Aus: Buddhismus Heute Nr. 25, ( 1998)

Buddhas Fahrzeug aus der Perspektive des Diamantwegs

Von Manfred Seegers

Eine Übersicht über die buddhistischen Fahrzeuge

Obwohl Buddha Shakyamuni die meiste Zeit seines Lebens zu Fuß gegangen ist und nur selten auf einem Ochsenkarren größere Strecken bewältigt hat, stellte er doch durch seine Lehre ein Fahrzeug zur Verfügung, mit dem man entweder langsam oder schneller oder in unglaublicher Geschwindigkeit riesige Strecken geistiger Entwicklung zurücklegen kann. Ein Fahrzeug ist ein Transportmittel, ein Werkzeug zur schnelleren Beförderung, eine Methode die einen zu einem bestimmten Ziel bringt. Es gibt immer einen Startpunkt, einen Weg, auf dem man fährt und ein Ziel, ein Resultat. Auch im Buddhismus ist ein Fahrzeug ein Mittel, das einen zum Ziel führt, nämlich zu einem Zustand frei von Leiden, zu einem Zustand umfassender Freude und höchster Weisheit.

Der Buddha selbst teilte den Weg zur Befreiung und Erleuchtung niemals in verschiedene Fahrzeuge ein. Letztendlich gibt es nur das eine Fahrzeug der Lehre des Buddha. Aber da er die vielfältigen Methoden immer entsprechend den Fähigkeiten seiner Schüler lehrte, bildeten sich aus diesen Methoden unterschiedliche Fahrzeuge geistiger Entwicklung. Diese stehen nicht im Gegensatz zueinander, sondern bauen aufeinander auf. Hört man die Namen der verschiedenen Fahrzeuge zum ersten Mal, so kann dies sehr verwirrend sein, wenn sie nicht richtig zugeordnet werden. Diese Verwirrung kann soweit führen, daß Schüler einen völlig unangemessenen Stolz entwickeln, weil sie glauben, ein bestimmtes Fahrzeug zu praktizieren, oder daß Lehrer dafür kritisiert werden, daß sie eine bestimmte Perspektive für ihre Darstellung wählen, z.B. daß sie einige Aspekte der Fahrzeuge stärker betonen als andere.

Da die praktische Erfahrung auf dem Weg immer das Wichtigste ist, gibt es Einteilungen in zwei oder drei Fahrzeuge, die sich in erster Linie auf die Meditationspraxis beziehen. Spricht man in diesem Zusammenhang von zwei Fahrzeugen, so handelt es sich um das Sutra- und das Tantra-Fahrzeug, auch Ursache- und Frucht-Fahrzeug genannt. Spricht man hier von drei Fahrzeugen so bezieht sich dies auf das Kleine Fahrzeug (Hinayana) das Große Fahrzeug (Mahayana) und das Diamant-Fahrzeug (Vajrayana) oder auch das Geheime Mantra-Fahrzeug (Mantrayana). Diese Einteilung in Hinayana, Mahayana und Vajrayana nimmt also hauptsächlich die großen Unterschiede in der Meditationspraxis als Grundlage. Dies ist leichter zu verstehen, wenn man sich den Zusammenhang mit allen Aspekten klarmacht, die ein Fahrzeug ausmachen.

Beim Fahren braucht man immer eine freie Sicht, ein angemessenes Verhalten und eine gute Konzentration, um auch wirklich am Ziel anzukommen. Daher gehören beim Zurücklegen eines Weges geistiger Entwicklung mit einem buddhistischen Fahrzeug auch immer Sichtweise, Verhalten, Meditationspraxis und Frucht zusammen. Geht man auf der Basis der Drei Körbe, Abhidharma, Vinaya und Sutra, durch die drei Arten des Trainings von Weisheit, Disziplin und Meditation, so wird man die Frucht, nämlich Befreiung und Erleuchtung sicher erreichen. Legt man, nachdem man die Wahrheiten vom Leiden und seiner Ursache tief verstanden hat, den Weg zurück, der zum Ende des Leidens führt, so wird man als Frucht den Zustand bleibenden, höchsten Glücks erlangen.

