Aus: Buddhismus Heute Nr. 23, ( 1997)

Der Herstellungsprozeß von Statuen

Von Mathias Weitbrecht und Hartmut Vosdellen

Klasse statt Masse - Wie unterscheidet man gute von schlechter Qualität?

Viele Dharmafreunde haben buddhistische Statuen in ihren Zimmern stehen. Auf großen Kursen stürmen einige Kursteilnehmer regelmäßig als erstes den Dharma-Shop, um die besten Stücke zu ergattern. Schöne Statuen sind beliebt, jedoch weiß kaum jemand, wo diese genau herkommen und wie sie hergestellt werden. Dieser Beitrag möchte ein wenig Licht in dieses Dunkel bringen, und somit auch das Qualitätsbewußtsein schärfen.
Statuen und Thangka-Bilder repräsentieren Buddhas Körper, Rede und Geist. Die äußere Form steht für den Körper, die Mantras im Inneren für die Rede und der Segen für den Buddhageist. Statuen und Thangkas sind traditionelle Meditationsobjekte und können dazu beitragen, ein stabiles Kraftfeld an einem Ort aufzubauen, an dem regelmäßig meditiert wird. Der respektvolle Umgang mit einer Statue kann mithelfen, einen direkten Zugang zu dem dargestellten Aspekt zu öffnen. Am besten natürlich mit einem richtig guten Objekt auf dem Altar.
Man unterscheidet drei verschiedene Arten von Statuen. Bhutanesische Tonstatuen sowie tibetische und nepalesische Metallstatuen. Tonstatuen aus Bhutan sind die perfektesten, bedingt durch Material und die Übertragung ihrer Kunst wirken sie nahezu lebendig und bestechen durch Vollkommenheit. Aufgrund der Unzugänglichkeit Bhutans und des inner-bhutanesischen Klosterbedarfs sind sie jedoch außerhalb nicht erhältlich. Es ist vermutlich leichter, einen bhutanesischen Statuenkünstler zu exportieren, als eine Tonstatue. Die tibetischen Statuen unterscheiden sich nur durch den Ausdrucksstil und den Verarbeitunsgprozeß der Materialien. Solche Statuen zeichnen sich durch ausdrucksstarkeGravur- und Ziselierarbeiten aus. Der Löwenanteil aller Statuen verbleibt aber bei den nepalesischen Statuen und um diese soll es im weiteren gehen.

Das Handwerk der Statuenherstellung liegt seit alters her fest in der Hand des Volks der Newaris. Dieser im heutigen Nepal im Kathmandu-Tal lebende Stamm überliefert dieses Kunsthandwerk auch ausschließlich an seinesgleichen. Die meisten Statuenmacher tragen den Namen "Shakya".
Kathmandu in Nepal ist eine alte Stadt, die für ihre reiche Kultur und die zahlreichen Kunstschätze vergangener Zeiten bekannt ist. Patan, eine nun zu Kathmandu gehörende Stadt und die älteste der Städte des Tales, ist bekannt als Sitz von Nepals kunsthandwerklichen Traditionen: Patan wird auch Lalitpur genannt, was "Stadt der schönen Künste" bedeutet. Noch heute stellen hier die Newaris buddhistische Statuen her.
Um religiöse Statuen zu machen, werden alte Herstellungsweisen mit den präzisen anatomischen Beschreibungen buddhistischer Texte verbunden. Laut Tradition kann eine Statue noch so schön sein, wenn sie nicht den genauen buddhistischen Proportionen entspricht, sagt man, daß sie weder als heilig noch als segensbringend angesehen werden kann.
1951 hat Nepal seine Tore dem Tourismus geöffnet, damit hat sich auch vieles für Herstellung und Qualität der Statuen verändert. Heute findet man drei Qualitätsstufen an Statuen: 1. Touristenqualität, 2. mittlere Qualität ("buddhistische Qualität"), und 3. die gehobene Qualität ("Kloster-Qualität").
Die meisten Touristen und auch Buddhisten erwerben bei ihrem Nepalbesuch die erstgenannte Qualität - sie ist in allen Schaufenstern zu sehen. In der mittleren Qualität für Praktizierende dagegen lassen sich bereits durchaus gute, auch für Dharmapraxis brauchbare Statuen finden. Diese stellen einen ganz deutlichen Qualitätssprung dar, der sich auch in den Kosten niederschlägt; ebenso die gehobene Qualität von Auftragsarbeiten, die oft Klöster und Rinpoches bestellen. Letztere findet man so gut wie nie in den offenen Läden und Showrooms, sondern eher in dunklen, schwer zu findenden Hinterhöfen im Stadtteil Patan.
Die Ausbildung eines Newaris zum Statuenmacher ist eine strenge Familienüberlieferung. So darf der Künstler in der Nacht vor dem Gießprozeß weder mit seiner Frau schlafen, gewürzte Gerichte (Knoblauch, Zwiebeln) zu sich nehmen, noch Hühnerfleisch essen oder Alkohol trinken.

