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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 27, ( 1998)

Reise zum Mittelpunkt des Universums

Eine Reise nach Tibet

Die Idee

Schon 1997 entstand der Wunsch, eine Berner Sangha-Reise zu den Wurzeln des Diamantweg-Buddhismus zu unternehmen. Daraus resultierten zwei mögliche Reiseprogramme. Eine Reise auf den Spuren Buddha Shakyamunis quer durch Nordindien oder eine Reise zum Berg Kailash, dem „Zentrum des Universums". Wir fragten schließlich Ole anläßlich eines Vortrages in der Schweiz, was er uns empfehle. Seine Antwort kam rasch: „Fahrt nach Tibet!"

Die Idee

Schon 1997 entstand der Wunsch, eine Berner Sangha-Reise zu den Wurzeln des Diamantweg-Buddhismus zu unternehmen. Daraus resultierten zwei mögliche Reiseprogramme. Eine Reise auf den Spuren Buddha Shakyamunis quer durch Nordindien oder eine Reise zum Berg Kailash, dem „Zentrum des Universums". Wir fragten schließlich Ole anläßlich eines Vortrages in der Schweiz, was er uns empfehle. Seine Antwort kam rasch: „Fahrt nach Tibet!"

Die Planung

Auf der Suche nach einem Tibet-Spezialisten stießen wir schließlich auf den Exil-Tibeter Dawa Siegrist, Tibet Culture & Trekking Tours in Zürich, der auch die Reise für das Geo-Special „Tibet" organisiert hatte. Wir stellten mit ihm ein sehr attraktives Programm zusammen, das uns zum Kailash und via Kathmandu nach Kalimpong zum Karmapa führen sollte. Die Reisezeit war auf einen Monat beschränkt. Wir machten die Reise in unserem Berner Zentrum bekannt. Aufgrund der relativ hohen Kosten fanden sich schließlich gerade sechs Berner Sangha-Teilnehmer, die sich zur Reise entschließen konnten. Dann wurden wir von Freunden aus den anderen schweizerischen und deutschen Zentren gefragt, ob sie auch mitmachen könnten, was schließlich eine Gruppe von 13 Dharmafreunden ergab, eine besonders interessante Zahl, wie sich später noch zeigen sollte...

Die Vorbereitung

Mit einer typisch schweizerisch, leicht perfektionistischen, Ader versehen, wollten wir bereits in der Vorbereitungsphase möglichst viele Hindernisse bewältigen und stellten ein „Fit-4-Kailash"-Programm zusammen, welches unsere Kondition und Höhentauglichkeit verbessern sollte. Im Rahmen dieses Programms organisierten wir ausgedehnte Höhenwanderungen sowie Bergtouren mit Übernachtungen im Viertausender-Bereich. Der Versuch den Mönch (Eiger, Mönch und Jungfrau) zu besteigen, scheiterte wegen zu starker Windböen, dafür schafften wir den „Alphubel" (4205 m) nahe des berühmten Matterhorns. Daneben standen Investitionen im Ausrüstungs-Bereich an, die uns tief in die Tasche greifen ließen.

Die Reise

Am 7. August trafen wir uns schließlich, fit und beladen (well-equipped) auf dem Flughafen Kloten zum Flug nach Delhi, wo wir uns zwölf Stunden um die Ohren schlagen mußten, bevor wir nach Kathmandu weiterfliegen konnten. Dort hatten wir zwei Tage Zeit unsere Kagyü-typische Begierde zu stillen um die besten Statuen- und Thanka-Läden leerzukaufen. Am 12. August bestiegen wir die Maschine nach Lhasa, wo wir endlich tibetischen Boden betreten konnten; eine tolle Erfahrung! Die chinesische Grenzkontrolle lief viel besser, und vor allem auch schneller ab, als erwartet und so saßen wir schon bald in einem Mini-Bus, der uns nach Tsetang brachte, wo wir die erste Nacht auf 3400 m verbrachten. In Tsetang mußten wir feststellen, daß die Chinesen ganze Arbeit leisten und mit ihren „Modul-Bauten „ den Städten das Tibet-typische bereits größtenteils geraubt haben. In Tsetang lernten wir auch die tibetischen Kinder kennen, die wir aufgrund ihres Verhaltens in der Folge nur noch „Hallos" nannten...

