Aus: Buddhismus Heute Nr. 27, ( 1998)

Vom GULAG zum Diamantweg?

Geschichte des Buddhismus in der Mongolei und Russland - Teil 3

Buddhismus & Kommunismus- eine schwierige Synthese

Mit der Revolution im Herbst 1917 in St. Petersburg hatten die Bolschewisten noch lange nicht alle Fäden der Macht innerhalb der nun entstandenen UdSSR/Sowjetunion in der Hand. Es dauerte bis 1921, bevor im Bürgerkrieg die sogenannte »Weiße Armee« von der »Roten Armee« besiegt worden war; es benötigte weitere Jahre, bis die Kommunistische Partei auch in den entlegeneren Landesteilen ihre Macht gefestigt hatte.In den buddhistischen Landesteilen nahm die Sowjetmacht für eine Übergangszeit die »Infrastruktur« der Klöster dankbar in Anspruch. Die buddhistischen Klosterschulen waren in den zwanziger Jahren in Kalmükien und Burjatien als Bildungseinrichtungen nahezu unersetzlich; auch wäre die medizinische Versorgung ohne die Medizinlamas (gerade in Burjatien genossen sie einen sehr guten Ruf) nicht aufrecht zu erhalten gewesen.

Wenige Monate nach der Oktoberrevolution wurde Zar Nikolai mitsamt mit seiner Familie in Jekaterinenburg erschossen. Trotz seiner früheren Verbindungen zum Monarchen überstand hingegen der bekannteste russische Lama, Agvan Dordjew, den Umbruch in die neue Epoche zunächst erstaunlich gut. Er verstand es, sich mit den neuen Machthabern so gut es ging zu arrangieren, wobei ihm seine persönliche Integrität und Willenskraft zugute kamen. Daß die Zusammenarbeit mit den Kommunisten nicht leicht werden würde, dürfte ihm aber früh klar gewesen sein. So war es zum Beispiel 1919, während er in Kalmükien weilte, zu einer mehrtägigen Plünderung des Petersburger Tempels durch fanatische Bolschewisten gekommen, wobei fast die gesamte Bibliothek sowie viele wertvolle Ritualgegenstände verlorengingen und die große Buddha-Statue stark beschädigt wurde. Nach einem scharfen Protest Dordjews wurden einige der Verantwortlichen (wenngleich etwas halbherzig) bestraft. Indem er den Tempel zum »Eigentum des Burjat-Mongolischen Volkes «, später auch der Völker Tibets und der Mongolei erklären ließ, erreichte er, daß der Tempel zumindest für die nächsten Jahre geschützt war.

Dordjew erkannte nach der Revolution, daß in der neuen Zeit Reformen innerhalb des russischen Buddhismus dringender denn je nötig seien und drängte auf Modernisierung. Er betonte bei verschiedenen Gelegenheiten, daß Buddhismus und Kommunismus im Prinzip durchaus gemeinsame Grundideen hätten; so betone etwa der Dharma die Mitverantwortung eines jeden für das Allgemeinwohl. Das Argument, daß im Buddhismus kein Gott, sondern das Individuum über das eigene Schicksal bestimme, veranlasste sogar einige burjatische Buddhisten dem »kommunistischen Gotteslosenverband« beizutreten. Außerdem scheute Dordjew sich nicht, Lamas, die trotz der neuen Umstände an ihren althergebrachten Privilegien festhielten, als »Parasiten« zu bezeichnen und sie zu einer Rückkehr zu einem einfachen und diszipliniertem Lebensstil zu ermahnen. In einer feurigen Rede auf dem 2. »All-Burjatischen buddhistischen Kongress« im Dezember 1925 warnte er die Delegierten:

»Nur indem wir die neue Situation akzeptieren und strikte Disziplin unter den Novizen, den Schülern des Buddha, festigen, können wir den Punkt erreichen, an dem Buddhismus weiterhin wie die Sonne scheinen wird. Nur so können wir den Dharma vor Selbstzerstörung schützen, was in 5 bis 15 Jahren nicht mehr möglich sein wird, falls der Klerus keine Maßnahmen [zu seinem Schutze] ergreift.«

Sehr weit kamen die von Dordjew angeregten Reformen nicht. Seine Warnung sollte sich schließlich bewahrheiten.

