Aus: Buddhismus Heute Nr. 27, ( 1998)

Die Entwicklung des Dharma in der modernen Gesellschaft

Von Manfred Seegers

Vom 23. - 25. September 1998 fand in dem französischen Zen-Zentrum »La Gendronniere« südlich von Paris das dritte Treffen europäischer Dharmalehrer statt. Ungefähr 30 Lehrer aus acht verschiedenen Ländern und aus allen wichtigen buddhistischen Traditionen begegneten sich hier zu einem persönlichen Erfahrungsaustausch und zu einer Bestandsaufnahme der Integration des Buddhismus in die moderne westliche Gesellschaft.

Der Veranstalter dieses Treffens war die Europäische Buddhistische Union, die im Anschluß daran auch zu ihrer jährlichen Konferenz zusammenkam. Das Zen-Zentrum »La Gendronniere« ist ein malerisch gelegenes Schloß an der Loire inmitten eines weitläufigen Waldgebietes mit riesigenZedern, die an die Mammut-Bäume amerikanischer Nationalparks erinnern. Das Zentrum wurde von dem Zen-Meister Deshimaru gegründet und wird nun, nach dem Tod des Meisters im Jahre 1982, von dessen direkten Schülern geleitet. Den Lesern des Buches «Über alle Grenzen« von Lama Ole Nydahl ist es dadurch bekannt, daß es im Januar 1975 vom 16. Karmapa besucht wurde, wobei sich dieser sehr über die Gewohnheiten der Zen-Mönche amüsierte. Zwei der Zen-Meister konnten sich auch jetzt noch in allen Einzelheiten an diesenBesuch S.H. Karmapas erinnern.

In dieser idealen Atmosphäre trafen sich nun die verschiedenen Lehrer aus Theravada, Zen und Tibetischem Buddhismus, wobei die Voraussetzung für die Teilnahme darin bestand, daß der jeweilige Lehrer in seiner Tradition mindestens zehn Jahre lang als Lehrer tätig und innerhalb von Europa aktiv ist. Von der Karma Kagyü Linie unter Karmapa Thaye Dorje waren Hannah Nydahl und in Vertretung von Lama Ole Nydahl, der sein Programm in der Ukraine nicht unterbrechen konnte, Manfred Seegers anwesend. Der ersteTag war ganz dem gegenseitigen Kennenlernen gewidmet und solchen Themen, die die Situation der Dharmalehrer selbst betrafen. Hierbei war das Thema der Autorisation eines buddhistischen Lehrers und der Übertragunginnerhalb der jeweiligen Tradition das wichtigste. Dazu lag eine Anfrage der italienischen Regierung vor, die vor einer Anerkennung des Buddhismus in Italien und damit verbundener Steuerbefreiung zuerst klären wollte, was ein Dharmalehrer und was ein Mönch im Buddhismus ist.

Es wurde klar, daß in allen buddhistischen Traditionen die authentische Übertragung vom Lehrer zum Schüler eine zentrale Rolle spielt, wobei man aber verschiedene Arten von Lehrern unterscheidet. So ist speziell der Wurzellehrer derjenige, der die letztendlichen Belehrungen gibt und den Schüler in die Natur seines Geistes einführt. Im Zen wird dies so beschrieben, daß der Lehrer durch eine Übertragung von Geist zu Geist dem Schüler hilft, die Schleier im Geist zu reinigen, die ihn von der Erkenntnis seiner innewohnenden Natur, der Buddhanatur, abhalten.

Ein allgemeiner Dharmalehrer im Mahayana ist jemand, der eine gute Kenntnis der Lehre des Buddha besitzt und auf der Grundlage von Mitgefühl lehrt. Er wird hauptsächlich die Sichtweise lehren, die als Grundlage für die Meditation benötigt wird. Ein Lehrer des Diamantwegs hat im Vergleich dazu eine weit höhere Qualifikation. Beim Lehren der Diamantwegspraxis spielen die authentische Übertragung und die innere Verwirklichung die entscheidende Rolle. Es ist in der Regel der eigene Lehrer, der bestimmt, wann jemand bereit ist, zu lehren und was er lehren kann. In allen Traditionen werden jedoch auch Kurse zur Ausbildung von Lehrern angeboten.