Anderntags besuchten wir Samye - das erste, von Guru Rinpoche erbaute Kloster Tibets - das wie ein Mandala aufgebaut ist. In Samye stellten wir fest, was sich später zig-mal wiederholen sollte: Die Klöster sind größtenteils nur noch Foklore-Museen ohne große Power, mit orientierungs- und Lama-losen Mönchen.

Später erreichten wir Lhasa, dessen Bevölkerung nunmehr zu 70 Prozent aus Chinesen besteht! An einer Wiederherstellung der früheren Situation ist kaum zu denken: Tibet befindet sich fest in chinesischer Hand. Das Verhältnis zwischen der tibetischen und chinesischen Bevölkerung wirkte jedoch etwas entspannter als noch vor drei Jahren, wie einige Tibet-erfahrene Reiseteilnehmer feststellten. Auch uns gegenüber traten die Chinesen stets freundlich und nett auf. Es war jedoch unübersehbar, daß auch China mehr und mehr westlichen Einflüssen erliegt...

Im Hotel angekommen, zog es uns stark zum Jokhang, dem spirituellen Zentrum vieler Tibeter, einer löblichen Ausnahme in Bezug auf Klöster und spirituelle Power, einem „Ort der besonderen Art", wo unzählige Tibeter ihre Verbeugungen machen. Im Jokhang begannen wir, unsere mitgebrachten Karmapa-Bilder gezielt in, für uns Kagyüs relevante Buddha-Aspekte, „einzubauen".

Anderntags besuchten wir den Potala, das Wahrzeichen von Lhasa. Durch Bettler und Touristenscharen hindurch kämpften wir uns zum Eingang hoch und besuchten die schönen Räume dieses „Buddhisten-Museums". Am Abend stürmten wir dann wiederum zum Jokhang, wo wir Wang-Li kennenlernten, eine süße Chinesin, die in China zufälligerweise mal in einen Vortrag eines Nyingmapa-Lamas geriet und sich anschließend gleich entschied, nach Lhasa zu fahren und im Jokhang ihre 111111 Verbeugungen zu machen... Wang-Li gab uns dann noch ein paar Spezial-Tips wichtiger „Power-Plätze" (unter anderem ein Kloster mit einem Original-Handabdruck von Marpa) wo wir unsere Batterien nochmals kräftig laden konnten!

Am Tag darauf trafen wir Lobsang, unseren Guide, der uns über weitere Details der Reise informierte. Endlich konnten wir unsere vier Toyota-Landcruiser besteigen, in denen wir in den nächsten zwei Wochen die meiste Zeit verbringen sollten. Der erste Ausflug sollte nach Tsurphu gehen, zum „chinesischen Karmapa"; ein Ausflug, den uns Ole besonders ans Herz gelegt hatte. Nach einer Stunde war bereits Sense: Die heftigen Regenfälle, die uns über die ganze Reisedauer hinweg begleiten sollten, verschütteten die Straße, die völlig unpassierbar geworden war. So kehrten wir um und besuchten statt dessen die Klöster Drepung und Sera in der näheren Umgebung von Lhasa. In Drepung wurden wir jäh an den Titel von Tomeks Buch erinnert („Rogues in Robes", „Gauner in Roben"). Die anwesenden Mönche schienen verkleidete Spione zu sein, die zum Teil Mantra-singend und bettelnd herumhingen und uns mit argwöhnischen Blicken begleiteten.

