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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 22, ( 1997)

Weihnachten 1996 - mit Karmapa in Bodhgaya

Von Peter Ruser

Was soll denn das werden? So fragte ich mich, als ich im Herbst 1996 das erste Mal vom bevorstehenden Kagyü-Mönlam in Bodhgaya hörte. Auch meine Freunde wußten nicht so recht etwas damit anzufangen. Die Meinungen gingen von "Mönchskram ist nichts für Westler" bis "Jetzt wird Karmapa inthronisiert da muß ich hin".
Khenpo Tschödrag erklärte uns im Dezember, im Karmapa International Buddhist Institute, den Hintergrund für das, was geschehen sollte. Er machte uns klar, wie besonders dieses Ereignis werden würde. Es sollte das erste Mal sein, daß ein Karmapa in Bodhgaya die Laiengelübde und die Zuflucht nimmt (Laien können alle oder einige der folgenden fünf Gelübde nehmen: Nicht töten, nicht lügen, kein sexuelles Fehlverhalten, nicht stehlen und keine Rauschmittel zu sich nehmen. Zu diesem Ritual gehört das nochmalige Zufluchtnehmen). Dank Shamar Rinpoches Planung und Vorbereitung gab es die Gelegenheit, zusammen mit vielen besonderen Lehrern und Gleichgesinnten zu praktizieren und Wünsche für Frieden und Entwicklung in der Welt zu machen. Am 22. Dezember erreichten wir nach einer interessanten Bahnreise Bodhgaya. Im Gepäck waren die Texte und Gebete für das Mönlam und viel Material mit Hintergrundinformationen über die Karmapas. Dutzende Lehrer und "hohe Tiere" aus dem Himalayaraum und der ganzen Welt waren angereist, um zu zeigen, daß sie in Karmapas Kraftkreis arbeiten möchten. Das Mönlam wurde ein Zusammenkommen von Freunden. Etwa so, wie in unseren Zentren die gemeinsame Praxis den Zusammenhalt der Gruppe stärkt. Am Montag, den 23. Dezember kam S.H. Karmapa in einem Wagenkonvoi vom Flughafen Patna. Mit für indische Landstraßen rasendem Tempo und Sirenengeheul ging es nach Bodhgaya. Die letzten paar hundert Meter vor dem Kloster von Beru Khyentse Rinpoche war die Straße gesäumt mit Menschen aus Tibet, Sikkim, Nepal, Bhutan, Ladak, Indien, dem Fernen Osten und dem Westen. Die traditionellen Kostüme, die Begrüßungsbanner und die glückverheißenden Symbole leuchteten in allen Farben. Die Gebäude und das Gelände des Klosters waren geschmückt und alle waren auf Karmapas Ankunft gespannt. Etwa um 12.30 Uhr kündigten die Tralings, tibetische Blasinstrumente, die Ankunft Karmapas an. Die letzten 300 Meter wurde sein Wagen von Mönchen mit Siegesbanner, Schirm und Musikinstrumenten eskortiert. Direkt vor dem Tor stieg Karmapa zusammen mit Shamarpa aus. Ein Riesengedränge entstand, denn jeder wollte so nah wie möglich am Zentrum des Geschehens sein. Die indischen Polizisten waren, wie gewohnt, überfordert und selbst Karmapas Leibwächter, kräftige Tibeter und Westler, konnten die Menge nur mit Mühe zurückhalten. So mußte das Tor leider, als Karmapa das Klostergelände betreten hatte, aus Sicherheitsgründen geschlossen werden. Die Vielen, die draußen blieben, waren wirklich enttäuscht. Die eigentliche Begrüßungszeremonie fand im Schreinraum des Klosters statt. Nachdem Karmapa sich vor dem Altar verbeugt hatte und eine Butterlampe an der großen Buddhastatue angezündet hatte, nahm er auf einem, eigens für diesen Anlaß gefertigten Thron, zentral vor dem Altar Platz. Als erstes gab er den Segen für den Ort der Begrüßung. Shamarpa saß zu seiner Linken und Beru Khyentse zu seiner Rechten. Vor Karmapa saßen Rinpoches der verschiedenen buddhistischen Traditionen. Unter ihnen Tschog Ling Rinpoche, ein Sohn von Urgyen Tulku, der Nyingma- und Kagyü-Übertragungen hält. Lopön Tsechu Rinpoche und Tso Nyi Rinpoche, ebenfalls ein Sohn von Urgyen