Weiterhin wurde noch einmal die gemeinsame Definition für eine buddhistische Gruppe bestätigt, die bereits bei früheren Treffen gefunden worden war. Das charakteristische Merkmal ist hier, daß eine regelmäßige gemeinsame Meditationspraxis stattfindet auf der Grundlage der buddhistischen Zuflucht, den fünf grundlegenden Regeln buddhistischer Ethik, sowie der Sichtweise, die durch die Vier Siegel der Lehrrede des Buddha bestimmt ist. Die Festlegung solcher Merkmale war ebenfalls notwendig geworden, weil eine Anerkennung des Buddhismus durch den Staat nur möglich ist, wenn eine gemeinsame Grundlage aller Traditionen nachgewiesen werden kann. Bei der Definition für einen Mönch oder eine Nonne waren sich alle Vertreter einig, außer den Zen-Schulen. Im vorigen Jahrhundert war in Japan die Regel geändert worden, daß ein Mönch ungefähr 250 Gelübde nimmt, einschließlich sexueller Enthaltsamkeit. Zu jener Zeit wurden diese Regeln auf zehn reduziert, die nicht mehr notwendigerweise Enthaltsamkeit beinhalteten. Der Begriff »Zen-Mönch« wurde völlig anders verstanden. Ein japanischer Ausdruck, wörtlich «Wolke und Wasser«, bedeutet das völlige Loslassen von allen Anhaftungen. Dieser Ausdruck wurde meistens mit dem Wort »Mönch« übersetzt, weil dies der Bedeutung am nächsten kam. Nach der allgemeinen, strengeren Auslegung handelte es sich hierbei jedoch um eine Ungenauigkeit in der Übersetzung.

Das Wort Mönch kommt aus der griechischen Sprache von »monos« was »allein« bedeutet. Hier ist in allen anderen Traditionen die sexuelle Enthaltsamkeit inbegriffen. Die Vertreter der Zen-Traditionen wurden daher gebeten, diesen Begriff möglichst im allgemeinen Sinne zu verwenden, um die Rollen in der Gesellschaft klar zu unterscheiden, zumal in dieser Tradition alle anderen Versprechen, wie zum Beispiel das Bodhisattva-Versprechen, weitgehend mit den anderen Traditionen des Mahayana übereinstimmen.

Der zweite Tag der Begegnung war vor allem dem Thema »Buddhismus und Gesellschaft« gewidmet. Zusätzlich zu dem von allen Teilnehmern gewünschten Erfahrungsaustausch auf diesem Gebiet gab es auch einen konkreten Anlaß, sich damit zu beschäftigen: Der große EBU-Kongress im Oktober 2000 im Gebäude der UNESCO in Paris mußte inhaltlich vorbereitet werden. Hierzu gab es eine Fülle von wichtigen Themen. Kleinere Gruppen von Lehrern nahmen sich dieser Themen einzeln an und berichteten anschließend der Vollversammlung von ihren Ergebnissen. Dort wurden diese Themen dann breit diskutiert. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Diskussion werden nun in kurzer Form dargestellt.

Auf dem Gebiet der Psychologie und Psychotherapie findet bereits eine starke Inspiration durch den Buddhismus statt. Hier gibt es drei Gebiete: Zuerst geht es um verschiedene Wege, wie geistige Krankheiten geheilt werden können, was den allgemeinen Therapeuten überlassen bleiben sollte. Weiterhin gibt es viele Überschneidungen zwischen buddhistischen Methoden für geistige Entwicklung und verschiedenen Therapieformen, wenn nur kleinere Probleme behoben werden sollen und damit der Allgemeinzustand verbessert wird. Auf diesem Gebiet sind bereits viele buddhistische Therapeuten tätig. Die Meditation setzt allgemein beim gesunden Menschen an und führt ihn zur vollen Verwirklichung seines Potentials. Hier gibt es als drittes Gebiet eine vollständige Beschreibung der fehlerhaften oder fehlerfreien Zustände des Geistes in der buddhistischen Erkenntnislehre.

Die buddhistische Ethik vermittelt klare Werte, speziell in bezug darauf, was aufzugeben ist und was anzunehmen ist. Man übernimmt die Verantwortung für das eigene Leben und löst die Probleme im eigenen Geist, das heißt von der Wurzel her. Es gibt keine grundlegende Schuld wie in anderen Religionen, sondern die beständige Möglichkeit, aus Fehlern zu lernen. Richtiges Verhalten bedeutet, anderen in keiner Weise zu schaden, sondern ihnen zu nützen, soviel man kann. Dies sorgt dafür, daß geistiger Friede erlangt werden kann, eine Freiheit von Störungen, die wiederum zur Grundlage für zeitlich bedingtes und letztendliches Glück wird, wenn sie mit der Einsicht in die Natur des Geistes verbunden ist.

