Aus: Buddhismus Heute Nr. 27, ( 1998)

Das Leben Marpas - Teil 3

Von Ulla und Detlev Göbel

Marpa Lotsawa - "Marpa, der Übersetzer" - war der erste tibetische Linienhalter der Kagyü-Schule. Sein Lebensbeispiel ist zusammen mit denen von Milarepa und Gampopa unter anderem deswegen besonders interessant, da diese die drei buddhistischen Lebensweisen repräsentieren. Marpa zeigt in seiner äußeren Lebensweise das Beispiel des Haushälters, des Laienbuddhisten, der sich neben seiner Praxis - beziehungsweise sogar als Teil der Praxis - um Hof, Geschäft und Familie kümmert. Milarepa, der berühmteste aller tibetischen Yogis, ist das Beispiel par excellence für den Weg des Yogi, der alle äußeren und gesellschaftlichen Bindungen ablegt und sich nur noch einsgerichtet der Praxis widmet. Gampopa schließlich war der erste Mönch in der Kagyü-Linie, etablierte das erste Kloster und dient als Beispiel für diesen Lebensstil. Diese Einteilung betrifft jedoch nur den äußeren Lebensstil, denn auf der Ebene der Sicht hielten alle drei die mit dem Diamantweg verbundene Sicht des Yogi von der ursprünglichen Reinheit aller Phänomene.
Rückkehr nach der dritten Reise

Auf der Rückreise von Indien nach Tibet, bei der Überquerung des Ganges, versuchten Räuber Marpas Boot zu kapern. Sie stürzten sich todesmutig in den Fluß und kamen bedrohlich auf ihn zugeschwommen. Es gab aber sowieso nichts, was Marpa in dieser Situation hätte tun können und so meditierte er einfach darauf, daß Naropa über seinem Kopf sei. In diesem Moment schauten die Räuber zu ihm herüber, schauten noch einmal und machten kehrt. Sie müssen irgendetwas gesehen haben, das ihnen die Idee das Boot zu überfallen wieder austrieb.

Marpa ging zuerst nach Nepal zu den Meistern Chitherpa und Paindapa, die im Kathmandu-Tal im heutigen Parping lebten. Chitherpa war kurz zuvor verstorben und viele Dharmageschwister waren zugegen. Marpa wurde hier - wie später auch an anderen Stellen in Nepal - gebeten, von seinen Erlebnissen zu berichten und Dharmaerklärungen zu geben. Bei einer solchen Gelegenheit war Marpa zu einem Diamantweg-Ritual eingeladen, das nachts auf einer Leichenverbrennungsstelle stattfand. Man hörte das Heulen von Schakalen und andere unheimliche Geräusche und die Versammelten wurden nervös und wollten das Ritual schnell beenden. Marpa wurde wieder einmal die Größe seiner Lehrer und ihre absolute Furchtlosigkeit bewußt. Er bedauerte, daß er Indien verlassen hatte, brach in Tränen aus und beschloß dorthin zurückzukehren. In dieser Nacht erschien ihm jedoch eine Dakini und forderte ihn auf, seine Reise fortzusetzen, da er in Tibet den Wesen mehr würde nutzen können.

Mittlerweile waren drei Jahre seit seiner Abreise aus Tibet vergangen. Marpas Schüler und seine Familie warteten besorgt auf eine Nachricht über sein Verbleiben, und sein Schüler Marpa Golek machte sich auf den Weg nach Nepal. Er hoffte, dort etwas über Marpa in Erfahrung zu bringen und traf ihn tatsächlich schon auf dem Weg dorthin. Auf der Rückreise nach Lhodrag machten sie Rast im Kloster von Marpas Schüler Metön, wo Marpa Ermächtigungen und Erklärungen gab. Er wurde zwar nach den besonderen Belehrungen gefragt, die er diesmal von Naropa erhalten hatte, erzählte jedoch - so wie Naropa es ihm aufgetragen hatte - nichts davon. Marpa Golek ritt nach Lhodrag voraus und bereitete eine große Willkommensfeier vor, auf der Marpa von seinen Erlebnissen berichtete. Es heißt, daß all diese Umstände so starke Hingabe in Marpa Golek hervorgerufen hatten, daß er von da an nicht einmal mehr für einen einzigen Tag von Marpas Seite wich und ihm bis an sein Lebensende diente.

