Aus: Buddhismus Heute Nr. 24, ( 1997)

Die Meditation auf den Lama

Zitate großer Meister zur Bedeutung des Guru-Yoga

Da im Sommer 1997 einige Fragen zum Guru Yoga auftauchten, möchten wir hier in Kagyü Life nach einigen philosophischen Artikeln einen ersten Überblick über diese so wichtige Meditationsweise geben. Paul Waibl aus Schwarzenberg und Detlev Göbel aus München haben Zitate zusammengestellt von sehr alten, alten und von noch lebenden Diamantwegsmeistern.
Milarepa:
"Emaho! Gütiger Marpa Lhodragpa! Von Herzen denke ich an Dich, Und im Herzen halte ich Dein Bild Und bete immer wieder, nie von Dir getrennt zu sein. Wenn ich meinen Geist mit dem des Lamas mische, bin ich glücklich."

Marpa, der erste Tibeter in der Kagyü-Linie, hatte in Indien zwei Hauptlehrer - Naropa und Maitripa. Nach den unterschiedlichen Belehrungen, die er von ihnen erhielt, spricht man in der Kagyü-Linie vom "Weg Maitripas" und dem "Weg Naropas" - zwei Zugänge zum höchsten Ziel, der Mahamudra-Erkenntnis. Diese beiden Schwerpunkte der Praxis sind jedoch keine Besonderheit der Kagyü-Linie, sondern dem Diamantweg an sich zu eigen; im allgemeinen werden sie der "Weg der Befreiung" und der "Weg der Mittel" genannt.

Auf dem "Weg Naropas" stehen nach den Grundübungen (tib. Ngöndro) die Diamantwegs-Meditationen auf Licht- und Energieformen (tib.: Yidam) sowie Meditationen auf das innere Energiesystem im Vordergrund. Auf dem "Weg Maitripas" arbeitet man nach den Grundlegenden Übungen (tib.: Ngöndro) mit der Meditation der Geistesruhe (tib.: Shine) und der Meditation des Klaren Sehens (tib.: Lhagtong). Dies ist ein Aspekt dieses Weges.; ein zweiter, der "Tantra-Weg der Befreiung", arbeitet auch mit Diamantwegsmethoden.

Als Ausdruck von der bleibenden Frische und Vielfalt der höchsten Mittel Buddhas nimmt im Westen auf Wunsch des 16. Karmapa das Guru Yoga eine wichtige mittlere Stellung zwischen den beiden erwähnten Wegen ein. Sie ist im täglichen Leben vielfach und ohne lange Zurückziehungen verwendbar, und um die 90 Prozent von Lama Oles Schüler verwenden nach den Grundübungen ihre vielfachen Mittel, die wegen der erreichten menschlichen Reife erstklassige Zugänge auch zu den Wegen Naropas und Maitripas bieten.

Das Herz des Guru-Yoga-Weges ist Hingabe und die Identifikation mit dem Lama, und unter den verschiedenen Schulen des tibetischen Buddhismus ist insbesondere die Kagyü-Linie berühmt dafür, die Linie dieser Art der Verwirklichung zu sein. So fangen beispielsweise die meisten Lieder Milarepas - der berühmteste Yogis Tibets und das große Vorbild aller Kagyü-Praktizierenden - mit einer hingebungsvollen Preisung seines Lehrers Marpa an.

Die Literatur zu den höchsten buddhistischen Praktiken - dem Diamantweg, dem Mahamudra und dem Maha Ati - ist voll von Aussagen großer buddhistischer Meister zur besonderen Rolle des Guru-Yoga. Viele dieser Meister betonten, daß es möglich ist, allein durch Hingabe und durch die Meditation auf den eigenen Lehrer das höchste Ziel zu erreichen:

Der 9. Karmapa Wangtschug Dorje sagt:
"Meditiere darauf, daß der glorreiche Guru ungetrennt [von dir] über deinem Kopf verweilt. Denke an seine Güte, und öffne dich wieder und wieder für ihn. Wenn du deine Hingabe vervollkommnest und deinen Geist mit seinem vermischst, wirst du allein dadurch dein Ziel erlangen."