Tulku, kamen von den Drugpa Kagyüs. Die Karma Kagyüs wurden durch Khenpo Tschödrag Tenphel Rinpoche, Chökyi Nyima Rinpoche, Shangpa Tulku und Songtsang Tulku vertreten. Elf Tulkus waren für die Drikung Kagyüs gekommen. Von den Gelugpaklöstern Gaden und Sera in Südindien und aus Nepal waren Geshes als Repräsentanten angereist. Die nepalesischen Buddhisten waren durch Shakya Trarig Rinpoche vertreten. Auch mehrere Mönche der Theravada-Schulen waren anwesend. Rundherum waren die sogenannten VIPs versammelt, Repräsentanten verschiedener Organisationen, wie der Nepalesischen Buddhistischen Gemeinschaft und der Theravada-Gruppe aus Bodhgaya. Während späterer Veranstaltungen war auch der ferne Osten durch Gäste aus Taiwan, Hongkong, Singapur, Japan, Malaysia und Indonesien vertreten. Die Dharmazentren Europas und Amerikas waren durch die KIBI-Studenten und extra angereiste Schüler Karmapas präsent. Obwohl die größten europäischen Gruppen aus Deutschland, Frankreich und Rußland kamen, war doch von jedem Land mindestens ein Vertreter da. Zur Begrüßung führte Beru Khyentse Rinpoche eine Mandalaopferung durch, so groß, daß, so mancher Bodybuilder ins Schwitzen gekommen wäre. Er hielt sie gelassen Karmapa entgegen, um ihm ein symbolisches Universum darzubringen. Das Überreichen der Symbole für die erleuchtete Aktivität von Körper, Rede und Geist, dargestellt durch eine Buddhastatue, einen Dharmatext und einen Stupa, folgten. Hiermit wurde Karmapa aufgefordert seine Aktivität auszuführen. Dann bekamen alle Anwesenden Tee und süßen Reis serviert, um gute Umstände für die Situation zu schaffen und um Hindernisse zu beseitigen. Nach der Rezitation von Wunsch- und Langlebensgebeten für Karmapa und Shamarpa gab Karmapa zum Abschluß der Begrüßungszeremonie noch Segen für alle. Souverän und ganz entspannt genoß Karmapa die Zeremonie, machte Späße mit Shamarpa und war offen für alles. Es wurden die traditionellen Kataks überreicht und zu guter Letzt, wurden die Türen auch für Diejenigen geöffnet, die draußen bleiben mußten. Nach etwa einer halben Stunde zog sich Karmapa in seine Räume im oberen Teil des Klosters zum Essen zurück. Den Rest des Tages und auch in den folgenden Tagen gab Karmapa Audienzen und Segnungen. Er war ununterbrochen von Leuten umgeben und trotz des vollen Zeitplans immer freundlich und gut gelaunt. Das eigentliche Mönlam am Erleuchtungsstupa fand schon seit dem 20. Dezember statt. Der 60 Meter hohe Hauptstupa befindet sich in einem ca. 2 Hektar großem, eingeschlossenem Areal. Zahlreiche kleinere Stupas und Tempelanlagen aus den Jahrhunderten nach Buddha Shakyamuni schaffen eine abwechslungsreiche Umgebung an diesem besonderen Platz. Befindet man sich erst einmal dort, wo Bäume angenehmen Schatten spenden, vergißt man die typisch indische Unruhe, den Staub und die Scharen von Bettlern und Händlern, die vor dem Eingang lauern. Es ist ein sehr friedlicher Ort, ideal zur Meditation. Praktizierende aus der ganzen Welt kommen seit 2500 Jahren hierher, um dem Beispiel des Buddhas folgend, die Fähigkeiten des eigenen Geistes zu entwickeln. Für das Kagyü-Mönlam wurden um den Stupa Teppiche und Matten ausgelegt, damit die etwa 5000 registrierten Teilnehmer sitzen konnten. Die vielen Laien aus den Zentren der ganzen Welt bildeten eine vielfarbige Ergänzung zum Rot der Mönche und Nonnen. Die Organisation lag in den Händen eines Komitees verschiedener Kagyü Klöster und Zentren, ein 24-Stunden-Job und für indische Verhältnisse hervorragend durchgeführt. Jeder Teilnehmer bekam einen Ausweis. Nicht registrierte Gäste wurden am Eingang zum Stupa genau untersucht. Für den guten Ablauf der Veranstaltung