Aus: Buddhismus Heute Nr. 26, ( 1998)

Dharmapraxis im modernen Leben

Von Künzig Shamar Rinpoche

Künzig Shamar Rinpoche ist einer der höchsten bewußt wiedergeborenen Meister der Karma-Kagyü-Linie des Tibetischen Buddhismus. Seine Inkarnationslinie stand von jeher in engster Verbindung mit derjenigen der Gyalwa Karmapas, die jeweils das Oberhaupt der Kagyü-Schule sind. Die Wiedergeburten der Karmapas und Shamarpas wechselten sich in Tibet über so lange Zeit als Lehrer und Schüler ab, daß man von den "Zwei Karma-pas - dem Schwarzhut-Karmapa und dem Rothut-Karmapa" sprach. Der Name Shamar bedeutet "roter Hut". Er hängt damit zusammen, daß der 3.Karmapa eine rote Nachbildung seiner eigenen Schwarzen Krone Shamarpa überreichte.

Aufgrund der chinesischen Invasion verließ Shamar Rinpoche als Kind, zusammen mit dem 16. Karmapa, im Jahre 1959 Tibet. Bis 1979 erhielt Künzig Shamarpa im Kloster Rumtek in Sikkim sämtliche Belehrungen und Übertragungen der Kagyü-Linie vom 16. Karmapa. Seitdem reist er viel und lehrt in der ganzen Welt den Dharma. Entsprechend der Wünsche des 16. Karmapa baute er eine buddhistische Universität für Westler auf, das Karmapa International Buddhist Institute in New Delhi, Indien. Es ist vor allem seiner Aktivität zu verdanken, daß 1992 die 17. Inkarnation des Karmapa, Karmapa Thaye Dorje, gefunden und nach Indien geracht werden konnte, wo er jetzt unter der Leitung von Shamar Rinpoche erzogen wird.

In Asien - in China, Tibet und einer Reihe der südostasiatischen Länder - wird Buddhismus vor allem als eine Religion betrachtet. Man sieht Buddha dort als einen Gott und die buddhistischen Lehrer als himmlische Wesen an. Es hängt mit dem kulturellen Hintergrund in diesen Ländern zusammen und entspricht den Bedürfnissen der Menschen dort. Es wird hier sehr viel Wert auf das äußere Erscheinungsbild gelegt.

Zu seiner Zeit lehrte Buddha seinen Schülern einfach den Weg zur Erleuchtung, ohne den ganzen äußeren Rahmen. Als der Dharma später nach Tibet kam, wurde er mit all seinen Aspekten von Hingabe, von Meditation und von Lernen übertragen. Es ergab sich dann, daß für die Öffentlichkeit, für die Laien, der "Weg der Hingabe" der populärste Zugang wurde. Damit jedermann einem Lehrer Vertrauen schenkte, reichte es für ihn völlig aus, öffentlich aufzutreten und wie ein heiliger Mann auszusehen. Die hohen Rinpoches wurden als Gottheiten angesehen; es war für sie nicht nötig, irgend etwas zu erklären, und es gab niemanden, der sie überprüft hätte. Es reichte den Leuten völlig aus, sie zu sehen, ihnen Respekt zu erweisen und einen Segen zu bekommen. Man erwartete, daß ein hoher Lama auf einem hohen Thron saß und ein ganz besonderes Kostüm in leuchtenden Farben trug. Wenn möglich, sollten die Lamas auch einen Hut, mit unterschiedlichen und ungewöhnlichen Formen, tragen. Sie sollten nicht lachen und sich nicht grob benehmen, sondern sich einfach wie Statuen verhalten und dasitzen - damit hatte es sich.

Da die Mehrzahl der Leute es so mochte und sie in dieser Weise in Kontakt mit Buddhismus kamen, funktionierte es jedoch. Die Leute rezitierten ganz natürlich Mantras wie Om Mani Peme Hung, gewannen durch die Rinpoches das Vertrauen, daß es möglich ist zu praktizieren und wurden langsam dazu ermutigt selbst zu praktizieren.

Die Leute, die sich dafür entschieden, dem "Weg der Meditation" zu folgen, verbrachten üblicherweise die meiste Zeit in Meditation in den Bergen und gesellten sich nur wenig zu anderen Menschen. Sie bekamen natürlich Unterweisungen von Meditationslehrern.