Nimmt man diese vier Merkmale eines Fahrzeugs, Sichtweise, Verhalten, Meditationspraxis und Frucht, als Grundlage, so gibt es die Einteilung in zwei, drei oder neun Fahrzeuge. Insbesondere die Einteilung in drei Fahrzeuge ist die klassische Form, aus der alle anderen hervorgegangen sind. Die Drei Fahrzeuge sind folgende: das Shravaka-, das Pratyekabuddha- und das Bodhisattva-Fahrzeug. Bei den neun Fahrzeugen kommen zu diesen dreien noch die vier Tantra-Klassen hinzu, Kriya-Tantra, Carya- oder Upa-Tantra, Yoga-Tantra, sowie Anuttarayoga-Tantra, welches weiter in Vater-, Mutter- und Nonduales Tantra unterteilt wird. Die neun Fahrzeuge werden hauptsächlich in der Nyingma-Tradition des tibetischen Buddhismus gelehrt. Hier nennt man die drei höchsten Tantra-Klassen Mahayoga-Tantra, Anuyoga-Tantra und Atiyoga-Tantra.

Die ersten beiden, die Fahrzeuge der Shravakas (Hörer) und Pratyekabuddhas (Einzelver-wirklicher), kann man auch unter dem Oberbegriff Kleines Fahrzeug (Hinayana) oder das Fahrzeug der Älteren in der Gemeinschaft (Theravada) zusammenfassen. Das Bodhisattva-Fahrzeug (Fahrzeug der 'Helden des Erleuchtungsgeistes') ist identisch mit dem Großen Fahrzeug (Mahayana). Daraus ergibt sich die Darstellung der Zwei Fahrzeuge als Kleines Fahrzeug und Großes Fahrzeug, Hinayana und Mahayana. Diese sehr gebräuchliche Einteilung ist also nur eine Zusammenfassung der klassischen Drei Fahrzeuge. Sie wird hauptsächlich verwendet, um den südlichen Buddhismus, den Theravada, vom nördlichen Buddhismus, dem Mahayana, zu unterscheiden. Aus dieser geographischen Zuordnung lassen sich die einzelnen buddhistischen Traditionen leichter ableiten.

Die vier besonderen Merkmale der Drei Fahrzeuge

Die Sichtweise ist die philosophische Grundlage für die Meditationspraxis, die jeweils in einer oder in mehreren der Vier Philosophischen Schulen gelehrt wird. Im Shravaka-, und Pratyekabuddha-Fahrzeug sind das die ersten beiden Schulen, die der Vaibhashikas und der Sautrantikas. Im Bodhisattva-Fahrzeug bezieht sich die Sichtweise entweder auf die Nur-Geist-Schule (Cittamatra) oder die Schule des Großen Mittleren Weges (Madhyamaka). Die Sichtweisen dieser philosophischen Schulen wurden von den Schülern des Buddha entwickelt, nachdem diese seine Lehren sorgfältig analysiert hatten und dadurch zu einem weitgehenden Verständnis gekommen waren. Die vier Schulen wurden aber auch vom Buddha selbst in verschiedenen Tantras erwähnt.

Das Verhalten drückt sich durch die Handlungen auf äußerer, innerer und geheimer Ebene aus. Diese beruhen auf den entsprechenden Gelübden, den Gelübden zur individuellen Befreiung (Pratimoksha), den Bodhisattva-Gelübden und den tantrischen Gelübden. In den Fahrzeugen der Shravakas und Pratyekabuddhas geht es in erster Linie darum, negative Handlungen zu vermeiden und positive zu praktizieren. Im Bodhisattva-Fahrzeug ist der wichtigste Punkt, anderen soviel zu nutzen wie möglich. Auf der tantrischen Ebene ist das Einhalten der mit den verschiedenen Übertragungen verbundenen Verpflichtungen auf der Grundlage einer reinen Sichtweise der zentrale Punkt.