Das besondere Phowa

Einmal beschloß Marpa, seinen Schülern eine Kostprobe der besonderen Form der Bewußtseinsübertragung, die er gelernt hatte, zu geben: Eine kleine Taube war gerade an Erschöpfung gestorben, und er übertrug sein Bewußtsein in ihren Körper. Marpas eigener Körper saß da wie tot, und die kleine Taube war wieder munter wie zuvor. Die Schüler erschraken und flehten Marpa an, zurückzukehren. Erst als sich einer mit dieser Bitte vor der Taube verneigte, fiel diese leblos um und Marpa stand wieder auf.

Vielen Leuten gab dies Vertrauen in Marpas Fähigkeiten. Aber - wie Naropa vorausgesagt hatte - es gab auch Leute, die schlecht über ihn redeten. Chowo, Marpas älterer Bruder, gewann erst Vertrauen, als er persönlich eine ähnliche Vorführung der Bewußtseinsübertragung erlebte, diesmal mit einem Lamm. Auch ein anderer Verwandter namens Cha-se redete ausführlich und beharrlich schlecht über Marpa, bis er eines Tages persönlich Zeuge wurde, wie Marpa ein kurz zuvor ertrunkenes Reh wieder aufstehen und umherlaufen ließ.

Cha-se fragte anschließend, was es mit einer Belehrung Marpas auf sich habe, wo dieser gesagt habe, man solle Fleisch, Alkohol und Sex geniessen, sonst täte man sich keinen Gefallen. Marpa hatte hier über eine zentrale Belehrung des Diamantwegs gesprochen, daß es nämlich nicht darum geht, Störgefühle wie zum Beispiel Anhaftung einfach nur abzuschneiden, sondern sie in den Weg zu einzubringen. Cha-se sagte, er könne nicht sehen, wo da der Unterschied zu dem Verhalten gewöhnlicher Menschen sei. Marpa antwortete ihm, daß er nichts verstanden hätte. Ihm würden wahrscheinlich auch Bilder von Buddhas in Vereinigung als Darstellung gewöhnlichen Sexes erscheinen. Der Unterschied sei, daß er - Marpa - von all diesen Dingen nicht mehr gebunden sei. Dies ist die Grundlage dafür, daß man Sinnesfreuden auf dem Diamantweg voll nutzen kann.

Die Naropa es angeordnet hatte, begaben sich Marpa und seine Schüler in eine dreijährige Meditations-Zurückziehung in Marpas Haus. In dieser Zeit sollten die Schüler und insbesondere Darma Dode von Marpa alle Übertragungen bekommen. Schon nach einem Jahr kam es jedoch zu dem schlimmen Ereignis, das Naropa anscheinend vorausgesehen hatte: Darma Dode starb bei einem Unfall.

Dharma Dodes Tod

In der Nähe von Marpas Haus sollte ein alljährliches Fest stattfinden. Da Marpas Familie einflußreiche Leute in der Gegend waren, kam ein Bote zu Marpas Haus und bestand im Namen der Bevölkerung darauf, daß entweder Marpa selbst oder Darma Dode bei dem Fest den Vorsitz führen sollte. Dagmema erklärte zwar, daß dies nicht möglich sei, da beide in einer strengen Zurückziehung seien, aber Darma Dode hatte die Unterhaltung unter dem Fenster seines Zurückziehungszimmers mitangehört. Die Idee, daß er an diesem Fest als Vertreter der Familie teilnehmen müsse, setzte sich in seinem Kopf fest. Ihm war klar, daß die Eltern dies nicht zulassen würden, und so beschloß er, sich aus dem Haus zu schleichen. Zwischendurch ahnte er zwar noch, daß es sich um ein Hindernis handeln müsse. Ein Spruch ging ihm durch den Kopf: "Je höher der Berg, umso tiefer der Abgrund. Je größer der Gewinn, umso größer das Risiko. Je tiefgründiger der Dharma, umso stärker die Hindernisse." Aber dann hörte er drei alte Frauen - Manifestationen von Mara, der Personifikation der Unwissenheit - vor dem Haus, die darüber sprachen, daß sie auf das Fest gehen würden. Es traf ihn, daß sogar alte Frauen auf das Fest gehen können und er nicht. Dies gab für ihn den Ausschlag, daß er beschloß, auch zu gehen.