Roter Terror gegen den Buddhismus

Ob die sowjetische Staatsmacht, die an ihrem »Monopol« für weltanschauliche Angelegenheiten nicht rütteln lassen wollte, für solche Argumente überhaupt zugänglich war, mag indes bezweifelt werden. Nur solange der Buddhismus für Machtzwecke nützlich erschien, wurde auf ihn Rücksicht genommen.

Verschiedene, zwischen 1918 und 1929 erlassene Gesetze und Verordnungen schränkten die Möglichkeiten zur Religionsausübung schrittweise ein. Sobald die kommunistische Partei ihre Machtbasis in Burjatien und Kalmükien gefestigt hatte, ließ sie keinen Zweifel daran, daß diese Gesetze auch für die Buddhisten in ihrem Land zu gelten haben würden.

Für die Zeit ab etwa 1929 kann man von einer gezielten Vernichtungskampagne gegen den Buddhismus sprechen. In der Parteipresse und kommunistischen Nachschlagewerken erschienen Artikel, in denen - unter Einfügung von Zitaten ihres Generalsekretärs Stalin - von einer Unvereinbarkeit von Buddhismus und Kommunismus die Rede war.

Schließlich war in der 2. Auflage der »der Großen Sowjet-Enzyklopädie« von 1951 zu lesen: Der Buddhismus sei zwar atheistisch, sein Atheismus jedoch religiös bestimmt; da aber nach Stalin jede Religion im Gegensatz zur Wissenschaft stünde, sei die idealistische Weltanschauung in Wirklichkeit rückständige Mystik. Schließlich verwarf man die Behauptung, dass Buddhismus eine athetistische Religion oder ein philosophisches System sei und meinte sogar, dass »diese These von den Ideologen der Ausbeuterklasse nur benutzt werde, um den reaktionären Charakter des Buddhismus zu beschönigen«.

In Burjatien wurde die antibuddhistische Propaganda der ausgehenden 20er Jahre von der Bevölkerung kaum beachtet; Eine hohe Einwanderungsrate von Russen in dieses Gebiet und schließlich administrativer Terror brachen dem Buddhismus hier das Genick.

Ganz schreckliche Zeiten brachen in der 2. Hälfte der 30er Jahre an. Landesweit kam es zu massivem staatlichen Terror gegen die gesamte sowjetische Bevölkerung. Die Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft ließ die Erträge drastisch sinken; in weiten Landesteilen brachen Hungersnöte aus. Wer sich aktiv widersetzte oder Kritik übte (ob kommunistisches Parteimitglied oder nicht, spielte dabei bald kaum noch eine Rolle) wurde zumeist unter fadenscheinigem Vorwand verhaftet und abgeurteilt. So auch in Burjatien: Gegenüber den Lamas reichte die bloße Anschuldigung einer Spionagetätigkeit für Japan aus, um einen buddhistischen Würdenträger aus dem Verkehr zu ziehen. Bis 1937 waren sämtliche Klöster verlassen oder geschlossen worden. Tausende von Lamas verschwanden praktisch über Nacht. Die Leichen der meisten von ihnen fand man erst vor wenigen Jahren in Massengräbern wieder.

Für den Tempel in St. Petersburg (das nun Leningrad hieß) fiel mit dem Tode des 13. Dalai Lama im Dezember 1933 der diplomatische Sonderstatus weg; öffentliche Zeremonien gab es dort nicht mehr. Am 24.8.1937, einem rabenschwarzen Tag in der Geschichte des russischen Buddhismus, drangen NKWD-Offiziere in das Gebäude ein und verhafteten sämtliche dort Anwesenden. Die meisten von ihnen wurden noch in der gleichen Nacht im  Leningrader Hauptquartier des KGB von Troikas, dem berüchtigten Tribunalen des sowjetischen Geheimdienstes, abgeurteilt und standrechtlich erschossen.

Agvan Dordjew, der in einem Leningrader Vorort wohnte, wurde im November 1937 ebenfalls verhaftet, wegen seines hohen Alters aber am Leben gelassen. Er starb zehn Wochen später in einem Internierungslager in der Nähe von Ulan-Ude. Geschlossen wurde auch das Leningrader Orientalistik-Institut, welches durch willkürliche Verhaftungen und Hinrichtungen viele wertvolle Mitarbeiter verlor.