Eine Statue entsteht wie folgt: Zunächst wird eine Negativform aus Bienenwachs modelliert, die bei einer neuen Statuenform erstmals extra für diese Statue angefertigt werden muß. Sie ist die Grundlagenform für eine weitere Wachsform für jede einzelne dann davon anzufertigende Statuenkopie. Die zweite Wachsform nennt man auch "verlorene Form", da sie beim Giessen wegschmilzt.
Zunächst aber wird die "verlorene Form" mit einer dünnen Ton-Gräser-Mischung bestrichen. Dann wird sie außen herum mit Ton umhüllt. Diese Tonklumpen, denen kaum mehr anzusehen ist, welche Statue in ihnen steckt, werden dann gebrannt. Das Brennen der Tonfiguren geschieht in einem großen Ofen, oft hinter dem Haus oder in einem der typischen Hinterhöfe der über 100 Jahre alten Gebäude.
Parallel dazu wird bereits in einem zweiten Ofen das Metall zum Gießen geschmolzen. Der dazu benötigte zweite Ofen befindet sich meist in einem Erdloch, so daß die Hitze gut gehalten werden kann. Oftmals ist das Feuer noch mit einem Motorgebläse verstärkt. Große Hitze ist notwendig, um das Gold, Silber, Kupfer, Zinn und Eisen zu schmelzen - die fünf Metalle sind Symbole für die fünf Elemente. Das genaue Mischungsverhältnis der Metalle ist in jeder Familie strengst geheim und - wie natürlich alle Arbeitsschritte - für die Qualität des Endprodukts mit entscheidend.
Das Gießen selbst ist ein traditioneller Akt, in dem die fünf geschmolzenen Metalle dann zu Statuen werden. Im dunklen Hinterhof kommen die ganze Familie, die Nachbarn und Mitarbeiter zusammen. Die etwas unförmigen Tonobjekte werden ihrem Brennofen entnommen und in großen Wasserwannen zischend abgekühlt. Der Statuenmeister selbst hebt dann das spezielle Gefäß mit dem heißen, dünnflüssigen Metall aus dem Ofenloch und trägt es mit einer Zange zu den bereitgestellten, auf dem Kopf stehenden Tonfiguren. In das Loch am Boden der Tonstatuen wird das Metall eingegossen. Ab und zu wird ein Flußmittel - meist ein Stück spezielles Wachs - eingeworfen, das dem Metall ein besseres Einfließen in die feinen Ecken der Statuendetails ermöglichen soll.
Der Gießprozeß ist keineswegs ungefährlich. Es kommt vor, daß eine Tonform springt und sich ein rotglühender Strom flüssigen Metalls rasch auf dem Boden bewegt - wer dort gerade steht, könnte unangenehme Verletzungen davontragen. Dennoch tragen die Beteiligten oft die übliche asiatische Fußbekleidung: Badeschlappen. Warum? Auf Fragen kam die Antwort, daß das Absicht sei. Trifft ein Spritzer flüssigen Metalls den Fuß, so kann dieser blitzschnell davongewischt werden und richtet dadurch weniger Schaden an als in einen Stiefelschaft hineinlaufendes Metall. Dennoch sind die Herstellungsprozesse dieser Statuen natürlich weit entfernt von beispielsweise deutschen Sicherheits- und Arbeitsschutzvorschriften.
Der nächste Schritt nach dem eigentlichen Guß besteht wieder in einer Abkühlphase unter Zuhilfenahme von Wasser. Anschließend wird der Ton von den nun massiv daruntersitzenden Rohformen abgeschlagen.
Die nun noch recht groben Statuen werden gereinigt und mit Werkzeugen von Gußresten befreit. Die Arbeitsgänge an der Statue werden immer feiner, bis hin zum Anbringen von Detail-Verzierungen, die bei guten Stücken obligatorisch sind.
Noch ist die Statue kupferfarben. Die meisten Statuen erhalten nun eine partielle oder vollflächige Vergoldung - auf Arme und Beine oder andere Teile der Statue wird echtes Gold aufgebracht Um das Gold auf die rohe Kupferstatue aufbringen zu können, muß der Vergolder darauf achten, den Schmelzpunkt des Goldes über dem des Kupfers zu halten - hierfür werden dem Gold vier Teile Quecksilber zugegeben, die beim Erhitzen dann verdampfen. Man kann sich vorstellen, daß das Einatmen dieser Dämpfe recht ungesund ist. Einfache, vor den Mund gehaltene Baumwolltücher schützen nicht sehr; manche Statuenmacher nehmen auch ein Stück Fleisch in den Mund, das die Gifte binden soll.
Weitere Feinarbeiten und Korrekturen folgen, bevor die abschließenden Arbeiten des Malers beginnen. Dieser grundiert zunächst das Gesicht mit einer speziellen Mixtur aus Pudergold, welches auf oftmals geheimen Rezepten beruht (wie die der Metall-Legierung auch), die nur von Vater zu Sohn weitergegeben werden. Dann werden die weiteren Statuenteile bemalt, wie Haare, Ornamente, Mund und Ohren. Das Malen der Augen ist - wie bei Thangka-Bildern übrigens auch - stets der letzte Vorgang der Vollendung einer Statue. Dann kann das Schmuckstück in den Laden wandern und einen Käufer finden.
Der Kauf ist entgegen weitverbreiteter Meinung ("mal eben nach Nepal fliegen und abholen") keine leichte Sache. Oft muß man sich unter den unmöglichsten Bedingungen mit den unmöglichsten Leuten auseinandersetzen. Der Prozeß wird nicht einfacher, je besser die Statuenmacher sind - hat man diese erst einmal gefunden. Dann muß man Zeit mitbringen, da es sich für gute Kaufabsichts-Gespräche gehört, zunächst ein paar Stunden Tee zu trinken und über dies und das zu sprechen... Die High-End-Statuenkünstler fahren auch selber völlig auf ihre guten Stücke ab und trennen sich nur unter bestimmten Bedingungen von ihnen.

