Aus: Buddhismus Heute Nr. 27, ( 1998)

Ein großer Tag mit "vielen Toren"

Einweihung des Stupa in Graz

Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein. Ein weißer Marmor-Stupa mit goldener Spitze. Eine Buddha-Statue und viele Tore. Rauch vom Feuer-Opfer und Bussarde am Himmel.

1300 Menschen aus zwanzig Nationen waren angereist, um am 8. August 1998, dem Vollmondtag im August, die Stupa-Einweihung durch Lopön Tsechu Rinpoche mit Lama Ole Nydahl und seiner Frau Hannah zu feiern. Ein großer Tag für die Karma Kagyü-Buddhisten in Österreich und aller Welt. Lopön Tsechu Rinpoche segnete mit diesem »Stupa von Sarnath« die Übertragung des Buddhismus im Westen, insbesondere den Diamantweg-Buddhismus der Karma Kagyü Linie. Denn der Gomang-Tschörten ist mit seinen »Vielen Toren« (tib. Go mang) der ersten Lehrrede Buddha Shakyamunis - und damit auch seiner ganzen Lehraktivität mit ihren drei Fahrzeugen gewidmet.

Ein großer Tag auch für das Grazer Zentrum. Lama Ole Nydahl hatte, wie er in seinem Buch »Über alle Grenzen« schreibt, 1972 in Graz begonnen, die Lehren Buddhas im Westen weiterzugeben. Zugleich ging mit der Einweihung des Stupa ein seit mehr als einem Jahrzehnt in unseren Herzen getragener Wunsch in Erfüllung.

Alle Vorbereitungen und der Bau des Stupa verliefen klar und ohne Hindernisse. Der in Deutschland lebende Architekt Woitek Kossowski, der schon den Kalachakra-Stupa in Karma Gön (Spanien) geplant hatte, lieferte - nach den genauen Anweisungen Rinpotsches auch für den Grazer Stupa die Pläne. Diese wurden von unserem »Baumeister« Gerhard Kukuvec im Hinblick auf die konkrete Umsetzung weiterbearbeitet. Gerhard hatte auch die praktische Idee, den Stupa in Marmor-Blockbauweise anzufertigen. Eine Idee, die bei österreichischen Buddhisten spontan auf sehr positive Resonanz stieß. Zwar etwas teuerer als ein Beton-Stupa, bestand aber bei allen Verantwortlichen der Wunsch, den Stupa als Symbol für Erleuchtung aller Lebewesen so schön wie möglich zu gestalten. Dank Anna und Ludovico bekamen wir hellen Carrara-Marmor aus den Steinbrüchen um Brescia.

Wie allerdings bei solchen Vorhaben üblich, kam es bei den Beteiligten immer wieder auch zu »Reinigungen« verschiedenster Art, welche sich teilweise über längere Zeiträume hinzogen. Dennoch war die Stimmung in der Gruppe immer gut und alle freuten sich, ihre besten Fähigkeiten bei diesem Vorhaben einbringen zu können.

Nach mehreren Wochen konzentrierten Stupa-Baus und intensiver Kurs-Vorbereitungen kam Lopön Tsechu Rinpoche am 31. Juli mit seinem Begleiter Lama Kalsang, Maggy und seiner Nichte Tsering am Flughafen Talerhof an. Der erste Weg führte Rinpoche in den Grazer Volksgarten, um dem etwa zwei Monate zuvor durch S.H. den Dalai Lama eingeweihten Erleuchtungs-Stupa die Ehre zu erweisen.

Am gleichen Tag kamen auch die ersten Gäste aus aller Welt im Zentrum an und schlugen ihre Zelte auf. Schon am nächsten Morgen begannen die Vorbereitungen für die Füllung des Stupa. Rinpoche begutachtete den bis zum Thron fertiggestellten Bau, die schon gelieferten weiteren Teile und auch die Tausende von Tsatsas und Mantrarollen, die Opferungen wie Halbedelsteine und Duftessenzen.

Die nächsten Tage verliefen ruhig und waren der Meditationspraxis und der stillen Vorbereitung gewidmet. Dharmalehrer aus den österreichischen Zentren und aus Deutschland hielten Vorträge. Das aus 80 Leuten bestehende Organisationsteam konnte sich langsam auf den großen Ansturm von Verwirklichern aus aller Welt einschwingen. Jeder, der helfen wollte, fand seine Aufgaben, die er mit großer Selbstverständlichkeit und Verantwortung ausführte. Auf diese Weise entstand spontan ein Mandala, das für seine entspannte und natürliche Einstellung zurecht mit viel Lob bedacht wurde.

Am Donnerstag schließlich war die Füllung der Schatzkammern abgeschlossen, so daß der aus einem einzigen, vier Tonnen schwere Marmor-Block bestehende runde Bumpa-Teil mit Kran aufgesetzt werden konnte. Als der unglaublich schwere und große Kran im weichen Boden auf einer Seite einsank und Dutzende Frauen und Männer Holzstämme zur Stützung herbeitrugen, fühlte man sich an alte Zeiten erinnert, als solche Bauten in allen großen Kulturen noch ohne besondere technische Hilfsmittel, sondern mit geistiger Einsgerichtetheit und Körperkraft durchgeführt wurden.

