Aus: Buddhismus Heute Nr. 25, ( 1998)

Der buddhistische Weg

Von Lama Ole Nydahl

Vortrag auf den Basler Psychotherapietagen 1997

Ich bin sehr froh, daß ich zu so vielen von Euch reden kann und ich will hinzufügen, daß dieser Kongreß auch für mich selbst sehr interessant ist. Es gibt Tagungen, wo irgendwie aus Masse Wert entsteht. Ich war in den späten siebziger Jahren an einer ähnlich großen Tagung an der Universität von Santa Cruz an der Westküste in Kalifornien. Sie war schon ein bißchen flippiger, wie bei Amis zu erwarten ist, durcheinanderer. Aber während hier Dr. Hofmann als Redner eingeladen wurde, saßen damals am Pult zwei Herren, die die Erfindung von Dr. Hofmann sehr berühmt gemacht haben: die Psychologen Richard Alpert und Timothy Leary. Diese Konferenz war die erste große zum Thema Tod, berührte also ein anderes Gebiet der stärksten menschlichen Gefühle. Ich erläuterte damals das Wissen aus dem tibetischen Buddhismus zum Tod, sowie die Phowa-Übung, wo man "bewußt" den Sterbevorgang zu leiten und lenken lernt. Kurz danach ist die neue Hospiz-Bewegung entstanden, die ganze Thanalogie, die Sterbebegleitung, und ich denke, daß durch diesen Kongreß mit ungefähr 2000 Leuten wirklich etwas in Gang kam.

Heute sind wir durch Lothar Riedels Träume zusammengekommen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, daß uns etwas ähnliches gelingen kann, daß, so wie damals in Kalifornien eine Offenheit dem Tod gegenüber entstanden ist, auch uns in den nächsten Tagen gemeinsam hier in Basel im Bereich des Glücks ein Sprung gelingen wird, der später vielen Leuten helfen und nützen kann. Es wäre der vielen Arbeit von Lothar und seinen Freunden angemessen, daß wir alle unser Bestes bringen, offen, frisch und ehrlich bleiben und die Zeit richtig nutzen.

Gut, dann: Was hat Buddhas Lehre zum Glück zu sagen? Dr. Hofmanns Worte haben das Gebiet kurz berührt, und ich will breiter darauf eingehen aus der Sicht eines Verwirklichers (Yogis) im tibetischen Buddhismus.

Grundsätzlich wird im Buddhismus zwischen bedingtem und letztendlichem Glück unterschieden. Das bedingte Glück hat mit den Erfahrungen zu tun, das letztendliche Glück mit dem Erfahrer selbst. Wenn man sich die äußere Welt anschaut, die Fabriken, die Straßen, Häuser, Autos, usw., dann sind sie alle gebaut worden, weil jemand irgendein Glück gerne erfahren wollte. Krankenhäuser und Gefängnisse wurden hingegen gebaut, damit man gewisse Leiden vermeiden konnte. Tatsächlich versucht man ständig, etwas draußen aufzubauen, um eine angenehme Rückkopplungswirkung auf sich selbst zu bekommen. Doch Häuser, Autos, schöne Landschaften usw. können ja an sich kein Glück spüren. Das einzige, was jemals glücklich wird, ist der eigene Geist. Was jetzt gerade durch unsere Augen schaut und durch unsere Ohren hört, das erfährt die Sachen, mit dem geschieht alles. Und mit nichts anderem.

Also bleibt das allgemeine Bestreben, auf der Grundlage äußerer Bedingungen Glück aufzubauen, sehr ungenau. Es ist so, als würde man mit einer langen, wackeligen Stange etwas weit weg bewegen wollen. Und so verläuft jeder Versuch, durch Bedingtes glücklich werden zu wollen. Das bringt es einfach nicht ganz. Okay, die Liebe einer Nacht war wunderbar, aber schon in der nächsten Nacht hätte man vielleicht lieber eine andere gehabt. Die Aussicht, über die man sich gestern so freute, wird unwichtig, wenn man plötzlich Kopfweh bekommt. Alle Versuche, durch bedingte und zusammengesetzte Quellen Glück erfahren zu wollen, die dem Geist schöne Rückkopplungserfahrungen verschaffen sollen, scheitern immer und immer wieder. Vor allem im Moment des Todes. Das letzte Hemd hat halt keine Taschen, wie wir Dänen sagen. Man kann nichts mit sich nehmen, und deswegen geht es um Dauerwerte. Man sollte deshalb die Zeit so gut wie möglich nutzen, um die Ursachen eines wahrhaftig dauerhaften Glücks zu finden. Da alles Bedingte, Geschaffene, Geborene, weil bedingt und zusammengesetzt, seinem Wesen nach nicht dauerhaft und wirklich vorhanden ist, muß es auch wieder auseinanderfallen, und in dieser Verbindung entstehen den Wesen, die die Zeitlosigkeit ihres Erlebers nicht erkennen, drei unterschiedliche Arten von Leiden:

