HOME 0 ARCHIV 0 BUDDHISMUS ABO NACHBESTELLUNG IMPRESSUM KONTAKT
BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 26, ( 1998)

Der Umgang mit Störgefühlen und Konzepten

Von Manfred Seegers

Was uns von der Erfahrung von bleibendem Glück abhält, sind die verschiedenen groben und subtilen Störungen im Geist. Erkennt man diese Ursachen für alle Schwierigkeiten, so kann man sie durch eine entsprechende Praxis vollkommen beseitigen und dadurch ein dauerhaftes Ende allen Leidens erreichen. Solange der Geist seine eigene Natur nicht erkennt, steht er unter dem Einfluß von Illusion. Er haftet an seinen eigenen Projektionen an und glaubt, daß sie eine unabhängige Wirklichkeit besitzen. Er identifiziert sich ständig mit dem Hauptdarsteller in seinem eigenen Film. Lernt er dagegen durch fortschreitende Meditation seine offene, klare Unbegrenztheit kennen, so löst sich diese Anhaftung auf und alle perfekten Qualitäten, die zu seiner Natur gehören, manifestieren sich spontan.

Ursachen für Störungen im Geist
In vielen grundlegenden Belehrungen, zum Beispiel in den Vier Edlen Wahrheiten und den Zwölf Gliedern des Abhängigen Entstehens, erklärt der Buddha im Einzelnen, was die Ursachen für die Störungen im Geist sind und wie es zu einer Geburt im Kreislauf der Existenz kommt. Dabei gibt es eine Kette von Ursache und Wirkung, die sich von den subtilen Aspekten hin zu den gröberen Aspekten entfaltet. Erst wenn man diese Zusammenhänge richtig versteht, ist es möglich, die Ursachen vollständig zu beseitigen und damit auch alle Leiden und Schwierigkeiten, die als Wirkung daraus entstehen.
Aus der grundlegenden Unwissenheit, der Täuschung des Geistes über seine eigene Natur, entstehen falsche Anschauungen, insbesondere die Vorstellung eines Selbst der Person und der äußeren Phänomene, eine grundlegende Dualität. Daraus wiederum entwickeln sich gröbere Störgefühle wie Anhaftung, Abneigung, Stolz, Neid, usw. Unter dem Einfluß der Störgefühle handelt man negativ und karmische Eindrücke werden angesammelt. Diese Eindrücke reifen zu einer bestimmten Zeit heran, manifestieren sich wieder in der äußeren Welt und führen so zu allen Arten von Leiden und Schwierigkeiten. Faßt man es zusammen, so folgen immer diese vier Schritte aufeinander: grundlegende Unwissenheit, Störgefühle, Karma und Leiden.

12 Glieder des Abhängigen Entstehens
Eine genauere Darstellung dieser einzelnen Ursachen und Wirkungen gibt der Buddha in den Belehrungen zu den Zwölf Gliedern der Abhängigen Entstehens. Die grundlegende Unwissenheit bringt frühere Handlungen, karmische Tendenzen und damit eine Ausrichtung des Geistes auf Objekte, das heißt Bewußtsein, hervor, was die Vorstellung einer Dualität, einer Getrenntheit von Subjekt und Objekt, beinhaltet. Das durch verschiedene Geistesfaktoren oder Zustände gefärbte Bewußtsein identifiziert sich mit einer Form. Dies wird ‚Name und Form' genannt und entspricht den fünf Ansammlungen, den Fünf Skandhas, aus denen eine Person besteht. Die vier nicht-materiellen Skandhas Gefühl, Unterscheidung, Geistesfaktoren und Bewußtsein kommen mit dem materiellen Skandha der Form zusammen. Hier findet man unter den Geistesfaktoren als eine der Hauptstörungen auch die falschen Anschauungen, die eine gröbere Form der Unwissenheit sind. Sie werden oft auch als konzeptuelle Schleier bezeichnet. Auf der Grundlage der Identifikation mit einer Form (speziell bei der Empfängnis) tritt das Bewußtsein durch die Sinne in Kontakt mit der Außenwelt (speziell im Verlaufe der Entwicklung eines Embryos). Alle Erfahrungen werden durch Konzepte beurteilt. Daraufhin entsteht Anhaften an den angenehmen Erfahrungen und Ablehnen der unangenehmen Erfahrungen. Man will angenehme Erfahrungen festhalten und dies führt zu Ergreifen. Das Fernhalten von unangenehmen Erfahrungen ist hier inbegriffen. Diese beiden, Anhaften und Ergreifen, sind Störgefühle, die zu entsprechenden Handlungen führen.
‚Werden' bedeutet als nächstes, daß Handlungen getan werden, Karma angesammelt wird, um immer wieder angenehme Erfahrungen zu machen oder die schon gemachten Erfahrungen dauerhaft festzuhalten. Dies wiederum führt zu ‚Geburt', dem zur Existenz Kommen einer Person auf der Grundlage der Fünf Skandhas oder Ansammlungen. Die Vergänglichkeit der Fünf Skandhas bringt dann unausweichlich Alter und Tod mit sich, was eigentlich in jedem einzelnen Moment stattfindet. Damit sind die zwölf Glieder des Abhängigen Entstehens vollständig, die Ursachen für die Wiedergeburt im Existenzkreislauf.