In Kalmükien hatte der Terror gegen buddhistische Einrichtungen bereits etwas früher eingesetzt. Hier rächte es sich, daß viele Kalmüken nach der Revolution offen gegen die Bolschewisten Stellung bezogen hatten. 1926 wurde das Oberhaupt der kalmükischen Buddhisten, Bakshi Tschimid Balsanow, von den sowjetischen Behörden abgesetzt. Hohe Lama-Individualsteuern und Verhaftungen dezimierten die Anzahl der Klosterbewohner beträchtlich. In den Jahren der Zwangskollektivierung (1930er Jahre) schließlich verschwanden die Tempel, die allesamt dem Erdboden gleich gemacht wurden. Auch von den im Lande verbreiteten Ritualgegenständen blieb praktisch nichts übrig. Einheiten des kommunistischen Jugendverbandes Komsomol sowie des Verbandes militanter Gottloser gingen von Haus zu Haus, von Jurte zu Jurte, sammelten sämtliche Ritualgegenstände, buddhistischen Texte, Statuen usw. ein und vernichteten sie.

Die Zerstörung der Volkskultur ging soweit, daß kalmükische Wörter, die eine buddhistische Nebenbedeutung hatten (wie etwa Buch, Heft, Lehrer, Schüler) verboten und durch die entsprechenden russischen Begriffe ersetzt wurden.

Als Ende 1942 die Kalmükensteppe durch Truppen der Deutschen Wehrmacht vorübergehend besetzt wurde, war die Kollaborationsbereitschaft mit dem Besatzer von Seiten der Kalmüken verständlicherweise groß. Mehrere tausend Freiwillige schlossen sich in einem »Kalmüken-Kavallerie-Korps« der Deutschen Armee an und folgten dieser - mit ihren Familien - auf ihrem Rückzug nach Deutschland. Nach 1945 lebten ca. 850 Kalmüken einige Jahre lang in einem Lager bei München, bis ihnen die Ausreise in die USA gestattet wurde.

Auch die Daheimgebliebenen erwartete ein hartes Los. Als Strafe für die Zusammenarbeit mit dem militärischen Gegner wurde am 27. Dezember 1943 die Kalmükische Sowjetrepublik aufgelöst und ihre Bevölkerung komplett (!) nach Sibirien deportiert. Erst 1957 wurden die Kalmüken rehabilitiert und durften in ihre Heimat zurückkehren. Mehr als die Hälfte von ihnen hatten die Deportation nicht überlebt.

In der Mongolei setzten, bald nachdem der 8. Jetsün Dampa im Mai 1924 gestorben war, massive Buddhistenverfolgungen ein. Das Land wurde in »Mongolische Volksrepublik« umbenannt; die Suche nach der Wiedergeburt des Oberlamas wurde von der Staatsführung verboten. Sie berief sich dabei auf eine mehrere Jahrhunderte alte Prophezeihung, derzufolge diese Reinkarnationsreihe nach dem Ableben des achten Jetsün Dampa Tulku aufhören würde.Die Sowjetunion hielt die Mongolei eng im Griff, auch hinsichtlich der expansiven Politik Japans in Ostasien dieser und der folgenden Jahre. Würde die Mongolei, so die sowjetische Überlegung, jemals in die Hände der Japaner fallen, wäre Ostsibirien nur schwer zu schützen und die Existenz der UdSSR bedroht gewesen. Zeitweise befanden sich größere Truppenverbände und Abteilungen der berüchtigten sowjetischen Geheimpolizei in der Mongolei. Es kam - ähnlich wie in der Sowjetunion - zur Ausschaltung von nicht bedingungslos stalintreuen Politikern, zu politischen Prozessen und Hinrichtungen.

Zeitgleich mit der schlimmsten Unterdrückungswelle in Burjatien und Kalmükien wurde in den Dreißiger Jahren auch der mongolische Buddhismus praktisch ausgerottet. Äbte und hohe Lamas wurden verhaftet, in Schauprozessen verurteilt und zu Tausenden öffentlich hingerichtet. Von den ehemals 150 000 Angehörigen der buddhistischen Klöster wurden - dies ergab die Arbeit einer staatlichen Rehabilitierungskommission im Jahre 1990 - weit über 20000 hingerichtet. Das entsprach etwa 2,5 Prozent der damaligen Bevölkerung in der Mongolei; dazu kamen Tausende von Opfern aus der Oberschicht, der Politik und der Armee.