Dhagpo Tashi Namgyal, Verfasser eines der wichtigsten Mahamudra-Werke in der Kagyü-Linie ("Mondstrahlen des Mahamudra"):
"Diese Meditationsschule [die Kagyü], der man nachsagt, die Kraft der Segensübertragung zu haben, empfiehlt zwei Wege, um eine erste Meditationserfahrung zu machen und um diese zu verwirklichen. Beide bauen auf dem Segen eines Guru. Deswegen sollte ein Meditierender sein möglichstes tun, um den reinsten Zustand eines Guru durch intensive Meditation zu erkennen."

Dilgo Khyentse, einer der größten Meister des Tibetischen Buddhismus und insbesondere der Nyingma-Linie:
"Die tiefgründigsten aller Lehren, das Mahamudra und das Maha Ati, werden eher durch Hingabe als durch Intellektualisieren erkannt."

Rigdzin Jigme Lingpa, einer der größten und wichtigsten Lehrer der Dzogchen-Linie im 18. Jahrhundert:
"Als ich die Schriften des zweiten Buddhas, Longchenpa, sah, dämmerte mir, daß er wirklich ein Buddha war, und ich betete mit großer Inbrunst zu ihm. Er erschien mir in einer Vision und nahm mich an. Spontane Erkenntnis wurde in mir geboren, und seit diesem Tag habe ich mehr als hundert Schüler geleitet. [...] Die Weise, wie sie alle die letztendliche Wahrheit erkannten, war ausschließlich durch die Kraft ihrer Hingabe."

Viele Leute denken, wenn sie den Ausdruck "Guru-Yoga" hören, zuerst einmal an die letzte der Grundübungen (Ngöndro). Die Ausrichtung des Geistes auf Erleuchtung zum Wohl aller Wesen, die Reinigung von negativen Eindrücken und das Auffüllen mit positiven Eindrücken bewirken den Aufbau von guten Eindrücken und Weisheit. Diese ermöglichen in der vierten Übung - dem Guru-Yoga - die Verschmelzung mit Körper, Rede und Geist Karmapas.

So kommt manchmal die Idee auf, daß Guru-Yoga eine Art Anfängerpraxis sei, nach der man dann zu den "hohen" Praktiken kommen würde. Die Meditation auf den Lama geht jedoch weit darüber hinaus, nur eine Vorbereitungspraxis zu sein. Viele Lehrer empfehlen heute, daß man nach den Grundlegenden Übungen eine Guru-Yoga-Praxis weiterüben sollte - zumindest für einige Zeit, wenn nicht als Hauptpraxis. Verwendet werden hier vor allem die Meditation auf den 8. Karmapa Mikyö Dorje, zum Teil auch Meditationen auf den 2. Karmapa Karma Pakshi, auf Milarepa, Marpa oder auf andere Meister.

Von vielen großen Meistern wird Guru-Yoga tatsächlich als die eigentliche Hauptpraxis angesehen:

Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye, Linienhalter der Karma-Kagyü-Schule im letzten Jahrhundert und einer der größten Gelehrten der Linie:
"Auch wenn Guru-Yoga als ‘Vorbereitende Übung’ bezeichnet wird, so ist sie doch die eigentliche Hauptpraxis, denn von ihr hängt es ab, ob Meditation entsteht oder nicht."

Dilgo Khyentse Rinpoche:
"Da das eigentliche Herz aller Stufen und Praktiken genau dieses Guru-Yoga ist, würde man ziemlich fehlgehen, wenn man es nur für eine Vorbereitende Übung und deshalb für unwichtig halten würde."
und: "Technisch gesehen gehört Guru-Yoga zum Ngöndro, den sogenannten ‘Grundübungen’. Tatsächlich jedoch ist es das Herz der Hauptpraxis."