Einige wählten den "Weg der Philosophie". Für sie gab es buddhistische Mönchsuniversitäten, wo es möglich war, die buddhistischen Texte von anständig gekleideten Khenpos zulernen. Sie lasen und studierten viel und waren die Bücherwürmer. Die Khenpos, ebenso wie ihre Schüler, redeten auch sehr viel.

Das paßt davon nun am besten für Deutschland und die europäischen Länder? Meiner Erfahrung nach ist es die Meditation. Für eine erfolgreiche Meditation braucht man aber auch etwas philosophischen Hintergrund. Nicht so, wie es in Tibet praktiziert wurde, denke ich, wo es nur noch um Studieren ging, aber doch genug, um die grundlegende buddhistische Sicht zu kennen. Also etwas Studium und vor allem Meditation.

In den chinesischen Gemeinschaften meditieren die Leute ja überhaupt nicht. Ähnlich wie der Durchschnitts-Tibeter denken sie, daß sie Meditation und Philosophie nicht bräuchten. Was bei ihnen zählt, ist das äußere Erscheinungsbild. Die Mönche müssen sehr majestätisch aussehen und so fett sein wie die chinesische Darstellung von Buddha Maitreya. So ist die Kultur eben: Die äußere Erscheinungsweise ist das Wichtigste. Man sollte vorzugsweise auch Vegetarier sein, Freigebigkeit spielt eine große Rolle und die Praxis auf den "Buddha des Grenzenlosen Licht" (tib.: Öpagme) ist sehr populär, um sich auf die Wiedergeburt in Dewachen, seinem Reinem Land, vorzubereiten. Dies alles ist sehr nützlich in der Weise, daß es den Leuten hilft und sie ermutigt, die richtigen Dinge zu tun.

Im Westen und in der jüngeren Generation des Ostens wollen die Leute aber vernünftige Erklärungen und sie brauchen Resultate. Für die Erklärungen ist das Erlernen der Philosophie sehr gut, und um Resultate zu bekommen, ist es gut zu meditieren. Hier brauchen die Lamas keine spezielle Kleidung zu tragen, sondern müssen in der Lage sein, die Philosophie zu erklären und Meditationsanweisungen zu geben. Wir haben besprochen, wie man Programme organisieren kann, wo man das Erlernen der Theorie mit der Meditationspraxis verbinden kann. Ich selbst habe angefangen, Kurse für Mahamudra-Meditation zu geben. (Dies geschah zum ersten Mal in Hongkong, das wir sehr oft besucht haben. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, dort nicht genug gelehrt zu haben und wollte den Kurs dort abschließen bevor die Stadt wieder in die Hände von Rotchina fällt. Aus diesem Grunde hatte ich Hongkong als die erste Stelle für eine vollständige Darlegung des Mahamudraweges gewählt.) Die Erklärungen wurden aufgeschrieben und neulich hörte ich von einem amerikanischen Schüler von Trungpa, der 15 Jahre lang nach ihrem System [das Lehrsystem ich von Trungpa Rinpoches Organisation] Shamatha-Meditation praktiziert hatte, daß er - als er nur ein einziges Kapitel des Skriptes gelesen hatte - sehr überrascht war, wieviele Mittel der Buddha gelehrt hatte. Bis dahin war er immer der Meinung gewesen, Shamatha-Meditation bedeute, sich nur auf den eigenen Atem zu konzentrieren. Er hatte keine Ahnung gehabt, wieviele verschiedene Arten von Unterweisungen der Buddha zu diesem Thema gelehrt hatte. Da es nie gründlich gelehrt worden war, war er nie zuvor auf diese Tatsache gestoßen.

Auch hier in Europa wurden viele Erklärungen bisher noch nicht gegeben und müssen noch erlernt werden. Das soll aber nicht bedeuten, daß die Praxis die ihr bisher geübt habt, nicht in Ordnung wäre. Ihr solltet eben nur wissen, daß es auf dem buddhistischen Weg viel zu lernen und praktizieren gibt. Die meisten Leute hier machen die Grundübungen (tib. Ngöndro), und das ist sehr gut, denn sie bilden eine notwendige Grundlage. In der Form wie wir sie heute kennen, gab es die Grundübungen zu Buddhas Zeit zwar nicht. Sie spielen aber eine wichtige Rolle in der Kagyü- und Nyingma-Praxis.

