Aus: Buddhismus Heute Nr. 23, ( 1997)

Eine Reise nach Sibirien

Abenteuer beim Aufbau eines Dharmazentrums

Im Sommer 1996 ging ich als junger Frischbuddhist beim Phowakurs in Kassel zu Ole, um ihm zu erzählen, daß ich "zwar nichts verstehe", aber Vertrauen für die buddhistische Lehre empfinde. Er sagte: "Schön", drückte seinen Kopf gegen den meinen und mich durchlief wieder dieses eigenartige Schütteln. Ich stammelte etwas von "fertig mit der Lehre" und"ein Jahr Zeit für Reisen". Daraufhin wurde Ole rege: "Ein Jahr Zeit? Wo willst du hin? Wladiwostok, Irkutsk oder Novosibirsk?"

Während meiner Reisevorbereitungen hörte ich über eine Freundin von Dirk Manthey, der ebenfalls nach Rußland gehen sollte. Ich rief ihn an und gemeinsam machten wir die Planungen, die sich fast über den gesamten Monat erstreckten. Rechtzeitig zu Oles Rußlandtour wurden wir fertig und so konnte das Abenteuer am 26. August zusammen mit der Reisegruppe auf einem Berliner Bahnhof mit dem Zug Richtung St. Petersburg beginnen.

Die Fahrt dauerte einen Tag und der Empfang in St. Petersburg war herzlich. Wir wurden auf Familien verteilt und später machten wir eine Stadtrundfahrt, um die vielen interessanten Bauten aus der Zarenzeit zu bewundern. Bemerkenswert ist die Kunstausstellung in der Hermitage. Am Abend hörten wir dem Vortrag von Ole zu, um anschließend in merkwürdigen russischen Kneipen zu versacken.

In St. Petersburg hörten Dirk und ich, daß wir noch einen dritten Kumpanen erhalten sollten. Lothar aus Kassel, den wir am nächsten Morgen erwarteten. Nachdem ich drei Stunden mit dem Schild "Lothar for Russia" auf dem Bahnhof gewartet hatte, erfuhr ich, daß er den Zug in Warschau verpaßt hatte und uns in Moskau erwarten würde. Bei unserer Ankunft in der Hauptstadt Rußlands stand er auf dem Bahnsteig und half uns unser Gepäck in das Hotel zu bringen. Nach der üblichen Stadtrundfahrt, einem Besuch des roten Platzes mit anliegendem Kreml, war es auch schon wieder Zeit Ole und seinen Belehrungen zuzuhören.

In Moskau trennten sich unsere Wege von der Reisegruppe Oles, die weiter zum Phowakurs nach Uzgorod in der Ukraine fuhren. Dirk, Lothar und ich nahmen den Zug der Transsibirischen Eisenbahn, um unserer Aufgabe in Novosibirsk nachzukommen.

Ole hatte uns gebeten, bei dem Aufbau eines Retreatzentrums mitzuhelfen. Die zwei Tagesfahrten nutzten wir, um uns kennenzulernen. Spät in der Nacht erreichten wir den Bahnhof von Novosibirsk und unsere erste Tätigkeit war...warten. Man hatte uns vergessen und so warteten wir acht Stunden auf unsere Erlösung. Ich möchte aber behaupten, daß es niemals in der Geschichte des Novosibirsker Bahnhofes ein lustigeres deutsches Trio gegeben hat. Nach wilden Telefonaten in frühen Morgenstunden erreichte uns schließlich ein buddhistischer Genosse und rettete uns. Er brachte uns in eine Wohnung, deren Bewohner gerade auf dem Phowakurs in Irkutsk weilten.

Die Stadt Novosibirsk hat etwa 1,6 Millionen Einwohner und ist die Industriestadt Sibiriens. Ihr angeschlossen ist die 30 km entfernte Wissensstadt Akiademgorod, die zur Sowjetzeit geschaffen wurde, um durch intensive Forschung den Aufschwung des sibirischen Umlandes zu fördern. Unsere Wohnung befand sich in Akiademgorod, da es sowohl eine Sangha hier, wie auch in Novosibirsk gibt.