Die Kette durchbrechen
Wünscht man diese ewige Kette zu durchbrechen, so muß man sich zuerst über die einzelnen Ursachen und Wirkungen völlig klar werden und dann von den gröberen zu den subtileren Störungen nach und nach alle Ursachen für Leid im Geist beseitigen. Man beginnt damit, bessere Gewohnheiten zu entwickeln, das heißt nur noch positiv zu handeln. Man entwickelt die Achtsamkeit, anderen in keiner Weise mehr zu schaden, sondern soviel Nutzen zu bringen, wie man kann. Die umfangreichen Belehrungen über Karma, Ursache und Wirkung, sind in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Dann geht man weiter zu den Störgefühlen, die die Wurzeln der negativen Handlungen sind. Durch regelmäßige Meditation erlangt man dabei den nötigen Raum im Geist. Hier gibt es insgesamt drei Ebenen: Die unterste Ebene ist das Vermeiden von Situationen, in denen Störgefühle entstehen können. Die mittlere Ebene besteht in der Verwendung von entsprechenden Gegenmitteln, so wie Freigebigkeit gegen Anhaftung, Geduld und Mitgefühl gegen Zorn, ein Verständnis des Abhängigen Entstehens aller Dinge gegen Unwissenheit, usw. Auf der höchsten Ebene verwendet man schließlich die Störgefühle als Rohmaterial für Erleuchtung, indem man ihre Essenz als Buddha-Weisheit erkennt. Dies erfordert allerdings die Fähigkeit, nicht die geringste Energie mehr in die Störgefühle hineinzugeben. Wenn der Höhepunkt überschritten ist, ohne daß man sich hineinziehen ließ, so zeigt sich die jeweilige Weisheit spontan. Diese höchste Ebene wird hauptsächlich im Diamantweg verwendet.

Bewußtheit entwickeln
Wird die Bewußtheit im Geist stärker, so erkennt man mehr und mehr, daß es immer die eigene Beurteilung der Lage ist, die erst die jeweiligen Störgefühle auslöst. Man hat zwar oft bereits eine starke Tendenz, eine alte Gewohnheit im Geist, auf bestimmte Standard-Situationen immer wieder mit bestimmten Störgefühlen zu reagieren, und wenn dann tatsächlich eine solche Situation eintritt, so ist es sehr schwierig, nicht entsprechend zu reagieren. Aber letztendlich entscheidend ist immer die eigene Beurteilung der Situation.
Zum Beispiel sagt jemand etwas zu uns, das wir leicht als Kritik verstehen können, so folgen wir schnell der alten Gewohnheit und werden ärgerlich. Das Objekt vor uns und die karmische Tendenz in unserem Geist haben unsere Beurteilung der Lage in die Zange genommen. Wissen wir aber, daß wir trotzdem jederzeit die Möglichkeit haben, die Lage anders zu beurteilen, so nutzen wir unseren Freiraum positiv. Wenn die Worte der Person vor uns zum Beispiel wirklich als Kritik gemeint waren, so überprüfen wir schnell, ob die Kritik berechtigt ist oder nicht. Falls sie berechtigt ist, hilft uns die Person sehr, denn wie sollten wir sonst auf etwas aufmerksam werden, was zu verbessern wäre. Wenn sie nicht zutrifft, so können wir froh sein und die Anteilnahme der Person an uns wertschätzen. Wenn das Problem bei der Person liegt, so entwickeln wir Mitgefühl und erkennen, daß es nicht so persönlich war, daß es mit uns nicht viel zu tun hatte. Wir versuchen dann zu helfen so gut wir können. Wir müssen uns allerdings auch nicht alles gefallen lassen, sondern können eine eventuelle Beleidigung zurückweisen, wenn es hilfreich ist.
In jedem Fall sollte man es mit dem Meister Shantideva halten, der gesagt hat: „Entweder kann man etwas ändern, dann braucht man nicht ärgerlich zu werden, denn man kann ja etwas ändern, oder man kann nichts daran ändern, dann braucht man auch nicht ärgerlich zu werden, denn man kann sowieso nichts daran ändern." Also braucht man niemals ärgerlich zu werden. Es besteht jedoch auch die Möglichkeit, daß die Worte der Person uns gegenüber gar nicht als Kritik gemeint waren, sondern vielleicht war es eine etwas ungeschickte Form, gute Gefühle uns gegenüber auszudrücken, oder wir konnten den Witz in den Worten einfach nicht nachvollziehen.