Alle buddhistischen Meditationen sind in der Meditation der Geistesruhe (tib.: Shine, skr.: Shamatha) und der Meditation des Einsicht (tib.: Lhagtong, skr.: Vipasyana) enthalten.

In der Theravada-Schule wird die Shine-Praxis sehr betont. Sie sagen dort: Da alles auf dem Geist beruht, ist es möglich, durch Beruhigung des Geistes die Störgefühle abnehmen zu lassen. Durch die Betrachtung der fehlerhaften Zustände des Geistes, die ihn an Konzentration hindern, wird es möglich, die störenden Zustände zu vermindern.

Buddha Shakyamuni hatte einen Schüler, der ein König namens Maketa war. Er war vorher sehr wild und gewalttätig gewesen und als er Schüler des Buddha wurde, plagte ihn ständig die Reue über all diese negativen Handlungen. Eines Tages ging er zum Buddha und suchte seinen Rat. "Ich habe so viel Negatives getan. Wie kann ich das reinigen?" Der Buddha antwortete ihm: "Bereue nicht, sondern verstehe, daß negative Handlungen keine wahre Existenz haben. Sie sind illusorisch." Der Buddha erklärte ihm, wie man den eigenen Geist durch die Meditationen von Shine und Lhagtong von negativen Eindrücken reinigen kann. Da negative Handlungen keine wahre Existenz haben, sagte er dem König, er solle sich nicht grämen, sondern sich bemühen, die illusorische Natur der Dinge zu erkennen.

Die Reinigungspraxis der Diamantgeist-Meditation hat einen ähnlichen Effekt. Es ist zwar eine dynamischere Methode, aber das Prinzip ist das gleiche. Wenn negative Handlungen real wären, so wäre es ja etwas lächerlich, wenn man versuchen würde, sie durch "auswaschen" zu reinigen. Da sie jedoch keinerlei unabhängige wahre Existenz haben, kann man die dynamische Methode der Diamantgeist-Praxis benutzen und es ist tatsächlich möglich, sie mittels Wasser zu reinigen.

Worum es geht ist, die illusorische Natur der Dinge zu erkennen, denn wenn man diese einmal erkannt hat, ist man nicht mehr von ihnen gebunden. Wenn man zum Beispiel betrunken ist, benimmt man sich vielleicht in einer komischen Weise und redet Unsinn, aber sobald man nicht mehr berauscht ist, ist alles wieder anders. Warum? Weil die Täuschung des Rausches vorbei ist. Sie hatte keine Realität.

Oder: Es ist wie bei einem Alptraum, wo man von Räubern oder der Polizei gefangengenommen und gefoltert wird. Während des Traumes leidet man, aber im Moment des Erwachens ist das Leiden vorbei, weil es nicht wirklich geschah. In ähnlicher Weise existieren unsere Probleme und Leiden nicht wirklich, und man muß dies erkennen, um sie zu überwinden. Aus diesem Grunde müssen wir Shine und Lhagtong entwickeln. All die Methoden von Shine und Lhagtong wurden zu diesem Zweck gegeben.

Die Methoden des Ngöndro - der "Grundübungen" - haben den gleichen Effekt. Für Anfänger ist es leichter, sich verschiedene Dinge vorzustellen, weil man nicht direkt in einen Zustand von Konzentration eintreten kann. Aus diesem Grund ist die Verwendung dieser zum Diamantweg gehörenden geschickten und effektiven Mittel so weit verbreitet und sie werden besonders in der Kagyü- und Nyingma-Tradition empfohlen.

Die Tantra-Methoden haben ihre Grundlage in den hinduistischen Methoden der Zeit Buddhas. Sie wurden verändert und es wurde ihnen eine andere Bedeutung gegeben.

Die Hindus sind sehr von Wundern und Mysterien angetan, und sie mögen es, mit Mandalas und Gottheiten zu arbeiten. Sie haben ein System, in dem a) die Gottheit die Nummer eins ist, wie zum Beispiel der Gott Brahma, b) die Person, die Kontakt zu der Gottheit hat, ist die Nummer zwei, und dann gibt es noch c) all die anderen Leute, die dritte Klasse. Brahma erschuf die Brahmanen ebenso wie die Unterklasse-Menschen. Es gibt eine Vielfalt an Gottheiten und Mandalas. Vishnu zum Beispiel beschützt jeden und Shiva vernichtet alle Unreinen.

