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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 25, ( 1998)

"Die Ebene, wo Buddhismus einzigartig ist"

Ein Interview mit Hannah Nydahl zum Dharmastudium

Durch Deine Übersetzungsarbeit am Karmapa International Buddhist Institute in New Delhi und an der Sommeruniversität des KIBI in Europa bist Du sehr mit dem Studienaspekt der Dharmapraxis involviert. Wie verlief Dein persönlicher Zugang zum Dharmastudium? Hast Du Dich, als Du neu im Dharma warst, sehr für die Philosophie interessiert oder kam das erst mit dem Übersetzen? Gab es für Dich in dieser Hinsicht eine Art Schlüsselerlebnis oder ergab es sich einfach so?
Es war eine Kombination von der Begegnung mit dem perfekten Beispiel meines Lehrers, des 16. Karmapas und dem Vertrautwerden mit der buddhistischen Sicht, was mich zu einer Buddhistin werden ließ.

Ich war immer vom Geist an sich und seinen Funktionen fasziniert und wollte mehr darüber wissen und verstehen. Die gesamte psychedelische Welle in den sechziger Jahren drehte sich darum, nur verpaßten wir den eigentlichen Punkt, weil wir zuerst die Lösungen in den psychedelischen Drogen suchten. Als ich das erste Mal einen buddhistischen Text las, war das deshalb wie eine Offenbarung, weil er all die lange gesuchten Antworten auf meine Fragen gab. Es war das klassische Erlebnis von Wiedererkennen, das mir bei kurzen Einblicken in klare und nackte Momente Tränen in die Augen trieb. Ein strukturiertes Studium war jedoch am Anfang nicht Teil von Oles und meine Ausbildung. Als wir damals den Karmapa trafen und sein überzeugendes und kraftvolles Beispiel von unglaublicher Liebe und Weisheit erlebten, gab es keinerlei Zweifel, daß dies der richtige Weg war.

Die berühmte Frage, die oft in Interviews gestellt wird: Wenn Du nur ein Dharmabuch in ein langes Retreat mitnehmen könntest, welches wäre es?

Einen Mahamudratext.

Wir hörten mal die Aussage, daß es eigentlich schon eine Art von Lhagtong (Meditation der Einsicht) ist, wenn man sich theoretisch mit dem Geist beschäftigt. Kann man das tatsächlich so sagen? Wie ist das gemeint?

Alle Meditationen fallen in was die Tibeter "Shine" und "Lhagtong" nennen, oder was in Sanskrit "Shamatha" und "Vipashyana" genannt wird. Ersteres betrifft die Methoden, den Geist zu trainieren, sich ohne jegliche Ablenkung auf jede Art von inneres oder äußeres Objekt zu konzentrieren, und das zweite auf die Methoden, um die Natur der Dinge und des Geistes zu verstehen, entweder durch einen Prozeß der Analyse oder durch ein direktes, nichtkonzeptuelles Gewahrsein des Geistes. Was ihr meint, könnte also der analytische Ansatz des Lhagtong sein, wo man versucht, den Geist in verschiedenen Weisen zu definieren. Dadurch erreicht man dann genau - nicht nur theoretisch, sondern als eine Erfahrung - ein direktes Verständnis davon, was der Geist selbst ist, was durch keine Konzepte definiert werden kann.

Khenpo Tschödrag Rinpoche hat einmal gesagt, daß es für einen Diamantwegs-Praktizierenden nicht unbedingt nötig ist, jahrelang viel zu studieren, sondern daß man "nur" den Kernpunkt des Diamantwegs erfassen muß und daß dies auch ganz schnell gehen kann. Da hofft natürlich jeder, daß es bei ihm schnell geht. Was ist dieser Kernpunkt?

Ich weiß nicht, auf welche Belehrung von Khenpo Tschödrag ihr euch da gerade bezieht, aber generell ist der essentiellste Punkt in allen Lehren Buddhas die letztendliche Sicht der Leerheit, der Natur der Dinge, ganz gleich wie sie erscheinen.

Damit eine Methode befreiende und nicht nur angenehme Resultate bringt, muß das Verständnis von der absoluten Natur der Dinge da sein. Falls dieser Weisheitsaspekt nicht eingeschlossen ist, kann auch die geschickteste Methode nicht zur Erleuchtung führen. Das ist es wahrscheinlich, warum es erwähnt wurde, im Zusammenhang mit dem Diamantweg, der nur dann sinnvoll ist, wenn er mit dieser richtigen Sicht praktiziert wird.

Einige Leute sagen, daß sie in Zeiten intensiven Dharmastudiums ähnliche Reinigungserlebnisse hatten wie in Zeiten, wo sie viel meditiert haben. Ist das möglich? Wie kann man sich das erklären?