Als er sich gerade heimlich aus dem Haus stehlen wollte, lief er jedoch seiner Mutter Dagmema in die Arme. Sie schaffte es zwar nicht, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, gab ihm aber vier Begleiter, unter anderem Milarepa und Marpa Golek, mit auf den Weg.

Vor allem aber nahm sie ihm sieben Gelübde ab: Er mußte versprechen, daß er auf dem Fest nicht den Vorsitz führen, keine Geschenke als Ehrengast annehmen, nicht die Begrüßungsrede halten, keine Dharmabelehrung geben, kein Bier trinken, kein Pferd reiten und noch vor der Mittagszeit heimkehren würde.

Auf dem Fest entwickelten sich die Umstände aber so unglücklich, daß alle sieben Gelübde schließlich gebrochen waren. Den Ehrenvorsitz konnte Darma Dode zuerst noch ablehnen; er und seine Begleiter setzten sich zwischen die Lamas und die Laienschaft. Als er jedoch erkannt wurde, wollten die Lamas nicht höher als Marpas Sohn sitzen und räumten ihre Sitzkissen so schnell um, daß Darma Dode auf einmal den höchsten Platz und damit den Vorsitz hatte. So konnte er sich nicht mehr dagegen erwehren, Geschenke anzunehmen, eine Rede zu halten, Dharmafragen zu beantworten usw. bis all diese Gelübde schließlich gebrochen waren. Milarepa hatte vergeblich versucht einzuschreiten, aber am Ende blieb ihm nichts mehr übrig, als zum Aufbruch zu drängen. Auf dem Heimweg scheute Darma Dodes Pferd, er stürzte, blieb im Steigbügel hängen und schlug sich den Kopf in acht Teile auf.

Als Milarepa, der vorausgeeilt war, Marpa die schlechte Nachricht überbrachte, hatte dieser schon einige schlechte Omen gehabt und ahnte, daß sein Sohn nicht mehr zu retten sei. Darma Dode hatte sich auf das Pferd binden lassen und schaffte noch den Heimweg. Marpa sah den Zustand seiner Wunde und ihm war sofort klar, daß er nicht mehr lange leben würde. Während Darma Dode im Koma lag, rezitierte Marpa für ihn die Belehrungen zum Phowa. Er rief ihm in Erinnerung, daß sein Vater zugleich auch sein Guru und ein Mandala von Buddhas war und forderte ihn auf, sein Bewußtsein in Marpas Herzzentrum zu schicken. Da Darma Dode jedoch nicht zu sich kam und dem Rat Marpas auch nicht gefolgt war, versuchte Dagmema das gleiche und forderte ihn auf, sein Bewußtsein in ihr Herzzentrum zu überführen. Als eine ihrer Tränen in sein Ohr fiel, kam er zu sich und war sogar noch einmal in der Lage aufzustehen.

Man machte sich auf die Suche nach dem intakten Körper eines soeben Verstorbenen, damit Darma Dode sein Bewußtsein da hinein überführen könne, aber außer einer sehr alten Frau und einer Taube war in der ganzen Gegend keiner zu finden. Beide Möglichkeiten lehnte Darma Dode als sinnlos ab. Als die anderen Schüler jedoch anfingen, Zweifel an der Wirksamkeit der Bewußtseinsübertragung zu bekommen und es ja auch keine Alternative mehr gab, überführte Darma Dode seinen Geist schließlich doch in die Taube. Alle Anwesenden sahen bei dieser Gelegenheit den Buddha Hevajra mit seinem Gefolge erscheinen. Bei der anschließenden Verbrennung des Körpers von Darma Dode war er selbst im Körper der Taube anwesend und umschritt die Verbrennungsstelle.