Das Ganze gipfelte in einer Szene, als Gerdi, unser Fotograf, in einem Tempel ein Bild schießen wollte, von einem echt zornigen Mönch abrupt gestoppt wurde und sich plötzlich um seine Fototasche erleichtert sah. Die Tasche kam erst wieder zum Vorschein, als er dem sich vom Zorn nicht mehr erholenden Mönch eine größere Geldnote zusteckte... In Sera, einem Kloster, von welchem immer wieder Widerstandsaktivitäten gegen die herrschenden Chinesen ausgehen, trafen wir glücklicherweise eine viel bessere Stimmung an. Hier hatten wir auch den Eindruck, daß noch echt praktiziert wird. Plötzlich lockte uns lautes Geschrei in einen Innenhof, wo wir eine Menge Gelugpa-Mönche beim Debattieren erlebten. Das Spektakel sah und hörte sich sehr spannend an, trotzdem waren wir sehr froh in einer „debattierfreien" Linie „zu Hause" zu sein... In allen Klöstern und Märkten stießen wir auf Bilder des verstorbenen Panchen Lamas und des 16. Karmapas ausgestellt und verkauft... Von Situpa und Gyaltsab war übrigens nichts mehr zu sehen. Die Chinesen hatten sie für ihre Ziele benutzt und nun, wo Karmapa „in aller Leute Augen" war, einfach fallengelassen...

Endlich konnten wir in unseren Jeeps die Reise zum Kailash aufnehmen. Der dazugehörende Lastwagen mit den Zelten, den Benzinfässern, der Feldküche und Nahrungsmitteln wurde erst später benötigt und sollte zwei Tage später direkt von Lhasa nach Shigatse fahren. Der erste Reisetag führte uns in einer aufgrund der schlechten Straßen zwar anstrengenden, aber wunderschönen Fahrt über den 4800 m hohen Khampa-La (Khampa-Pass) zum Yamdroksee, der sich uns in schönstem Türkis präsentierte. Vorbei an Nomadenzelten, Schaf und Yak-Herden überquerten wir den 5000 m hohen Karo-La und erreichten Nachts Gyantse, die vielleicht schönste Stadt auf unserer Reise. Hier gab es verhältnismäßig wenige China-Bauten. Dies wird sich aber in den nächsten Jahren mit Sicherheit ändern, dafür bürgen die vielen Baustellen. Im Gyantse holten wir uns in einem tibetischen Restaurant die ersten massiveren Darmprobleme mit wohlschmeckenden Gemüse-Momos (die Yak-Momos waren einwandfrei...). In Gyantse besuchten wir das Kloster, wo alle vier Linien des tibetischen Buddhismus vertreten sind; vor allem aber den Kumbum, ein Stupa mit 108 Räumchen, die wir minutiös abklapperten. Auf dem Weg nach Shigatse, der zweitgrößten Stadt in Tibet, blieben wir abermals stecken. Die Regenfälle transformierten die Hauptstraße in ein Schlammbecken! Nach einer Stunde konnten die feststeckenden Lastwagen und Minibusse befreit und das Schlammbecken durchquert werden. Shigatse war uns vom ersten Moment an völlig unsympathisch, ein Eindruck, der sich in der Folge erhärten sollte. Wir logierten wiederum in einem der typischen chinesischen Hotels, die die für uns Touristen einzige Annehmlichkeit der chinesischen Anwesenheit darstellten: Sauber, komfortabel, Super-Service! Erwartungsvoll gingen wir zum Tashi Lünpo, dem traditionellen Sitz des Panchen Lama und erlebten eine mittlere Katastrophe. Alle Räume waren geschlossen und überall standen die bereits beschriebenen „Gauner in Roben" herum. Dank Didus Charme, dem ein paar Mönche erlagen, konnten wir wenigsten einige der Räume besichtigen und so einen Einblick in den Reichtum des Klosters kriegen.

Dabei mußten wir feststellen, daß die Chinesen auch vor perfidesten Verfälschungen nicht zurückschrecken. So wurde bei einem auch im Westen sehr bekannten Bild des vom Dalai Lama bestimmten Panchen Lama kurzerhand das Gesicht herausgeschnitten und durch das des falschen Panchen Lama ersetzt. Im Hauptraum des Klosters sahen wir auch, wie ein Mönch die Stupa als Arbeitsunterlage benützte, um darauf rituelle Instrumente zu reparieren...