Dharmastudium ist Praxis, weshalb das sehr gut sein kann. Auch wenn man den Begriff "Studium" verwendet, kann man es doch nicht mit einem Universitätsstudium vergleichen, wie beispielsweise Vergleichende Religionswissenschaften. Dharmapraxis hat drei Aspekte: Lernen, Nachdenken, Meditieren, die alle notwendig sind, damit die Praxis vollständig ist und letztendliche Resultate bringt. Schließlich ist "Dharma" die Methoden, die es dir erlauben, die Natur deines eigenen Geistes zu verstehen. Das einzige, das dich von diesem Verständnis abhält, sind die verschiedenen Schleier der Unwissenheit. Die Methoden von Lernen, Nachdenken und Meditieren entfernen diese Schleier. Dieser ganze Prozeß spielt sich in deinem eigenen Geist ab, nicht in dem von irgend jemand anderen. Um effizient sein zu können, mußt du ein Verständnis vom Geist haben, und du mußt dieses Verständnis zu einer nichtdualistischen Erfahrung machen.

Verändern sich Leute - Deiner Erfahrung nach - durch Dharmastudium? Ist eine deutliche menschliche Entwicklung zu sehen, wenn jemand den Schwerpunkt längere Zeit eher auf Studium als auf Meditation legt?

Ich würde sagen, wenn das Dharmastudium in der richtigen Weise praktiziert wird - das heißt, daß man sich immer daran erinnert, wofür man es tut, nämlich für andere und als Teil seiner Praxis - dann hilft es dir, dich zu einem nützlichen und selbständigen Menschen zu entwickeln. Es soll nie als etwas Getrenntes von Praxis gesehen werden. Die meisten Konflikte, sogar in Dharmakreisen, würden sich wie Tau in der Sonne auflösen, wenn die Leute mehr von der Sicht im Buddhismus verstünden. Letztlich ist dies die Ebene, wo Buddhismus einzigartig ist.

Es scheint, daß der Aspekt des Dharmastudiums in den letzten Jahren wichtiger geworden ist als früher. Wie siehst Du das? Kommt eine andere Art von Leuten in die Zentren als früher oder tritt unser Sangha im Westen in eine neue Phase?

Wenn wir uns die Entwicklung in den Zentren während der letzten 25 Jahre anschauen, ist es klar, daß sich da einiges verändert hat. Anfangs waren Ole und ich selbst sehr traditionell und folgten vor allem dem Stil von Kalu Rinpoche, den Seine Heiligkeit Karmapa gemeinsam mit uns in den Westen geschickt hat, bevor er selbst zu reisen begann. Dieser Stil betont sehr stark Hingabe, Rituale und Praktiken in Form von Zurückziehungen. Der Aspekt des Studiums wurde auf ein Minimum begrenzt. In der Zwischenzeit wurde es dank Seiner Heiligkeit Karmapa möglich, eine vollständigere Seite des Buddhismus anzubieten. Er etablierte das Karmapa International Buddhist Institut in New Delhi in erster Linie für die Ausbildung westlicher Schüler.

Welchen Rat würdest Du einem Neuen geben, der erst einmal lieber meditieren lernen möchte, als viel über den Dharma zu lernen?

Um es noch einmal zu wiederholen: Lernen und Meditation sind wirklich nicht ein Entweder-Oder. Im Gegenteil, man geht davon aus, daß das eine das andere unterstützt und beide unerläßlich sind, wenn man auf den Wegen wirklich weiterkommen möchte.

Ich glaube, daß es sehr wichtig ist zu verstehen und zu akzeptieren, daß Dharmapraxis etwas Individuelles ist. Für einige Leute ist der Aspekt der Hingabe für die Praxis das Wichtigste und für andere ist es eher der analytische Ansatz. Abhängig davon welche Art von Neigungen man hat, ist es sicher gut dem zu folgen, jedoch dabei auch nicht zu extrem im eigenen Weg zu werden, sondern langsam zu versuchen, auch den anderen Aspekt zu integrieren, weil für das letztendliche Resultat beides gebraucht wird. Mitgefühl zu entwickeln, ist für alle ein Muß, gleichgültig welchem Ansatz sie folgen, und hierzu gehört auch die Toleranz, den Weg anderer zu akzeptieren. Was uns betrifft, so sind wir ja alle Anhänger und Praktizierende der Karma Kagyü Linie, die eine vollständige Übertragung aller Aspekte von Buddhas Belehrungen hat: In Tibet hatte die Karma Kagyü Schule a) größere und kleinere etablierte Klöster, b) es gab Einrichtungen für Zurückziehungen, entweder organisiert oder in individueller Abgeschiedenheit, und c) es gab "Shedras", buddhistische Lehrinstitute - auch wenn in Folge von Machtpolitik der Staatskirche diese Aktivität über die Jahrhunderte abgenommen hatte. Dank des Wunsches und der Anstrengung des 16. Karmapas sind wir heute begünstigt genug, daß es uns möglich ist, den Schatz der Methoden in seiner Vollständigkeit und mit dem Segen der intakten Übertragung im Westen fortzusetzen. Wie immer gibt jedes Land und jede Kultur dem äußeren Rahmen seine spezielle Färbung, aber die Abfolge der Belehrungen bleibt gleich. Das Wichtigste ist es, daß wir aktiv etwas tun, um uns zum Wohle anderer weiterzuentwickeln.

