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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 27, ( 1998)

Die Arura-Frucht - Symbol der Gesundheit in der Hand des Medizinbuddha

Von Udo Stangelmaier

Wie Ayurveda in unser Leben kam
Bevor ich auf das eigentliche Thema eingehe, möchte ich mich gerne vorstellen: Ich heiße Udo Stanglmeier, bin 42 Jahre alt und seit meinem 18. Lebensjahr praktizierender Buddhist. Angefangen habe ich damals mit der japanischen Form mantrischer Meditation, dem Rinzai-Zazen.

Heute verbringe ich für Markteinkäufen drei Monate im Jahr in Südostasien, wo ich "nebenberuflich" an mehreren Projekten zur Naturkonservierung mitarbeite. Gleichzeitig mache ich eine Ausbildung zum Gesundheitsberater bei Dr. Bruker, einem erfahrenen Ernährungsexperten und - selbst vielfach kritisiertem - Kritiker der modernen Schulmedizin und Nahrungsmitteltechnologie.

Vor zwanzig Jahren begegnetete ich in unserer gemeinsamen Heimatstadt meine Frau Gina, just als diese gerade von einem magischen Mindtrip aus dem buddhistischen Ceylon heimgekehrt war. Da wir die gleiche Wellenlänge hatten, waren wir schon nach wenigen Wochen per Daumen in Richtung Orient unterwegs. Von Istanbul aus pilgerten wir mit billigen Bussen bis ins - inzwischen hinduistisch überfremdete - Kernland des Buddhismus. Mit dem Tibetischen Totenbuch und Timothy Learys Kommentar dazu im Koffer tauchten wir unter in dem spirituellen Supermarkt Indien, auf der Suche nach der Wahrheit und uns selbst. Von den Höhen Kleintibets, der idyllischen Steinwüste Ladakh bis hinunter zu den tropischen Atollinselparadiesen der Malediven fanden wir steinerne Zeugen einer großen Vergangenheit. Selbst die vom schneeweißen Korallensand der Jahrhunderte aufgeworfenen Sandbänke der südindischen Atolle tragen Spuren des großen buddhistischen Reiches, das sich um den Beginn unserer Zeitrechnung über ganz Südostasien ausbreitete. Die auf ein paar kleinen Inseln aus dem Sand ragenden Stupaspitzen zeugen noch heute von der hohen geistigen Stufe einer durch den kriegerischen Islam zerstörten Hochkultur. Die menschenleeren Strände dieser einsamen Inseln boten damals noch ideale Voraussetzungen für Zurückziehung.

Wir wollten es damals natürlich ohne Lehrer schaffen. Zwar waren uns die Mentalität der Bergbewohner und die buddhistischen Mönche sehr sympathisch. Wirklich Zuflucht nahmen wir jedoch damals noch nicht. Dazu mußten wir erst Lama Ole Nydahl begegnen.

Nach Nepal hat es uns damals nie gezogen. Denn fast alle Freaks, die regelmäßig dorthin zum einkaufen hoch fuhren, kehrten krank zurück. Wir erholten uns von dem wimmelnden Hexenkessel der indischen Städte in den undurchdringlichen Wäldern der Nationalparks und in den Stranddünen der fast hindufreien christlichen Enklave Goa, um Yoga zu machen und zu meditieren. Von dort war es auch nicht so weit bis zu den rein weißen Stränden unserer geliebten maledivischen Atollkoralleninseln.

Nach einem heftigen Monsun in unserem Strandhaus in Goa wurde unser erstes Kind geboren. Später zwangen uns Visa- und Geldprobleme nach Europa, wo dann unser zweites Kind zur Welt kam. Doch schon bald waren wir zurück an den weißen Stränden der opalfarbenen indischen Inseln, wo unsere Kinder einen endlosen Sandkasten und ganztägige Badefreuden genossen.

Wenn man jedoch so lange in heißen Zonen lebt, macht man auch Bekanntschaft mit den anders gearteten Mikroben dieser Weltgegenden. Besonders die Kleinen fingen natürlich alle möglichen auf dem Weg liegenden Krankheiten auf. Um gegen all diese Widrigkeiten auch ohne chemische Keulen aus der Apotheke gefeit zu sein, begann ich mich für die alte, indische Naturheilkunde, den Ayurveda, zu interessieren, vor allem nachdem unsere Tochter von einer heftigen fiebrigen Hautkrankheit ohne die üblichen Medikamente von einer ayurvedischen Ärztin geheilt wurde.