Das totale katastrophenähnliche Leid, wo wirklich nichts mehr läuft. Man wird schwer krank, die Hälfte der Familie und der Freunde stirbt, nichts ist mehr spannend, alles fällt auseinander und ist dramatisch, schmerzvoll, tragisch oder alles zugleich.

Die zweite Art von Leid wird oft mit Glück verwechselt. Es ist die Vergänglichkeit, daß sich die Sachen immer ändern. Man denkt zwar "ah, neue Bilder die ganze Zeit, alles sehr schön", bis man dann versucht, sie festzuhalten, was natürlich nicht gelingt. Am Ende zerfließt alles zwischen den Fingern, und man kann es nicht behalten.

Schließlich gibt es eine dritte Art des Leids, die meistens gar nicht entdeckt wird, weil man zu beschäftigt ist mit den beiden ersten. Es ist die Tatsache, daß der Geist fast immer verschleiert ist. Man kann sich kaum an gestern erinnern, und die letzte Woche ist schon verschwommen. Was in der Zukunft kommen wird, weiß man auch nicht. Diese drei Formen des Leids belasten einen, bis man sie erkennt und es schafft, das Vergängliche, Auseinanderfallende, Sterbende und Verschwindende gegen Werte einzutauschen, auf die wirklich Verlaß ist.

Und worauf ist Verlaß in dieser Welt? Weder auf Sein noch auf Nichtsein. Die kleinsten Teile vom Atom verschwinden im Raum, während Teilchen scheinbar ohne dingliche Ursachen im leeren Raum entstehen. Womit heute sowohl Materialisten als auch Nihilisten den Boden unter ihren Füßen verlieren. Weil das, was sie beweisen wollten, unauffindbar bleibt und als zwei Seiten von derselben Ganzheit gesehen werden muß. Es gibt weder hier noch da etwas Wirkliches, wonach sie greifen könnten. Sieht man die Sachen, verschwinden sie wieder, versucht man den Raum leer zu halten, füllt er sich wieder auf. Wenn das so ist, worauf kann man dann - im Inneren wie im Äußeren - vertrauen? Worauf kann man bauen?

Tatsächlich gibt es nur eines, worauf man sich letztendlich verlassen kann: auf die Möglichkeiten des Raumes. Raum ist viel mehr als was man normalerweise denkt. Wie oft wissen wir, wer anruft, bevor wir die Stimme hören? Wie oft kommen Briefe an, nachdem wir stark an Leute gedacht haben? In diesen Fällen konnten wir an diesem Tag weder besser sehen noch besser hören als sonst, sondern irgendwo gab es einen Augenblick, in dem wir vergaßen, von der Ganzheit abgetrennt zu sein. Indem wir einfach da waren, nackt, offen und in dem ruhend, was geschah. In diesen Augenblicken erleben wir nicht nur durch die Augen und Ohren, sondern durch das Schwingen eines jeden Atoms in unserem Körper. Weil Raum und Energie drinnen und draußen nicht voneinander getrennt sind, sondern Ausdruck von derselben Ganzheit, sind wir immer mit allem verbunden. Das heißt auf buddhistisch "Wahrheitszustand", auf Sanskrit "Dharmakaya" und auf Tibetisch "Tschöku" und bedeutet, daß zum einen alles Teile derselben Ganzheit sind. Und zum anderen, daß der Raum einem Behälter gleicht. Der Raum ist also nicht als Trennung oder Schwarzes Loch zu verstehen. Natürlich ist es lebenserhaltend, sich der Abstände bewußt zu sein. Wer über die Jahrtausende beurteilen konnte, wie nah der Säbeltiger war, oder heute, wie weit weg der zu überholende Laster ist, hat meistens überlebt und sich vermehren können, während der, der das nicht einschätzen konnte, laufend ausschied. Deswegen wehrt man sich gegen den Gedanken. Aber wenn man sich zum Beispiel vorstellen würde, man hätte nicht nur Augen im Gesicht, sondern auch am Hinterkopf, wäre es selbstverständlich, daß es viel mehr Platz hinter den Wesen gibt als zwischen ihnen. Wenn man sich bewußt wäre, welche Abstände es zwischen den Himmelskörpern gibt, wäre sogar Australien nicht weit weg. Ich rate zu dieser Einstellung, weil es wichtig ist, Raum als etwas Verbindendes, Lebendes zu erfahren, als einen Behälter, der zwischen den Wesen vermittelt.

