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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 27, ( 1998)

Segen und Matrixorganisation - Ein "Kurs-Praktikum"

Von Holger Hertling

Dieser kurze Bericht über den Phowa-/Ngöndro-Kurs '98 in Kassel soll drei Ideen vermitteln: Die Inspiration und den Teamgeist, der jede Anstrengung erst ermöglicht. Die Organisation und ihre Funktionsbereiche, die für die Durchführung eines Projekts vonnöten sind.  Zuletzt ein persönliches Tagebuch meiner Erfahrungen während des Praktikums, um einen Einblick in die Vielfältigkeit der Aufgaben zu geben.

Inspiration und Teamgeist

Das besondere an dem Organisationsteam in Kassel ist nicht, wie viele vermuten die Professionalität der Organisation, sondern der achtsame, mitfühlende Umgang aller Beteiligter.  Zum Beispiel war allen klar, nachdem die Diskussion eines Abends besonders intensiv und lautstark geführt worden war, daß der Stil dabei gelitten hatte. Am nächsten Morgen gingen alle Teammitglieder entsprechend sorgsam miteinander um. Diese mitmenschliche Haltung, die weder süßlich noch bevormundend ist, sondern Achtung und Respekt zollt, macht den Erfolg des Kassel-Kurses aus. Denn in einer Umgebung, die von Vertrauen und Großzügigkeit statt von Kontrolle und Mißtrauen geprägt ist, fällt es natürlicherweise leichter - auch hart am Rande des Erschöpfungszustands - sehr gute Arbeit zu leisten. Schließlich ist auch die Einstellung zum Team und zum Kurs sehr wichtig: Wenn jeder einzelne im Geist hält, für Karmapa zu arbeiten, dafür daß Lama Ole in entspannter Atmosphäre lehren kann, und dafür daß möglichst viele interessierte Menschen einen Zugang zum Diamantweg-Buddhismus bekommen können, dann ist es einfach den guten Stil der Familie zu wahren. Damit einher geht fast automatisch die Haltung zu fragen: »Was kann ich Beson-deres geben, was vermag ich zusätzlich leisten, wo kann ich noch helfen?«. Bei Gedanken wie:»Ich brauche die und die Bedingungen, daß ich loslegen kann« oder »Erst wenn der und der das und das tut, kann ich dieses leisten« wird der Geist sehr eng und unfroh. Wichtig ist hierwie so oft - zu sehen was jetzt ist, in die Situation hineinzugehen und dann zum Besten aller Wesen zu arbeiten. Die Zusammenarbeit im Team wird so zu einer riesengroßen Freude (auch wenn es mal kracht) und die Arbeit für einen Kurs zu einer ständigen Inspirationsquelle.

Organisation und Funktionsbereiche

Projekte sind Vorhaben, die grundsätzlich durch die Einmaligkeit der Bedingungen und eine klare Zielorientierung charakterisiert sind.  Gleichzeitig bilden sie eigenständige soziale Systeme, die in eine projektspezifische Umwelt eingebettet sind. Die Ablaufphasen eines Projektes gliedern sich in vier grobe Einteilungen: Projektdefinition, Projektplanung, Projektabwicklung, Prüfung/Übergabe. Jeder Übergang in die nächste Phase ist durch einen sogenannten Meilenstein gekennzeichnet. Das kann ein fixer Termin sein oder auch ein selbstgestecktes Ziel.

In der betrieblichen Organisationslehre ist das Projektmanagement eine Form der Matrixorganisation.  Diese ist insbesondere dadurch gekennzeichnet, daß die netzartig verbundenen Funktionsbereiche ihre Autorität und Verantwortung teilen müssen. Der reibungslose Betriebsablauf hängt entscheidend von der guten Zusammenarbeit ab. Bei den Arbeitsabläufen in dieser Gitterstruktur ist die Betriebsleitung nicht beteiligt, sie übernimmt übergeordnete Koordinationsaufgaben.

Funktionsbereiche Kassel '98

Koordination; Lamabetreuung, Gompaservice; Lamaküche; Müllentsorgung; Sanitäranlagen, WC-Service, Wäsche; Spüldienst, Duschen; Sound; E-Technik/ Installation; Telefon, Jobvermittlung, Info-/Treffpunkt; Fahr-/Besorgungsdienst; Buchführung; Dharmashop; Anmeldung; Anmeldung vor Ort; Essensausgabe/ Hauptmahlzeiten; Cafeteria/Lädchen; Parkplatz; Kinderbetreuung; Helferinnen; Praktikanten;

Das Organisationsteam (Verantwortliche der Funktionsbereiche) besteht aus etwa 50 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen. Während der Aufund Abbauphase helfen etwa weitere 15 freiwillige Helfer, die sich vorab gemeldet haben.  Pro Tag des Kurses werden zusätzlich noch 120 freiwillige Helfer von der Jobvermittlung an die einzelnen Funktionsbereiche vermittelt.