Einige Zeit zuvor war der einzige Sohn eines alten Ehepaares gestorben und Marpa hatte die beiden zu trösten versucht. Er hatte ihnen den Rat gegeben, alles als Traum und Illusion anzusehen und nicht zu verzweifeln. Als nun Dagmema in Tränen ausbrach und auch Marpa Zeichen tiefer Trauer zeigte, erinnerten ihn die alten Leute an seine Belehrungen und sagten, auch er solle es nun alles als einen Traum ansehen. Marpa antwortete ihnen ziemlich unverblümt, daß es einige Unterschiede gäbe: Er würde nicht aus Anhaftung an etwas scheinbar Realem leiden, sondern darunter, daß Darma Dode nun den Wesen nicht so nutzen könne, wie es möglich gewesen wäre. Ihr Sohn hätte nichts Gutes sondern nur Leid in die Welt gebracht, Darma Dode hingegen hätte ohne diesen Unfall unzähligen Wesen großen Nutzen gebracht. Unter all den Träumen wäre sein Leben ein ganz besonderer Traum gewesen.

Tiphupa

Marpa sah aufgrund seiner Hellsicht, daß für Darma Dode in Indien die Möglichkeit bestand, sein Wirken fortzusetzen und gab der Taube entsprechende Anweisungen. Er beschrieb ihr den Weg zu einer Stelle in Indien, wo es gerade einen geeigneten Körper in Form eines 13-jährigen Brahmanen-Jungen gäbe. Bei seinem ersten Aufbruch verflog sich die Taube jedoch und kam abends erschöpft zurück. Am nächsten Tag flog Darma Dode in der Taube, diesmal mit ausführlicheren Wegbeschreibungen von Marpa ausgestattet, noch einmal los. Diesmal fand er den Weg und trat in den Körper des verstorbenen indischen Jungen ein, gerade als die Feierlichkeiten für die Verbrennung stattfinden sollten. Zum Entsetzen der Anwesenden erhob sich der Leichnam wieder und erklärte ihnen, daß er nicht wirklich tot gewesen sei. Darma Dode hatte von Marpa einiges der indischen Sprache gelernt.

Überwältigt vor Freude nahmen die Eltern ihn wieder mit nach Hause. Im Laufe der Zeit stellten sie bei ihm aber eine ganze Reihe guter Eigenschaften und Interesse für den Dharma fest, die sie zuvor bei ihm nicht bemerkt hatten. So erzählte ihnen Darma Dode schließlich die ganze Geschichte. Da Tiphu das Wort für Taube in diesem Teil Indiens war, wurde der Junge Tiphupa genannt und die Eltern sahen ihn nicht mehr als Sohn, sondern als ihren Guru. Tiphupa studierte und meditierte und wurde - wie Marpa es vorausgesehen hatte - ein großer Meister, der vielen Menschen nutzen konnte. Rechungpa, der neben Gampopa Milarepas Hauptschüler war, traf Tiphupa später bei einer Reise nach Indien und so wurde der Fortgang der Geschichte in Tibet bekannt.

Durch Tiphupa und Rechungpa kam auch eine wichtige Belehrung wieder nach Tibet: Tilopa hatte von den Dakinis die sogenannten "Formlosen Dakini-Lehren" erhalten, die aus neun Belehrungen bestanden. Er hatte sie an Naropa gelehrt und dieser an Marpa, aber mit sehr strengen Auflagen über ihre Weitergabe. Marpa hatte die ersten vier Lehren an Milarepa gegeben und hatte prophezeit, daß Milarepa oder ein anderer Linienhalter später aus Indien die restlichen fünf holen würde. Mit Rechungpa erfüllte sich diese Prophezeiung. Er erhielt die Lehren von Tiphupa, der sie, genau wie sein Vater Marpa, direkt von Naropa bekommen hatte.