Konzepte - Wurzeln der Störgefühle
Wie auch immer, die eigene Beurteilung der Situation entscheidet immer, wie man darauf reagiert. Die Konzepte im eigenen Geist sind die Wurzeln für die Störgefühle. Wir entscheiden durch unsere Beurteilung selbst, ob wir Glück oder Leiden erleben. Gehen wir positiv mit der jeweiligen Situation um, so ist auch das Resultat immer positiv, wir erleben Glück. Gehen wir negativ mit einer Situation um, so entstehen mehr Schwierigkeiten, wir erleben Leiden. Durch eine größere Bewußtheit erlangt man die Möglichkeit, die alten Gewohnheiten zu ändern und nur noch Ursachen für dauerhaftes Glück zu schaffen.
So nähert man sich immer mehr an die grundlegende Unwissenheit im Geist an, die einen von der Erkenntnis der wahren Natur des Geistes abhält. Diese Unwissenheit hat einen inneren und einen äußeren Aspekt. Der innere Aspekt ist die Illusion von der wahrhaften Existenz eines Selbst der Person, die Ich-Illusion, und der äußere Aspekt ist die Illusion bezüglich der wahrhaften Existenz der äußeren Welt. Man erkennt nicht, daß das Ich und die Anderen, Subjekt und Objekt, innen und außen, etc., immer voneinander abhängig sind. Sie sind leer von unabhängiger Existenz. Wird die Selbstlosigkeit der Person erkannt, so bedeutet dies Befreiung vom Kreislauf der Existenz. Wird die Selbstlosigkeit aller Phänomene erkannt, so ist dies vollkommene Erleuchtung, die Allwissenheit eines Buddhas.
Dies ist das Ziel jeder buddhistischen Praxis. Wird durch die Belehrungen Buddhas klar gezeigt, daß es keinerlei wahrhafte, unabhängige Existenz in den Phänomenen geben kann, so besteht die Gefahr, in das andere Extrem zu fallen, nämlich den Glauben an eine Nichtexistenz. Aber Nichtexistenz ist wiederum nur möglich im Vergleich zu Existenz, sie sind immer abhängig voneinander. Und von der Existenz der Nichtexistenz auszugehen ist schon ein Widerspruch in sich selbst. Damit erkennt man, daß sowohl Existentialismus als auch Nihilismus extreme Anschauungen sind, die die Wirklichkeit niemals erfassen können. Nur der Große Mittlere Weg, die Madhyamaka-Sichtweise, führt über alle extremen Anschauungen hinaus. Sie ist die Grundlage für eine korrekte Meditationspraxis. Erst wenn man alle falschen Auffassungen, alle Konzepte, hinter sich zurückläßt und die Dinge so erlebt, wie sie wirklich sind, wird man Befreiung und Erleuchtung erlangen.

Konzeptfreie Meditation
Daher ist es wichtig, in der Meditation wenigstens für einen kurzen Moment über alle Konzepte hinauszugehen und in einem nicht konzeptuellen Zustand zu verweilen, das heißt einerseits, alle Anhaftung an Konzepte loszulassen, andererseits aber auch nicht gegen sie anzukämpfen. Im Laufe der Zeit lernt man besonders durch die effektiven Methoden des Diamantweges, direkt auf die Natur des Geistes zu meditieren, ohne weiterhin durch Störgefühle und Konzepte abgelenkt zu sein. Die Meditationen der Geistesruhe und der Einsicht in die Natur des Geistes, die auf der Diamantwegs-Ebene in der Form der aufbauenden und vollendenden Phase der Meditation enthalten sind, erfüllen vollständig diesen Zweck. Mit dem Wissen, daß die Natur unseres Geistes die Buddha-Natur ist, die bereits alle Qualitäten der Erleuchtung enthält, ist es möglich, in kurzer Zeit alle Störungen im Geist zu reinigen und die perfekten Buddha-Eigenschaften in uns zu entfalten.


Manfred Seegers Nach Abschluss eines 5-jährigen Studiums authorisierter buddhistischer Lehrer. Studierte und lehrte von 1990 - 2000 am KIBI in Neu-Delhi.
Er hält Vorträge und Seminare im In- und Ausland.