HOME 0 ARCHIV 0 BUDDHISMUS ABO NACHBESTELLUNG IMPRESSUM KONTAKT
BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 24, ( 1997)

Auf dem Mahamudraweg ist Segen absolut notwendig

Von Jamgön Kongtrul Rinpoche

Wenn wir die Hilfe eines Lamas bekommen, dann kann durch unsere Offenheit der Segen des Lamas die Essenz unseres Geistes, unsere Buddha-Natur, die höchste Weisheit sehr schnell zur Entwicklung bringen.

Der Segen wirkt durch das Zusammenkommen unserer Offenheit und des Segens vom Lama. Es ist dann nicht nur unsere eigene Anstrengung, die uns dann vorwärtsbringt, sondern wir bekommen Hilfe durch den Lama. Das macht unseren Weg sehr schnell und direkt. Wenn der Segen von Körper, Rede und Geist des Lamas zu uns kommt und wir dadurch die Natur unseres Geistes sehen können, ist das wie das Aufwachen vom Schlaf der Unwissenheit.

Die Offenheit, die diesen Prozeß ermöglicht, ist mehr als einen Lehrer nur zu mögen ,weil er gut reden kann oder weil man ihn sonst irgendwie toll findet. Damit der Segen übertragen wird, ist es vor allem nötig, daß man den Lama als die Essenz aller Buddhas, als völlig rein sieht; dann wird die Hingabe sehr tief und rein sein, und der Segen kann ganz schnell wirken. Das Mittel, um diese Hingabe zu entwickeln, ist Guru-Yoga, die Meditation auf den Lama. Bei uns ist dies die Karmapa-Meditation. [...]

Wenn wir auf den Lama meditieren, brauchen wir Vertrauen, damit sich Hingabe entwickeln kann, wir den Segen empfangen können und dann die Natur des Geistes erkennen. Unsere Kagyü-Linie ist insbesondere eine Übertragungslinie von Hingabe; in vielen Gesängen von Erleuchteten aus unserer Linie wird immer wieder betont, daß Hingabe die Voraussetzung für das Erkennen der Natur des Geistes ist. Die Hingabe ist wie ein Keim, ohne den nichts wachsen kann.

Man unterscheidet drei Arten von Vertrauen: Die erste ist ein grundlegendes Vertrauen, so daß man überhaupt das Bedürfnis hat, den Dharma zu lernen und zu praktizieren, und zum Beispiel nicht dazu gezwungen wird. Die zweite Art ist ähnlich, aber sie geht tiefer; das Bedürfnis zu praktizieren und sich anzustrengen wird größer, weil man wirklich versteht, wie wichtig es ist. Die dritte Art hat zu tun mit Vertrauen in die drei Juwelen und in das Gesetz von Karma. Man hat das tiefe Vertrauen, daß alle unsere Handlungen Folgen haben. Wenn wir diese drei Arten von Vertrauen haben, entsteht tiefe Hingabe. Unter Umständen kann es schwierig sein, eine solche ganz reine Hingabe zu jemandem mit einem physischen Körper zu entwickeln. Dann kann man sie zu einem Yidam entwickeln, was ebenfalls sehr gut ist.

Es gibt viele Arten von Guru-Yoga. Für uns als Schüler der Karma-Kagyü-Linie ist der Guru der Karmapa. Manche Leute sind sich nicht sicher, welcher Lama ihr Wurzel-Lama ist. Dies ist jedoch kein Problem, denn wenn wir zu einem Lehrer ein ganz spezielles Verhältnis haben, dann können wir ihn als unseren Wurzel-Lama nehmen und denken, daß Karmapa die Quelle für alle Lamas ist. Wenn wir gerne auf diesen Lama meditieren wollen, so können wir das tun. Wir sollten aber unbedingt denken, daß die Essenz dieses Lamas der Karmapa ist, daß dieser Lama eine Aktivität von Karmapa ist. Alles kommt von Karmapa.

Ich sage dies nicht nur, weil er mein eigener Lama ist, sondern weil es viele Ebenen von Tulkus, von bewußt Wiedergeborenen, gibt und der Lama Karmapa sich auf der höchsten Tulku-Ebene befindet. Das heißt, daß er voll erleuchtet ist und sich - um den Wesen zu helfen - wieder und wieder gebären läßt. Sein Name "Karmapa" heißt auch "Herr der Buddha-Aktivität". Die schwarze Krone wurde ihm im Moment seiner Erleuchtung von 100000 Dakinis geschenkt. So wie ein König inthronisiert wird, so erhielt Karmapa von den Dakinis die Schwarze Krone als Zeichen seiner Erleuchtung und seiner Funktion als "der Mann der Aktivität aller Buddhas". Diese Krone ist, obwohl für uns nicht sichtbar, immer da. Später wurde sie materiell nachgemacht, damit auch wir sie sehen können als das Zeichen von Karmapas Aktivität.

Guru-Yoga ist die Essenz unserer Praxis, obwohl wir natürlich das ganze Ngöndro praktizieren sollten. [...] Wenn wir richtig Guru-Yoga praktizieren, ist es möglich für uns, den Segen zu empfangen und uns damit weiterzuentwickeln. Auch für eine Yidam- oder Schützer-Praxis gilt: Ohne den Segen des Lamas geschieht eigentlich nichts. Besonders auf dem Mahamudra-Weg ist der Segen absolut notwendig; ohne ihn passiert nichts, die Erfahrung entsteht einfach nicht. Manche Leute denken, daß Guru-Yoga nur Vorbereitung ist, weil es zum Ngöndro, der Vorschulung, gehört. Sie können seine Bedeutung deshalb nicht richtig schätzen. Aber wenn man seinen Geist erkennen will, dann gehört Guru-Yoga-Praxis einfach dazu, man muß es tun. Unsere Motivation dabei ist ebenfalls sehr wichtig. Wir sollten Bodhicitta, den Erleuchtungsgeist, entwickeln und meditieren, um anderen Wesen helfen zu können. Wir sollten immer wünschen, daß alle Wesen die Erleuchtung erlangen. Wenn wir mit dieser Einstellung Guru-Yoga praktizieren und auch wenn Guru-Yoga unsere Hauptpraxis ist, dann sind wir auf dem richtigen Weg.


Dieser Text ist ein Auszug aus einer Belehrung von Jamgön Rinpoche, die 1990 in Kagyü Life Nr. 3 unter dem Titel "Guru-Yoga - den Segen Karmapas empfangen" veröffentlicht wurde. Sie wurde 1987 in Regensburg gegeben.

Jamgön Kongtrul Rinpoche (1954 - 1992) galt als die dritte Wiedergeburt eines der größten Gelehrten und Meditationsmeister der Karma-Kagyü-Linie, des Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye. Dieser lebte im letzten Jahrhundert in Osttibet und war der Guru des 15. Karmapa. Auch seine Wiedergeburt - Jamgön Kongtrul Kyentse Öser - wurde ein Kagyü-Linienhalter; er übertrug dem 16. Karmapa die essentiellsten Lehren. Der dritte Jamgön Kongtrul Rinpoche - Lodrö Tschökyi Senge - floh als Kind zusammen mit dem 16. Karmapa aus Tibet und wurde im Kloster Rumtek in Sikkim erzogen und ausgebildet. Er begleitete als Jugendlicher den 16. Karmapa auf mehreren Reisen in den Westen und wurde später selbst als Dharmalehrer im Westen sehr aktiv. Schon 1992 starb er jedoch bei einem Autounfall in Sikkim.