Patrul Rinpoche, einer der berühmtesten Meister des Tibetischen Buddhismus aus dem letzten Jahrhundert:
"Ihr könnt diese Lehre mit allen anderen in den neun Yanas vergleichen, aber ihr werdet keinen besseren oder tiefgründigeren Pfad als diesen finden. Es mag vielleicht eine ‘Vorbereitende Übung’ genannt werden, ist aber in der Tat der wichtigste Punkt aller Hauptpraktiken. Wenn ihr dies immer und überall zum Herz eurer Praxis macht, wird es völlig ausreichen - auch wenn ihr nichts sonst praktiziert."

Longchenpa aus der Nyingma-Linie, ein Zeitgenosse des dritten Karmapa und einer der größten Gelehrten in der Geschichte Tibets:
"Allein durch die Praxis der Hingabe zum Lehrer wird man leicht die Stufen und Pfade erlangen. Wenn man in Gedanken nie vom geistigen Lehrer getrennt ist, werden alle voll Erwachten untrennbar immer bei einem sein. Obwohl diese Praxis als letzter Teil der Vorbereitenden Übungen bezeichnet wird, ist es in der Tat die wichtigste Praxis überhaupt."

Echte Hingabe ist kein blinder Glauben, sondern erfordert Voraussetzungen, zum Beispiel eine gründliche gegenseitige Prüfung von Lehrer und Schüler. Ein guter Lehrer lehrt daher den Leuten auch Kriterien, anhand derer sie ihn und andere Lehrer im Rahmen der heutigen Möglichkeiten prüfen können.

Wenn der Schüler danach zu echter Hingabe gegenüber einem authentischen Lehrer fähig ist, so ist dies der schnellste Weg, um spontan und mühelos meditative Erfahrungen und Erkenntnisse entstehen zu lassen.

Einige Zitate der großen Meister gehen deswegen noch darüber hinaus, Guru-Yoga als die Hauptpraxis zu bezeichnen. Sie bezeichnen Guru-Yoga tatsächlich als die tiefgründigste aller buddhistischen Praktiken:

Dilgo Khyentse Rinpoche:
"...wird Guru-Yoga als die wichtigste und notwendigste aller Praktiken angesehen und ist in sich selbst der sicherste und schnellste Weg um das Ziel der Erleuchtung zu erlangen." und: "Den eigenen Geist mit dem seines Lehrers zu vereinen, ist die tiefgründigste aller Praktiken und der kürzeste Weg zur Verwirklichung. Es ist die Lebenskraft des Pfades und die eine Praxis, die alle anderen in sich vereint."

Longchenpa:
"In Praktiken wie Kyerim und Dzogrim ist es nicht die Natur dieser Pfade selbst die Befreiung bringt, da dies von anderen Faktoren abhängt, zum Beispiel wie man sich der Praxis annähert und seine Erfahrungen vertieft. Beim Guru-Yoga jedoch läßt der Pfad selbst - nur durch seine ihm zueigene Natur - die Erkenntnis der wahren Natur der Dinge in einem entstehen und bringt Befreiung. Aus diesem Grunde ist Guru-Yoga der tiefgründigste aller Pfade."

Tashi Özer, ein Schüler von Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye:
"Durch Guru-Yoga, den Pfad der Hingabe, bringst du die Gedanken der Reinen Sicht auf den Pfad und erkennst mühelos das Dharma des Mahamudra."

Daß der Weg des Guru-Yoga heutzutage vielleicht nicht mehr so leicht zu gehen ist, deutet Lama Ole Nydahl in seinem Buch "Wie die Dinge sind" an, wo er sagt: "Da nicht jeder Lehrer unerschütterlich ist und nicht jeder ein tiefes Vertrauen aufbauen kann, ist es nicht leicht, diesen Weg zu gehen. Wenn der breite Stiel von allgemein interessierten zukünftigen Buddhisten der Speerspitze meiner Yogi-Schüler folgt, die jetzt den Vorstoß des Diamantweges in die Welt wagen, wird die Übung des Guru-Yoga vielleicht wieder mehr geheim."

