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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 28, ( 1999)

Ein Gespräch mit Topga Rinpoche

Mit freundlicher Genehmigung von Buddhism Today, USA

Was ist das Grundprinzip des Buddhismus und insbesondere des Diamantweg-Buddhismus?

Topga Rinpoche: Die Hauptidee des Buddhismus ist, die Ursache des Leidens zu erkennen und diesem Leiden für sich selbst und für andere ein Ende zu setzen.Der Diamantweg (Vajrayana) ist eine Methode. Er hat grundsätzlich das gleiche Ziel wie das Große Fahrzeug (Mahayana), aber der Weg dahin ist anders. Der Diamantweg ist direkter und es wird gesagt, daß er kürzer ist als die anderen buddhistischen Pfade. Ich würde sagen, daß Vajrayana kein spezieller Pfad an sich ist, sondern nur einen anderen Weg benutzt als andere buddhistische Fahrzeuge.

Das soll aber nicht heißen, daß man nicht den Prozeß des Großen Fahrzeuges durchlaufen muß, um den Diamantweg praktizieren zu können. Diese beiden Fahrzeuge stehen in enger Verbindung miteinander. Der Diamantweg legt mehr Betonung auf Ermächtigungen, Rituale und Meditationen die sich nicht nur auf den Geist konzentrieren, sondern auch physische Praktiken wie Körperübungen einbeziehen. Wenn man ein gutes Verständnis des Großen Fahrzeuges erlangt hat, kann man einen qualifizierten Lehrer fragen, wie man den Diamantweg beginnt. Das ist etwas, das man nicht mal eben in einer Minute erklären kann.

Was ist die Karma-Kagyü-Linie?
Die Karma-Kagyü-Linie begann mit dem ersten Karmapa. Sie wurde tatsächlich nach ihm benannt und ist nicht sehr verschieden von irgendeiner anderen buddhistischen Schule. Die Hauptpraxis in dieser Tradition ist das Große Siegel – Mahamudra. Einer der Texte, die die Grundlagen für das Große Siegel und die Grundübungen dazu erklären, ist das “Licht der Gewißheit” von Jamgon Kongtrul Lodrö Thaye. Ein anderer Haupttext dazu ist “Die kostbare Girlande für den Höchsten Weg” (s. Buchbesprechung S. 64) von Gampopa. Es gibt auch einen kurzen Text von Gampopa namens “Die Vier Dharmas von Gampopa”, der alles enthält: Wie man seinen Geist auf die Lehre Buddhas ausrichtet, wie man die Lehre als den eigenen Weg anwendet, wie man Illusionen entfernt und wie man Illusionen in Weisheit umwandelt. Ganz gleich wieviele buddhistische Bücher man liest, sie alle beschäftigen sich mit diesen vier Punkten. Warum meditieren wir dann? Weil man sich ohne Meditation nicht auf seinen Geist verlassen kann. Ohne Meditation kann man die Ursache des Leidens nicht erkennen. Wenn man das versteht, entwickelt man Mitgefühl und den Erleuchtungsgeist, aber man muß praktizieren.Zuerst macht man sich klar, daß zahllose Wesen leiden und wirklich Hilfe brauchen. Sie sind wie am Rand eines kilometertiefen Abgrundes, wo unten ein sehr dunkles Meer ist. Jeder ist in Gefahr herunterzufallen. Wenn man weiß, daß sie Hilfe brauchen, wird man Mitgefühl haben, man hat keine andere Wahl.

Welches ist die wichtigste philosophische Schule in der Karma-Kagyü-Linie?
Das Madhyamaka. Innerhalb dieser Schule haben der dritte, der fünfte und der siebte Karmapa die Shentong-Sicht betont. Der achte Karmapa betonte die Prasangika-Unterschule, aber auch Shentong, und umfaßte so beide Unterschulen. Der 16. Karmapa wiederum stellte die Shentong-Sicht heraus.