Die Meditationspraxis ist in jedem der Drei Fahrzeuge unterschiedlich. Im Fahrzeug der Shravakas besteht die Hauptpraxis aus der Kontemplation über die Vier Edlen Wahrheiten, bei den Pratyekabuddhas über die Zwölf Glieder des Abhängigen Entstehens. In beiden Fahrzeugen wird auch über Geistesruhe und Einsicht in die Natur des Geistes meditiert. Im Fahrzeug der Bodhisattvas ist es entweder die Sutra- oder die Tantra-Praxis. Das Sutra-Fahrzeug wird auch Ursache-Fahrzeug genannt, weil hier die Ursachen für die Befreiung und Erleuchtung geschaffen werden. In manchen Darstellungsweisen werden hier auch die Fahrzeuge der Shravakas und Pratyekabuddhas mit einbezogen. Die Meditationspraxis basiert auf einer genauen Untersuchung der Dinge, durch die die Leerheit oder Selbstlosigkeit aller Erscheinungen verwirklicht wird. Das Tantra-Fahrzeug wird auch das Frucht-Fahrzeug genannt, da man sich hier mit der Frucht, der perfekten Buddhaschaft, identifiziert. Dies beinhaltet besonders die kraftvollen Meditations-Methoden des Diamantwegs.

Das Resultat, das man durch die Praxis der Shravakas und Pratyekabuddhas erlangt, ist Befreiung vom Leiden des Kreislaufs der Existenz, der Zustand eines Arhats, wobei ein Pratyekabuddha-Arhat eine etwas höhere Realisation erlangt, als ein Shravaka-Arhat. Das Resultat im Bodhisattva-Fahrzeug ist perfekte Buddhaschaft. Ein Arhat hat die Selbstlosigkeit oder Ichlosigkeit der Person verwirklicht, ein perfekter Buddha hat darüber hinaus auch die Selbstlosigkeit der Phänomene verwirklicht. Aus der Vollendung der beiden Ansammlungen von Verdienst und Weisheit heraus manifestieren sich die drei Körper eines Buddhas. Die Vollendung der Weisheit führt zur Verwirklichung des Wahrheitskörpers (Dharmakaya) zum eigenen Nutzen und die Vollendung des Verdienstes führt zur Verwirklichung der beiden Formkörper zum Nutzen der Wesen, des Freudenkörpers (Sambhogakaya) und des Ausstrahlungskörpers (Nirmanakayas).

Diese vier Merkmale der Drei Fahrzeuge zeigen weiterhin, daß auf der Grundlage des richtigen Verhaltens die Meditationspraxis immer im Zusammenhang mit einer korrekten Sichtweise stehen muß (siehe auch Kagyü Life Nr. 21, '96 "Sichtweise und Meditation"). Um eine authentische Verwirklichung zu erlangen, muß man immer diese beiden Aspekte miteinander vereinen. Wenn man ein Ziel erreichen will, braucht man ja die Augen, die den Weg und das Ziel sehen und die Beine, die einen dorthin bringen. Nur mit beiden zusammen wird man es schaffen. So hat zum Beispiel jede buddhistische Philosophie nur den einen Zweck, die grundlegende Unwissenheit im Geist zu überwinden und eine direkte Erfahrung von der Natur des eigenen Geistes, jenseits von allen Konzepten, zu ermöglichen.

Unterscheidet man nun aus der Perspektive der praktischen Erfahrung innerhalb des Bodhisattva-Fahrzeugs noch einmal in das Mahayana und das Vajrayana, Sutra und Tantra, so ist der Grund für diese Einteilung einerseits eine Betonung der Meditationspraxis, denn man hebt damit das Tantra-Fahrzeug oder das Vajrayana, den Diamantweg, als das Fahrzeug der besonders schnellen Meditations-Methoden hervor, andererseits stehen die sich aus dieser Einteilung ergebenden Fahrzeuge, Kleines Fahrzeug, Großes Fahrzeug und Diamant-Fahrzeug mit dem dreifachen Drehen des Dharmarades in Beziehung (siehe auch "Die Weltreligion Buddhismus" in Kagyü Life Nr. 22, April '97). Das Kleine Fahrzeug baut auf dem ersten Drehen des Dharmarades auf, das Große Fahrzeug hat seinen Schwerpunkt auf dem zweiten Drehen, bezieht aber auch das dritte Drehen mit ein, der Diamantweg baut hauptsächlich auf dem dritten Drehen des Dharmarades auf, bezieht aber auch das zweite Drehen mit ein.

