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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 26, ( 1998)

Das "Tigernest" wurde ein Raub der Flammen

Großbrand in Bhutan

Bhutans bekanntestes und heiligstes Kloster, das über 1200 Jahre alte "Tigernest" (Taktsang), wurde am 22. April durch ein Feuer zerstört. Die Mönche eines benachbarten Klosters sahen am Sonntag abend Flammen aus den Holz- und Steinbauten des Tigernestes schlagen. Die Ursache des Feuers ist bisher unbekannt. Man vermutet daß es von den zahlreichen Butterlampen ausging, die ständig in solchen Tempeln brennen.

Der Mönch, der für die Betreuung des abgelegenen Klosters zuständig ist, wird bislang vermißt und wurde möglicherweise von brennenden Balken verschüttet, sagte Kinley Dorje, Redakteur von "Künsel", der einzigen Zeitung Bhutans, der am folgenden Montag am Ort der Zerstörung war.

Das Kloster Taktsang liegt außerhalb von Paro, in der Nähe des einzigen Flughafens von Bhutan, einem Land an der Grenze zu Tibet, das etwa so groß ist wie die Schweiz und ca. 600.000 Einwohner hat. Taktsang liegt auf 3070 Meter Höhe, auf dem linken Ufer des Paro-Flußes und beherrscht von dort einen großen Teil des Tals. Es bestand aus vielen Tempeln, die auf dem Vorsprung eines Felsen gebaut waren, der über 1300 Meter steil abfällt. Die Legende erzählt, daß Guru Rinpoche in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts in seiner zornvollen Emanation als Dorje-Trolo (der "Diamantene Hängebauch") auf dem Rücken einer Tigerin dorthin geflogen sei, um in einer kleinen Höhle zu meditieren und negative Energien zu unterwerfen. Später hat auch Guru Rinpoches tibetische Hauptgefährtin Yeshe Tsogyal hier meditiert.

Über die genaueren Umstände seiner Entstehung ist ansonsten wenig bekannt. Die Tempelanlage, die nun den Flammen zum Opfer fiel, ist erst im 17. Jahrhundert entstanden. Der zentrale Tempel wurde 1692 von dem vierten Desi (König) Tenzin Rabgye erbaut. Wie dies allerdings an den schroff abfallenden Felsen rein technisch bewältigt werden konnte, ist bis heute ein Rätsel. Der Legende nach hat Tenzin, nachdem er zu Guru Rinpoche gebetet habe, sein Haar abgeschnitten und in den Abgrund geworfen. Auf wundersame Weise entsprangen daraufhin Felsen aus dem Haar, die als Untergrund des Tempels dienten. Andere Geschichten erzählen von der Hilfe der Dakinis, die ihre langen Haare opferten, um die Bauwerke im Felsen zu verankern.

Nach Zeugenaussagen stehen noch die weißen Außenwände des Klosters, wie auch die kleineren Tempel, die sich an den Haupttempel anschmiegten. Auch die etwas abgelegenen Meditationshütten aus Holz überstanden den Brand wohl unbeschadet. Unter Kunstkennern war das Kloster berühmt für seine buddhistischen Fresken, Statuen und kostbaren, in Brokat gefaßten, Rollbilder. Wieviel davon zerstört wurde, ist bislang nicht bekannt. Bereits 1950 zerstörte ein Feuer sechs der Heiligtümer, die 1957 wieder repariert wurden.

Auch wenn Taktsang das Herzstück des bhutanesischen Tourismus ist, war es viele Jahre für den Tourismus gesperrt und durfte nur von buddhistischen Pilgern besucht werden. International wird Bhutan derzeit für seine Isolationspolitik kritisiert. Um seine kulturelle Eigenständigkeit vor zu viel westlichem Einfluß und vor Überfremdung durch hinduistische Gastarbeiter aus Nepal zu schützen, hatte die Regierung in den letzten Jahren zu einigen drastischen und unpopulären Maßnahmen gegriffen. Die Bevölkerung ist angewiesen, die traditionelle Kleidung zu tragen, Fernsehen ist verboten, Touristen dürfen nur gegen horrende Preise und auf festgelegten Routen reisen, und man versucht die Zahl der in das Land strömenden Nepalis zu begrenzen. Die Regierung des kleinen buddhistischen Landes, in dem die Drukpa-Kagyü-Schule Staatsreligion ist, fürchtet zu Recht, daß zu viele Fremde, seien es Touristen oder Fremdarbeiter, ihre buddhistische Kultur und damit ihr Land zerstören würden.


Ulla Unger-Göbel lebt und lehrt seit 1986 im Buddhistischen Zentrum München und ist Redakteurin bei der Kagyü Life. Sie ist seit 1981 Schülerin von Lama Ole Nydahl.