Die buddhistische Ethik nimmt zu vielen wichtigen Themen Stellung, wie zum Beispiel zu Sterbebegleitung, zu Tod und Wiedergeburt insgesamt, zu Abtreibung und Adoption, zur Medizin, zu jeder Form des Umgangs mit anderen Lebewesen und mit der Natur. Engagement in der Gesellschaft und Buddhismus und Umwelt sind daher weitere wichtige Themen. Hier engagieren sich bereits viele Buddhisten auf der Grundlage von Liebe und Mitgefühl, das heißt des Erleuchtungsgeistes, im sozialen Bereich. Es gibt zahlreiche Projekte zur Unterstützung bedürftiger Menschen durch den Bau von Schulen und Krankenhäusern wie die »Himalaja Hilfe« und andere. Im weiteren Sinne kann man auch das Lehren des Dharma als Engagement in der Gesellschaft verstehen. Im Umgang mit der Umwelt geht es immer darum, die Trennung zwischen dem Geist und seiner Umgebung zu überwinden und das Abhängige Entstehen in möglichst vielen Aspekten zu verstehen. Es nützt also nichts, nur die äußere Welt zu verändern, sondern wir müssen unser Verhältnis zur Welt ändern. Buddhistische Mönche in Thailand zum Beispiel schützen den Wald, indem sie die Bäume ordinieren. Eine ordinierte Person wird sehr hoch geachtet in Thailand, und die Mönche rufen durch die Ordination der Bäume die Bevölkerung auf, auch den Wald zu achten.

Dann wurde das Thema Ausbildung aus buddhistischer Sicht besprochen. Die Weltreligion Buddhismus ist ein Bestandteil des Ethikunterrichtes an vielen Schulen. Daher werden buddhistische Zentren von Schulklassen besucht, manchmal sogar für ganze Projektwochen. Es werden buddhistische Lehrer in die Schulen eingeladen und Videos über Buddhismus gezeigt. Eltern und Lehrer werden in Fortbildungskursen an Volkshochschulen und Instituten für Lehrerfortbildung umfassend über Buddhismus informiert. Weiterhin finden Vorlesungen und Seminare an verschiedenen Universitäten statt. In Paris ist ein Institut gegründet worden, an dem man die Inhalte aller buddhistischen Traditionen studieren kann. Dies betrifft hauptsächlich das Angebot auf allgemeiner Ebene.

Natürlich geht es hier auch um die Ausbildung buddhistischer Kinder und Erwachsenen. Bei den Kindern ist es wichtig, ihre Sprache zu sprechen und ihnen Inhalte zu vermitteln, die ihnen wirklichen Nutzen bringen, wie Umgang mit Störgefühlen, Konfliktbewältigung, klare Werte für ihr Verhalten und eine Vision für das ganze Leben. Als Hilfe dazu gibt es bereits umfangreiches Lehrmaterial. Hierzu soll jedoch auch eine Expertengruppe weiteres Material sammeln mit dem Ziel einer Veröffentlichung zu diesem Thema. Ein zusätzlicher Gesichtspunkt ist der, daß, sobald freiere Formen von Ausbildung entwickelt werden, diese sich leicht zu stark von den üblichen Formen unterscheiden können, so daß die Grenze sorgfältig ausgelotet werden muß. Bei den Erwachsenen gibt es bereits viele Studienangebote in den buddhistischen Zentren, die in den meisten Traditionen so direkt wie möglich auf die Praxis der Meditation bezogen sind.

Die Meditationspraxis war dann auch das nächste Thema, wobei hauptsächlich besprochen wurde, in welcher Form man den Teilnehmern des Kongresses 2000 Meditationserfahrungen nach den verschiedenen Traditionen vermitteln kann. Es wurde klar, daß es in dem großen Saal der UNESCO möglich sein wird, mit einfachen Mitteln eine entsprechende Atmosphäre herzustellen. Hierbei wurde auch die Frage diskutiert, die zum nächsten Thema hinführt, nämlich in wieweit der kulturelle Aspekt bei der Übertragung in die moderne Gesellschaft eine Rolle spielt.