Dieses System entwickelte sich zu einem Machtinstrument, das die ganze Gesellschaft in ziemlicher schlechter Weise veränderte, indem das Kastensystem eingeführt wurde. Viele hinduistische (und auch buddhistische) Gelehrte mißbrauchten dieses System, um Kontrolle über die Menschen zu gewinnen. Es gab hinduistische Politiker, die neue Tantras erfanden, um ein Kontrollinstrument über die Menschen zu haben. Sie präsentierten die Gottheit im Rahmen eines Tantra-Textes mit vielen Samayas (tantrischen Gelübden) und beherrschten die Leute dann mit Hilfe dieser Samayas.

Es ist schade, daß so etwas geschah, aber so ist die menschliche Natur, nicht wahr? Ich gebe Euch ein Beispiel, wie es geschah: Eine Lehrerin ist zum Beispiel sehr mächtig, weil sie eine Gottheit benutzt, die ein Tantra mit vielen Samayas hat. Ihre Anhänger müssen die Samayas befolgen und so kann sie ihr Schüler durch die Samayas gut kontrollieren. Wenn ich ein anderer gerissener Gelehrter wäre, der vorhätte, diese mächtige Lehrerin zu Fall zu bringen oder es ihr gleich zu tun, so müßte ich, um meine Macht aufzubauen, ein noch kraftvolleres Tantra erfinden. Wenn die Gottheit der anderen Lehrerin rosa wäre, würde ich eine weiße Erscheinung wählen. Ihre Gottheit hat acht Arme - meine bekommt 16 Arme! Ihr Tantra hat 100 Seiten - meines hat 200 Seiten! Sie hat 14 Samayas - ich habe 40 Samayas! In dieser ansteckenden Weise entwickelte sich der Niedergang der Tantras. Heutzutage wird auf diesem Gebiet viel geforscht. Die modernen hinduistischen Politiker stecken ihre Nasen da rein und üben offen Kritik, damit sich die schlechte Geschichte nicht wiederholt. Da in Indien Redefreiheit herrscht, können sie über das alles reden.

Was ich ausdrücken möchte, ist daß ein System ungesund ist, wenn es oben einen Gott gibt und Ihr, die Menschen, da unten seid. Es kann mißbraucht und als Manipulationsinstrument verwendet werden. Sowohl Hindus als auch Buddhisten haben Tantras mit tiefgründiger Bedeutung und feinen Methoden, aber einige wurden von bestimmten politischen Gelehrten in früheren Zeiten verdorben. Aus diesem Grunde warnten Atisha und Dipankara (zwei großartige indische buddhistische Meister), daß es für Gelehrte schwierig sei, die nicht-authentischen von den authentischen Tantras zu unterscheiden, denn sie wurden in sehr raffinierter Weise geschrieben. Tantra war also eine sehr heikle Praxis.

In Tibet waren die frühen Gelehrten sehr vorsichtig, wenn sie den Buddhismus präsentierten. Um Mißbrauch zu vermeiden, lehrten sie die Praxis als eine Kombination aus Sutra und Tantra. Der Sutra-Aspekt (die Sicht der Leerheit) verhindert einen Mißbrauch, so daß die tiefgründigen Methoden des Tantra rein gehalten werden können.

Wird Tantra in richtiger Weise praktiziert, reinigt es das falsche Konzept des Glaubens an die Realität von einem selbst als einer wirklich existierenden Person. Indem man sich selbst in der Entstehungsphase, dem Kyerim, als einen reinen Buddha-Aspekt vorstellt, transformiert man die fünf unreinen Skandhas. Dies geschieht aber nur, wenn man nicht an die Gottheit als einen soliden Körper aus Fleisch und Blut denkt, sondern versteht, daß es keine wirkliche substantiell existierende Form ist. Sonst gehen unsere Gewohnheitsmuster weiter wie zuvor.

In der Vollendungsphase, dem Dsogrim, wird die Form der vergegenwärtigten Gottheit in Leerheit aufgelöst. Dies ist ein anderer geschickter Weg um zu einem Verständnis der leeren Natur aller Dinge zu kommen.