Wir erfuhren, daß sich der Großteil unserer Freunde auf dem Phowakurs in Irkutsk aufhielt und wir somit eine Woche zur "freien Verfügung" hätten. Wir unternahmen Fahrten in die City von Novo, halfen bei dem Aufbau einer Diskothek eines buddhistischen Freundes und erfreuten uns der ersten Eindrücke, die wir dabei machten. Eines unglückseligen Tages, wir arbeiteten gerade wieder einmal in der Diskothek, wurde Dirks rechter Ringfinger von einem Fünf-Kilo-Hammer getroffen. Der Finger war platt. Wir fuhren in das städtische Hospital, wo festgestellt wurde, daß die Fingerkuppe gebrochen war. Er bekam einen Gips und ich den Eindruck, niemals freiwillig in ein russisches Krankenhaus zu gehen.

Nach einigen Tagen kamen die Leute aus Irkutsk wieder und so erfuhren wir mehr über das Retreatzentrum.

Dima Polyakov, ein kräftiger Russe und in nächster Zeit unser Ansprechpartner für das Projekt, hatte in der Republik Altai - nahe der Stadt Gornau Altaisk - ein Grundstück gekauft. Ole hatte diese Stelle für geeignet befunden, dort ein Zentrum aufzubauen. Es war in den nächsten Tagen geplant, daß wir zusammen mit Natascha, unserem englischsprechendem russischen Engel, ohne den wir in der ersten Zeit völlig hilflos gewesen wären, zu dieser Stelle fahren.

Die Republik Altai umfasst ca. neun Millionen Quadratkilometer, hat 200.000 Einwohner und liegt an den Grenzen zu Kasachstan, Mongolei und China, die aber durch hohe Bergketten abgetrennt sind. Die Republik ist etwa 500 km von Novosibirsk entfernt und ist mit Zug oder Auto erreichbar.

Ihr größter Reichtum sind eindeutig die natürlichen Gegebenheiten. Hohe Bergwände mit reißenden Wildwasserflüssen begrüßten uns, als wir nach einer Tagesfahrt von Novosibirsk die Region erreichten.

Mit dem Bus gelangten wir von der Hauptstadt der Republik Gornau Altaisk tiefer in die Bergtäler. Nach zweistündiger Fahrt erreichten wir den Ort, der für drei Monate unser Zuhause werden sollte: Das kleine Dorf Askat.

In der ersten Woche versuchten wir, uns an unsere neue Umgebung zu gewöhnen. Wir machten Waldspaziergänge, sammelten mit unseren neuen russischen Nachbarn - Tanja und Walodja - Pilze, Beeren und allerlei Heilkräuter. Wir informierten uns über Einkaufsmöglichkeiten und kauften Proviant. Käse, Brot, Milch, Haferflocken und die selbstgemachten Marmeladen der Babuschkas (Großmutter) waren das Grundgerüst unserer Nahrungsaufnahme. Zum Mittagessen gab es meist Kartoffeln, Reis oder Buchweizen mit Mohrrüben und Zwiebel. Von den Nachbarn wurden wir zu Suppen, wie Borsch eingeladen. Eines guten Tages kam ein Großmütterchen auf uns zu und lud uns zum Essen ein. Wir verstanden die Wörter für "Essen" und "mein Haus", bedankten uns und sagten zu. Anschließend erklärte uns Natascha recht aufgeregt, daß die gute Frau jetzt ein Schaf schlachten würde um uns zu beglücken. Wir beeilten uns daraufhin, der Frau nachzueilen und ihr zu erklären, daß wir Vegetarier seien.

In den Abendstunden gab es immer ein gemütliches Beisammensein bei unserer Kochstelle und zweimal in der Woche wurde die Banja (Sauna) angeschmissen, um anschließend im nahen Fluß zu baden. Tanja und Walodja luden uns immer häufiger ein, bei ihnen den Abend zu verbringen, wobei Walodja mit einer Vielzahl von russischen Anekdoten glänzte und auch ansonsten spannende Geschichten auf Lager hatte. Tanja übersetzte immer fleißig ins Deutsche, denn zu unserem Glück war sie Deutschlehrerin.

Dirk konnte das Ganze aber nicht so richtig geniessen, da sich sein Finger inzwischen schwer entzündet hatte und er starke Schmerzen ertragen mußte. Wir fuhren in das nächste Krankenhaus, wo Dirk aber nicht wirklich geholfen werden konnte. Der Finger lief schwarz an und um Schlimmeres zu vermeiden, fuhr er zurück nach Novosibirsk. Nach langem Ringen entschloß er sich, nach Deutschland zurückzufliegen, da auch in der Stadt keine ausreichende Hilfe zu bekommen war.