Beim zweiten und dritten Drehen geht es um die Natur des Geistes. Hierbei kann man keine Bewertung in besser oder schlechter abgeben, denn es werden bei dieser Beschreibung der absoluten Ebene nur unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt. Letztendlich geht die Natur des Geistes über alle Beschreibungen hinaus. Das zweite Drehen betont die Leerheit stärker, die Raum-Natur des Geistes, das dritte Drehen betont die Klarheit stärker, die Erscheinungen im Geist. Die richtige Sichtweise wird jedoch vom Buddha in vielen Texten als die Untrennbarkeit von Erscheinung und Leerheit beschrieben. Diese Sichtweise führt über die Extreme von Existentialismus und Nihilismus hinaus. Es ist der Große Mittlere Weg jenseits der Extreme.

Die Betonung der Klarheit des Geistes auf der Grundlage des dritten Drehens mit den Belehrungen über die Buddhanatur wird hauptsächlich von den älteren Schulen des tibetischen Buddhismus gelehrt, die stärker Praxis-orientiert sind. Diese Belehrungen über die allen Wesen innewohnende Buddhanatur, die schon mit allen perfekten Qualitäten der Erleuchtung ausgestattet ist, wird aus der Perspektive der direkten Erfahrung als höchste, als letztendliche Ebene der Lehre des Buddha betrachtet, als Hintergrund für die kraftvollen Methoden des Diamantweges.

Die leichteste Weise, jemand anderem die Fahrzeuge im Buddhismus zu erklären, besteht darin, mit der Einteilung in den südlichen und den nördlichen Buddhismus (Theravada und Mahayana) zu beginnen, dann den südlichen Buddhismus weiter in die Fahrzeuge der Shravakas und Pratyekabuddhas, sowie den nördlichen Buddhismus in das allgemeine Mahayana und das Vajrayana oder Sutra und Tantra, aufzuteilen, wobei man im Geist halten sollte, daß sich die letztere Unterteilung hauptsächlich auf die Meditationspraxis bezieht.

Diese Darstellung der buddhistischen Fahrzeuge ist nur eine kurz gefaßte Überschau, um die Zuordnung zu erleichtern und verschiedene Perspektiven zu begründen. Da das Diamant-Fahrzeug die vollständigste Übertragung der Lehre des Buddha beinhaltet, sind alle anderen Fahrzeuge darin enthalten. Hier ist es möglich, sich mit unglaublicher Geschwindigkeit weiter zu entwickeln und innerhalb kurzer Zeit eine Realisation der Natur des eigenen Geistes zum Nutzen der Wesen zu erlangen. Wenn man keine Angst vor hoher Geschwindigkeit hat, so sollte man sich diese Freude am schnellen Fahren in Buddhas Fahrzeug nicht entgehen lassen.

Quellen / Literatur:

  1. Die Vier Philosophischen Schulen aus dem Schatz des Wissens von Jamgon Kongtrul Lodrö Thaye, KIBI, New Delhi, 1991
  2. Wie die Dinge sind von Lama Ole Nydahl, Joy Verlag, Sulzberg 1994
  3. Die drei Yanas von Künzig Shamar Rinpoche, Joy Verlag, Sulzberg 1981
  4. Sutra und Tantra - Die Wege des Buddhismus von Tenga Rinp., Marpa Verlag, Wien 1989
  5. Buddhistische Grundbegriffe von Manfred Seegers, Joy Verlag, Sulzberg 1993

MANFRED SEEGERS
Nach Abschluss eines 5-jährigen Studiums authorisierter buddhistischer Lehrer. Studierte und lehrte von 1990 - 2000 am KIBI in Neu-Delhi.
Er hält Vorträge und Seminare im In- und Ausland.