Aus den Wirren der Bürgerkriegsjahre nach 1917 war Tannu-Tuwa als formell unabhängiger Staat hervorgegangen. Es hatte durchaus Bindungen zu Moskau, nannte sich ab 1926 »Volksrepublik Tannu-Tuwa«, besaß aber noch einige Jahre lang gewisse politische Spielräume. Als 1928 die tuwinische Regierung unter Ministerpräsident Donduk ein Gesetz erließ, welches antireligiöse Propaganda einschränken und Buddhismus zur Staatsreligion erheben sollte, schritt die Sowjetunion jedoch ein. Sie schickte junge, in der UdSSR geschulte Parteikader nach Tuwa zurück, die einen kommunistischen Putsch herbeiführten. Auch in Tannu- Tuwa kam es in den Dreißiger Jahren zu Rotem Terror, der allerdings nicht ganz so rigoros ausfiel wie in der Sowjetunion bzw. der Mongolei.

Im Oktober 1944 schließlich wurde Tannu-Tuwa, unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, der UdSSR einverleibt. Westliche Geheimdienste benötigten drei Jahre, um wahrzunehmen, daß es einen unabhängigen Staat Tannu-Tuwa nicht mehr gab. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollen noch ca. 100 tuwinische Lamas übrig geblieben sein, über die aber wenig bekannt war.

Nach dem 2. Weltkrieg: Zwischen Duldung und Kollaboration

Ab 1944 änderte sich die sowjetische Religionspolitik, nachdem der Staatsführung klar geworden war, wie sehr sie während des Zweiten Weltkrieges auf jede nur denkbare Unterstützung im eigenen Lande angewiesen war. Viele Religionsgemeinschaften wurden teilweise rehabilitiert.

1946  wurde der »buddistische Zentralrat« gegründet, sowie ein neuer Khambo Lama eingesetzt. Nahe Ulan-Ude entstand das Kloster Ivalginsk neu; im Laufe der nächsten Jahre wurden der Aga-Dhatsan (im Bezirk Tschitta), sowie einzelne Tempel in Kysyl (Tuwa), Astrachan (nahe Kalmükien) sowie der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator neu- bzw. wiedereröffnet. Sie wurden teilweise als Museen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

In der Praxis bedeutete dies aber noch lange nicht, daß es in dieser Zeit für Buddhisten in der Sowjetunion wirkliche Religionsfreiheit gegeben hätte. Tiefergehendes Wissen über die Lehre selbst war kaum noch vorhanden, die Tempel waren für die Bevölkerung schwer zu erreichen und »religiöse Feste«, wenngleich im allgemeinen redlich gut besucht, endeten immer wieder in kollektiven Trinkgelagen. Regelmäßig ließen sich Lamas einspannen, um die Bevölkerung zur Übererfüllung der Fünf-Jahres-Wirtschaftspläne aufzurufen. Die wenigen älteren Lamas, die den stalinistischen Terror überlebt hatten und als noch einigermaßen gelehrt betrachtet werden konnten, wurden von der übrigen Sangha isoliert gehalten, indem man sie in Museen und Instituten mit der Erforschung von alten Handschriften beschäftigte.

Die Fassade eines »lebendigen« sowjetischen Buddhismus diente in hohem Maße außenpolitischen Zwecken. Die UdSSR versuchte auf diese Weise einige buddhistisch geprägte Länder Asiens, wie zum Beispiel Burma, für sich zu gewinnen. 1959 wurde im Namen des damaligen Khambo Lama, Scharapow, eine Erklärung herausgebracht, in welcher der tibetische Aufstand gegen die Chinesen im eigenen Lande als »imperialistische Tätigkeit« verurteilt wurde. Delegationen des buddhistischen Zentralrates wurden regelmäßig als sowjetische Vertreter zu Weltfriedenskonferenzen entsandt. Kontakte zu spirituellen Lehrern im Ausland hingegen wurden strikt unterbunden; außer zu offiziellen Anlässen war es buddhistischen Würdenträgern Rußlands nicht erlaubt, das Land zu verlassen.

In Leningrad formierte sich in den sechziger Jahren eine buddhistische Gruppe um den burjatischen Gelehrten B. D. Danderön (1914-1974). 1972 wurde die gesamte Gruppe während einer Puja verhaftet; lediglich einer schwangeren Frau (sie selber berichtete darüber vor wenigen Jahren bei einem Kurs mit Lama Ole in Polen) blieb das Gefängnis erspart. Danderön, ein mutiger Individualist, der bis dahin bereits insgesamt 22 Jahre in staatlicher Gefangenschaft verbracht hatte, wurde in einem aufsehenerregenden Schauprozeß zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt. Er starb nach zwei Jahren Haft, während vier seiner Schüler in die Psychiatrie eingewiesen und dort »zwangsbehandelt« wurden.