Plötzlich merkten wir, daß uns ein Spion folgte. Wir machten uns einen Spaß daraus ihn zu verwirren. So trennten wir plötzlich unsere Gruppe auf und stellten ihn vor den Entscheid, sich für die Beobachtung einer der Gruppen zu entscheiden... Beim Verlassen des Klosters stießen wir noch auf einen Haufen zerbrochener Mantrasteine und entschieden uns, den gleich dahinter liegenden Berg zu besteigen. Auf halbem Weg entdeckten wir wiederum unseren Spion, der uns schließlich bis fast zum Gipfel folgte. Allerdings behielt er seinen „Sicherheitsabstand" von 100 Metern bis zum Schluß bei.

Als wir ins Hotel zurückkehrten kamen unsere Nerven das erste Mal auf den „Prüfstand": Unser Lastwagen war wegen einer eingestürzten Brücke unterwegs steckengeblieben! Da die Telefonleitung ebenfalls „out of order" war, warteten wir im Ungewissen auf unseren Truck, der schließlich erst in der Nacht eintreffen sollte. Als wir zu unserem Adventure starteten, war somit bereits einer der beiden „Ersatztage" aufgebraucht. Wir hatten die Reise auf der Basis von Vorjahreserfahrungen geplant und rechneten mit einem Durchschnitt von 250 Kilometer pro Tag. Die Wetterbedingungen änderten sich nicht und wir steckten schon bald wieder fest und mit unseren Füssen im Schlamm, um Jeeps und Lastwagen zu stoßen und aus Schlammlöchern rauszuziehen. Immer wieder stießen wir auf Hindernisse in Form von abgebrochenen und überfluteten Straßen und feststeckenden Fahrzeugen. Kurz vor unserem Mittagsziel stieg bei einem der Jeeps die Bremse aus. Während wir essen gingen, machten sich zwei Fahrer an die Reparatur des Wagens... Um den Rückstand auf die „Marschtabelle" einzuhalten, fuhren wir bis in die Nacht hinein. Oberhalb eines Sees war die Straße teilweise abgebrochen und hatte einen Getränketransporter mit in die Tiefe gerissen. Während die Tibeter die Bierkisten auf die Straße zurückholten griffen wir zu Schaufel und Pickel und versuchten uns einen Weg freizuschaufeln. Ein kritisches Unterfangen, da dabei immer wieder neue Stein- und Drecklawinen ausgelöst wurden. Schließlich mußten wir sogar ein Stück Fels herausbrechen, zum Glück Schiefergestein, um die Stelle passierbar zu machen. Unser Fahrer meisterte diese kritische Stelle mit Bravour: Er steuerte seinen Truck zentimetergenau über die verschlammte Straße, mit einem Lächeln auf seinem Gesicht im Moment höchster Gefahr! Todmüde erreichten wir das Camp und stellten unsere Zelte bei erneut heranbrechenden Regenschauern auf...

Nun artete unsere Reise immer mehr in eine Art „Camel-Trophy" aus. Eingestürzte Straßen wurden mit mehrstündigen Fahrten durch Flußbetten inklusive Flußdurchquerungen ersetzt. Wir trafen immer wieder auf festgefahrene Fahrzeuge oder blieben gleich selber im Schlamm stecken. Zwei Tage später erreichte unsere „Sumpf-Tour" ihren Höhepunkt, und wir schafften in acht Stunden noch ganze zehn Kilometer... Die inneren Fragen über die Weiterführung der Reise beschäftigten uns immer stärker. Schließlich mußte ein Gruppenentscheid her: Weiter zum Kailash mit dem Risiko, die Visumsdauer zu überschreiten und das Restprogramm (die bestellten und zum Teil bereits bezahlten Statuen und Thankas sowie den Karmapa-Besuch in Kalimpong) fahren lassen und eventuell verspätet nach Europa zurückfahren zu müssen oder doch noch umzukehren. Der Entscheid fiel uns sehr schwer. Einzelne fanden, daß wir keine echten Ole-Schüler und Kagyüs seien, wenn wir nun klein beigeben würden und das definierte Ziel (Kailash-Umrundung) fahren ließen, andere fanden, daß wir wenigstens den Karmapa besuchen sollten, wenn wir schon unser Hauptziel nicht erreichen würden, wieder andere konnten sich eine verspätete Rückkehr nach Europa unter keinen Umständen leisten. Der Entscheid fiel schließlich mit 12:0 Stimmen, bei einer Enthaltung, klar aus: Umdrehen, da wir selbst bei besten Bedingungen den Kailash nur noch erreichen, aber nicht mehr hätten umrunden können. Zudem war uns das Risiko mit dem Visum und den Statuen zu hoch. Wir überlegten auch, ob Hansi aus Stuttgart, der eine Woche später mit einer Gruppe zum Kailash aufbrach, wohl durchkommen würde...