Welche Praktiken werden in der Karma-Kagyü-Schule verwendet?
Das hängt von der jeweiligen Person und ihrem Lehrer ab. Wenn der Lehrer fähig ist zu sehen, was für eine Sorte von Schüler er vor sich hat und wie sein Geist arbeitet, kann er ihn dementsprechend sofort anleiten. Er kann ihn entweder ganz direkt zu einem Verständnis der Mahamudra-Sicht bringen oder ihn auf einem längeren Weg dahin führen, zum Beispiel durch die Sechs Lehren Naropas. Beide Wege sind wertvoll und gehören zur Karma-Kagyü-Schule, aber es hängt sehr vom Lehrer ab. Es ist eine sehr persönliche Angelegenheit.

Was für Illusionen sind es, die entfernt werden sollen?
Alle Arten von Illusion. Zuerst mal ist es gut zu verstehen, was überhaupt Illusion ist. Hinsichtlich der Meditation ist es jede Art von Vorstellung, jeder ablenkende Gedanke. Diese Illusionen lösen sich aber durch die Meditation automatisch auf. Man muß nicht eine besondere Meditation üben, um Illusionen und Gedanken durchzuschneiden. Die Meditation in sich selbst tut das schon. Es gibt also keinen Unterschied zwischen Illusionen durchschneiden und meditieren. Es geschieht gleichzeitig.

Wie kann man Buddhas Lehre in sein gewöhnliches Leben einbringen?
Die meisten von uns haben Familie, Freunde und Verantwortung. Ich denke, das können wir nicht vermeiden. Wir können nicht einfach Familie und Freunde verlassen, irgendwo anders hingehen und sagen “Jetzt werde ich ein Buddha”. Das wird wohl nicht funktionieren. Aber man kann auch im Kreis seiner Familie und Freunde meditieren. Wir sagen, daß alle fühlenden Wesen unsere Eltern sind. Vielleicht könnt ihr nicht jeden als eure Eltern akzeptieren, aber zumindest die eigene Familie. Aus den zahllosen Wesen könnt ihr zumindest fünf oder zehn Leute um euch herum nehmen und ihnen zu helfen versuchen. Das ist eine Praxis. Lehrt ihnen Meditation und zeigt ihnen den richtigen Weg, wenn es möglich ist. Das ist sehr gut und ihr habt einen direkten Kontakt mit menschlichen Wesen.Wir können theoretisch sagen: “Heute mache ich diese oder jene bestimmte Praxis und morgen werde ich alle fühlenden Wesen in die Buddhabereiche führen und übermorgen werden sie alle Buddhas und Bodhisattvas sein”. Das macht keinen Sinn. Aber durch den Umgang mit Familie und Freunden für diese Leute physisch, emotional und geistig wirklich etwas zu tun, das ist sehr gut.

Manchmal akzeptiert einen die Familie nicht als Buddhisten. Welchen Rat würden sie dafür geben?
Vielleicht akzeptieren sie euch nicht, weil ihr ihnen irgendwie fanatisch vorkommt. Vielleicht sind sie konservativ, haben andere Ideen, sind eventuell sehr materialistisch. Das ist in Ordnung, sie können ihre eigene Sicht haben. Aber ihr solltet ihnen zeigen, daß ihr nicht einfach einem Glauben anhängt, sondern wißt, was ihr tut. Vermittelt ihnen das in einer freundlichen Weise, ohne zu kämpfen, ohne Mißbilligung und ohne aggressiv zu sein.

Manche Leute werden Buddhisten und wollen dann alles aufgeben, um nur noch zu meditieren. Andere sind sich nicht sicher, ob sie eine Karriere anstreben oder sie eher vermeiden sollten. Was denken sie darüber?
Ihr solltet weder euren Job noch eure Meditation aufgeben, denn ihr könnt beides machen. Geht mit beiden gleichermaßen zur jeweiligen Zeit um. Morgens könntet ihr euch mehr auf die Arbeit, abends mehr auf die Meditation konzentrieren. Ich denke, daß beides schön zusammenarbeiten kann, denn was immer ihr tut, hängt irgendwie mit eurer Meditation zusammen. Deshalb werdet ihr nicht, wie so viele andere Leute, negative Dinge tun. Das ist eine sehr gute Sache. Wenn ihr denkt: “Ich will die ganze Welt aufgeben und irgendwo meditieren”, dann wird dieser Tag niemals kommen. Schließt dieses Kapitel lieber ab. Tut hier und jetzt euer Möglichstes. Es ist natürlich eine Frage der eigenen Persönlichkeit. Wenn ihr wißt was ihr tut, warum dann aufhören? Geht einfach weiter. Wenn nicht, dann macht eine Pause.