Kann man sagen, daß es ein Minimum an theoretischem Wissen über den Geist gibt, ohne das die Praxis auf Dauer eigentlich nicht viel bringt? Es heißt ja beispielsweise, daß man für Diamantwegspraxis mindestens die philosophische Sicht der Nur-Geist-Schule haben müßte, die ja nicht viele wirklich gut kennen, geschweige denn verinnerlicht haben.

Ja, man braucht eine grundlegende buddhistische Sicht, auf deren Basis die Meditation aufbaut. Das ist jedoch nicht so kompliziert, wie die Leute vielleicht glauben, und wer immer mit einer Praxis beginnt und in Kontakt mit den verschiedenen unserer Zentren und Lehrern ist, wird in dieses Basiswissen eingeführt.

Kann man sagen, daß es ab einer bestimmten Phase in der Praxis - zum Beispiel nach dem Ngöndro - wichtiger wird, sich auch theoretisch mit dem Geist zu beschäftigen?

Da jede Praxis letztendlich auf die perfekte Erleuchtung zum Wohle aller Wesen zielt, wird jeder Schritt, der uns dem näher bringt, natürlich ein immer subtileres Verständnis von allen Ebenen, sowohl theoretisch als auch praktisch, erfordern und zwar sowohl in bezug auf die relative als auch auf die letztendliche Ebene der Wirklichkeit.

Zur Zeit werden im KIBI und Dhagpo die philosophischen Sutra-Grundlagen unserer Diamantwegspraxis gelehrt. Kannst Du Dir vorstellen, daß es in Zukunft dazu kommt, daß auch mehr tantrische Texte und Kommentare gelehrt werden? Ist das bei unseren Rinpoches im Gespräch?

Es ist Teil der Ausbildung, die Sicht im Zusammenhang mit der Diamantwegspraxis zu erlernen und diese Belehrungen werden uns ebenfalls zur Verfügung stehen.

Diese tantrischen Texte können ja nicht so völlig öffentlich gelehrt werden. Was denkst Du, wie das laufen wird? Was werden die Voraussetzungen für die Teilnahme sein?

Diese Texte werden als Fortsetzung anderer Texte gelehrt werden. So wie man erst das Alphabet lernen muß, um dann lesen und schreiben zu können, gibt es hier eine bestimmte Reihenfolge, wie die verschiedenen Sichtweisen im Buddhismus präsentiert werden und wie sie aufeinander aufbauen.

Auf dem vom 16. Karmapa für den Westen empfohlenen Studienprogramm stehen auch Texte wie das Hevajra-Tantra oder das Sabmo Nang gi Dön, also Texte in denen sehr detailliert die verschiedenen Aspekte des "Wegs der Mittel" erklärt werden. Der "Trend" im westlichen Laienbuddhismus geht jedoch eher zur Praxis des "Wegs der Befreiung", bzw. des beide Wege vereinenden Guru-Yoga. Wäre es auch für Guru-Yoga und Shine/Lhagtong sinnvoll, solche Texte kennenzulernen?

Künzig Shamar Rinpoche hat angekündigt, in Zukunft verstärkt Kurse zu einem bestimmten wichtigen Mahamudra-Text zu geben. Kannst Du etwas dazu sagen? Ist es sinnvoll, daran teilzunehmen, wenn man zum Beispiel noch Ngöndro macht?

Für Guru-Yoga und die Shine/Lhaghtong-Praxis ist es wichtiger die Mahamudratexte zu kennen und das genau ist es, was Künzig Shamarpa lehrt. Die Texte des Hevajra-Tantra und des Sabmo Nang gi Dön enthalten spezifische Erklärungen zu den Diamantwegsmethoden von Yidam-Meditation und physischen Übungen und sie werden in Verbindung mit der Praxis selbst gelehrt.


Die Fragen stellten Ulla Unger-Göbel und Detlev Göbel.

Hannah Nydahl ist eine der gefragtesten Übersetzerinnen aus dem Tibetischen in Englisch, Deutsch oder Dänisch. Die Hälfte des Jahres übersetzt sie für Lamas am Karmapa International Buddhist Institute (KIBI) in New Delhi, Indien, wo sie sowohl an der Übersetzung verschiedener buddhistischer Texte beteiligt ist, als auch die Reisen hoher Lamas der Linie organisiert; die andere Hälfte des Jahres reist sie mit Lama Ole Nydahl um die Welt.