Eine herrliche, eiskalte Dusche unter einem wunderschönen Wasserfall, die erste seit Tagen, in der kurz auftauchenden Abendsonne, ließ uns für kurze Zeit das verlorene Ziel vergessen. Trotzdem war die Stimmung am Abend nicht gerade berauschend, von einem Moment auf den anderen war das vermeintliche, äußere Ziel, der Kailash, weg! Bei der Rückfahrt durch bekanntes Gebiet, eine karge Hochebene mit schroffen Hügeln und überraschend auftauchenden farbigen Blumenfeldern, erschien uns der Weg plötzlich viel länger als vorher. Es zeigte sich in diesem Moment, wieviel Kraft in der richtigen Motivation liegt, eine Erkenntnis, die sich wunderbar auf die tägliche Praxis und den Alltag übertragen läßt! Da es im Falle von Mißerfolgen bedeutend schwieriger ist, gute Laune aufrechtzuerhalten als bei Erfolgen, war bei vielen in unserer Gruppe auch sehr viel innerer Wachstum möglich...

Daß unser Entscheid umzudrehen richtig war, zeigte sich im plötzlich viel besser werdenden Wetter in Richtung Lhasa, während zum Kailash hin alles völlig schwarz war, und dies sollte sich später noch viel klarer zeigen... Bei jedem Halt, ob in der Nähe eines Dorfes oder völlig „in der Prärie", wie Erdmännchen aus dem Boden auftauchend, waren wir jeweils in kurzer Zeit von neugierigen Menschen, vor allem Kindern umringt. Nebst Geld und Eßwaren waren Dalai-Lama-Bilder „hoch im Kurs". Aufgrund des großen Risikos (Dalai Lama Bilder sind in Tibet streng verboten) „vertrösteten" wir die liebenswerten Menschen mit von Ole und Tsechu Rinpoche gesegneten Bändern und Schützerknoten, die „wie frische Semmel" weggingen!

Wir erreichten Lhasa nicht ohne Probleme. Die Unwetter hinterließen zum Teil verheerende Zerstörungen und ließen uns nicht schneller zurückfahren, als wir hergekommen waren. Auch hatten wir täglich neue Pannen zu beklagen und beheben. Das Kreativitätspotential in Bezug auf Hindernisse war schier grenzenlos... In Lhasa konnte unser Guide dank guter Connections und genügend Schmiergeld die aufgrund der veränderten Reiseroute nötig gewordenen Flugtickets nach Kathmandu kurzfristig organisieren, obwohl nur zwei Flüge pro Woche durchgeführt werden.