Der beschriebene Herstellungsprozeß gliedert sich also in drei unterschiedliche Fertigungsstufen: Guß, Ziselierarbeiten und Endbearbeitung. Bei den Statuen mittlerer Qualität werden diese Stufen häufig von unterschiedlichen Künstlern ausgeführt. Bei Statuen höchster Qualität ist dies auf jeden Fall immer so. Die Künstler sind jeweils Meister ihres Faches und die gute Arbeit eines jeden ist notwendig für ein gutes Endprodukt. Es kommt z.B. vor, daß gut gearbeitete Statuen dann schlecht bemalt sind - nur weil eben bei diesem Schritt kein Meister gearbeitet hat. Deshalb ist die höchste Qualität in Kathmandu nur mit viel Geduld und Sachverstand erhältlich. Man kann bis zu 24 Monate auf einen Guß warten müssen, ist dieser dann gelungen, so sind natürlich alle guten Bildhauer auf Monate hin ausgebucht. Die Arbeit eines solchen "High-End-Künstlers" entspricht oft seinem Gemüt. Kommt man ihm mit zeitlichen Vorgaben, so bekommt er schlechte Laune - jedwede Eile wird als Nichtachtung der handwerklichen Kunst aufgefaßt. Auch jeder Beschleunigungsversuch der Endarbeiten (Bemalen etc.) wird mit einem Qualitätsverlust bezahlt. So sollten die Augen traditionellerweise nur an Vollmondtagen gemalt werden...

Die Statuen allerhöchster Qualität sind immer nur aus Kupfer gefertigt und bleiben unbemalt (außer kleine 1a-Statuen unter sechs Inch Größe, die meist aus Vollsilber sind). Bei einer erstklassigen Endbearbeitung (Säurebäder und Politur) spielt jede Art von Licht auf der Statue und läßt sie ganz lebendig erscheinen... Die Kupferstatuen können zudem noch Silberintarsien enthalten. Vergoldungen dagegen - ob partiell oder ganz - überdecken die feinen Ziselierarbeiten und somit einen Teil der Wirkung einer gut gefertigten Statue. Um die Feinheit der Arbeit und die Anstrengung ihrer Anfertigung besser zu verstehen: Die Augen eines Ziseleurs "halten" nur bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr, danach werden sie und damit seine Arbeit wieder schlechter. Die Crème-de-la-Crème der Statuenmacher hat den hohen Anspruch an sich selbst, daß jedes folgende Stück besser als das vorhergehende wird - der Ruf solcher Künstler ist in Patan gleich einer Legende.