Mein Kasseler Praktikum '98

zwei willkürlich von Holger Hertling ausgewählte Tage:

Tag 1 (Aufbauwoche)

Aufgewacht, mit dem Kopf an die Zeltwand gestoßen, naß geworden, es nieselt, gestern wohl doch ein Weizen zuviel getrunken, aua, Muskelkater vom Baumstämmeschleppen, wieso geht der Reißverschluß (a. Schlafsack, b.  Zelt) nicht auf, oje schnell duschen, das Team frühstückt schon in Haus 2 und es ist schon ziemlich spät.

Endlich wach: Frühstück im Team, danach um 9 Uhr Drei-Lichter-Meditation, kurze Ansage von der Technik, was heute die wichtigsten Aufgaben sind, damit alles nacheinander und nicht durcheinander aufgebaut wird. Ich sammle Kabeltrommeln und Verlängerungskabel in allen erdenklichen Längen aus diversen Umzugs-und Holzkisten und richte eine Art Lager für E-Technik im Schuppen des Platzverwalters ein - auch um einen Überblick zu bekommen ob Bruchstellen da sind, Lampen defekt oder wackelig sind und ob die Stückzahlen stimmen.  Aus irgendeinem Grund fehlt die Kiste mit den etwa 50 Dreiersteckdosen. Ein Spezialauftrag für den Fahrdienst: Möglichst schnell und vor allem billig, oder bringt der Soundmann sie doch aus München mit, und wenn ja, wieviele. Fragen, die sich im Laufe des Tages klären: Jetzt haben wir 30 Stück aus München und 40 neue.

Nachmittags haben drei weitere Mitarbeiter und ich den ehrenvollen und verdienstansammelnden Job, Schuhregale aus Leisten und groben Brettern zusammenzuschrauben (für etwa 900 Paar Schuhe). Glücklicherweise gibt es zwei Helden aus dem Team, die jeden Tag die Verpflegung mit Frühstück, Mittagessen und Abendbrot oft auch warm sicherstellen, sonst wäre der Aufbau in so kurzer Zeit nicht zu schaffen.

Bis es dunkel wird, helfe ich noch einem Zimmermann, der praktischerweise nicht nur Kinder betreuen kann, eine Treppe über die Böschung zum Essenszelt zu bauen (direkt auf Matsch gebaut und soll 700 Personen in einer Stunde beim Ansturm auf das Mittagessen aushalten.). Morgen basteln wir noch aus ganzen Tannen eine Vordachkonstruktion für das Essenszelt. Zum Abschluß des Tages bei einem Fläschchen Wein in der Runde der erschöpften aber glücklichen Teammitglieder erzählen die Koordinatoren noch, wie sie damals vor sechs Jahren die Vision hatten, auf diesem Pfadfinderplatz einen richtig großen europäischen Meditationskurs zu organisieren.

Tag 2 (Phowa-Kurs)

Wow, seit Lama Ole auf dem Platz ist scheint nur die Sonne. Sogar die Wohnwagen, die am Anreisetag in der weichen, matschigen Wiese versunken sind, haben heute schon wieder eine Chance flottzukommen. Nach dem obligatorischen gemeinsamen Frühstück mit Meditation (zwischen 8 und 9 Uhr, damit wir dann für die Kursteilnehmer zum Frühstück-Ausgeben zur Verfügung stehen) gehen alle Teammitglieder zu ihren Arbeitsbereichen und helfen den Kurs so harmonisch wie möglich zu gestalten.

Zuerst helfe ich in der Anmeldung. Hier wird gecheckt, ob die Teilnehmerin schon ihre Kursgebühr überwiesen hat oder es werden Änderungswünsche ermöglicht. Zum Beispiel der Wechsel von Vollkostverpflegung (mit Fleisch) zu vegetarischen Mahlzeiten. Vormittags, während die Phowa-Meditation von ca. 850 Menschen über den Platz hallt und wahrscheinlich im nahegelegenen Waldstück einige Wildschweine irritiert fahre ich mit dem Fahrdienst nach Kassel. Wir besorgen von Sonnencreme über Badelatschen bis zu Rasierklingen alles, was die Teilnehmer beim Lädchen in der Cafeteria bestellt haben, weil es wahrscheinlich noch zu Hause auf dem Regal liegt.