In der Zwischenzeit fuhren wir zuerst nach Tsurphu zum chinesischen Karmapa (dieses Mal hatten wir weniger Probleme durchzukommen). Kurz vor Tsurphu verhinderte eine zusammengestürzte Brücke ein Weiterfahren mit den Jeeps. Wir erfuhren um 13 Uhr, daß der „Karmapa" Urgyen jeweils von 14 bis 15 Uhr Besucher empfange. Dies führte zu einem einstündigen „Sprint" auf 4100 m, wir wollten uns die Chance nicht entgehen lassen, beide „Kandidaten" innerhalb einer Woche besuchen zu können. „Karmapa" logierte in einem Gebäudekomplex, wenige hundert Meter unterhalb des Klosters. So erreichten wir den Ort ziemlich atemlos und stießen auf eine größere Gruppe von „Einlaß begehrenden" Tibetern und ein paar Westler. Das Tor wurde durch drei junge, nicht sehr intelligent wirkende Mönche bewacht, die die Wartenden laufend von einer Warteschlange in eine andere einteilten und völlig nervös machten. In der Zwischenzeit trug eine Chinesin die Namen der Wartenden exakt in eine Liste ein. Endlich wurde das Tor geöffnet. Wir waren ziemlich am Ende der Schlange und wurde am Eingang gleich nach Waffen durchsucht: Ich mußte mein Schweizer Armeemesser abgeben... Endlich sah ich Urgyen. Er übermittelte seinen „Segen" kurz mit einer Art „Fliegenwedel", ohne die Leute dabei genauer anzusehen. Ich hatte das Glück, ihm einen Moment lang direkt in die Auge sehen zu können und blickte in das nicht unsympathische Gesicht, eines jungen, relativ gutaussehenden Tibeters, der mir einen ziemlich gelangweilten Eindruck machte. Ich spürte weder von seinem „Segen" noch vom verteilten Segensband eine Spur von Energie. Irgendwie tat mir der Junge leid. Er war umgeben von chinesischen Sicherheitsleuten, die die ganze Szenerie aufmerksam beobachteten.

Das Kloster selber befand sich in einem sehr ungepflegten, unordentlichen Zustand. Von praktizierenden Mönchen fehlte jede Spur. Überall stießen wir auf neu aus Blech zusammengenietete Buddha-Statuen ohne jegliche Ausstrahlungskraft. Obwohl am Ende eines wunderschönen, an eine Schweizer Alp erinnernden Hochtals, am Fuße beeindruckender Berge an einem kraftvollen Fluß wunderschön gelegen (die Karmapas hatten schon Stil...), waren wir froh, diesen trostlos gewordenen Ort wieder verlassen zu können. Wir staunten Bauklötze als wir zurück zur eingestürzten Brücke kamen: Unsere Fahrer hatten die Zelte schon aufgebaut, direkt neben einem kleinen Dorf mit unzähligen „Hallos". Das versprach „Privatsphäre Null"... Nach dem Abendessen machten wir unsere traditionelle Drei-Lichter-Meditation und sangen anschließend den „Schützer". Nachdem wir fertig gesungen hatten, hörten wir kräftigen Applaus: 20 bis 30 tibetische Kinder und einige Erwachsene standen vor unserem Eßzelt und blickten uns mit erwartungsvollen Augen an. Als Zugabe sangen wir noch das Langlebens-Gebet, was den Bann endgültig brach. Nun besangen uns die Tibeterkinder aus voller Inbrunst, was unsere Ohren bisweilen arg strapazierte. Wir konterten mit deutschen und schweizer Volksliedern usw. usw. Am Schluß des Abends landeten wir im Küchenzelt, wo dann auch noch unsere Fahrer in den allgemeinen Singsang einstimmten. So erlebten wir also, gleich unterhalb Tsurphu, einen genialen, völkerverbindenden Abend mit unseren neugewonnenen Freunden!

Als Ersatz für den heiligen Manarasovar-See am Fuße des Kailash fuhren wir schließlich zum ebenfalls heiligen Nam-Tso-See. Über den Lhachen-La-Pass, mit 5200 m der höchste Punkt unserer Reise, gelangten wir in eine, uns tief beeindruckende sehr weite Ebene mit Yakherden, Nomadenzelten, einem atemberaubenden Blick links und rechts auf zwei 7000er Bergketten und das alles gleich beim  schönsten See, den ich je gesehen habe. Plötzlich erkannten wir das Mandala: Die Bergketten bildeten den Eisenwall und mittendrin war das Zentrum, Meru, ein markanter Berg gleich beim See. Am nächsten Tag fuhren wir mit zwei Jeeps zum „Meru" und entdeckten das Felsenkloster Tashi-Do. Wir umrundeten den halbinselförmig in den See hineinragenden Berg und ließen es uns nicht nehmen, später noch in den eiskalten See zu steigen. Das Wasser fühlte sich total fein an und wir spürten unsere Körper kaum mehr darin; ein einmaliges Erlebnis auf 4700 Meter! A propos Baden in heiligen Seen: Lama Kalsang erzählte uns später in Kathmandu, daß Baden in heiligen Seen total in Ordnung sei. Das vielgehörte Verbot komme daher, daß die Tibeter aufgrund fehlender Duschen und mangelnder Schwimmkünste eine große Angst vor Gewässern entwickelt hätten und sich vor darin lebenden Tieren und Nagas fürchteten...

