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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 25, ( 1998)

Karmapa in Bhutan

Abschied von Topga Rinpoche / Von Klaus Schneider

Der japanische Geländewagen mit Vierradantrieb könnte die Strecke vom bhutanesischen Grenzposten Phuntsholing in die Hauptstadt Thimpu locker in drei Stunden schaffen, doch daran ist nicht zu denken. Halb Bhutan scheint auf den Beinen zu sein, um den 17. Karmapa Thaye Dorje zu begrüßen. In endlosen Schlangen ziehen Bhutanesen in ihrer morgenrockartigen Nationaltracht an seinem blauen Toyota vorbei. Mit Engelsgeduld berührt Karmapa jeden einzelnen aus dem Autofenster heraus mit einem stoffumwickelten Text am Kopf. Die ganze Fahrt über muß Karmapas kleiner Konvoi immer wieder halten, damit der junge Staatsgast Segen geben kann.

Der Anlaß zu Karmapas erstem offiziellen Staatsbesuch ist eigentlich eher traurig: er fährt auf Einladung des bhutanesischen Königshauses zur Verbrennungszeremonie von Topga Rinpoche. Der langjährige Generalsekretär von Karmapas Hauptsitz Rumtek, einer der Hauptlehrer des 17. Karmapa, war am 19. September 1997 in einem Krankenhaus in Delhi an Krebs gestorben (siehe ausführliche Berichterstattung in Kagyü Life Nr.24). Da Topga Rinpoche mit der bhutanesischen Prinzessin Ashe Chökyi verheiratet war, wird seine Verbrennung zu einer feierlichen Zeremonie erster Kategorie, vergleichbar einem westlichen Staatsbegräbnis. So herb der Verlust Topga Rinpoches für die Kagyü-Linie ist, hat sein Tod doch auch einen positiven Nebeneffekt. Die königliche Einladung Karmapa Thaye Dorjes nach Bhutan stärkt dessen Position in der Himalaya-Region ungemein.

Schon an der Grenze wird Karmapa von Prinz Namgyal Wangchuk begrüßt. Eine Eskorte der bhutanesischen Armee begleitet ihn auf der Fahrt, die durch die vielen Begrüßungen und Segnungen ein Vielfaches der normalen Zeit in Anspruch nimmt.

In Thimpu trifft Karmapa auf seinen Mentor und Regenten, Künzig Shamar Rinpoche. Zunächst statten die beiden der Aufbahrungsstätte Topga Rinpoches einen Besuch ab und opfern jeder einen weißen Schal. Hier sollen Topgalas sterbliche Überreste am nächsten Tag, nachdem die traditionellen Wunschgebete abgeschlossen sind, dem Feuerelement übergeben werden. Ein erster Höhepunkt der Reise ist eine Audienz bei König Jigme Senge Wangchuk. Während alle anderen Stationen ausführlich auf Video dokumentiert sind, gibt es von diesem Besuch keine Bilder: es gilt in Bhutan als unschicklich, Film- und Fotoaufnahmen des Königs zu machen.

Zwischen den Karmapas und der Königsfamilie von Bhutan besteht seit langer Zeit eine enge Verbindung. Schon Ogyen Wangchuk, der erste König von Bhutan, war ein Schüler des 15. Karmapa Khakyab Dorje (1871-1922). Der 16. Karmapa Rangjung Rigpe Dorje (1924-1981) war der spirituelle Meister des zweiten Königs Jigme Wangchuk und führte auch den jetzigen dritten König in den Diamantweg ein.

Am 16. Oktober findet die Verbrennungszeremonie statt. Mehrere Zelte sind zu diesem Zweck aufgebaut worden. Im mittleren befindet sich Topga Rinpoches reich geschmückter, Kudung genannter Verbrennungsschrein. Im VIP-Zelt haben eine Reihe hoher Rinpoches, Mitglieder der Regierung, Vertreter verschiedener in Thimpu ansässiger Botschaften und der Vereinten Nationen Platz genommen. Auch die Königsfamilie ist fast komplett anwesend, sogar die steinalte Großmutter des Königs erweist Topga Rinpoche im Rollstuhl die letzte Ehre. Die Stimmung wird feierlich, als der Kudung in Brand gesetzt wird.

Zwei Gruppen von Mönchen halten die rituellen Gebete ab. Die eine kommt aus Rumtek, ist rotgekleidet und dunkelhaarig. Sie wird von Karmapa geleitet. Die zweite Gruppe stammt aus Bhutan, trägt orangene Roben und ist kahlrasiert. Es sind die Mönche von Je Khenchen Rinpoche, dem Oberhaupt aller bhutanesischen Buddhisten. Mehrere Stunden zieht Rauch aus dem oben offenen Zelt, begleitet von tibetischen Gesängen, Blasinstrumenten, Trommeln und Glocken. Karmapa führt mit bemerkenswerter Gelassenheit durch die Zeremonie. Im Stil eines routinierten Profis handhabt er Glocke, Dorje und Handtrommel. Seine Stimme ist bereits männlich tief.

Als alles vorbei ist, wird ihm Topga Rinpoches Herz vorgeführt. Es ist von den Flammen verschont geblieben und zu einem kleinen, dunklen Ball geworden. In der tibetischen und bhutanesischen Kultur gilt dies als besonders gutes Zeichen.

Karmapa bleibt noch einige Tage in Bhutan. Er gibt eine Einweihung speziell für die Königsfamilie, stattet dem indischen Botschafter einen Besuch ab und besichtigt eine Reihe von Klöstern und heiligen Plätzen. Am 20. Oktober leitet er eine weitere feierliche Zeremonie. Topga Rinpoches Asche wird dabei zusammen mit allerlei Blumen, Früchten und sonstigen Opfergaben in einen Fluß gestreut.

Karmapas Besuch in Bhutan war sicher eines der wichtigsten Ereignisse in seiner bisherigen Laufbahn. Seine königlichen Unterstützer scheint er dabei richtig ins Herz geschlossen zu haben. Ein Foto aus den fünfziger Jahren, das die Königsfamilie mit Indiens erstem Ministerpräsident Nehru und seiner Tochter Indira Gandhi zeigt, hat jetzt in seinem Empfangszimmer in Kalimpong einen Ehrenplatz - gleich gegenüber dem Portrait des 16. Karmapa.