Anfangs war es etwas befremdlich, vom Arzt mit einem Arm voll seltsam schmeckender Säfte und Pillen entlassen zu werden, bevor man überhaupt seine Beschwerden richtig erklärt hatte. Diese ungewöhnliche Praxis verlangt einige Anpassungsfähigkeit vom "mündigen" westlichen Patienten.

Doch mehr und mehr begann ich zu begreifen, daß der Ayurveda Krankheiten nicht durch pure Unterdrückung der Symptome behandelt, sondern indem er die eigenen Heilungskräfte und damit die Gesundheit des erkrankten Menschen mit unterschiedlichen Methoden aufbaut und verbessert.

Neben meinem anschließenden, hauptsächlich autodidaktischen Studium der Philosophie und Therapien des Ayurveda lernte ich praktisch von der Anwendung der "Dschungelmedizin" bei der "primitiven" Bevölkerung auf dem Land oder bei ayurvedischen Instituten und Kliniken, wenn uns unser Weg durch Städte führte.

So wie die architektonischen Reste von Stupas auf den Malediven oder das berühmte Basaltmandala des Borobodur auf Java, sind selbst auf den entlegensten Inselarchipelen von Indonesien bis zu den Philippinen auch Relikte des Wissens der ayurvedischen Heilkunst lebendig geblieben, die sich vor zweitausend Jahren mit der buddhistischen Kultur von Indien aus über den ganzen Südosten unseres Kontinents verbreitet hatte. Bei den jahrelangen ausgedehnten Reisen durch all diese Länder, erkannten wir die Ähnlichkeiten der Heilanwendungen in diesen unterschiedlichen Kulturen und begannen daran zu arbeiten, einfache arme Leute wieder im Gebrauch ihrer heimischen Hausapotheken zu ermuntern. Die moderne Medizin kommt dort gerade erst in Mode und verdrängt mit ihrer an Wunder grenzenden Symptombeseitigung im Schlepptau der christlichen Mission gerade das Vertrauen in den heimischen Kräuterwald...

Wer ist der Medizinbuddha, was ist das für eine Frucht in seiner Hand?

Dazu möchte ich aus dem hervorragenden Buch von Terry Clifford (Tibetische Heilkunst, 1. Aufl. 1984, Scherz Verlag, München) zitieren, aus dem auch die beiden Bilder stammen:
"Der Ort, an dem Buddha in der Gestalt des Vaidurya die Lehren darlegte, die im Gyü-shi aufgezeichnet sind, war das Paradies der Heilung Tanatuk (wörtlich: "Dessen Anblick erfreut")... Tanatuk ist ein Buddha-Feld, ein Reines Land jenseits der Illusion von Subjekt und Objekt. Es ist ein Mandala, ein Kosmogramm, welches den Glanz der heiligen Heilkraft abbildet, einer Kraft, die unablösbarer Bestandteil des allumfassenden Buddha-Wesens ist. Dieses Mandala hat drei Ebenen, die äußere, die innere und die geheime. Es enthält in Keimform sowohl die medizinische Mythologie des Buddhismus als auch das Heilsystem des Ayurveda...

Shakyamuni Buddha nimmt als Vaidurya Buddha das Zentrum des Mandala "Dessen Anblick erfreut" ein. Inmitten der himmlischen Stadt und in einem Palast aus durchsichtigem Kristall thront er auf einem Sitz aus Lapislazuli - dem Edelstein, der im Buddhismus das Emblem der Medizin ist. Sein Körper sendet Strahlen von heilendem Licht aus, die alles Leiden lindern. In tiefem Blau dargestellt, sitzt er in der vollen Lotoshaltung. Seine linke Hand ruht im Schoß und hält eine Bettelschale, während die rechte zur Geste des Gebens ausgestreckt ist und die 'große Medizin' hält, einen Zweig vom Myrobalan-Baum. ..