Es mag für sensible Gemüter etwas extrem klingen, aber viele große Meister der Kagyü- und anderer Linien betonten sogar, daß es eigentlich nur durch Hingabe und Guru-Yoga möglich ist, Erleuchtung zu erlangen. Lama Ole erklärt das an anderer Stelle folgendermaßen: "Je höher man den Lehrer sehen kann, desto unmittelbarer wird man die Mittel von ihm oder ihr aufnehmen können. Wer süßliche Gefühle vermeiden und den Lama als klaren Ausdruck von den eigenen innewohnenden Eigenschaften sehen kann, drückt so die meisten Erleuchtungsknöpfe in seinem Geist."

Gampopa, der Hauptschüler Milarepas und Lehrer des ersten Karmapa:
"Für die Erkenntnis von Mahamudra gibt es keine andere Methode außer vertrauensvoller Hingabe."

Jigten Sumgön, der Begründer der Drikung-Kagyü-Linie:
"Die einzige sichere Methode, um spirituelle Erkenntnisse zu entwickeln, ist vertrauensvolle Hingabe."

Kjeme Shang:
"Erkenntnis hängt einzig und allein von Segen ab. Nur durch den Segen eines verwirklichten Meisters wirst du das Selbst-Gewahrsein von innen her erfahren."

Dilgo Khyentse Rinpoche:
"Wer auch immer die Weisheit jenseits des Intellektes finden will ohne sich für seinen Lama zu öffnen, ist wie jemand, der in einer nach Norden offenen Höhle auf die Sonne wartet. Er wird niemals die Einheit von Erscheinungen und Geist erkennen."
und: "Man kann [Dzogchen und Mahamudra] nicht ohne Guru-Yoga erkennen. Guru-Yoga ist der Schlüssel."

Patrul Rinpoche:
"Die hingebungsvolle Praxis des Guru-Yoga ist der einzige Weg, um die Erkenntnis des ungeschaffenen wahren Zustandes in euch zu erwecken. Keine andere Methode wird funktionieren."

Drikung Kyobpa:
"Bevor nicht die Sonne der Hingabe auf den Schneegipfel der vier Buddhazustände des Lehrers scheint, wird der Strom seines Segens niemals fließen. Erweckt also ernsthafte Hingabe in eurem Geist!"

Unter den verschiedenen Schulen des Tibetischen Buddhismus gilt insbesondere die Kagyü-Schule als die, welche am stärksten den Segen durch Hingabe und die Entwicklung durch eine enge Verbindung zwischen Lehrer und Schüler betont:

Gampopa:
"Unsere Linie ist die Segens-Linie. Ein tiefes Verständnis von Mahamudra ist ohne den Segen eines Gurus nicht möglich. Die Übertragung des Segens kann ohne Schwierigkeiten geschehen. Sie entsteht durch Anrufung aus Vertrauen und Verehrung. Ein Schüler mit tiefem Vertrauen bekommt einen kraftvollen Segen. Einer mit mittlerem Vertrauen erhält einen mittelmäßigen Segen, einer mit geringem Vertrauen einen schwachen Segen. Es liegt in der Natur der Dinge, daß man keinen Segen ohne Vertrauen bekommen kann. Für die Praktizierenden, die es nicht geschafft haben, ein tiefes Verständnis zu entwickeln, gibt es keinen anderen Weg, als mit Vertrauen dem Guru Ehre zu erweisen und durch Meditation seinen Segen zu erwecken."

Der 9. Karmapa Wangtschug Dorje:
"Unsere Übertragungslinie ist vornehmlich eine Segenslinie: Ohne den Segen der spirituellen Meister empfangen zu haben ist es deshalb nicht möglich, meditative Erfahrungen und Erkenntnisse hervorzubringen."

Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye:
"Wenn Du Hingabe in Deinem Herzen verstärkst, trifft in der Einsicht ‘Stein auf Knochen’ und man erhält den höchsten Segen der Linie." und:
"Der Schlüssel für die rasche Aufnahme von Segen ist die Meditation auf den Guru als Buddha."