Bei der Gedenkfeier für Darma Dode wurde Marpa von seinen Schülern nach der Zukunft der Kagyü-Linie gefragt und er forderte sie auf, in der nächsten Zeit auf ihre Träume zu achten. Milarepa hatte als einziger einen prophetischen Traum von einem großen Schneeberg mit Sonne und Mond darüber. Auf den Seiten des Berges standen vier hohe Säulen und auf diesen standen ein Löwe, ein Tiger, ein Garuda (ein mystischer Vogel) und ein Geier. Der Geier, der bei den Tibetern als sehr besonders gilt, da er keine Tiere tötet, gebar viele Junge, die mit der Zeit den ganzen Himmel füllten. Marpa interpretierte den Traum ausführlich. Entsprechend der besonderen Qualitäten, die den verschiedenen Tieren zugeschrieben werden, stehen diese für seine vier Hauptschüler Tsurtön Wangnge, Ngoktön Chödor, Metön Tsönpo und Milarepa. Der Berg selbst sei Marpa und die vier die Säulen für die Zukunft der Linie, wobei der Geier für Milarepa stehe.

Praxis mit den Schülern

Die traurigen Ereignisse um Darma Dode bewirkten, daß allen die Vergänglichkeit wieder sehr bewußt geworden war, und alle spürten einen starken Drang zu praktizieren. Marpa gab intensiv Belehrungen; es heißt, daß er tagsüber lehrte und seine Schüler nachts praktizieren ließ. Einige Zeit später beschloß Marpa auf glückverheißende Zeichen zu achten, um zu sehen, welcher Schüler welche Teile der Übertragung halten solle. So schaute Marpa eines morgens, was seine Hauptschüler gerade praktizierten. Tsurtön Wangnge praktizierte Phowa, Ngoktön Chödor studierte Kommentare zum Hevajra-Tantra, Metön Tsönpo praktizierte das "Klare Licht" (tib.: Ösal) und Milarepa schließlich die Praxis der "Inneren Hitze" (tib.: Tummo). Entsprechend dieses prophetischen Momentes gab Marpa diesen vier die entsprechenden ausführlichen Übertragungen, zusammen mit Reliquien von Naropa. Die besonderen "Geflüsterten Dakini-Lehren" des Buddha "Höchste Freude" gab Marpa, wie Naropa es angeordnet hatte, nur an Milarepa. Die besondere Form des Phowa, die "Bewußtseinsübertragung" hatte Marpa nur an Darma Dode gelehrt, an keinen anderen mehr, und so ist diese Praxis in Tibet nicht erhalten geblieben.

Immer öfter zeigte Marpa alle Sorten von Wundern. Manche seiner Schüler sahen ihn als Buddha-Aspekt wie Hevajra, Demchog, Guhyasamaya oder Dorje Phagmo. Sie fragten Marpa, wie es dazu komme und er antwortete nur: "So ist das eben." Erst als sie nicht locker ließen erklärte er, daß es infolge eines Zusammenkommens seiner Kraft Buddha-Aspekte zu vergegenwärtigen und der Reinen Sicht der Schüler geschehe.

Andere sahen ihn in Form von den Elementen, als Feuer, Wasser, Regenbogen usw. und er erklärte dies als das Zusammenkommen ihrer Reinen Sicht mit der Tatsache, daß die Elemente in seinem inneren Energiesystem völlig gereinigt seien. Bei einer dieser Gelegenheiten erzählte er, daß er sich erinnere, in einem früheren Leben auf einem Tiger durch den Dschungel geritten zu sein - vielleicht ein Hinweis darauf, daß Marpa als Ausstrahlung des Mahasiddhas Dombhi Heruka gilt, der auf einem Tiger reitend dargestellt wird. Marpa erklärte, daß es für ihn durch seine Fähigkeit der Bewußtseinsübertragung keinen Tod mehr gäbe, daß er aber trotzdem in die Reinen Länder gehen werde, denn Naropa hätte ihm das aufgetragen. Zu dieser Zeit ging Marpa in seinem Haus auch einfach nur noch durch die Wände statt die Türen zu benutzen. Seine Söhne machten Späße darüber, daß diese Fähigkeit für einen Dieb sehr praktisch wäre.

