werden, ist mit der gemeinsamen Arbeit in den Zentren ganz intensive Entwicklung verbunden. Zugleich gibt es kaum eine vergleichbare Möglichkeit, den Geist so schnell mit den positiven Eindrücken aufzufüllen, die für das Erkennen seiner wahren Natur nötig sind.

Im freundschaftlichen Austausch in der Gruppe erfährt man auch, daß alle Leute die gleichen Probleme und Freuden mit der Praxis hatten wie man selbst und kann an dem großen praktischen Erfahrungsschatz der Freunde und Helfer teilhaben. Die meisten Leute führen ja zum Beispiel ein halbwegs geregeltes Leben, und hier haben viele die Erfahrung gemacht, daß ein fester Platz und eine feste Zeit für die Praxis sehr nützlich sind. Wenn man sich eine Stelle in der Wohnung speziell für die Praxis herrichtet, mit einem Bild oder einer Buddhastatue, so wird man jedesmal, wenn man die Stelle sieht, an die Praxis erinnert, und es zieht einen immer öfter dahin. Die regelmäßige Meditation an einer bestimmten Stelle baut dort eine Kraft auf, die die Praxis sehr unterstützt.Auch eine feste Zeit ist sehr hilfreich, um eine gute Gewohnheit aufzubauen. Es ist viel leichter, die Praxis so zu einem festen Bestandteil in das tägliche Leben einzubauen, als immer darauf zu warten, daß es sich mal zwischendurch ergibt. Das tut es dann nämlich sehr selten: Viele Leute sagen, daß sie in Zeiten, wo sie ein geregeltes Leben führten, viel mehr meditieren konnten als in Zeiten, wo sie eigentlich nichts zu tun hatten und viel mehr Gelegenheit gehabt hätten.


Autor: Detlev Göbel (Jahrgang 1960), Redakteur bei BUDDHISMUS HEUTE, nahm 1984 bei Lama Ole Nydahl die buddhistische Zuflucht. Lebte 15 Jahre im Buddhistischen Zentrum München, lehrt international als Reiselehrer und organisiert jedes Pilgerreisen nach Bhutan.

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