sorgte ein im Gelände um den Stupa verteiltes Sicherheitsteam, viele davon Karmapas Schüler aus dem Westen. Es mußte glücklicherweise nur am Einlaß kräftig eingegriffen werden, damit das Geschiebe und Geschubse, der tibetische Nationalsport bei Großveranstaltungen, nicht außer Kontrolle geriet. Die gesamte Veranstaltung war für die Teilnehmer kostenlos, dank wirklich großzügiger Spenden ostasiatischer Schüler Karmapas und Shamarpas. Sponsoren, wie Sandy Yen von der amerikanischen Westküste hatten große Summen bereitgestellt, ohne sich selbst in den Vordergrund zu drängen. Ohne diese Unterstützung wäre es unmöglich gewesen Unterkünfte, Nahrung und die Festkleidung für die vielen Mönche und Nonnen bereitzustellen. Der 24. Dezember war der Tag, an dem das erste Mal in der Geschichte ein Karmapa in Bodhgaya die Zuflucht nahm. Nachdem das Stupagelände von den Sicherheitsleuten freigegeben worden war, versammelten sich die Gäste um den Stupa, um auf Karmapa zu warten. Gegen 11.30 Uhr war es soweit. Karmapa, Shamarpa und eine Gruppe von ca. 25 Mönchen und Laien betraten den kleinen, zentralen Schreinraum im Hauptstupa. Nachdem sich Karmapa vor der 2400 Jahre alten Buddhastatue verbeugt hatte, bekam er von Shamarpa die Laiengelübde und die damit verbundene Zuflucht. Karmapa sprach dreimal die Zufluchtsformel nach und wiederholte jedesmal deutlich seinen Namen "Trinle Thaye Dorje". Shamarpa schnitt dann einige Haare von Karmapas Haupt. Diese rituelle Handlung begründet den Namen "Haarschneidezeremonie". Es war ein beeindruckendes Erlebnis für alle Anwesenden, wie Shamarpa, der Schüler des 16. Karmapa, nun dem 17. Karmapa die Gelübde und die Zuflucht gab. Anschließend wurde Karmapa von einer Gruppe Theravadamönchen mit einer Willkommenszermonie begrüßt. Sie fand an der Rückseite des Stupa, am Sitz des Buddha zwischen Stupa und Bodhibaum statt. Währenddessen war vor dem Bodhibaum alles für die gemeinsame Praxis mit Karmapa vorbereitet worden. Karmapas Thron stand mit dem Rücken zum Bodhibaum, links der Thron für Shamarpa und rechts der für Beru Khyentse. In tibetischer Tradition saßen die weiteren Rinpoches nach Rangordnung in der Nähe. Heute war auch Gyaltrul Rinpoche gekommen. Rundherum waren Plätze für die anderen ordinierten Gäste. Die Laien verteilten sich in Gruppen, meist nach Herkunft geordnet, im weiteren Umkreis. Unsere Gruppe saß auf dem Fundament eines alten Stupas und nutzte die Nähe zu unseren Lehrern, um selbst Wünsche zu machen und die eigene Praxis auszuführen. Wie schon am Tag zuvor, wurde zur Begrüßung eine Mandalaopferung ausgeführt. Die Körper-, Rede-, Geist-Darbringungen gab es diesmal mehrfach von den Repräsentanten der Klöster, Dharmazentren und buddhistischen Organisationen. Lopön Tragpa Rabje Rinpoche aus Taipeh, die Inkarnation des Zeremonienmeisters von Tsurphu, war von Shamarpa gebeten worden, Karmapa die acht Glückssymbole zu überreichen. Nach dem traditionellen Tee und Reis hielt Khenpo Tschödrag Tenphel eine Rede über die fünf hervorragenden Umstände, die für das Kagyü-Mönlam zusammen gekommen waren: Bodhgaya, der Erleuchtungsort aller Buddhas, als hervorragende Stelle des Geschehens, die günstige Zeit, in der es möglich ist Buddhas Lehre zu praktizieren, der hervorragende Lehrer, S.H. Gyalwa Karmapa mit seinen besonderen Qualitäten, die hervorragende Versammlung aller Lehrer und Schüler und die hervorragende Lehre des Buddha. Khenpo Tschödrag war vor Freude über diesen großen Tag sichtlich ergriffen. Wieder war Karmapa in entspannter und guter Laune, richtete seine Konzentration auf die Gebete, die Rituale und immer wieder auf die Teilnehmer. Shamarpa war deutlich