Rinpoche wertete es als sehr gutes Zeichen, daß Lama Ole Nydahl mit seinen Begleitern auf ihren Motorrädern in jenem Moment ankam, als der schwere Bumpa-Teil gerade noch fünf Zentimeter über seiner Auflage schwebte. Die mehreren Hundert Anwesenden rezitierten Wünsche an »Schwarzer Mantel« und die Schützer in seinem Gefolge. Nach der Begrüßung Rinpoches sprang Lama Ole auf das Stupa-Gerüst und half bei den letzten Zentimetern, den Bumpa-Teil in der korrekten Weise inzurichten.

Am nächsten Tag wurde der Stupa fertiggestellt. Der mit besonderen Reliquien versehene Lebensbaum wurde als Kernteil und Zentralachse in den Stupa eingefügt. Es war Rinpoches spezieller Wunsch, daß Lama Ole und Woitek dabei mithelfen sollten.

Die um den Stupa Versammelten hielten mehrmals den Atem an, als die Männer in fünf Metern Höhe ohne seitliche Absicherung den mehrere Meter langen Lebensbaum mit seinen Mantrarollen im Edelstahlrohr versenkten. Die Konzentration und die Wünsche der Anwesenden verstärkten sich, als schließlich die 120 Kilogramm schwere vergoldete Stupa-Spitze hinaufgesetzt werden sollte. Die Hydraulik des dafür vorgesehenen Krans hatte eine halbe Stunde zuvor versagt, und so mußten erneut geistige und körperliche Kraft das Werk vollenden. Jaki, der Bauherr des Grazer Zentrums, hatte es sich genau so gewünscht und Rinpoche war voller Sicherheit, daß es gelingen würde. Eine stärkere Windböe, ein falscher Ausweichschritt und etwas Übergewicht in eine Richtung hätten bewirkt, daß alle in die Tiefe gestürzt wären. Aber alles verlief glückverheißend. Jeder machte starke Bodhisattva-Wünsche, den zahllosen der Lebewesen ausdauernd und kraftvoll helfen zu können.

Der Stupa wurde noch am gleichen Tag mit Schirm, Sonne und Mond und dem Tropfen als Symbol für das Klare Licht des Geistes fertiggestellt. Diese Teile waren von Barbara aus Darmstadt handgefertigt und vergoldet worden. Nach ausdauernder Arbeit vieler Freunde erhielt in den frühen Morgenstunden des Einweihungstages - kurz vor Morgendämmerung auch der goldene Buddha seinen Sitz.

Als um etwa neun Uhr vormittags die Buddhisten zum Stupa kamen, hatte Rinpoche schon mehrere Stunden davor meditiert, um sich für die Einweihung des Stupa und die Marpa-Einweihung am Nachmittag vorzubereiten. Er vergegenwärtigte sich dabei in der Form von Dorje Chang, dem Diamanthalter, der Quelle der Mahamudra-Übertragung.

Maxi und Gerhard bedankten sich zu Beginn im Namen des Zentrums für die praktische Hilfe und die Spenden, die von so vielen Freunden aus aller Welt gekommen waren. Zusammen mit der Aktivität Karmapas und unserer Lamas hatten sie es ermöglicht, daß diese Zusammenkunft in Graz stattfinden und Rinpoche den Gomang-Stupa nun einweihen konnte. Die Segensfahnen in fünf Farben wurden von Lama Ole und Piotr an den höchsten Ästen der Bäume befestigt. Schließlich umkreisten alle Anwesenden dreimal den Stupa im Uhrzeigersinn und opferten den Buddhas safranfarbenen Reis. Die Stupa-Einweihung war damit abgeschlossen und alle Beteiligten waren zufrieden und glücklich, daß alles in einer so spannenden und positiven Weise verlaufen war. Am Nachmittag erzählte Rinpoche im Zuge der Einweihung, übersetzt von Hannah und Ole, im Veranstaltungszelt Episoden aus dem Leben Marpas: über Marpas besondere Eigenschaften als Kind und Jugendlicher, seine Ungestümheit und Kraft, über seine Ausdauer, die Lehren Buddhas nach Tibet zu holen, über seinen Mut, dabei entstehende Hindernisse zu überwinden. Über seine Verwirklichung und die besonderen Zeichen bei seinem Tod. Marpa gilt als Urvater der Kagyüs und steht auch für unsere Form des praktizierten Laien-Buddhismus. Mehr als vier Stunden segneten Rinpoche und Lama Ole am Schluß der Einweihung den nicht enden wollenden Strom von Praktizierenden.

In der Nacht stand der Vollmond am Himmel, Sterne glitzerten und Sternschnuppen wurden gesehen. Viele umkreisten noch lange den Stupa, rezitierten Mantras und meditierten. Man befand sich in einem Reinen Land.


Autor: Wolfgang Poier lebt seit 1986 im Buddhistischen Zentrum Graz in Österreich. Er begegnete Lama Ole Nydahl erstmals vor etwa 16 Jahren. In den letzten sechs Jahren besuchte er als Dharma-Lehrer verschiedene europäische und amerikanische Zentren. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Buddhistischen Gemeinde Österreich/Süd, arbeitet als Lehrer für Deutsch und Geschichte am Gymnasium und ist auch im Bereich der Erwachsenenbildung tätig.