Schließlich fuhren wir nach Lhasa zurück, um unser Flugzeug zu erreichen. Am Flugplatz angelangt, waren wir die Letzten in der Reihe beim Einchecken. Dies beunruhigte uns nicht weiter, da unsere Tickets ja alle bestätigt waren. In diesem Sinne verabschiedete sich auch unser tibetischer Guide und wünschte uns eine guter Reise. Endlich beim Check-In angelangt erfuhren wir, daß nur noch zehn Plätze zu haben seien. Selbst Didus unbestrittenes diplomatisches Geschick half nichts, zehn Leute hätten fliegen können, die andern nicht, basta! So standen wir also mit ziemlich langen Mienen und dem  erühmten „Bart im Briefkasten" da. Die von der China Southwest-Airlines offerierte „Fix & Fertig-Suppe" konnte unsere Stimmung auch nicht verbessern, sie war auf dem Nullpunkt angelangt. Sollte nun auch noch unser zweites Reiseziel, der Besuch bei Karmapa „in die Hosen gehen"? Wenigstens liefen wir nun voll auf Rechnung der Airline, wie wir erfuhren sogar auf Kosten deren Personals, das nun alles daran setzte, uns schnellstmöglich nach Kathmandu zu kriegen. Die Airline offerierte uns nebst dem uns in der Zwischenzeit bestens bekannten Hotel mit Vollpension noch einen Ausflug nach Ganden, ein schön gelegenes Kloster in den Bergen nahe Lhasa. Vor Jahren von den Chinesen völlig zerstört, strahlt es nun wieder in neuem Glanz! Wir kriegten übrigens für die Zeit bis zu unserem Abflug einen neuen Guide, dem wir nach gewonnenem Vertrauen ein Bild von Thaye Dorje schenkten. Er zeigte es daraufhin seinem Vater, einem früheren Schüler des 16. Karmapa, welcher noch nie zuvor ein Bild unseres Karmapas gesehen hatte. Wie er Thaye Dorje erblickte, war seine erste Reaktion darauf: „Den kenne ich..."

Wir nutzten die zusätzlichen Lhasa-Tagen zu mehreren Besuchen im Jokhang. Dank unserer Begierde schafften wir es, immer neue, zum Teil geheime Räume im ersten und zweiten Stock des Palastes zu entdecken, „gejagt" von Mönchen, die alles daran setzten uns rasch wieder rauszukriegen...

Am Dienstag schafften wir es schließlich einzuchecken. Auf dem Flughafen erhielten wir eine weitere Bestätigung unserer Umkehr-Entscheidung, als uns ein deutscher Traveller mitteilte, daß zu der Zeit, wo wir den Kailash anpeilten, über 200 Menschen bei Unfällen in der Region ums Leben kamen... Aufgrund der Verspätung blieb uns nur gerade ein Tag in Kathmandu, um all unsere Thankas und Statuen offiziell gestempelt (nötig für den Export) in Empfang zu nehmen. Wir hatten nicht mal Zeit, Tsechu Rinpoche anzurufen und zum Essen einzuladen. Abends gingen wir dann halt auf gut Glück in Tsechus Kloster, wo uns ein freudestrahlender Lama Kalsang begrüßte. Wenig später kam auch Tsechu Rinpoche dazu und schon bald warteten Taxis um uns zum Gala-Buffet im Hotel „Yak und Yeti" zu fahren, wo wir mit den beiden Lamas einen ganz tollen Abend verbringen durften! Am nächsten Tag flogen wir bereits weiter nach Biratnagar, einer nepalesischen Grenzstadt zu Indien. Kurz vor Abflug erschien Lama Kalsang auf dem Flughafen, um jedem einen Kathak und ein Foto von Tsechus Kloster, als Ersatz für die, aufgrund unserer verspäteten Ankunft in Kathmandu, verpaßte Einweihung zu überreichen!