anzumerken, wie sehr er sich über das Zustandekommen dieser Veranstaltung freute. Es war eine Belohnung für alle, die sich nicht von falschen Informationen in die Irre leiten ließen. Etwa um 15.00 Uhr verließen alle den Stupa. In den vielen Zeltrestaurants tauschten wir unsere Erlebnisse und Erfahrungen aus und hatten für den Rest des Tages Zeit, die Sehenswürdigkeiten in Bodhgaya zu erforschen, oder die Lamas in einem der Gasthäuser zu besuchen. Von uns Westlern nutzten viele die Gelegenheit Lopön Tsechu zu treffen. Abends kamen wir im Restaurant des besten Hotels zusammen, um den Tag, es war ja auch Weihnachten, zu feiern. Zu unserer Freude kamen auch Shamarpa und Khenpo Tschödrag in das Hotelrestaurant. Am nächsten Tag kam Karmapa schon morgens zur gemeinsamen Praxis. Wann hat man schon mal die Möglichkeit mit Karmapa, Shamarpa und so vielen Lehrern und Freunden gemeinsam Wünsche zu machen? Viele von uns Westlern nutzten die Zeit für die Grundlegenden Übungen oder andere Meditationen. Sitzkissen, Verbeugungsbretter, Mandalascheiben und Malas wurden jedenfalls gut genutzt. Diesmal saßen vor Karmapas Thron drei kleine Mönche. Sie waren von Shamarpa als Wiedergeburten buddhistischer Meister erkannt worden und Karmapa gab offiziell ihre Namen bekannt. Ganz besondere Freude bereitete die Nachricht, daß Karmapa auch die Reinkarnation von Jamgön Kongtrul Rinpoche erkannt hatte. Das Kind ist der etwa einjährige Sohn von Beru Khyentse. Nach der Mittagspause zeigte Karmapa seine Spontanität, indem er, zur Überraschung aller, auch zur Nachmittagssitzung am Stupa erschien. In höchster Eile kamen die Rinpoches, die sich auf einen ruhigen Nachmittag eingestellt hatten, hinterher. Die Sicherheitskräfte waren so überrascht, daß sie teils in Badelatschen erschienen. Lopön Tsechu, als er die Sirene von Karmapas Wagen vorbeirauschen hörte, hatte in Eile seine Interviewstunde abgebrochen und fuhr im nächst besten Wagen zum Stupa. Der 26. Dezember war schon der Abreisetag Karmapas. Zum Abschied hatten sich wieder eine große Zahl Kagyüs am Kloster versammelt. Obwohl nur drei Tage vergangen waren, schien es, als ob man Wochen zusammen verbracht hatte. Viele der Gäste hatten Karmapa Thaye Dorje das erste Mal gesehen und würden mit ihren Berichten dazu beitragen, daß sich Karmapas Aktivität weiter verbreitet. Auf seiner Rückreise besuchte Karmapa noch drei wichtige Pilgerstellen. Erst ging es im Eilschritt den "Geierberg" in Rajgir herauf. Beru Khyentse suchte nach halber Strecke, völlig außer Atem, Zuflucht an einem Erfrischungsstand. Oben angekommen, an dem Ort, an dem der Buddha die Belehrungen über Leerheit, die Raumnatur des Geistes, gegeben hatte, rezitierte Karmapa die Prajnaparamita-Belehrungen über Höchste Weisheit. Zufällig waren gerade die Gruppen aus Rußland und Singapur auf dem Berg und konnten Karmapa einmal ganz ungezwungen und ohne festes Protokoll erleben. Danach ging es zu einer Arhat-Höhle. Ein kurzer Moment für Wünsche und Gebete und dann weiter. Die dritte Station war Nalanda, die Ruinen der größten buddhistischen Universität aus der Blütezeit des Buddhismus in Indien. Nach einem Rundgang war die Zeit des Abschiedes von Karmapa gekommen. Alle nutzten die Möglichkeit Gruppenfotos zu machen und dann fuhr Karmapa ab, um nach New Delhi zurückzufliegen. Das Mönlam in Bodhgaya endete am 28. Dezember. Viele von uns gingen noch auf Pilgertour in die nähere und weitere Umgebung und zu den Stellen, die Karmapa besucht hatte. Schließlich machten sich alle, ganz voll getankt von Segen und Erlebnissen, auf den Rückweg nach Delhi, entweder um zu studieren oder um in die Heimat zurückzufliegen.

Von Peter Ruser