Man erfährt aber noch mehr, wenn man aufhört, im kleinen Kasten der eigenen Vorstellungen zu sitzen und sich statt dessen für die Welt öffnet und sieht, was möglich ist. Man entdeckt, daß dieser Raum an sich freudvoll ist. Man kann sich zwar die Bedingungen für einen sehr schönen Abend schaffen, durch die richtige Begleitung usw., aber dennoch sind die besten Augenblicke im Leben Geschenke. Es sind diejenigen, in denen man sich vergißt. Die Augenblicke, wo jedes Getrennt-Sein in den Armen der Geliebten aufhört, wo nur noch Licht erfahren wird, ein zeitloser Augenblick von "Eins"-Sein. Hier zeigt sich die zeitlose Freude des Geistes, seine innewohnende Freude, und sie erscheint, wenn man jenseits von Hoffnung und Furcht im Reichtum des Erlebers verweilt. Diese Ebene ist vom Raum untrennbar, ist seine Strahlkraft und äußerst überzeugend. Raum ist also nicht nur spontan entstehende Einsicht und die Übermittlung von Wissen, sondern seinem Wesen nach auch höchste Freude. Er ist an sich freudvoll, reich, läßt Dinge in sich entstehen und erfährt sich dadurch. Schließlich ist Raum auch unbegrenzt und deswegen Liebe. Ich rede nicht von der begriffsmäßigen Sorte, wo man zum Beispiel denkt, als Westler aus einer begabten, hochentwickelten Gesellschaft vieles für Arme und Kaputte in anderen Weltteilen tun zu wollen. Das ist natürlich sehr gut, vor allem, wenn man ihnen langfristig hilft. Was wirklich greift, sind aber die uferlosen Augenblicke, wo Liebe aus der Ungetrenntheit heraus entsteht. Wo man erfährt, daß man den eigenen Wunsch nach Glück von den Wünschen anderer nach Glück nicht trennen kann oder will. Es ist überdeutlich, daß alle Glück haben und Leid vermeiden wollen. Und trotzdem leben viele Menschen unter schwierigsten Umständen.

Heute, wo die arme, braune und schwarze Welt an ihrer Übervölkerung ohne Lebensqualität erstickt, sollte man aber übrigens nicht schnell, sondern vor allem auf lange Sicht hin helfen. Waffen in die dritte Welt zu verkaufen, ohne Kondome für die Bevölkerung mitzuliefern, scheint wenig sinnvoll. Man sollte ernsthaft dafür sorgen, daß Hilfe und Bevölkerungsbegrenzung gekoppelt sind. Sonst gibt es später noch viel mehr Leid. Daß man heute bei einer Wohltat 50 oder 100 Jahre vorausdenken muß, ändert aber nichts daran, daß das Gefühl dieser unmittelbaren Liebe ein weiterer kostbarer Ausdruck des Raumes ist. Es bedeutet nur, daß die viel größeren Herausforderungen einen heute zwingen, etwas klüger zu sein und verstärkt in die Zukunft zu schauen.

Eine solche nicht-trennende Liebe entsteht in den Augenblicken, wo man die Einheit zwischen anderen und einem selbst erfährt. Und das ist der Zustand, den der Buddhismus des Großen Weges hervorbringt. Vor allem die drei alten tibetischen Schulen des sogenannten Diamantweges, die auf Meditation setzen, wollen diese Erfahrung ermöglichen. Was hier geschaffen wird, ist das Bewußtsein, daß das, was durch unsere Augen schaut und durch unsere Ohren hört seinem Wesen nach klares Licht ist. Zwar ist es nicht klares Licht wie das der Scheinwerfer, die uns hier anstrahlen. Das Licht des Geistes ist nichts Äußeres. Es ist ein ständiger Zustand von Frische, von Hier und Jetzt, wobei im Augenblick entstehende Einsichten unmittelbar verbunden mit der Erfahrung selbst hochkommen. Also ist ein ständiges "Aha" bei jeder Erfahrung das Ziel.

