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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 25, ( 1998)

Richtiges Erkennen

Von Topga Yulgyal Rinpoche

Die Unterscheidung zwischen Täuschung und Wahrheit

Durch die besondere Darlegung von Grundlage, Weg und Ziel ermöglicht der Buddhismus jedem die volle Entfaltung der eigenen Kräfte und Qualitäten. Die Grundlage ist die jedem Wesen innewohnende Buddhanatur, die natürliche Furchtlosigkeit, Freude und Liebe des Geistes. Der Weg ist das richtige Verständnis der eigenen Situation und die Anwendung der Mittel, diese zu verbessern. Das Ziel ist Erleuchtung: Das Freisein von vorübergehenden Schleiern und die Verwirklichung der Buddhaweisheiten.
Für einen Praktizierenden, der das höchste Ziel jenseits aller Ideen und Einschränkungen erreichen möchte, ist es notwendig, diese drei Stufen in richtiger Weise zu verstehen. Um Fehler und Umwege auf dem Weg zu vermeiden und in ungetäuschter Weise zu erkennen was ist, wurde die buddhistische Lehre vom richtigen Erkennen (tib.: Tsema) entwickelt.
Topga Rinpoche gab im Karmapa International Buddhist Institute während mehrerer Jahre Belehrungen zu diesem Thema. Dies ist ein Auszug aus seinen Erklärungen vom Januar 1995.

Frage: Was ist getäuschte und was ist ungetäuschte Wahrnehmung?

Getäuschte Wahrnehmung ist fehlerhaft hinsichtlich des wahrgenommenen Objektes. Das Objekt wird falsch wahrgenommen. Das bedeutet man hält etwas, was nicht existiert, für existent. Der ungetäuschte Geist ist das Gegenteil davon. Er ist fehlerlos hinsichtlich seines Objektes. Der tibetische Begriff fehlerhaft (norwa) steht immer in Bezug zu dem, was übereinstimmend in der Welt vertreten wird. Es ist das, was in demokratischer Weise für wahr erklärt wird. Wenn die meisten Leute etwas für richtig halten, dann ist es auch so. Zum Beispiel dieser Tisch: Jeder wird zustimmen, daß er aus Holz besteht, und deswegen ist es richtig ihn als Holztisch zu bezeichnen. Ihn anders zu nennen, wäre falsch, weil es die Übereinkunft gibt, das Material Holz zu nennen.
Dies war die allgemeine Erklärung von fehlerhaft. Im Zusammenhang mit philosophischer Spekulation jedoch, wenn man sich mit Sichtweisen beschäftigt, hat man natürlich eine genaue Definition für wahr und falsch. In diesem Fall hängt es nicht davon ab, wieviele Leute das eine denken und wieviele Leute etwas anderes. Ein Beispiel für etwa Wahres und etwas Falsches im Rahmen philosophischer Schulen findet man in der Lehrmeinung der Samkyas 1. Diese beinhaltet, daß Klang etwas Ewiges sei. Dahingegen sagen die buddhistischen Traditionen, Klang sei vergänglich. In diesem Beispiel hängt die Unterscheidung zwischen wahr und falsch also von der jeweiligen Sichtweise ab. Ein Anhänger der Samkyas würde ein Bewußtsein, welches Klang als vergänglich wahrnimmt, falsch nennen.
Im Buddhismus ist das Kriterium, um etwas als wahr zu bezeichnen, die Fähigkeit eine Funktion zu erfüllen. Wenn etwas eine Funktion erfüllt ist es wahr, etwas Reales. Ohne diese Definition könnte man nicht unterscheiden, was wahr ist und was nicht. Die wahren Dinge einer Tradition bekämen die falschen einer anderen Tradition und umgekehrt. Nur mit der Definition, daß etwas wahres eine Funktion erfüllen muß, kann man mehr oder weniger unabhängig von dem, was man selbst denkt, festlegen, ob etwas richtig ist oder nicht.
Zum Beispiel Feuer: Es erfüllt die Funktion heiß zu sein. Ohne diese Funktion könnte man nicht festlegen, ob das, was man als Feuer erlebt, falsch oder wahr ist. Man hätte nichts auf das man falsch oder wahr beziehen könnte. Ein weiteres Beispiel ist die Meinung einiger Religionen, die Welt wäre von einem Schöpfergott, den man nicht erfassen kann, erschaffen worden. Menschen seien nicht in der Lage zu begreifen, was dieser Schöpfergott ist. Aus dieser Ansicht folgt, daß man also auch nicht erfassen kann, ob dieser Schöpfergott eine Funktion erfüllt oder nicht. Dann kann man ebenso nicht sagen ob er wahr ist oder nicht.

Wenn man aber wie die Buddhisten der Ansicht ist, daß im Geist gespeicherte Gewohnheitstendenzen die Ursache für alles sind, dann hat man wenigstens etwas, worüber man nachdenken kann. Man kann sich überlegen, ob es sie gibt oder nicht.
Das Ziel des buddhistischen Ansatzes ist es, die Wesenlosigkeit 2 aller Dinge zu verstehen, und um dies zu tun, muß man die Dinge so sehen, wie sie wirklich sind. Versteht man, daß alle Dinge nicht wirklich existieren, sondern nur Erfahrungen des Geistes sind, dann wird dieses Verständnis als ungetäuscht hinsichtlich der absoluten Wahrheit bezeichnet.

Im Gegensatz dazu beziehen sich diese Erklärungen auf die relative Ebene der buddhistischen Sichtweise. Hierzu gehören alle Belehrungen über das Abhängige Entstehen, das richtige Erkennen, die Ansammlung von positiven Eindrücken, die Befreienden Handlungen usw. Auf dieser Ebene gibt es Dinge, die eine Funktion erfüllen und solche, die das nicht tun.
Doch immer wenn wir über all die verschiedenen Zustände des Geistes sprechen, richtige und unrichtige, schlußfolgernde und direkte usw., dann ist dies lediglich ein an begriffliches Denken gebundenes Annähern daran, wie dies funktioniert. Es ist eine begriffliche und relative Methode.


Übersetzung von Peter Ruser

Topga Rinpoche stammte aus einer früheren Königsfamilie Tibets und war Neffe des 16. Karmapa. Er wurde schon als Jugendlicher vom 16. Karmapa in Tsurphu als "Vajrameister" eingesetzt, später im Exil als Generalsekretär des Klosters Rumtek. Am KIBI in Delhi unterrichtete er buddhistische Philosophie, Erkenntnistheorie und Linguistik. Topga Rinpoche starb im September 1997.

1 Alte indische Lehrmeinung, welche wahrhaft existierende und ewige Dinge, wie z. B. das Selbst, vertritt.

2 Wesenlosigkeit ist das Freisein von extremen Seinsweisen, nicht ein bloßes Nichts.