Aus: Buddhismus Heute Nr. 26, ( 1998)

Die buddhistische Zuflucht

Von Karola Schneider

Die Suche nach dauerhaftem Glück

Jeder Mensch, sogar alle empfindenden Wesen, wollen Glück erleben. Die meisten suchen ihr Glück in der äußeren Welt, zum Beispiel in Macht und Anerkennung, Karriere, Partnerschaft und Familie oder auch in der Esoterik. Natürlich ist es wünschenswert, einen erfüllenden Beruf, ein glückliches Eheleben und gute äußere Bedingungen zu haben. Da aber alles, was aus Bedingungen zusammensetzt ist, sich auch wieder auflösen wird, ist es nicht klug, seine Zuflucht darin zu suchen. Der folgende Artikel ist die überarbeitete Abschrift eines Vortrages von Karola Schneider, gehalten 1994 anläßlich eines Kurses von Lama Ole Nydahl in San Francisco.

Zuflucht ist in unserem Sprachgebrauch ein selten verwendetes Wort. Wir nehmen aber die ganze Zeit Zuflucht. Im Buddhismus suchen wir nach etwas, worauf wir uns wirklich verlassen können. Auf einer formalen Ebene ist die Zuflucht eine Zeremonie, in welcher der Lehrer eine Verbindung zwischen unserer eigenen Erleuchtungsnatur und der Erleuchtung aller Buddhas schafft. Somit ist die Zuflucht das Tor in die buddhistische Praxis. Weiter ist die Zufluchtnahme eine ständige Praxis, die sich wie ein roter Faden durch unser Leben zieht und die wir auf einer äußeren, inneren, geheimen und absoluten Ebene verstehen können.

Die äußere Zuflucht

Die äußere Ebene der Zuflucht wird von allen Buddhisten in der Welt verwendet. Es ist die Zuflucht zu den "Drei Juwelen", in Sanskrit "Buddha, Dharma und Sangha". Sie werden mit wunscherfüllenden Juwelen verglichen, da all unsere Wünsche nach Glück durch ein echtes Verständnis der Zuflucht erfüllt werden.

Zuflucht zum Buddha zu nehmen bedeutet, daß unser Ziel Erleuchtung ist. Hierfür kann uns Buddhas Lebensbeispiel eine große Inspiration sein. Das Wort für Biographie im Tibetischen ist "Nam thar", was wörtlich "vollkommene Befreiung" heißt. Durch das Lesen der Biographien großer Meister können wir die Entwicklungsstufen des buddhistischen Weges besser verstehen. Was zum Beispiel gab dem jungen Prinzen Gautama die Entschlossenheit, mit der er seinen königlichen Lebensstil aufgab? Er tat es, weil er in der Tiefe seines Herzens Vergänglichkeit verstanden hatte, daß alles Zusammengesetzte wieder zerfallen würde. Aufgrund dieser Erfahrung begann er nach etwas Dauerhaftem zu suchen.

Das Wort Buddha (tib.: Sang-gye) bedeutet, sich von allen Täuschungen befreit zu haben, und daß die in uns liegende Weisheit voll entfaltet ist. Vor seiner Erleuchtung war Buddha ein Mensch wie wir. Genauso wie er sollten wir unser Leben hinterfragen, welche Ziele wir haben und worauf wir uns stützen können. Sonst sind unsere Aktivitäten nicht zielgerichtet. Die beste Einstellung, die wir haben können, ist der Wunsch, alle Wesen von Leid befreien zu wollen und ihnen das größte Glück, das Erkennen der wahren Natur des Geistes, zu ermöglichen.

Zuflucht zum Dharma, den Lehren Buddhas, beinhaltet, anderen nicht zu schaden und die buddhistischen Mittel anzuwenden. Da Menschen sehr verschieden sind, gab Buddha eine Vielzahl unterschiedlichster Unterweisungen. Man kann diese als eine große Apotheke sehen, wo es für jeden ein Heilmittel gibt, aber keine Notwendigkeit besteht, alle Medikamente gleichzeitig einzunehmen.