9. Karmapa:
"Die beste Art, Hindernisse zu beseitigen und die Praxis zu vertiefen, ist durch Hingabe. Bei großer Hingabe ist auch die Meditation am besten. Bei mittlerer Hingabe ist auch die Meditation mittelmäßig. Bei kleiner Hingabe ist die Meditation armselig. Ist überhaupt keine Hingabe vorhanden, entsteht auch keine Meditation. Da hier bei uns die Qualität der Meditation von der Stärke der Hingabe abhängt, ist es wichtig, vor allem der Hingabe einsgerichtete Energie zu widmen und von ganzem Herzen und vom ‘Mark der Knochen’ zu beten."

Götsangpa, der Begründer der "Oberen Drukpa Kagyü"-Schule im 13. Jahrhundert:
"Mahamudra-Praxis hat zusammengefaßt nur einen Sinn: Öffne dich zuerst für den spirituellen Meister, dann verschmilzt er mit dir, und sein Vajra-Geist und dein Geist vermischen sich wie Wasser mit Wasser. In dieser Erfahrung lasse den Geist unberührt."

Die Nyingma-Schule wurde im 8. Jahrhundert in Tibet von dem indischen Meister Padmasambhava etabliert und ist die älteste der vier großen buddhistischen Schulen in Tibet. Ihre höchste Lehre ist das Maha Ati, das bei ihnen in etwa den Stellenwert hat wie das Mahamudra in der Kagyü-Schule. Auch in der Nyingma-Linie spielt Guru-Yoga eine zentrale Rolle:

Padmasambhava, der Begründer der Nyingma-Schule:
"Ihr solltet verstehen, daß der eigene Lama wichtiger ist als die tausend Buddhas dieses Zeitalters. Warum? Weil alle Buddhas dieses Zeitalters [erst] erschienen nachdem sie einem Lehrer gefolgt waren. Bevor es einen Lehrer gab, existierte nicht einmal das Wort ‘Buddha’"

Yeshe Tsogyal, die tibetische Hauptgefährtin Padmasambhavas:
"Meditiert nur auf das Strahlen des reinen Gewahrseins des Lama. Visualisiert den Lama und laßt die Visualisation euch völlig durchdringen, so daß ihr und der Lama eins werdet."
und: "Verliert nicht für einen Augenblick die Verbindung zu eurem Wurzellama. Visualisiert ihn, ehrt ihn, habt Respekt und Vertrauen in ihn. Öffnet euch für ihn und bittet um die vier Ermächtigungen und Segen. Meditiert auf ihn als ein brennendes Licht, das immer in eurem Herzen ist und visualisiert, daß ihr mit seinem Körper, Rede und Geist verschmelzt bis ihr untrennbar eins werdet."

Dudjom Rinpoche, das vor einigen Jahren verstorbene damalige Oberhaupt der Nyingma-Schule:
"Insbesondere ist es wichtig, all eure Energie auf Guru-Yoga zu konzentrieren und daran als das Leben und das Herz eurer Praxis festzuhalten."

Rigdzin Jigme Lingpa:
"Deinen eigenen Geist durch die vier Ermächtigungen mit dem Geist des Lamas zu vermischen und dann entspannt in diesem Zustand zu verweilen, ermöglicht es, daß der Segen des Lamas in den eigenen Geist eintritt. So werden der eigene Geist und der Geist des Lehrers untrennbar."

Der vor einigen Jahren verstorbene Urgyen Rinpoche:
"In der Kagyü- und der Nyingma-Tradition sagt man, daß Hingabe ein Allheilmittel ist, die Medizin die alle Krankheiten heilt. Wenn man sich nur auf Hingabe konzentriert, braucht man nicht Jahre mit dem Studium von Debatte, Philosophie, Grammatik, Kunst und so weiter zu verbringen. In der Vergangenheit haben Tausende von Praktizierenden Erkenntnis erlangt, indem sie den Pfad der Hingabe mit dem Pfad von Mahamudra oder Dzogchen vereint haben."