Lothar und ich machten in den nächsten Wochen die Planungen für das Bauvorhaben. Wir hatten eine Planzeichnung zur Hand, die aber, nach westlichen Maßstab ausgerichtet, so in Rußland nicht durchführbar war. Dies wurde uns sehr bald klar, als wir anfingen das Fundament zu schütten. Es fehlte uns an allen Ecken und Enden Material und Werkzeug. An Maschinen war erst gar nicht zu denken. Einzige Entlastung war der Lastwagen russischen Modells von Sergej, der - wenn er mal da war - losfuhr, um Sand, Steine oder Zement zu holen. Handarbeit war überall angesagt. Zudem konnten uns die Russen zunächst nur an den Wochenenden helfen, da sie alle die Woche über in Novosibirsk arbeiten mußten. So schafften wir in den ersten beiden Monaten sage und schreibe sechs Meter Fundament.

Der sonnige Herbst verließ uns und es kam Regen mit dem ersten Schnee oben auf den Bergspitzen. Es war absehbar, daß das Fundament in diesem Jahr nicht mehr fertigzustellen war. Lothars und meine Hoffnungen sanken.

In Rußland gibt es aber immer wieder unerwartete Überraschungen. So auch diesmal, als kurz vor dem absoluten Wintereinbruch acht Russen vor unserer Hütte standen und nach Arbeit schrien. Dima hatte sie dazu "überredet", Urlaub zu nehmen.

In den nächsten Tagen wurden Wassereimer geschleppt, Zement gerührt, Steine und Sand angefahren, so daß ich meine Hände kaum noch, meinen Rücken aber um so mehr, spürte. Lothar rannte über die Baustelle, um alles im Auge zu behalten und um Verschalungen aufzubauen. Ich versuchte, den als Moniereisen angefahrenen Schrott (Wagendeichseln, alte Motorräder, Pflüge und Förderbänder), im klassischen Dali-Stil einzubauen. Die Russen schnappten sich die Schaufeln und mischten Beton bis die Zementwanne fast glühte. Zwischendurch hörte man Lothar immer mit größtem Optimismus rufen: "Das hält tausend Jahre" und meine eher zögerlichen Kommentare, wie "Wenn Ole es sich im nächsten Jahr noch angucken kann, bin ich zufrieden."

So wüteten wir Tag für Tag und Stück für Stück wuchs unser Baby. Jeden Tag zwischen vier und sechs Meter. Als wir kurz vor dem Ende standen, fing es dann an zu schneien. In riesig großen Flocken kam der Winter vom Himmel und innerhalb einer halben Stunde hatten wir zehn Zentimeter Schnee. Es waren noch etwa acht Meter bis zur endgültigen Fertigstellung. In einem Gewaltakt, der bis in die späte Nacht hinein dauerte, schafften wir es unter höchst erschwerten Umständen, das Fundament zu Ende zu bringen. Daß sich in diesen Stunden niemand den Hals gebrochen hat, ist mir ein Rätsel - nach allem was ich über deutsche Unfallverhütungsvorschriften so weiß!

Tja, am nächsten Tag sind wir dann auch schon wieder nach Novosibirsk gefahren. Völlig unspektakulär sind wir am frühen Morgen mit unserem Gepäck durch das Dorf gestiefelt, in den Bus gestiegen und abgefahren.

In Novo erwartetet uns schon der feste Griff des kalten Winters. Wir trotzten noch etwa zwei Wochen den Minustemperaturen, unter anderem waren wir bei der Neueröffnung der Diskothek dabei, in der Dirk seinen Finger quetschte, und fuhren dann wieder in der Transsib nach Moskau. Lothar trennte sich dort von mir. Er nahm den Zug gen Heimat und ich nahm den Flug in Richtung Indien. Ich besuchte, zusammen mit Dima, das Kibi, war zugegen beim Mönlam und besuchte Lopön Tsechu Rinpoche in Kathmandu. Dima kaufte Silber zur Eröffnung eines Dharmashops in Novosibirsk, um das Projekt Altai finanzieren zu können. Nach zwei Monaten Aufenthalt flog ich zurück nach Rußland, um der nächsten Rußlandreise von Ole beizuwohnen. Ich traf ihn in Moskau und begleitete ihn bis zum Altaigebirge. Dort trennte ich mich von der Gruppe und machte zwei Wochen lang ein Kurzretreat in dem schönen Dorf Askat. Nach gut einem halben Jahr auf Reisen, ging es dann auch für mich wieder Richtung Hamburg, mit wesentlich mehr Vertrauen zum Dharma.


Von Sören Hechler

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