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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 25, ( 1998)

"Was zu rollen ist" - Tibetische Thangkabilder

Von Maria Fröhlich

Eine Legende über das erste Buddhabild (entstanden nach Buddha Shakyamunis Tod): Es gab in Indien zu Lebzeiten des Buddha Shakyamuni zwei Könige, die sich, um gegenseitige Freundschaft bemüht, gelegentlich große und kostbare Geschenke machten.

Einer der beiden Könige war aber nicht so reich, daß er immer wieder die entsprechenden Gegengeschenke machen konnte. Er ging daher zum Buddha und bat um einen Rat, damit der Frieden zwischen den beiden Ländern nicht gefährdet würde. Buddha Shakyamuni ließ den besten Maler des Reiches holen. Diesem gab er in allen Einzelheiten Anweisungen, das Lebensrad zu malen und - außerhalb des Rades - ihn selbst, wie er auf die Mondscheibe zeigt. Alles malte der Künstler zur Zufriedenheit des Buddha, nur ihn selbst konnte er nicht darstellen, weil die Strahlung, die von Buddhas Körper ausging, so stark war, daß es ihm unmöglich erschien, auch nur geringe Ähnlichkeit zu erzielen. Also ging der Buddha mit ihm zu einem klaren ruhigen See, stellte sich ans Ufer und ließ den Maler so sein Spiegelbild malen. Dieses Abbild hat ein bestimmtes Maßverhältnis, welches man Tschölönma nennt ("Das Bild des Weisen vom Wasserspiegel genommen"). Der andere König bekam nun das Abbild des Lebensrades zum Geschenk. Er brauchte es nur anzuschauen und hatte schon ein intuitives Verständnis vom Sinn des Bildes. Er beschäftigte sich tagelang damit, wurde zu Buddhas Schüler und erlangte Befreiung ...

Schwarzenberg, im Juli 1997
Er war wie geschaffen für diesen Kurs: der kraftvolle Ort inmitten eines sorgfältig durchdachten, harmonisch angelegten Gartens mit wunderbarer Fernsicht (inklusive prächtiger Regenbögen), die das angestrengte Auge entspannte nach Stunden intensiven Zeichnens. Darüber hinaus Begegnungen mit offenen Menschen die hier lebten und alles gut organisiert hatten.

Die Malerin und Schülerin des verstorbenen Meisters Gega Lama, Bruni Feist-Kramer, wurde von diesem beauftragt, die Grundkenntnisse für die Thangkamalerei im Westen zu vermitteln. Mit zwölf TeilnehmerInnen war unsere Gruppe groß genug, daß Bruni für jeden Einzelnen ausreichend Zeit fand zu fördern, zu berichtigen, auszubessern und zu ermutigen. Es war ein stiller Kurs, der am Morgen stets mit einer gemeinsamen Meditation in den Tag gebracht wurde, was innere Offenheit und Weite schaffte.

Der Zeichenkurs begann mit Erklärungen über den geometrischen Aufbau eines Buddhakopfes, später über die verschiedenen Buddhaformen mit ihren Attributen, Symbolen und Farben.

Heute gibt es nur mehr noch zwei lebendige Traditionen in der Tibetischen Thangkamalerei: Den Mendri-Stil und den Karma Gardri- Stil, der die Malschule der Kagyü- Linie ist und mit dem wir uns hier befaßten. Als erstes konstruierten wir auf unserem Zeichenblatt mit Hilfe von Linealen, Geodreiecken, Zirkeln, Millimeterpapier und Radierern, alles Handwerkszeug, das die freien Zeichner im Westen ablehnen, ein Raster aus vertikalen, horizontalen und diagonalen Linien. Dazu begannen wir mit der Mittellinie und entschieden die Größe der Figur und legten an Hand deren Fingerbreite die Maße und die Größe des zu zeichnenden Körpers fest. Die Fingerbreite einer Figur bedeutet 1 Sor (tibetische Maßeinheit). Mit Hilfe der so entstandenen Linien zeichneten wir dann die äußere Begrenzungslinie des Körpers. Alles ist vorgegeben: Ein stehender Buddha hat eine Länge von 125 Sor, ein Bodhisattva ist 5 Sor kürzer. Die Stirn eines Buddhas ist 4 Sor hoch, die Stirn eines Bodhisattva 4 Sor, der Mahakala 60 Sor groß. Und vorher ist zu klären, welche Bein- und Fingerhaltung, welcher Haarschmuck, welche Gewänder, welche Attribute und welche Farben zu dem Buddha gehören. Die Körperlinien sind klar gezeichnet und fallen im Fluß, keine Ecken und scharfen Kanten, alles ist rund und weich gezogen. Die Figur ist in Balance und hat eine würdevolle Haltung. Die Gewänder folgen den Bewegungen des Körpers in anmutigen Linien. Ein richtig proportioniertes Buddhabild sollte folgende Merkmale haben: Hände und Füße: jugendlich geschmeidig; Finger: spitz zulaufend; Oberkörper: breit Schultern: rund; Hals: wie eine Muschel; Lippen: klare Begrenzung; Nase: schlank und lang Augen: wie Lotosblätter; Pupillen: klar hervorgehoben; Augenbrauen: deutlich getrennt, wie die feine Mondsichel; Ohr: im Bogen ansetzend, Ohrmuschel gleichmäßig gefurcht; Stirn: breit, mit klar begrenzender Haarlinie; Frisur: zweiteilig.