Voll versteht man das erst, wenn man mal richtig nachschaut, wer man selbst ist. Dadurch sieht man ein, daß man nicht der Körper sein kann. Körper sind mal dick und mal dünn. Irgendwann wurden sie geboren, später sterben sie, und jetzt ändern sie sich die ganze Zeit. Was sich ständig ändert, kann ja nichts wahrhaft Bestehendes sein. Die Entdeckung, daß man nicht der Körper ist, verwundert erst und ist danach eigentlich ganz erleichternd: Wer möchte etwas sein, was alt und krank wird und danach stirbt - wahres Glück kann ein Körper offensichtlich nicht bieten.

Hinterher denken dann einige, also bin ich wohl meine Gedanken und Gefühle. Wie hoffnungsvoll man aber auch dort nachschaut: Auch sie sind vergänglich. Mal fühlt man sich gut, weil etwas Schönes heranreift, und mal wird es entweder langweilig oder etwas Unschönes folgt, das die Laune zerstört. Außerdem ändern sich Gefühle viel schneller als der körperliche Ausdruck. Im Gespräch zwischen Mephisto und Faust sagt Goethe, daß sich nichts schneller ändert als die inneren Vorgänge im Menschen. Wer glaubt, seine inneren Zustände zu sein, wird erst richtig verwirrt. Wer gerne er selbst ist, wenn es ihm gut geht, wie soll er sich einschätzen, wenn er sich schlecht fühlt? Überhaupt: Wer nach dem sucht, was er wirklich ist, in dem Sinne, daß es nicht vergehen und verschwinden kann, daß es zeitlos da ist, jenseits von Entstehen oder Vergehen, findet nur den Raum. Nur dieser ist unbedingt und besteht durch sich selbst. Wie schon erwähnt, bedeutet das aber nicht Raum als schwarzes Loch, sondern Raum als Fülle, als ein Behälter, der alles umfaßt, in dem alles geschieht und der alles miteinander verbindet. Er ist die Erfahrung, daß man der Geist ist: der Erleber, der durch die Augen schaut und durch die Ohren hört, nicht begrenzt durch das Geschaute, Gehörte und Gesehene.

Dies ist der Sinn von Buddhas Lehre. Er will die Wesen erleben lassen, daß sie nicht die Wellen, sondern das Meer unterhalb der Wellen sind und ihnen den Spiegel hinter den Bildern zeigen. Wer sich als die Strahlkraft wahrnehmen kann, die sieht, weiß und versteht, wird nicht besonders vom Erfahrungsstrom gefangen werden, der gesehen, erlebt und verstanden wird. Das ist, was Buddha den Wesen beibringen will. Er wünscht zutiefst, sie vom Disneyland der hin und her gehenden Erfahrungen weg auf den zeitlosen und vollkommenen Erleber aufmerksam zu machen, dessen Raum unzerstörbar ist. Keiner hat ihn geschaffen, und keiner kann ihn schädigen oder zerstören. Weiß man, daß man seinem Wesen nach Raum ist, wird man furchtlos.

Die buddhistischen Diamantweg-Meditationen benutzen zu diesem Zweck eine aufbauende und eine auflösende Phase. Hier entstehen die Buddhas vor einem im Geist als Formen von Energie und Licht, die durch Rückkopplungswirkungen auf die Bewegungen und Energiebahnen im Körper einwirken. Dadurch entstehen Erfahrungen von überpersönlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Wenn dieser Eindruck sich festigt, macht man zusätzlich eine Schwingungsbrücke - ein "Mantra" - zwischen einem selbst und dem äußeren Buddha. Danach löst man ihn in Licht auf und verschmilzt damit, so selbstverständlich wie Wasser in Wasser fließt oder Licht in Licht strahlt. Am Ende ist nur noch Bewußtsein vorhanden, und man verweilt im Raum, jenseits von Erleber, Erlebtem und Erlebnis. Der Geist ist hier ohne Mitte oder Grenze, ohne Hier oder Da. Aus dieser Lage und dieser Einsicht heraus erscheinen seine unterschiedlichen Fähigkeiten durch ihre eigene Kraft. Wenn diese Phase des Im-Raume-Verweilens nicht mehr zu halten ist - in der man nicht wie die Christen bewußt Gutes denkt und Schlechtes vermeidet oder wie die Hindus gar nichts denkt, sondern ohne zu bewerten die Gedanken kommen und gehen läßt -, läßt man wieder eine Welt entstehen, frisch, strahlend und neu. Zum Schluß schenkt man all das Gute, das eben entstand, an alle Wesen weiter.