Heute schaue ich mal bei der Essensausgabe rein: Von der Catering-Firma aus Kassel sind mit dem LKW etwa 70 Warmhalteboxen (Größe: ein Umzugskarton) angeliefert worden, in denen Suppe und Putensteak und Reis und Salate und Nachtisch und Teewasser und Kaffee auch nach 5 Stunden noch Betriebstemperatur haben. Beim Mittagessen liegt allgemeine Besorgnis in der Luft: Ob das Phowa-Loch wohl schon da ist? Und was ist wenn nicht?  Allen Unkenrufen zum Trotz haben am nächsten Mittag doch alle Newcomer das äußere Merkmal und der Lama ist hochzufrieden.  Hurra, heute nachmittag habe ich frei! Erst telefoniere ich mit meiner Liebsten in der Ferne und dann sause ich ins große Gompazelt, um mir meine Portion Reines Land abzuholen (meditieren). Es ist einfach ein unvergleichliches Gefühl mit etwa 900 Menschen die gleiche Meditation zu üben.

An diesem Abend unterstütze ich noch den Parkplatzdienst beim Organisieren der Abfahrtsströme: Heraushelfen der Fahrzeuge aus Schlammlöchern. Transport der Reisetaschen einer Familie mit drei Kindern vom Zeltplatz zum Dauerparkplatz. Überzeugung eines Pendlers (wohnt in Kassel im Hotel und fährt jeden Abend mit dem Auto zur Meditation), daß er nicht im Gompazelt parken kann. Erklärung der Parkplätze und des Kursablaufs für Neuankömmlinge.

Mit Freunden, die am Kurs teilnehmen trinke ich um 1 Uhr morgens noch einen Cappucino (Original italienische Espressomaschine) und plumpse dann in mein Zelt und in traumlosen Schlaf. Nur mein Zeltnachbar erklärt, ich hätte nachts Geschichten erzählt und dann auch noch geschnarcht - aber davon habe ich zum Glück nichts mitbekommen.

Allgemeiner Zeitplan des Kassel-Kurses:

1. Ein Jahr vorher:
Konzept (Organisation, Inhalte)
Veranstaltungsort
Übernachtung & Verpflegung
2. ½ Jahr vorher:
Teamtreffen
Funktionsbereiche/Verantwortlichkeiten
Finanzbedarf/Überschlagskalkulation
Helferbedarf/Zeitaufwand pro Funktionsbereich Vorarbeiten durchführen
3. Drei Wochen vorher:
Zulieferer kontrollieren
Verbindliche Zeitpläne
4. Eine Woche vorher:
Aufbau, Einrichtung, Herrichten des Platzes
Ausgestaltung der Funktionsbereiche/Aufbau
Details ausarbeiten
Lösungsorientierte Kreativität (Katastrophen-bewältigung)
5. Veranstaltung
6. Eine halbe Woche danach:
Material eindeutig ein-/verpacken für Lagerung
Geliehenes an Zentren zurück
evtl. Schäden mit Firmen oder Personen klären
Fundbüro einrichten
7. Drei Wochen danach:
Abrechnungen Endabrechnung/Erlös, Steuern, FiBu
8. ½ Jahr danach:
Nachbereitungstreffen
Verbesserungsvorschläge/Lob/Kritik
Vorbereitung der Materialien (Vorschläge, Personallisten, Materiallisten)
für das nächste Vorbereitungstreffen


Literaturliste:
Adams, Douglas:
Per Anhalter durch die Galaxis. München, Rogner & Bernhard (2001). [DGQ] Deutsche Gesellschaft für Qualität e.V.  (Hg.): Qualitätsmanagementsysteme und internes Audit, Lehrgang. Frankfurt am Main, [o.  Verlag] Dorje, Wangchug (9. Karmapa): Tschag Tschen Ngön Dro, Mahamudra-Vorbereitungen. Loseblattsammlung deutsch/tibetisch, Hg. v. Karma Drub Gjy Ling, HH. Göbel, Detlev: »Buddhismus heute im Zirkus Krone «. Kagyü Life 26, S. 20-22, 1981. Nydahl, Lama Ole. Wie die Dinge sind. Eine zeitgemäße Einführung in die Lehre Buddhas. Sulzberg: Joy Verlag, 1995. Walder, Franz-Peter; Gerold Patzak: Qualitätsmanagement und Projektmanagement. Hg. v. Franz J. Brunner (Qualitäts- und Zuverlässigkeitsmanagement). Zuverlässigkeitsmanagement). Braunschweig, Wiesbaden: Friedr. Vieweg & Sohn, 1997. Wöhe, Günter: Einführung in die allgem. Betriebswirtschaftslehre. [19., überarbeitete und erweiterte Auflage 1996]. München: Franz Vahlen Verlag.


Autor: Holger Hertling kam bei dem Meditationskurs in San Franzisco 1995 die Idee, es gäbe doch noch Spannenderes als puren Materialismus. 1968 in Hamburg geboren lebt der Autor seit zwei Jahren in Berlin und arbeitet dort in der Werbebranche.