Vor der himmlischen Stadt, in der Vaidurya residiert, liegen in den vier Himmelsrichtungen vier Medizinberge, die die Gesamtheit der tibetischen Medizin repräsentieren.

Im südlichen Gebirge wachsen die Heilmittel für alle Krankheiten, die durch Kälte verursacht werden; im Norden die Heilmittel gegen Fieber; im Westen alle Dinge die der Erhaltung der Gesundheit dienen; und im Osten schließlich ein Wald von Myrobalan, dem Heilmittel gegen alle Arten von Krankheiten..., der 'duftende Berg', Ponadan."

Was ist Myrobalan, was ist Arura?

Myrobalan ist eine botanisch sehr umfangreiche Gruppe verschiedener Himalaja-Baumfrüchten. Der spezielle Myrobalan, den der Medizinbuddha in seiner Hand hält, heißt auf tibetisch Arura. Zusammen mit den beiden anderen Myobalanen Brura und Cyurura bilden sie die berühmten "Drei Früchte", eine wichtige, verdauungsfördernde die Grundsubstanz der ayurvedischen Heilkunde. Von diesen Früchten hatte ich zwar schon vor über fünfzehn Jahre gehört, doch ihre wahre Tragweite wurde mir erst vor etwa fünf Jahren klar, nachdem ich bei der Karma-Kagyü-Linie Zuflucht genommen hatte und ich das Ritual des "Medizinbuddha" kennenlernte.

Es gibt Hinweise darauf, daß der Buddha Gautama während seiner sechsjährigen Lehrzeit bei den verschiedensten Asketen des Himalaya-Vorlands unter anderem wohl auch eine Ausbildung zum Ayurveda-Heiler erhalten hat. Dieses Wissen gehörte damals zum geistigen Grundgepäck wandernder Entsagender, um sich in den damals noch dichten Wäldern im Notfall selbst helfen zu können. Der vier- und achtfach gegliederte Aufbau seiner Lehrreden von der Beendigung des Leidens ist jedenfalls in gleicher Weise aufbaut wie die klassische Ayurveda-Diagnostik. Und auch wenn der genaue geschichtliche Hergang kaum noch rekonstruierbar ist, so haben sowohl Gautama Buddha als auch Guru Rinpoche (Padmasambhava), den Gebrauch dieser Frucht persönlich empfohlen, wie man aus der Abbildung sehen kann.

In einem von mir verfaßten Buch habe ich Fakten aus der wissenschaftlichen Literatur zu den verschiedenen Arura-Früchten sowie ihre Verwendung in den zum Teil noch lebendigen Traditionen der asiatischen Volksmedizin zusammengetragen. Hier nun ein kurzer Auszug:

  • Verglichen mit Äpfeln enthält der Arura-Myrobalan 10mal mehr Vitamin C.
  • Man findet 17 von 18 essentiellen Aminosäuren, also sehr hochwertiges Eiweiß, was bei Früchten sehr ungewöhnlich ist.
  • Als Träger wertvoller Vitamin- und Minerale bietet sich Arura-Myrobalan als natürliches Nahrungsergänzungsmittel an. Deshalb sollten die Pflanzen verstärkt kultiviert werden, da sie derzeit im Zuge der in der Welt fortschreitenden Vernichtung der Artenvielfalt zu verschwinden drohen. Alte Texte unterscheiden sieben verschiedene Formen von Arura, während wir bereits nur noch drei Arten kennen.
  • In progressiven wissenschaftlichen Experimente zeigen konzentrierte alkoholische Auszüge aus dem Arura-Myrobalan eine wachstumshemmende Wirkung bei vier Arten von Krebszellen.
  • Die unterschiedlichen Arura-Früchte helfen bei allen Verdauungsproblemen, auch wenn dies mitunter erst nach Langzeitgebrauch offensichtlich wird.

Durch richtiges Kauen motiviert die Frucht zu einer kleinen, praktischen Yogaübung. Gut gekaut ist halb verdaut, heißt es. Die Frucht wirkt schon im Mund stark adstringierend. Sie regt den Speichelfluß an und kann nicht geschluckt werden, bevor sie nicht vollständig zerkaut ist. Schon bald nach dem Schlucken wird man ihre wohltuend wärmende Wirkung auf den Magen verspüren. Wer jetzt meint, er kann die Frucht nicht gebrauchen, weil er wärmende Nahrung vermeiden soll, sei beruhigt. Es gibt ja, wie bereits erwähnt, noch eine zweite und dritte Frucht, die für solche andere Konstitutionen gebraucht werden.