Eine die Menschen oft sehr verändernde Meditation dieser Art lehre ich mehrere Male jedes Jahr rund um die Welt. Sie heißt "Phowa", die Übung des "Bewußten Sterbens". Die Übertragung kam vor 950 Jahren durch Naropa nach Tibet und gibt es wohl nur in den drei alten Diamantweg-Schulen des tibetischen Buddhismus. Man lernt dabei die Beherrschung des Sterbevorgangs, um später im Moment des Todes das Bewußtsein in einem Zustand höchster Freude zu erfahren. Bei der Übung entstehen drei Arten von Zeichen. Erst das körperliche, eine Öffnung etwa acht Fingerbreit hinter der "ursprünglichen" Haarlinie. Sie ist nicht groß, eher wie ein kleiner Riß oder sichtbar durch einen Blutstropfen, und die meisten erleben dabei, daß sie den Körper kurz verlassen und Bereiche höchsten Glücks und vollkommener Freiheit erfahren. Das zweite, innere Zeichen ist die Durcharbeitung von vielen gespeicherten Eindrücken, die erscheinen, wenn die innere Energiebahn im Körper durch die kraftvollen Übungen gereinigt wird. Da tauchen auch Ängste und Unsicherheiten im Geist auf, aber vor allem entstehen echte Erfüllung und sehr große Freuden. So sind die äußeren und inneren Verwirklichungen. Das dritte, geheime Zeichen ist die Gewißheit, daß die Angst in sehr hohem Masse verschwunden ist. Es ist die Überzeugung, daß man irgendwie unzerstörbar ist. Immer mehr ruht man in seiner Mitte und wird das, was wahrnimmt, nicht das viele, was wahrgenommen wird. Es ist nichts Angelerntes - jeder kann sehr leicht die richtigen Worte lernen -, sondern es ist die Gewißheit, daß Körper und Rede unser Reichtum sind, Mittel, womit anderen Wesen genutzt werden kann. So wächst die wichtigste buddhistische Erfahrung überhaupt - die vom Geist. Man versteht, daß man das ist, was gerade durch die Augen schaut und durch die Ohren hört, was die Dinge erlebt und bewußt ist. Daß es sinnlos ist, sich wegen dem Gesehenen und Erlebten, dem inneren wie äußeren Theater aus seiner Mitte zerren zu lassen. So greift man aus einer gesicherten Lage mit Körper und Rede in die Welt hinein und hilft den Wesen bei ihren vielen vergänglichen und verwirrten Zuständen und Geschehnissen. Von der Ebene der furchtlosen Freude, die durch das Verstehen des Geistes entsteht, zum Besten aller Wesen arbeiten zu können, ist das wirkliche Ziel.

Buddha lehrte verschiedene Wege, um dorthin zu kommen. Einige Menschen sind nicht so mutig. Sie möchten vor allem Schwierigkeiten vermeiden, und fühlen sich von Herausforderungen verunsichert. Diese Leute werden oft Mönche oder Nonnen. Dadurch sind sie abgesichert, müssen sich mit vielen Sachen nicht abgeben und fühlen sich geschützt.

Andere Leute wollen die Welt erobern. Sie wollen wie ein Raddampfer eine Spur durch die bedingte Welt setzen. Und sagen: jetzt machen wir eine bessere Gesellschaft, jetzt bauen wir richtig was auf. Diese Ebene der Tat ist für die sogenannten Laien. Hier lehrt der Buddha nicht, was zu vermeiden wäre, sondern was möglich und nachstrebenswert ist, wie das Leben für andere und für einen selbst sinnvoller und reicher gestaltet werden kann.

Seine höchste Belehrungsebene liegt auf der Ebene der Sicht, auf der sogenannten Verwirklicherstufe. Wir haben früher Yogi gesagt, aber bei dem Wort denken die meisten Leute an einen Hindu mit Turban. Deshalb sagen wir jetzt Verwirklicher. Es bedeutet, daß man aus seinem Leben wirklich das verwirklicht, was möglich ist. Und hier geht es vor allem um die Sichtweise. Es geht darum, daß man alles auf der höchstmöglichen, reinstmöglichen Ebene erleben kann. Daß man versteht, daß man nicht sterben muß, um in ein Reines Land zu gehen und auch nicht woanders hingehen muß, um Buddhas zu begegnen. Sondern, daß jedem Wesen alle erleuchteten Eigenschaften innewohnen. Die Einsicht, daß der Geist eines jeden klares Licht ist, daß sogar der Erleber der kleinen Spinne, die nur ein paar Quadratzentimeter Netz überschauen kann, klarer Raum ist, diese Einsicht setzt alles frei. Kann man noch dazu alles als frisch und neu erfahren, daß jedes Atom vor Freude schwingt und vor Liebe zusammengehalten wird, kann der Geist wirklich seine freudige Kraft entfalten, und das Glück wird dauerhaft.