Frage: Braucht man täglich einen Lehrer, wenn man Shine praktiziert?
Shamar Rinpoche: Wenn Du zuerst all die Gegenmittel gründlich in der Theorie erlernst, brauchst Du keine tägliche Anleitung. Dann ist es in Ordnung, den Lehrer nur ab und zu zu treffen. Deswegen ist es nützlich, zuerst die Theorie zu lernen.

Frage: Wie ist der Zusammenhang von dem was über Brahma, die Brahmanen, Samayas und Kontrolle gesagt wurde, zu Ermächtigungen und den darin enthaltenen Samayas?
Shamar Rinpoche: Ich kann nicht für dich erleuchtet werden, das muß du selbst tun. Der Lehrer kann den Schüler nicht "erleuchtet machen". Er zeigt die Richtung, aber erleuchtet werden mußt du selbst. Um Erleuchtung zu erreichen, mußt du die Gegenmittel anwenden und den gezeigten Richtungen folgen - ohne Fehler zu machen; du solltest die Methoden, mit denen du arbeitest, nicht verderben.

Die eigentliche Bedeutung von Samaya ist "nicht die Dinge tun, die deinen Weg zur Erleuchtung verderben". Wenn ich zum Beispiel krank bin, muß ich damit aufhören, Sachen zu essen, die den Effekt der Heilbehandlung stören oder mich noch kränker machen würden. Eine gesunde Diät einzuhalten, wäre hier das "Samaya".

Mißbrauch von Samaya ist dann der Fall, wenn es verwendet wird, um Leute zu kontrollieren. Zum Beispiel, wenn Leuten gesagt wird, daß sie dieses oder jenes tun müßten, um die Gottheit zu erfreuen, oder daß sie etwas Bestimmtes tun müßten, weil die Gottheit sonst verärgert wäre. Wenn ihr eine Ermächtigung erhaltet, beinhaltet das eine Meditationspraxis. Das Samaya ist dann, all die Fehler nicht zu begehen, die eure Meditationspraxis behindern würden. Im Diamantweg werden zum Beispiel die fünf Geistesgifte nicht als Gifte im gebräuchlichen Sinn gesehen. Man versucht zu verstehen, daß sie - wie ich vorher schon im Zusammenhang mit negativem Karma erwähnt habe - keine wahre Existenz haben. Wenn ihr erkennt, daß das negative Karma nicht wirklich existiert, braucht ihr es nicht mehr loszuwerden. Ihr versucht nicht mehr, mit dem Karma zu kämpfen. Wenn ihr versucht, die Natur der fünf Geistesgifte zu erkennen, dann sind sie gar keine eigentlichen Gifte. Ein bestimmtes Samaya im Diamantweg ist, daß man - wenn man praktiziert und Ermächtigungen erhält - die fünf Geistesgifte nicht als Gifte behandelt, sondern als Weisheit.

Das bedeutet nicht, daß ihr Zorn entwickeln müßt, sondern daß ihr die Sicht entwickeln sollt, die Weisheitsnatur des Zorns zu sehen. Ihr solltet ihn nicht als schlechten Geisteszustand behandeln, sondern ihn statt dessen nutzen, um mehr Gutes daraus zu ziehen. Dies ist ein Diamantwegs-Samaya.

Vielleicht bezog sich die Frage auch darauf, daß man in Zusammenhang mit einer Ermächtigung das Versprechen geben kann, die Praxis der Gottheit, in die man initiiert wurde, regelmäßig zu machen: Der Lehrer sagt: "Jetzt habe ich euch diese Ermächtigung gegeben und ihr müßt die Praxis machen, also wiederholt jetzt: 'Ich werde alles tun, was der Guru sagt'." Dies ist aber nicht das Hauptsamaya, sondern die Weise wie Samaya in Kürze dargestellt wurde. Genauer beschrieben besteht Samaya aber aus 14 Haupt-Samayas, 8 Neben-Samayas, 40 Unter-Samayas und so weiter.

Ein Ermächtigungstext ist für ein oder zwei Leute gedacht und wird heute für Ermächtigungen verwendet, wo hunderte von Leuten teilnehmen. So entwickelte sich das System in Tibet, und es ist sehr unhandlich: Der Text wurde erstellt für einige Leute und wird jetzt für viele Menschen verwendet.


Aus dem Tibetischen ins Englische von Hannah Nydahl, ins Deutsche von Detlev Göbel