Das dritte Juwel ist die Sangha, die Gemeinschaft der Praktizierenden. Manchmal wird Sangha als jene Praktizierenden erklärt, die schon Ebenen von Befreiung erlangt haben. Aber unsere Freunde, mit denen wir meditieren oder die Zentren aufbauen, sind ebenfalls sehr wichtig für unsere Entwicklung. Alleine zu praktizieren ist für die meisten schwer, aber Freunde zu haben, mit denen wir uns austauschen können, ist etwas sehr Kostbares. In der Begegnung und in der Zusammenarbeit in den Zentren, mit all den darin enthaltenen Freuden und Auseinandersetzungen, erfahren wir sehr viel über uns und unsere Verhaltensmuster. Die Sangha ist ein Spiegel für unsere verzerrten Wahrnehmungen und so können wir diese leichter loslassen.

Die innere Zuflucht

Die innere Ebene der Zuflucht steht mit dem Diamantweg in Verbindung. Diese Belehrungen gab Buddha im seinem dritten Lehrzyklus an wenige, sehr begabte Schüler. Durch diese wurden die Diamantwegsmethoden später weitergegeben. Nach Tibet kamen diese Lehren einmal im 7. Jahrhundert mit Guru Rinpoche und später noch einmal durch den Übersetzer Marpa. Im Diamantweg nehmen wir außer zu den drei Juwelen auch Zuflucht zu den "Drei Wurzeln", zu Lama, Yidam und Schützer, um durch die Identifikation mit ihnen möglichst schnelle Resultate auf unserem Erleuchtungsweg zu erzielen. Der Lama ist die Wurzel oder Quelle allen Segens, die Yidams sind die Quelle der erleuchteten Qualitäten und die Schützer sind die Quelle für die Buddha-Taten.

Was ist nun mit Segen gemeint? Es ist die Fähigkeit des Lehrers, uns Momente von Einsicht zu ermöglichen. Nicht in dem Sinne, daß der Lehrer uns diese Einsicht schenkt. Durch das Zusammenkommen von unserer Offenheit und seiner schon stabilen Einsicht in die wahre Natur des Geistes erleben wir selber ein Stück der Freude der Erleuchtung. Möglich sind diese Aha-Momente nur, weil wir die Buddha-Natur bereits in uns haben. Deshalb zeigt der Lehrer eigentlich nichts Neues oder etwas außerhalb oder getrennt von uns liegendes. Vielmehr eröffnet der Lehrer durch seine Weisheit neue Erfahrungsräume in uns und zeigt "das, was nicht gesehen werden kann".

Traditionell wird die Erfahrung von Segen so beschrieben, daß Tränen in die Augen treten oder sich die Körperhaare aufstellen. Aber da ist wohl jeder ein bißchen anders. Den eher kritisch Gesinnten sind die "Groupies", also diejenigen mit viel spontaner Offenheit für einen Lehrer, ein Dorn im Auge. Im Diamantweg ist aber Offenheit sehr wichtig, um Segen zu erhalten. Das heißt aber nicht, daß man das selbe Auto oder den selben Haarschnitt wie der Lehrer haben muß. Ungekünstelte Offenheit ist die Fähigkeit des Schülers, die inneren Qualitäten des Lehrers sehen zu können und diese dann in sich selbst zu erkennen.

Damit kommen wir zu den Yidams, den Buddha-Aspekten. Die Fähigkeiten des Lehrers sind in den Yidams verkörpert. "Yi" bedeutet Geist und "dam" bedeutet Band. Durch die Meditation auf die Buddha-Aspekte bekommen wir einen schnellen Zugang zur wahren Natur unseres Geistes.