Ist es möglich, die höchste Sicht im Alltag zu kultivieren? Wie geht das?
Ja, es ist möglich. Zuerst muß man mal eine richtige Sicht entwickelt haben. Für das Mahamudra wäre das etwas wie der “Große Mittlere Weg” (Madhyamaka). Das entwickelt sich durch die Meditation. Man kann diese Sicht intellektuell verstehen, aber da ihr sie noch nicht erlebt habt, ist es etwas, das ihr zuerst entwickeln müßt. Um diese Sicht zu erfahren, geht man die Praktiken durch, bis man sie erkennt und schließlich die höchste Ebene erlangt. Aber man kann nicht auf diese höchste Ebene deuten, da es keine Form gibt, die sie anzeigt.Wenn man jedoch durch die eigene Meditation dort angelangt ist, ist es wie ein Schock. Man wundert sich dann: “Wie ist es möglich, daß ich es zuvor nicht erkannt habe? Es ist in mir. Ich habe es nicht aus Rußland, China oder Indien bekommen, sondern es steckt in mir. Wie ist das nur möglich?”

Wie kann man mit Anhaftung an Wohlstand, bestimmten Prinzipien, Stolz und spiritueller Aktivität umgehen?
Wenn ihr eure geistigen Kräfte entwickelt, werden schlechte Eigenschaften abnehmen. Was ist geistige Entwicklung? Es ist ein Training des Geistes, durch welches das Ego sich selbst auflöst. Wenn ihr euren Geist entwickelt, verschwinden eure unerwünschten Qualitäten von selbst.

Mit freundlicher Genehmigung von Buddhism Today, USA.

 

 


Topga Rinpoche stammte aus einer früheren Königsfamilie in Osttibet und war ein Neffe des 16. Karmapa. Er wurde schon als Jugendlicher vom 16. Karmapa in Tsurphu – dem damaligen Hauptkloster der Karma-Kagyü-Linie in Tibet – als “Vajra-Meister” eingesetzt und später im Exil als Generalsekretär des Klosters Rumtek. Er galt als einer der größten Gelehrten der Karma Kagyü Linie und unterrichtete am KIBI in New Delhi buddhistische Philosophie, Erkenntnistheorie und die tibetische Sprache. Sein besonderes Engagement galt dem Erhalt der Tradition der “Schwarz- und Rot-Hut-Karmapas”, der Untrennbarkeit der Karmapas und Shamarpas. Topga Rinpoche setzte sich nach dem Tod des 16. Karmapa sehr bestimmt dafür ein, Karmapas Wünsche zu erfüllen und sein Vermächtnis zu bewahren, womit er sich im Himalaya-Gebiet einige Leute zu Feinden machte, die andere Pläne mit der Karma Kagyü Linie hatten.Er war mit einer bhutanesischen Prinzessin verheiratet und ermöglichte 1987, zusammen mit Lopön Tsechu Rinpoche, zum ersten Mal einer westlichen Pilgergruppe unter der Leitung von Lama Ole Nydahl die heiligen Stellen Bhutans zu besuchen.

Topga Rinpoche starb 1997. Anläßlich seiner Verbrennung in Bhutan wurde der 17. Karmapa Thaye Dorje in Bhutan als Staatsgast mit allen Ehren empfangen.

FUNKTIONEN

 

SCHLAGWORTE

Topga Rinpoche, Diamantweg, Buddhismus im Alltag

 

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