Der derzeitige Dalai Lama absolvierte 1979 einen Kurzbesuch in der UdSSR. Die sowjetischen Behörden achteten aber darauf, daß die Kommunikation zwischen ihm und der Bevölkerung auf ein Mindestmaß beschränkt blieb. In seiner Autobiographie schildert er selbst, daß er sich mit den burjatischen Buddhisten nicht habe unterhalten können. Die burjatischen Mönche im Ivalginsk-Dhatsan hätten zwar Tibetisch schreiben und Pujas singen, aber nicht sprechen können. Bei seiner Ankunft, so der Dalai Lama, hätten den meisten der Anwesenden die Tränen in den Augen gestanden.

»Buddhistische Klöster im sowjetischen Osten - die Lamas kollaborieren mit der Partei« überschrieb der SPIEGEL 1986 (in einer Zeit, als die Perestroika-Politik noch nicht Fuß gefaßt hatte) einen Bericht über die Situation der Buddhisten in der UdSSR. Gewiß, das ansonsten recht angesehene deutsche Nachrichtenmagazin sollte, was spirituelle Dinge anbelangt, nicht als die berufenste Instanz angesehen werden. Doch sprechen diese Aussagen über den damaligen Einfluß der sowjetischen Politik auf die buddhistischen Institutionen eine deutliche Sprache:

»Die [kommunistische] Partei läßt die Buddhisten gewähren. [...] Dafür haben die Kommunisten keine Kritik von den Buddhisten zu erwarten. [..] Auch im Kloster [Ivalginsk] wird  Übereinstimmung mit dem Staat demonstriert. Im hölzernen Verwaltungsgebäude hängen Fotos von drei Lamas, die als Soldaten im Zweiten Weltkrieg das Vaterland verteidigten. Der Großlama [=Khambo Lama Erdeneyew]: 'Wir haben keine Konflikte mit der Regierung, wenn sie eine Politik zum Wohle der Menschen führt.'«

Buddhismus und Perestroika

Mit der Umgestaltungspolitik Michail Gorbatschows änderten sich die Bedingungen für die Ausübung von Religion und nichtkommunistischen Weltanschauungen in der UdSSR. Im Frühjahr 1988 fand ein Treffen zwischen dem sowjetischen Präsidenten und dem Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche, Pimen, statt, in welchem Gorbatschow praktische Schritte zur Wiedererlangung von Religionsund Gewissensfreiheit versprach. In den darauffolgenden zwölf Monaten wurden über 1600 religiöse Vereinigungen und Gemeinden vom Staat offiziell registriert. Verschiedenen Religionsgemeinschaften wurden Gebäude, die unter Stalin konfisziert worden waren, zurückgegeben. Zu den Immobilien, welche die burjatisch-buddhistische Gemeinschaft wiederbekam, gehörte auch der Tempel in Leningrad (St. Petersburg), der lange Zeit als Labor für Tierversuche mißbraucht worden war. Auch die Mongolei erlebte eine Perestroika. Im Sommer 1984 - Monate, bevor der große Reformer Gorbatschow zum mächtigsten Mann der Sowjetunion avancierte - setzte die mongolische kommunistische Partei ihren Parteichef und langjähriges Staatsoberhaupt Tsedenbal ab und schloß ihn aus der Partei aus. Die neue Regierung unter Generalsekretär Batmönh leitete vorsichtige Schritte in Richtung Demokratisierung ein. 

Ab Dezember 1989 kam es (ähnlich wie in den damaligen Ostblockstaaten Europas) zur Herausbildung einer Oppositionsbewegung. Die Regierung unternahm nichts dagegen; im Gegenteil: Sie öffnete die Massenmedien für die neuen Parteien und ließ ausländische Journalisten ins Land, damit diese von den (gewaltlosen) Demonstrationen berichten konnten. Da sich die Staatspartei gegenüber den demokratischen Kräften im Lande anständig verhalten hatte, überstand sie gar die im Sommer 1990 abgehaltenen freien Wahlen mit einer deutlichen Mehrheit. Seitdem gewannen die Mongolen ihre Religionsfreiheit wieder.