Marpas Tod

Im Alter von 88 Jahren starb Marpa im Beisein einiger Schüler. Seine Frau Dagmema und seine anderen Frauen lösten sich in Licht auf und strahlten in sein Herzzentrum hinein. Er und Dagmema werden als Ausdruck der Hauptaspekte im Mandala ihres Yidams Hevajra gesehen, die anderen als weitere Aspekte im Kraftkreis von "Oh Diamant" (tib. Kye Dorje, skt. Hevajra). Marpas Körper wurde nicht verbrannt, sondern konserviert und in Seide gehüllt aufbewahrt. Viele Leute kamen und boten Opferungen, um einen Teil von Marpas Körper als Reliquie zu bekommen. Marpas Sohn Pal Ö und andere waren recht freizügig darin, diese zu verteilen. Als bekannt wurde, daß sogar seine Gesichtshaut an ein Kloster gegeben worden war, hielt Ngokpa es nicht mehr aus. Er bot den Söhnen eine große Opferung an, um den ganzen restlichen Körper zu bekommen und ihn intakt aufzubewahren. Die Söhne verlangten von ihm vor allem die Rubin-Mala Naropas, die Marpa Ngokpa geschenkt hatte. Gegen die Mala und ein ganzes Vermögen bekam Ngokpa den Körper, brachte ihn in die Gegend Shung und baute eine Stupa drumherum.

Die Lehren, die Marpa aus Indien mitgebracht hatte, sind bis heute in reiner Form erhalten geblieben. Über Milarepa, Gampopa, die Karmapas, Shamar Rinpoches und die anderen Linienhalter wurden sie und die mit ihnen zusammenhängende Erfahrung in unsere Zeit übertragen. Im letzten Jahrhundert wurden die Übertragungen zu den 29 wichtigsten Buddhaaspekten von Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye zu dem sogenannten "Kagyü Ngagdzö" gesammelt, dem "Schatz der Kagyü-Mantras", der auch einige der Übertragungen Rechungpas enthält. Diese Übertragungen werden hier und da als Ermächtigungsserie gegeben, in Europa erst einmal im Jahre 1989 in Dänemark mit ca. 500 Teilnehmern aus der ganzen Welt, von dem 1992 verstorbenen Jamgön Kongtrul Rinpoche. Dank der Tatsache, daß die Kagyü-Linie seit Marpas Zeit von einer ungebrochenen Kette realisierter Meister - vor allem den nunmehr 17 Wiedergeburten des Buddha Karmapa - gehalten wurde, haben diese Diamantwegsmethoden noch die gleiche Kraft, in sehr kurzer Zeit Befreiung und Erleuchtung zu ermöglichen. Es liegt an einem selbst, diese Gelegenheit zu nutzen.

Man denkt vielleicht, daß es für uns heute sehr leicht ist, den Dharma zu bekommen - verglichen mit der Situation Marpas. Bei näherer Betrachtung sieht man aber auch, daß wir zur Zeit zwar in einer sehr glücklichen Lage sind, daß es sie aber nicht immer geben wird, wenn wir sie jetzt nicht aufgreifen. Nur wenige Menschen haben diese Möglichkeit, noch weniger nutzen sie. Wie Marpa in einem seiner überlieferten Lehrgesänge sagte: "Denkt daran, wie schwer es ist, den Dharma zu bekommen und seid nicht faul, sondern praktiziert."


Autoren:
Ulla und Detlev Göbel (beide 38 Jahre) leben seit 1986 im Buddhistischen Zentrum München und sind Redakteure bei der Kagyü Life. Sie sind seit 1981 bzw. 1984 Schüler von Lama Ole Nydahl.