Aus: Buddhismus Heute Nr. 24, ( 1997)

Die Meditation auf den 16. Karmapa

Von Gabi Wohlfahrtstätter-Volenko

Die wichtigste Praxis in den Karma-Kagyü-Zentren

 

Jede Meditation hat ihre verschiedenen Aspekte, über die man schreiben könnte. Unsere Karmapa-Meditation bildet da keine Ausnahme. Da sie zum Guru-Yoga zählt, könnte man sich auf die Bedeutung des Lehrers konzentrieren, oder, wegen ihrer Kürze und Prägnanz, auf den Zusammenhang mit unserer modernen Zeit. Sie ist aber auch eine Diamantweg-Meditation par excellence, und darauf möchte ich hier besonders eingehen.

Betrachten wir uns einmal die Methoden, die Buddha gab, so beeindrucken sie nicht nur wegen ihrer Vielfalt, sondern auch wegen ihrer tiefen Kenntnis des menschlichen Geistes. Sie sind hervorragende pädagogische Mittel, die all unseren kleinen und großen Gewohnheiten und Schwierigkeiten Rechnung tragen.

Das große Ziel des Diamantweges ist, uns mit der Erleuchtung zu verbinden, indem wir uns von vorn herein mit ihr identifizieren, nur um festzustellen, daß sie schon immer unsere eigene, innere Natur war. Da hat es der Buddha jedoch nicht so leicht mit uns, denn wir bestehen vehement auf unsere irrtümlichen Wahrnehmungen. Unsere Gewohnheiten diesbezüglich sind so stark, daß es nicht reicht, nur zu wissen, wie die Dinge sind. Wir brauchen Erfahrungen damit. Und da wir von Natur aus skeptisch sind, brauchen wir eine schrittweise Annäherung.

Als erstes lehnen wir uns an denjenigen an, zu dem wir das meiste Vertrauen haben, dem wir wirklich zutrauen, die Natur des Geistes zu kennen... an Karmapa. Wir lassen ihn in unserer Vorstellung als Licht-Energieform vor uns im Raum entstehen. Das macht Spaß. Wir fühlen uns kreativ. Außerdem wird so erste Tuchfühlung mit der Erleuchtungsnatur aufgenommen.

Wir fühlen, wir schaffen etwas und haben das, was wir schaffen, unter Kontrolle. Das gibt uns Sicherheit. Aber was geschieht da eigentlich? Wir erschaffen ja nicht Karmapas Form sondern sie entsteht von selbst als der spontane Ausdruck der Liebe und des Mitgefühls aller Buddhas. Wir rufen nur die "Erinnerung" an sie wach. Da nun aber das Mitgefühl der Buddhas nicht verschieden ist vom Mitgefühl unserer Erleuchtungsnatur, rufen wir dies auch in uns, allein durch die Vorstellung der Form, wach. Man könnte es mit zwei Gitarren vergleichen: zupft man eine Saite auf der einen, so schwingt die gleiche auf der anderen mit. Warum? Weil sie die gleiche Schwingungsfrequenz besitzt.

Was geschieht weiter? Es werden auch unsere festen Vorstellungen langsam aufgeweicht. Gemeinhin sind physische Formen für uns massiv und wirklich. Licht-Energieformen kennen wir allenfalls lasergeschaffen. Nichtphysische Formen zu akzeptieren, fällt uns sehr schwer. Durch die Konzentration auf Karmapa als Licht-Energieform verstehen wir allmählich, das Form Leerheit ist, Leerheit Form, Form und Leerheit untrennbar sind, und unser Geist gewöhnt sich mit der Zeit daran.

Im nächsten Schritt wird dann eine direkte Verbindung zwischen uns und unserer Erleuchtungsnatur hergestellt. Licht strömt aus Karmapas Kraftzentren in unsere entsprechenden Stellen. Einerseits werden uns dadurch die verschiedenen Eigenschaften und Fähigkeiten übertragen, andererseits erfährt unser Geist aber auch, daß eine direkte Verbindung zwischen Karmapa und uns möglich ist und was sich miteinander verbinden kann, muß von derselben Natur sein. Wir werden vertraut mit der erleuchteten Kraft und dieser Eindruck verstärkt sich noch durch die Verwendung von Karmapas Mantra. Von allen Seiten wird jetzt unser wahres Wesen geweckt und wir sind damit gut vorbereitet für den letzten Schritt.

Denn nun löst sich der Lama in Regenbogenlicht auf, strahlt in uns hinein, durch uns hindurch und jede Form verschwindet. Es bleibt das strahlende, klare Licht, hellwache Entspanntheit, riesige Freude und die Freiheit, den eigenen Geist in seinem reinen, unverfälschten Zustand zu erleben!

Was ist geschehen? Ohne uns dessen bewußt zu sein, haben wir uns unserer wahren Natur geöffnet, und das Ergebnis ist unerwartet und unvergleichlich. Gemeinhin unterschätzen wir die Kraft unseres Geistes. Um etwas Intensives zu erleben unternehmen wir meist eine ganze Menge. Daß bloße Vorstellungen zu solchen Erlebnissen und Ergebnissen führen können, gehört normalerweise nicht zu unseren Erfahrungen. Deshalb fühlen wir uns sicher und geschützt in unserer eigenen Welt. Daß diese schon dabei ist sich aufzulösen bekommen wir nicht so mit, weil Buddha all unsere Gewohnheiten verwendet. Warum arbeiten wir mit Formen in unserer Vorstellung? Weil wir sowieso die ganze Zeit Formen wahrnehmen. Unsere ganze äußere Welt besteht aus Formen. Das gleiche gilt für Klänge, Farben usw. In der Meditation tun wir genau das, was wir immer tun, und deshalb ist es uns vertraut. Hier allerdings ist es mit unserer Erleuchtungsnatur verbunden und darum fällt das Ergebnis anders aus als jemals erwartet.

Und das ist gut so, denn macht man sich schon einmal die Mühe und investiert seine Zeit, so soll wenigstens am Ende das Richtige dabei herauskommen, und das ist in diesem Fall die vollständige Erleuchtung.

Wie wir sehen, ist die Meditation so angelegt, daß wir gar nicht umhin kommen, erleuchtet zu werden, so wir sie in der richtigen Weise verwenden. Daß wir vielleicht mehr als eine Sitzung brauchen, liegt sicherlich eher an uns. Aber wie es ja so schön heißt: der Weg ist das Ziel; will meinen: während wir uns in der Erleuchtung üben, fängt der Spaß schon an. Viel Glück!


Gabi Wohlfahrtstätter-Volenko

lebt im Wuppertaler Zentrum. Sie ist seit 18 Jahren im Dharma und Schülerin von Lama Ole Nydahl. Seit 1990 betreut sie die Zentren in Rußland und lehrt in Lama Ole Nydahls Auftrag.