Es wird gewiß noch einige Jahre dauern, bis sich eine wirklich blühende buddhistische Kultur in der Mongolei neu entwickelt haben wird: Zahlreiche Tempel sind zerstört, zu viele Schriften verloren gegangen; kompetente Lehrer, die sowohl über Wissen als auch Übertragung verfügen, wird es nach sieben Jahrzehnten Unterdrückung wohl nicht mehr geben. Was die Voraussetzungen für die Neuentfaltung eines Buddhismus betrifft, der den Namen auch tatsächlich verdient, stimmen die politischen Ereignisse der letzten Jahre in der Mongolei aber recht hoffnungsvoll.

Kagyü-Dharma in Rußland

In den letzten Jahren hat in Rußland das Interesse für religiöse und weltanschauliche Dinge enorm zugenommen. Dies gilt auch für den Buddhismus. Was die Aktivitäten der Kagyü- Linie anbelangt, war Lama Ole Nydahl - wie bereits zuvor in anderen europäischen Ländern - der erste Lehrer, der seit dem gesellschaftlichen Umbruch in Rußland buddhistische Zentren gegründet hat. 1988 kam es durch einen Kontakt über einen nach Deutschland ausgewanderten Russen zu seinem ersten Besuch in der Sowjetunion.

Die UdSSR existiert inzwischen nicht mehr. Der Kagyü-Dharma hat in den letzten neun Jahren in Rußland einen gewaltigen Aufschwung erlebt, worüber seitdem in Oles Buch »Über alle Grenzen« sowie wiederholt im Kagyü Life berichtet worden ist. Ca. 40 Zentren sind innerhalb Rußlands und der Ukraine entstanden, Tendenz steigend. Auch Schüler von Lama Ole unterstützen dessen Aktivitäten dort durch eigene Vortragsreisen. In Elista (Kalmükien) entstand ein Ableger des Karmapa International Buddhist Institute (KIBI).

Zusammenfassung und Ausblick

Die Verbreitungsgeschichte des Buddhismus in der Mongolei und in Rußland weist gewisse Ähnlichkeiten mit dem Ablauf der Ausbreitung des Dharma in anderen Ländern auf. So fällt eine »Zwei-Phasen-Entwicklung« auf, wie sie auch in anderen Ländern (zum Beispiel Tibet) stattgefunden hat: Während der ersten Welle wurden die Grundlagen gelegt; die Lehre konnte sich aber nicht lang halten. In der Mongolei entspricht dies der Zeit, als Lehrer wie Sakya Pandita, der 2. Karmapa bzw. der Phagmo Lama lehrten; Im mongolisch geprägten Teil Rußlands fällt diese Phase in das 18. Jahrhundert, als die ersten tibetischen Lamas ins Land kamen, Klöster entstanden und der Khambo Lama eingesetzt wurde; Im europäischen Rußland dagegen gab es diese Entwicklung vor. ca. 90 bis 100 Jahren, als der Buddhismus - insbesondere durch die Aktivitäten Agvan Dordjews - im Zarenreich bekannt wurde.

Erst bei der »zweiten Welle« schlug der Dharma echte Wurzeln: In der Mongolei setzte dies mit der Tätigkeit des 3. Dalai Lamas im 16. Jahrhundert ein; in Rußland findet dieser Prozeß offenbar gerade jetzt statt.

Blickt man auf die Ausprägungen des Dharma in der Mongolei, Burjatien, Kalmükien und Tuwa, so fällt auf, daß diese in hohem Maße  Kopien des tibetischen Buddhismus waren; ein Transfer der buddhistischen Lehre bzw. Übertragung in eine dem jeweiligen Landeskultur angemessenen Stil unterblieb weitgehend. Dies dürfte nicht gerade zur inneren Stärkung beigetragen haben. Es gibt mehrere historische Beispiele dafür, daß äußerem Zerfall buddhistischer Kulturen ein innerer Zerfall vorangegangen ist (Indien, Tibet). Auch in den beschriebenen Gebieten Rußlands und - insbesondere - der Mongolei läßt sich dies beobachten.