Nach den ersten Stunden mit Bruni waren wir schnell an die Grenzen unseres Wissen gestoßen, wie ein Thangka aufgebaut und gemalt werden soll. Alle wußten zwar, daß die Malerei streng formengebunden ist und daß es nicht darum geht, seine eigenen Ideen malerisch auszudrücken, aber wieso und warum das so ist, war immer wieder Thema in den leisen Erläuterungen von Bruni während der Zeichenstunden.

Thangkas (Rollbilder) sind unter anderem Meditationshilfen, das heißt, daß die dargestellten Formen durch den Meditierenden belebt werden können. Die bildlichen Darstellungen vermitteln festliegende Aussagen der buddhistischen Lehre, sie sind symbolische Formen der Vollkommenheit für geistige Inhalte und eine Möglichkeit oder ein Mittel zur Identifikation des Meditierenden mit dem Dargestellten. Durch die Identifikation soll innere, höhere Erkenntnis erlangt werden, durch die Übereinstimmung können direkte Erfahrungen und geistige Werte im Bewußtsein des Meditierenden erzeugt werden.

Es liegt außerhalb dieser Zeilen und unseres Wissens die Möglichkeiten und Bedeutung dieser Vorgänge zu beschreiben, die wir erst am Anfang des Weges innerer Verwirklichung stehen, so viel verstanden wir aber, daß sich hier ein Riesengebiet von Wissen und Weite zu öffnen begann.

Wir sahen, warum so genau und exakt zu arbeiten war und daß es keine Abweichung in Produzierung eigener Vorstellungen und Konzepte, wie wir es in unserer westlichen Kunst kennen, geben kann. Und doch bleibt immer noch die individuelle Handschrift des Malers, da kein Thangka dem anderen gleicht. Letztlich ist ein Thangkamaler auch immer ein Weg-Gehender, der buddhistische Ethik und ein friedvolles Leben praktiziert, der mit Hingabe und Ausdauer seine eigenen Fähigkeiten zum Leben bringt und seine Schaffensfreude gibt, um etwas Sinnvolles für andere Menschen zu erarbeiten. So steckt Verantwortung darin, ein Thangka genau und richtig aufzubauen und nach unserer Einschätzung wird es Jahre der Übung brauchen, die Grundlagen zu vervollkommnen.

Damit dies immer besser gelingen kann, findet in diesem Jahr wieder auf dem schönen Schwarzenberg, während einiger Sommerwochen ein Thangka-Malkurs statt. Diesmal kommt aus Indien der Thangkamaler Denzung Norbu, der von S.H. dem 16. Karmapa die Anerkennung als Karma Gardri Maler und Lehrer erhielt und der die Belehrungen über die verschiedenen Buddhaformen an uns weitergeben wird. An diesem Sommerkurs kann jede/r teilnehmen, auch zum ersten Mal, wenn er Freude und Geschick zum Zeichnen mitbringt und wenigstens hobbymäßig Erfahrungen im Malen hat. Näheres dazu in den Zentren und im Internet.


Maria Fröhlich aus Straubing ist 48 Jahre alt und seit zwei Jahren praktizierende Buddhistin, interessiert sich jedoch schon seit zehn Jahren für die Thangkamalerei. Ihrem Artikel liegt ein Erlebnisbericht von Thomas Polajnar und Marion Plantener, beide aus Hamburg, zugrunde.