  • Arura gilt als nervennährend und -stärkend, wodurch sie von jeher in allen asiatischen Kulturen bis heute zur Verbesserung der Meditation in den Klöstern benutzt wird.
  • Die alten Inder bezeichnen Arura-Myrobalan als ein "Rasayana" - ein alle Körpergewebe durchdringendes Nahrungsmittel, das sogar Nervengewebe ernähren könne.
  • Alte Texten sprechen davon, daß es genüge eine einzige Frucht morgens vor dem Essen zu verzehren, um ein langes Leben frei von Krankheiten zu gewährleisten!

Den Mutigen, die nun gleich wissen wollen, wie diese von Buddha persönlich als die "große Medizin" empfohlene Nahrungsergänzung schmeckt, möchte ich an dieser Stelle jedoch etwas vorwarnen: Die Frucht schmeckt nicht verführerisch süß, obwohl sie auch Fruchtzucker enthält. Der Verzehr einer frischen Frucht dauert nach Frischegrad und persönlicher Konstitution zwischen fünf und fünfzehn Minuten und ist eher ein Stück buddhistischer Selbstüberwindungsübung. Ngöndro für die Zunge sozusagen. Der Geschmack widerspricht leider anfangs den als angenehm definierten Gewohnheiten unserer verwöhnten Zunge. Es ist jedoch eine einzigartige Erfahrung, wie süß pures Trinkwasser schmeckt, nachdem man eine solche Frucht verzehrt hat. Längere Zeit in Salzwasser eingelegte Arura-Früchte erinnern im Geschmack sehr an Oliven.

Man ißt sie traditionell morgens, etwa eine halbe Stunde vor dem Frühstück, auf nüchternen Magen. Wer das lieber mag, kann etwas Honig dazu nehmen. Wer das auch nicht schafft, sollte versuchen, das vom Stein befreite Fruchtfleisch im Mörser mit naturbelassenem Vollrohr- oder Palmzucker zu verreiben und diese Paste mit Wasser zu schlucken.

Nach Ansicht des tibetischen Ayurveda ist der Arura-Zweig aber auch ein vielschichtiges Symbol für das ganze Wissen vom rechten Umgang mit sich selbst und anderen, um Krankheiten schon im Vorfeld zu vermeiden. Die zentrale Botschaft hinter der Frucht ist die Kenntnis von der Bedeutung der richtigen Ernährung, die jede dem persönlichen Konstitutionstyp entsprechende Nahrung an sich zu Medizin macht. So wird Arura das feinste Instrument der ayurvedischen Lehre, der Schlüssel zum Verständnis der Säftelenkung und die Basis einer stabilen Gesundheit.

Es ist allgemein kaum bekannt, daß die auch die bekannten indischen Gewürze wie Pfeffer, Zimt, Nelken und viele andere, neben ihren rein aromatischen Eigenschaften, die sie für die Geschmacksverfeinerung unserer lichtarmen, wasserreichen Gemüse brauchbar machen, auch pharmakologisch bedeutsame Qualitäten als Mittel gegen alltägliche Beschwerden in sich tragen, wie zum Beispiel Husten, Bauchschmerzen, usw. Tatsächlich gibt es in Indien keine einzige Nahrungspflanze, die nicht auch als Medizin in der Materia Medica erscheint. Auch bestimmte Mineralien und Tierprodukte werden medizinisch genutzt.

Unsere im Westen derzeit gebräuchliche Definition von Medizin unterscheidet sich hier sehr. Bei uns sind Medikamente gewöhnlich komplizierte Synthetika, die vom Laien allein nicht gehandhabt werden können und dürfen. Der Ayurveda arbeitet jedoch nur mit dem Reichtum der Natur und ihrer endlosen Vielfalt. Deswegen kann hier der Begriff "Medizin" auch auf richtig kombinierte Nahrung angewendet werden.