Wie unterscheidet man die verschiedenen Qualitätsstufen von Statuen? Dies läßt sich nur durch das Betrachten vieler, vieler Statuen erlangen. Hat man also den Wunsch, eine wirklich gute Statue zu erwerben, so sollte man sich zuvor eine Vielzahl an Stücken ansehen. Da in der Regel nur die billigen Statuen beim Verkauf eine gute Gewinnspanne erlauben, gibt es viele Statuen, die tatsächlich nichts besonderes sind. Wirkt eine gute Statue positiv auf den Geist, so kann man nach einigen Minuten ruhigen Betrachens eine Wirkung bei sich feststellen. Man sollte das Auge lernen lassen, auf den Gesamteindruck achten und die Statuen aus dem richtigen Abstand ansehen, ca. einen Meter und leicht von unten betrachtet (Statuen sind ja dazu gedacht, oben auf Altären zu stehen). Wie sind die Körperproportionen? Hat der dargestellte Aspekt zu lange Arme obwohl der Rest gut ist? Dann bleibt die Statue besser dort stehen, wo man ihr begegnet ist. Hat man wie gesagt den Wunsch, eine gute Statue zu finden, so sollte man sich (möglichst) nicht auf einen bestimmten Aspekt, eine bestimmte Größe oder Ausführung versteifen. Eines Tages findet man eine, die einen anblinzelt, anlächelt oder sonstwie anspricht... Es ist natürlich viel freudvoller, eine hervorragende Statue zu besitzen statt drei mittelmäßige, die man ebenso ab und zu abstauben muß...
Die Statuenpreise haben nicht direkt etwas mit der Größe zu tun. So ist eine gute kleine Statue oft teurer als eine große, da dieselben Arbeiten ja auf viel kleinerem Raum mit feinerer Präzision realisiert werden müssen. Das beste Preis-Leistungsverhältnis bieten wohl teilvergoldete 12-inch-große sowie kupferne 8-inch-Statuen. Die Preise liegen bei 700-800 Mark bzw. 4-500 Mark. 1a-Qualität in diesen Größen kostet dann nochmal bis zu 30% mehr. Statuen sind keine Verbrauchsgüter - sie bleiben in der Regel eine lange Zeit stehen (und überleben uns sogar...), so daß sich die Suche nach hoher Qualität lohnt. Eine solche Statue dann korrekt füllen zu lassen (es gehört mehr hinein als nur Om-Ah-Hung-Mantras), gehört auch dazu. Aber auch hier ist keine Eile angesagt: lieber auf einen Lama mit Zeit warten oder ein Statuenfüll-Wochenende besuchen (es gibt jetzt in allen Regionen Deutschlands „Füll-Experten", die sich auskennen). Traditionell-genaue Statuenfüller wie Lama Tönsang in Montchardon verwenden übrigens mindestens einen halben bis zu einen ganzen Tag für eine einzige Statue.
Dieser Beitrag hat trotz aller Mängel hoffentlich ein wenig vermittelt, wie buddhistische Statuen hergestellt werden und unterschieden werden können - dies kann jedoch nur eine erste Grundlagenvermittlung und Einführung und sein. Übrigens: würden deutsche Kunsthandwerker solche Objekte bei heutigen Löhnen herstellen, so könnte der Preis einer einzigen im Westen hergestellten Statue leicht die 10.000 DM-Grenze erreichen - natürlich nur einer normalgroßen 8-Zoll-Statue. Alle Statuengrößen werden übrigens immer in Inch / Zoll angegeben.
Für uns Westler ist es oft schwierig, die Qualität buddhistischer Statuen beurteilen zu können. Am besten gelingt dies, wenn man eine große Auswahl sehen kann, und so das ganze Spektrum an Qualitäts- und damit auch Preiskategorien vergleichen kann. In der Regel werden aber aus einem solchen Dharmashop die guten Stücke zuerst herausgepickt, so daß das Vergleichen dann bereits schwer fällt. Doch nicht jedermann kann sich die Zeit nehmen, selbst in Nepal ein Grundwissen für die Beurteilung von Statuen anzueignen. Daher ist es wichtig, daß diejenigen, die Statuen nach Deutschland importieren, dies mit dem richtigen Qualitätsbewußtsein tun, in ihrer Preisgestaltung korrekt sind und für den Käufer auch beratend tätig sind.


Eine Sammlung von Statuen der beschriebenen höchsten Qualitätsstufe sowie Thangkas ist auf Anfrage in Köln zu besichtigen: Besuchsanfragen anmelden bei Hartmut Vosdellen. Bei Interesse und nach Vorgespräch werden Statuen auch besorgt.