Einige der größten buddhistischen Meister haben wiederholt Vergleiche zwischen Guru-Yoga und anderen Praktiken gezogen. Es ist sicher nicht persönlichen Vorlieben oder Aversionen zuzuschreiben, daß es dabei oft hieß, daß Guru-Yoga alle anderen Praktiken enthält und ihnen allen überlegen ist. Eher ist es als ein weiterer Hinweis darauf zu sehen, daß all die geschickten Methoden des Diamantweges, des Mahamudra und des Maha Ati nur funktionieren, wenn sie von einem Halter einer lebendigen Übertragungslinie übermittelt werden. Ohne diese Verbindung fehlt ihnen ihre besondere Kraft. Ein anderer Grund ist, daß die meisten Guru-Yoga-Praktiken für die meisten Menschen - gerade in unserer heutigen Zeit - leichter zu praktizieren sind als viele der anderen Diamantwegs-Meditationen:

9. Karmapa Wangchuk Dorje:
"Um diese Erkenntnis hervorzubringen werden in den drei Schriftensammlungen sowie den vier Tantra-Klassen viele Methoden erklärt. In der Tradition unserer kostbaren Kagyü-Linie jedoch wird gelehrt, daß sie alle im tiefgründigen Weg der Hingabe zum Lama enthalten sind."

Patrul Rinpoche:
"Alle Tantras lehren die Praxis des Guru-Yoga und sagen, daß sie allen Praktiken des Kyerim und Dzogrim überlegen ist."

Götsangpa:
"Praktiziere so viel Visualisation wie du willst, Nichts übertrifft die Meditation auf den Lama, Rezitiere so viel wie du willst, Nichts übertrifft das Anrufen des Lama, Praktiziere so viel Vollendungsphasen wie du willst, Nichts übertrifft bedingungsloses Vertrauen."
und:
"Es gibt viele Kyerim-Praktiken Aber keine ist der Meditation auf den Lehrer überlegen. Es gibt viele Dzogrim-Praktiken Aber nicht eine davon ist der völligen Hingabe überlegen."

Dilgo Khyentse Rinpoche:
"Es wird gesagt, daß es größeren Nutzen bringt, wenn wir nur für einen Moment unseren Wurzellama mit großer Klarheit und Lebendigkeit vergegenwärtigen, als wenn wir auf 100.000 andere Buddha-Aspekte meditieren."

"Die unzähligen Unterweisungen für die Aufbauende- und die Vollendungs-Phase, für Dzogchen etc., sind alle in kondensierter Form im Guru-Yoga enthalten. Guru-Yoga ist wie das lebenswichtige Glied in einer Kette, das alle anderen Anweisungen miteinander verbindet. Es ist eine leicht auszuführende Praxis, ohne wirkliche Schwierigkeiten, ohne Risiken, etwas falsch zu machen, und führt zur höchsten Frucht. So wie eine geschickt konstruierte Maschine in einer Stunde die Arbeit von Hunderten von Arbeitern tun kann, so vereint hier eine einzige Belehrung alle anderen in sich; es fehlt nicht eine Belehrung, wie tiefgründig sie auch sein mag. Guru-Yoga ist die Hauptmethode für Fortschritt in unserer Praxis und zum Vertreiben von Hindernissen. Es ist ‘Das Eine, das alles verwirklicht’."

"Anders als die Praktiken der Entstehungs- und Vollendungsphase kann Guru-Yoga jederzeit praktiziert werden. Wenn wir zum Beispiel die Entstehungs- und Vollendungsphase praktizieren, so gibt es hinsichtlich der Haltung von Körper, Rede und Geist viele wichtige Dinge zu beachten. [...] Guru-Yoga jedoch kann jederzeit und unter allen Umständen praktiziert werden und bringt dieselben Verwirklichungen wie Kyerim, die Entstehungsphase."

"In Dzogrim, der Vollendungsphase, in den Praktiken wie Tummo und körperlichen Übungen wie ‘Große Vase’ und Halten des Atem gibt es gewisse Risiken durch Hindernisse und Fehler. Insbesondere besteht das Risiko, daß der ‘Herz-Wind’ sich verstärkt und dies zu Störungen im Geist führt. In der Praxis des Guru-Yoga gibt es solche Gefahren nicht und die verschiedenen Energiewinde treten natürlicherweise in den Zentralkanal ein. So wie das Essen von Nahrung sofort den Hunger vertreibt, erzeugt die Guru-Yoga-Praxis in uns die Verwirklichung der uns innewohnenden Weisheit."