Oft werden die Yidams auf einer psychologischen Ebene erklärt, als seien sie nur Symbole für in uns liegende Qualitäten wie Mitgefühl, Freude, Weisheit usw. Aber das ist nur ein kleiner Teil dessen, was sie sind. Buddha-Aspekte sind ein Ausdruck unseres Geistes. Sie zeigen die Einheit von der Leerheit und der Klarheit unseres Geistes. Man kann ihnen begegnen und Erklärungen erhalten, wie es in vielen Biographien der Meister beschrieben ist.

Ich habe mich oft gefragt, warum Antworten auf die gleiche Frage unterschiedlich ausfallen. Mit der Zeit habe ich begriffen, daß die Antworten ein spontaner Ausdruck von der Weisheit eines Lehrers sind. Entsprechend der Fähigkeiten des Schülers zeigt sich der Lehrer manchmal streng, manchmal klug, mal freudvoll, mal mitfühlend. Diese Qualitäten drücken sich in den Yidams aus, und im Diamantweg wird deshalb erklärt, daß der Lehrer nicht verschieden ist vom Yidam.

Mit den Schützern verhält es sich ähnlich. Sie sind ein Ausdruck erleuchteter Tatkraft. Durch ihren Segen wird jedes Erlebnis zu einem Entwicklungsschritt für uns. Sie sehen zornvoll aus, sind aber nicht zornig. Die verschiedenen zornvollen Attribute, wie zum Beispiel Haumesser oder Schalen mit Blut, bedeuten das Abschneiden von Negativem und die Überwindung des Ego. Ich denke, es wäre sehr sinnvoll, auf Ausstellungen über buddhistische Kunst solche Erklärungen zu geben, denn sonst denken die Leute, im Buddhismus gehe es um Dämonenverehrung.

Bei der Zuflucht zu den Yidams und zu den Schützern sollten wir nicht vergessen, daß sie nichts anderes sind als der Lama und damit auch nicht verschieden sind von uns selbst.

Die geheime Zuflucht

Damit sind wir auch schon bei der geheimen Ebene von Zuflucht. Es ist keine zusätzliche Zuflucht, sondern das Verständnis, daß der Lama die Essenz der Zuflucht ist. Sein Geist ist Buddha, seine Rede ist Dharma, sein Körper ist Sangha. Er ist die Quelle von Segen, Fähigkeiten und Schutz. Aus diesem Grund ist die Meditation auf den Lama eine so wichtige Praxis, um die Natur des Geistes zu erkennen. Viele Meister erinnern uns in ihren Belehrungen daran. So sagte beispielsweise der 9. Karmapa Wangchuk Dorje: "Um Erkenntnis hervorzubringen, werden viele Methoden erklärt. In der Tradition unserer kostbaren Kagyü-Linie wird jedoch gelehrt, daß sie alle im tiefgründigen Weg der Hingabe zum Lama enthalten sind."

In diesem Zusammenhang wird uns immer wieder der Rat gegeben, den Lama als den Buddha zu sehen. Das ist leichter gesagt als getan. Tatsächlich ist ja unsere Fähigkeit, den Lama als den Buddha zu sehen, proportional zu unserer eigenen Entwicklung.

Da wir im Diamantweg Zuflucht zum Lama nehmen, sollten wir die Qualitäten des Lehrers prüfen. Ob der Lehrer erleuchtet ist, können wir nicht beurteilen. Aber wir können genau hinschauen, ob seine Belehrungen und seine Handlungen übereinstimmen, ob er Mitgefühl hat, ob er seine Schüler selbstständig macht und wirklich viel für andere tut. Wenn wir Vertrauen in den Lama haben, ist die Zufluchtnahme der erste Schritt auf unserem Weg, selbst ein Buddha zu werden.

Die Zuflucht ist eine Zeremonie, bei der wir dem Lehrer sinngemäß folgendes laut nachsprechen: "Von heute an bis zur Erleuchtung nehme ich Zuflucht zum Buddha, dem wahren Wesen meines Geistes. Ich nehme Zuflucht zu all den Lehren, die mich dahin führen und zu den Freunden auf dem Weg. Ich nehme Zuflucht zum Lama, der die Quelle ist für Segen, Mittel und Schutz."