Auf dem Flug nach Biratnagar verloste die „Necon Air" einen Gratisflug, der prompt von Irene Härri gewonnen und später an Karmapa weiterverschenkt wurde! In Biratnagar wartete ein Minibus, der uns nach Kalimpong zu Karmapa bringen sollte. Das übliche indische Grenzprozedere dauerte über zwei Stunden und brachte uns bereits wieder in zeitliche Probleme! Die äußerst spannende und abwechslungsreiche Fahrt führte uns durch Teeplantagen, Reisfelder und üppigen Dschungel an einem reißenden Fluß entlang über eine vom Monsun ebenfalls arg strapazierte, serpentinenreiche Straße schließlich nach Kalimpong, einem wunderschönen indischen Städtchen auf 1200 m. Welche Wohltat, soviel grün auf einmal nach dem doch eher kargen Tibet! Im Hotel angelangt versuchte Didu gleich abzuklären, ob Karmapa Thaye Dorje wirklich in Kalimpong sei und teilte uns beim Abendessen mit, daß er gemäß neuesten Informationen in Siliguri weile... einer Ortschaft, die wir auf der Hinfahrt durchquert hatten... Am andern Tag versuchten wir Karmapa telefonisch zu erreichen, erfolglos. Da gerade ein Taxistreik herrschte, machten wir uns bei heftigsten Regenfällen auf den einstündigen Fußmarsch zum Haus von Thaye Dorje. Endlich standen wir vor dem Haus, wo uns zwei Hunde stürmisch begrüßten. Da erschien ein freundlicher Mönch, der uns mitteilte, daß Karmapa da sei! Wir fragten gleich, ob es wohl möglich sei, kurz mit ihm zu sprechen, was wiederum bejaht wurde. So saßen wir also, völlig wider Erwarten, schon bald rund um Thaye Dorje und waren tief beeindruckt von seiner ruhigen, sehr kraftvollen Ausstrahlung. Er teilte uns sein Tagesprogramm mit: Ausbildung über Ausbildung, auch englisch und schon bald sollen weitere Fremdsprachen folgen. Am Nachmittag gab er uns, in seiner Freizeit notabene, eine kraftvolle Tsepame-Einweihung, die uns tief berührte. Schließlich segnete er all unsere Statuen und Thankas und ließ uns bei seiner abendlichen Puja („Schwarzer Mantel") dabeisein. Bei Karmapa trafen wir übrigens Franz, ein Teilnehmer von Hansis Kailash-Expedition. Er teilte uns mit, daß Hansi seine Kailash-Expedition, aufgrund der schlechten Bedingungen bereits in Lhasa gestoppt hatte und nun als Ersatz am Fuße des Everest rumtrekke...

Als wir am nächsten Tag unsere Heimreise via Bagdogra-Delhi antraten, besuchten wir noch Kalu Rinpoches Kloster in Siliguri, wo offensichtlich ein regelrechter „Kalu-Kult" betrieben wird. Im Tempel sitzt eine lebensechte Kalu-Rinpoche-Statue an der Stelle, wo eigentlich Karmapa hingehört und an einer Wand fanden wir das Bild des chinesischen Karmapa! Kein Wunder, daß Kalu Rinpoches Anhänger wohl einen Karmapa in Tibet vorziehen....

In Delhi geriet unser Adrenalinspiegel wieder mal in Bewegung als wir erfuhren, daß eine SwissAir MD11-Maschine in Halifax auf dem Weg von New York nach Zürich abgestürzt war, dieselbe Airline und Typ von Maschine, die uns nach Hause bringen sollte... und auch brachte!

P.S. Wir werden sicher wieder mal nach Tibet fahren. Dann aber entweder im Mai oder Oktober, sicher aber nicht mehr während des monsunreichen Sommers!


René Eichenberger, 42, lebt in Bern und ist seit vier Jahren praktizierender Kagyü-Buddhist. Er organisiert Messen und Kunden-Events im Angestelltenverhältnis.