Aus den Tantras:
"Hunderttausend Vergegenwärtigungen der Erscheinungsform einer Buddhaform, die hunderttausendmal ausgeführt werden, kommen einer einzigen unerschütterlichen Vergegenwärtigung der Erscheinungsform des Guru nicht gleich. Hundertmilliarden Übungen des Nyendrub [Mantrarezitation und Yidam-Rituale], die hunderttausendmal ausgeführt werden, sind nicht so wirksam wie eine einzige Anrufung des Guru, die ihm voller Aufrichtigkeit dreimal dargebracht wird. Jemand der eine Meditation der Vollendenden Stufe ausführt, die ein Kalpa wert ist, und dies zwanzigtausendmal tut, kommt demjenigen nicht gleich, in dessen Geist der Guru nur ein einziges Mal erscheint."

Aus dem Trisamayavyuharaja:
"Über eine Buddhaform mit den Zeichen und Symbolen Hunderttausend Zeitalter lang zu meditieren, wiegt einen Augenblick, in dem du an den Lama denkst, nicht zu einem Hunderttausendstel auf. Es ist besser, ein einziges Mal zum Lama zu beten, als eine Million Mantras eines Yidams zu rezitieren."

Eine der berühmten Begebenheiten aus der Geschichte der Kagyü-Linie ist die, daß der indische Meister Naropa eines morgens durch seine Meditationskraft die riesige Licht- und Energieform des Buddha-Aspektes Hevajra am Himmel manifestierte. Dann weckte er seinen Schüler, den Tibeter Marpa und sagte: "Schau, dein Yidam ist erschienen. Vor wem verbeugst du dich nun, vor ihm oder vor mir?" An diesem Punkt in seiner Entwicklung hätte Marpa es eigentlich schon besser wissen müssen. Aber aufgrund eines karmischen Schleiers verbeugte er sich vor dem Yidam statt vor seinem Lehrer. Naropa löste die Form von Hevajra auf und das Licht strahlte in sein Herz. Dann sagte er zu Marpa: "Bevor es einen Guru gab, war nicht einmal der Name Buddhas zu hören. All die Buddhas aus 1000 Weltzeitaltern entstehen alle nur durch einen Guru."
und:
Das Ereignis stand zu Beginn einer schweren Reinigung Marpas; er wurde in sehr kurzer Zeit sehr viel negatives Karma los. Marpa war längere Zeit schwer krank, kam 13 Mal dem Tod nahe, fiel drei Mal ins Koma, litt unter Depressionen und Alpträumen. Als er alles hinter sich hatte, setzte Naropa ihn als seinen Regenten ein und machte ihn zu seinem Linienhalter.

Künzig Shamarpa gab neulich in Hamburg bei einem Gespräch mit Lama Ole Nydahl eine zeitgemäße Abrundung zum Guru Yoga. Er riet sehr, bei aller Hingabe den Lehrer dennoch genau zu untersuchen. An den Warnbeispielen von den Trungpa und Kalu Rinpoches erklärte er, wie wichtig ein gefestigtes Wissen der Schüler sei, um Mißbrauch ihres Vertrauens zu vermeiden. Ein Lehrer mit schlechten Absichten könne schiefe Taten nicht hinter dem Vinaya und nur teilweise hinter dem Bodhisattvagelübde verstecken; die Guru-Rolle, in der der Lehrer als solcher jenseits von Kritik steht, sei aber bestens dafür geeignet.

Er lachte sehr, als Lama Ole ihm sagte, wie er die Zentren um die Welt vor den Leuten schützt, die überhaupt mißbraucht werden können: ein paar sexuelle Anspielungen und politisch unkorrekte Aussagen während eines Vortrags würden mit Sicherheit unselbständige und schwierige Leute fernhalten.



Von Ulla und Detlev Göbel, in Zusammenarbeit mit Lama Ole Nydahl, Caty Hartung und Paul Waibl

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