Welche Verbindung besteht zwischen Buddhismus und Kunst und Kultur? Als Antwort auf diese Frage wurde zunächst festgestellt, daß die Essenz des Buddhismus an keine bestimmte Kultur gebunden ist. Dies zeigt schon die Tatsache, daß die Lehre des Buddha von Indien aus in viele Länder mit ihren jeweiligen Formen von Kunst und Kultur übertragen wurde. Im Westen ist das Bild vom Buddhismus jedoch noch sehr stark von dem jeweiligen kulturellen Erscheinungsbild ihres asiatischen Ursprungs geprägt, was zur Übernahme von zahlreichen Mythen und Legenden geführt hat, sowie von verschiedenen Kunstformen. Wenn dies für den Erhalt der Lehre notwendig ist, hat es einen Nutzen. Wenn dagegen diese Mythen nicht hinterfragt werden, um an den wahren Kern zu gelangen, kann dies leicht dazu führen, daß der Buddhismus als exotisch betrachtet wird und damit seine Verwendung für das Leben in der modernen Gesellschaft ausgeschlossen wird.

Tatsächlich ermöglicht die Arbeit mit dem Geist ein weit besseres Funktionieren im modernen Leben und damit auch eine höhere Wertschätzung der eigenen Kultur. Diese Integration hat ja bereits Mitte des vorigen Jahrhunderts im Westen begonnen, und nun kann man mit Recht sagen, daß der Buddhismus im Westen angekommen ist. Es wurde daher die Entscheidung getroffen, auf dem Kongreß 2000 nur solche Künstler einzuladen, die auf der Grundlage des Buddhismus moderne Ausdrucksformen in ihrer Kunst gefunden haben. In diesem Zusammenhang war auch eine Anfrage der bhutanesischen Regierung äußerst interessant, die darum bat, einen westlichen Dharmalehrer nach Bhutan zu senden, um den jungen Leuten dort den Buddhismus nahe zu bringen. Die Logik dahinter ist die, daß die jungen Bhutanesen sich von ihrer alten Kultur abwenden und sich stark für den Einfluß des Westens öffnen. Kommt nun ein buddhistischer Lehrer aus dem Westen, so sind sie eher in der Lage, von ihm die Lehre des Buddha anzunehmen.

Zur Wissenschaft steht die buddhistische Sicht nicht im Gegensatz, sondern sie hat eine weitere, ganzheitliche Perspektive davon. Die buddhistische Philosophie entfernt die Begrenzungen materialistischer oder nihilistischer Anschauungen und zeigt, wie Makrokosmos und Mikrokosmos, wie die äußere Welt, Körper und Geist des Menschen miteinander in Beziehung stehen.

Am dritten und letzten Tag der Tagung befaßten sich die Dharmalehrer neben organisatorischen Fragen hauptsächlich mit den Medien. Dabei wurde die wichtige Rolle der Medien bei der Information der Bevölkerung über Buddhismus hervorgehoben, die es vielen Menschen ihrer Offenheit entsprechend ermöglicht, Verbindung zum Buddhismus zu bekommen. Der richtige Umgang mit den Medien bedeutet hier, achtsam zu sein, wenn der Buddhismus von außerhalb angegriffen wird (wie zum Beispiel in Griechenland von der orthodoxen Kirche), dafür zu sorgen, daß eine korrekte Information weitergegeben wird, zum Beispiel durch vorbereitete Pressemappen, Medienexperten in den Zentren, usw., und auch als buddhistischer Lehrer zu trainieren, komplexe Sachverhalte für die Presse in wenigen Sätzen zusammenfassen zu können. In diesem Zusammenhang wurde auch besprochen, daß Auseinandersetzungen innerhalb buddhistischer Schulen möglichst intern ausgetragen werden sollten und nicht über die Presse. Hier muß der Buddhismus vor Verallgemeinerungen geschützt werden und die Konflikte müssen immer wieder an den Punkt zurückgeführt werden, wo sie tatsächlich stattfinden.

Abschließend sprachen viele Teilnehmer ihren Dank und ihre Freude darüber aus, daß dieses Treffen äußerst inspirierend und nützlich war, daß sich dabei Freundschaften entwickelt oder weiter gefestigt hätten, und daß es in einer konzentrierten und gleichzeitig entspannten Atmosphäre stattfand. Die EBU warb außerdem um Unterstützung für ihre Arbeit, die die weitere Integration des Buddhismus in die moderne Gesellschaft auf europäischer Ebene zum Inhalt hat.


Autor: Manfred Seegers ist nach Abschluß eines fünfjährigen buddhistischen Studiums unter Khenpo Lama Thubten autorisierter Dharmalehrer. Er studiert und lehrt an der buddhistischen Universität »Karmapa International Buddhist Institute« in New Delhi, Indien. Im Auftrag von Künzig Shamar Rinpoche und Lama Ole Nydahl hält er Vorträge und Seminare in vielen europäischen Ländern.