In unserer Linie ist dabei der Lama der Karmapa, das Oberhaupt der Karma-Kagyü-Tradition, der in der Zufluchtszeremonie von den verschiedenen Lehrern unserer Tradition vertreten wird.

Nachdem man das wiederholt hat, sagt der Lama: "Ich verspreche, daß die Zuflucht korrekt gegeben wurde." Er schnipst mit den Fingern und sagt: "Dies ist das Mittel." Darauf antworten wir: "Ich verstehe".

Die Zuflucht ist ein riesiges Geschenk. Das Besondere daran ist, daß wir mit unserer Erleuchtungsnatur in Verbindung kommen.

Am Ende der Zufluchtszeremonie wird eine winzige Haarspitze abgeschnitten. Dies ist ein Symbol dafür, das man ab diesem Tag in Buddhas Fußstapfen tritt. Man bekommt - als Symbol für einen Neubeginn - einen buddhistischen Namen, den man im Alltag aber nicht verwendet.

Die absolute Zuflucht

Die absolute Ebene der Zuflucht ist der Geist. Letztlich ist die Erfahrung von der wahren Natur des Geistes das Einzige, worauf wir vertrauen können. Durch logische Analyse, wie es in der buddhistischen Philosophie gelehrt wird, kann man relativ leicht verstehen, daß kein Phänomen, weder auf innerer noch auf äußerer Ebene, wirklich existent sein kann, nicht einmal unser Geist. Aber durch Logik allein werden wir die Natur des Geistes nicht erfahren können. Ein solides Wissen über Basis, Weg und Ziel des Buddhismus ist zwar sehr wichtig als Grundlage für die Praxis, die Erfahrung von der Natur unseres Geistes jedoch entsteht nur durch ständiges Üben in der Meditation.

Obwohl die wahre Natur des Geistes mit Worten nicht beschrieben werden kann, werden von verwirklichten Meistern dennoch Vergleiche gegeben, um uns eine Idee zu geben, worum es geht. Shabkar, ein großer Meister des 19. Jahrhunderts, beschreibt den Geist folgendermaßen: "Ohne Mitte, ohne Rand, lichthaftes Gewahrsein, das alles umfaßt, diese strahlende Dimension der Weite: natürliche, ursprüngliche Gegenwärtigkeit" (siehe Kasten).

Man kann sich nun fragen, warum so viele Ebenen von Zuflucht erklärt werden und nicht einfach nur die absolute Ebene. Der Grund dafür ist, daß wir es nicht verstehen könnten. Ohne eine feste Basis von Wissen, von Reflektion, eigener Erfahrung und Mengen von guten Eindrücken im Geist, ist die absolute Ebene nicht zugänglich, weil zu viele negative Eindrücke und feste Vorstellungen sie verdecken. Aus diesem Grund lehren die Lamas einen stufenweisen Weg. Praktisch bedeutet das, zuerst die sogenannte Zufluchtsmeditation zu machen und dabei 11.000 Zufluchtsmantras zu wiederholen. Danach kommen vier grundlegende Übungen, wovon man jede 111111 mal wiederholt. Mit dieser täglichen Praxis mit vielen Wiederholungen von Gebeten, Mantras oder Übungen, durchlaufen wir ein stufenweises Training, wobei angelerntes Wissen langsam zur eigenen Erfahrung wird.


Autorin:
Karola Schneider nahm mit siebzehn Jahren die buddhistische Zuflucht. Seit 1990 lehrt sie in vielen buddhistischen Zentren der Karma-Kagyü-Tradition. Sie lebt in der Nähe von Haus Schwarzenberg, einem Zurückziehungs-Zentrum im Allgäu und hat dort eine Praxis für Traditionelle Chinesische Medizin. Heute ist sie 35 Jahre alt.