Für die Zeit der kommunistischen Diktatur kann weder in Rußland noch in der Mongolei von einem »lebendigen« Buddhismus gesprochen werden. Das Maß an geistiger Freiheit, das nötig gewesen wäre, damit sich die buddhistische Lehre tiefgründig hätte entfalten können, hat es im kommunistischen Rußland nicht gegeben. Nicht nur die Pflanze des Dharma selbst, auch große Teile der Wurzel wurden nach 1917 zerstört. Was an buddhistischen Einrichtungen nach dem Zweiten Weltkrieg bestehen blieb, glich eher Potemkinschen Dörfern: Schöne Fassaden mit viel Luft dahinter. Ein bescheidener Neuanfang ab 1945 war nur durch Anpassung an das bestehende System möglich.

Gleichwohl wäre es vom Standpunkt eines demokratieverwöhnten Westlers aus unfair, dies den russischen (oder burjatischen) Buddhisten vorzuwerfen. Unaufrichtigkeit läßt sich bei diesen kaum ausfindig machen: Es handelte sich bei ihnen wohl vielmehr um Menschen, die in schweren Zeiten versuchten, zumindest einige Überreste der buddhistischen Tradition zu retten. Andererseits waren diese harten Jahre nicht gerade dazu angetan, eine Vielzahl besonders mutiger Charaktere hervorzubringen, mit denen man heutzutage einen modernen, lebendigen Buddhismus in Rußland aufbauen könnte.

Bei genauerem Hinsehen fallen übrigens deutliche Parallelen der sowjetischen Buddhismus-Politik zur späteren Unterdrückung Tibets durch das kommunistische China auf. Man kann durchaus sagen, das die Sowjetunion der Volksrepublik China das historische Vorbild für die weitgehende Vernichtung des Dharma in Tibet geliefert hat!

Es gibt nicht viele Völker, die während der letzten Jahrzenhnte soviel Leid zu ertragen hatten wie das Russische. Allein der Staatsterror unter Stalin und der Zweite Weltkrieg haben zig Millionen Menschen das Leben gekostet. Freiheit und Entfaltung der Persönlichkeit kannte man hier viele Generationen lang praktisch nicht. Wer in den letzten Jahren einmal nach Rußland gereist ist, mag vielleicht einen eigenen Eindruck davon bekommen haben, wie groß bei den Menschen in diesem kulturell reichen Land der Wunsch nach Glück ist.

Gewiß, Rußland hat noch einen schwierigen Weg zu meistern, bis die Last der Vergangenheit abgetragen ist. Andererseits fällt der Diamantwegs-Buddhismus hier auf äußerst fruchtbaren Boden. Sollte er nicht durch neue äußere Hindernisse (wie etwa lächerliche Gesetze zur Einschränkung der Religionsfreiheit) behindert werden, wird der Dharma bestimmt einen nicht unerheblichen Beitrag zur Stabilisierung der russischen Gesellschaft leisten können. Auf der anderen Seite dürfte Rußland langfristig eines der wichtigsten Länder für die zukünftige Überlieferung des Diamantweges werden

Literaturhinweise (Auswahl):

  • Hans Bräker: Der Buddhismus in der Sowjetunion. In: Basse/Sticker (Hg.): Religionen in der UdSSR. Zollikon 1989, S. 285-298.
  • Walter Kolarz: Die Religionen in der Sowjetunion. Freiburg 1963.
  • Nicolai Poppe: The Buddhists in the USSR. In: Iwanow/Larkin (Hg.): Religion in der USSR, München 1960, S. 168-189.
  • (ders.): Die Kalmüken unter der Sowjetherrschaft. In: Sowjet-Studien (Nr. 13), München 1962, S. 36-55.
  • Robert A. Rupen: Tuva. in: Asia Survey, Vol. V/12. Berkeley 1965, S. 609-615.
  • Günter Siemers: Mongolei - Vom Kommunismus zur Demokratie undMarktwirtschaft? In: Asien. Dt. Zeitschr. f. Politik und Kultur, Nr. 40/7.Hamburg 1991, S. 28-50.
  • John Snelling: Buddhism in Russia. The History of Agvan Dorzhiev,Lhasa's Emissary to the Tsar. Shaftesbury, Dorset 1993.
  • W.A. Unkrig: Aus den letzten Jahrzehnten des Lamaismus in Rußland. In: Zeitschrift für Buddhismus, 8.Jg., Heft 2/1926

Autor: Michael den Hoet ist 34 Jahre alt, Schüler von Lama Ole Nydahl und gelernter Historiker. Er war an der Organisation der ersten Reisen seines Lehrers in die damalige UdSSR beteiligt und wohnt momentan im Buddhistischen Zentrum Kiel.