Es dreht sich um einen Sprung aus den Bildern in den Spiegel, das Bewußtsein geht hier von den Wellen in das Meer und kehrt sich von den Erlebnissen zum Erleber selbst. Der Satz, der meinen Vortrag von heute abend in Weg und Ziel zusammenfassen könnte, würde lauten: Sich wie ein Buddha benehmen, bis man einer geworden ist. Gut? Das bedeutet, die Einsicht zu verstärken, daß alle Buddhas sind, die es nur noch nicht erkannt haben, und daß alles schon ein Reines Land ist. Man braucht sich tatsächlich nur den Staub von den Augen zu wischen, um wahrzunehmen, daß alles ein Ausdruck ist von selbstentstandener, vollkommener Weisheit. Daß hier und jetzt, immer und überall die grenzenlosen Möglichkeiten des Raumes spielen. Für ein wirkliches, letztendliches und dauerhaftes Glück ist diese Einsicht unumgänglich, und buddhistische Meditationen zielen auf diese Erfahrung. Obwohl Buddha vor 2500 Jahren der Vorstellungswelt seiner Schüler entsprechend seinen Zustand als "das Ende vom Leid" erklärte, ist die Erfahrung eigentlich so stark, wie die Finger in der Steckdose zu halten, und erfährt sich gleichzeitig als riesiges, zeitloses Glück.

Es gibt drei Arten der Meditation, um diesen Zustand zu erreichen: Eine, in der der Geist beruhigt und festgehalten wird, wie eine Tasse Kaffee, die man nicht mehr schüttelt, bis sich alles von selbst darin widerspiegelt. Ein anderer Weg ist die Arbeit mit der Einstellung, wo Mitgefühl und Weisheit die Vertiefung nähren. Bei der dritten und höchsten Ebene der Einswerdung führen Einsicht, Kraft und tiefes Vertrauen zu einer vollen Öffnung aller innewohnenden Eigenschaften des Geistes. Hier wird man erst einsgerichtet, weil der Geist nichts mehr von anderswo braucht, dann ungekünstelt, weil der Reichtum des Vorliegenden jede Wunschvorstellung übertrifft, als nächstes erfährt man den unerschütterlichen Erleber durch jede Erfahrung hindurch, und schließlich ist keine bewußte Anstrengung mehr nötig. Ohne Trennung zwischen Subjekt, Objekt und Tat tut man, was den Wesen auf Dauer nutzen wird.

Zum Abschluß möchte ich Euch noch auf einen Punkt aufmerksam machen, der für Psychologen und Therapeuten nützlich sein kann. Nämlich, daß es die normale Wahrheit gar nicht gibt. Meistens denkt man, es gäbe zwischen den rosigen Träumen und schwarzgrauen Abgründen irgend etwas Wirkliches, eine Stelle der Wahrheit. Die wurde aber bis jetzt nicht gefunden, und sucht man etwas wirklich Vorhandenes und Unzerstörbares, gibt es nur eins, und das ist der Punkt, wo alles zusammenkommt. Wo höchste Freude, Liebe, Kraft, Mut, Energie, Weisheit und Einsicht sich ergänzen.

Anders gesagt: Höchste Funktionsebene ist höchste Wahrheit. Je besser es einem geht, je runder alles läuft, je mehr spannende Seiten des Geistes erscheinen, desto näher kommt man an den Buddha-Zustand. Der Unterschied von Buddha zu uns ist, daß er alle Fähigkeiten von Körper, Rede und Geist entwickelt hat. Jeder kann genau dasselbe tun, und wie schon mehrmals gesagt: Ein größeres Glück gibt es nicht.

So, jetzt höre ich auf, ich will nicht, daß ihr den Anfang vergeßt, weil das Ende zu lang wurde. Viel Glück, Euch und Eurem Umfeld!


Erschienen in "Die Suche nach Glück und Sinn", Verlag Mandala Media 1997