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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 22, ( 1997)

Des Kaisers tantrische Roben - Kalu Rinpoches geheime Gefährtin

Zum June-Campbell-Interview in Tricycle/Einleitung von Detlev Göbel/Auszüge aus dem Interview mit June Campbell/Interview mit Lama Ole Nydahl

Einleitung: Detlev Göbel Tricycle über June Campbell: June Campbell studierte in den frühen 70er Jahren Tibetischen Buddhismus in indischen Klöstern. Anschließend reiste sie als Übersetzerin [and Interpreter] mit verschiedenen tibetischen Lamas durch Indien, Europa und Nordamerika. Ihr Buch Traveller in Space untersucht die politischen, religiösen und sozialen Strukturen des tibetischen Patriarchats sowie die reale und symbolische Rolle der Frauen in der tibetischen Gesellschaft. Heute lehrt Frau Campbell Frauenrecht und Religionswissenschaft in Edinburgh.
Das Interview, aus dem die folgenden Auszüge stammen, wurde in der Tricycle-Ausgabe vom Winter-1996 - der größten amerikanischen Dharmazeitung - unter dem Titel "The Emperor's Tantric Robes" veröffentlicht. Es wurde im Juni 1996 in New York von Helen Tworkov, der Chefredakteurin von Tricycle, geführt. Tricycle - eine Zeitschrift für alle buddhistischen Richtungen und Traditionen - berichtete regelmäßig über die großen Skandale der letzten Jahre in den buddhistischen Gemeinschaften der USA. Daß der Inhalt dieses Interviews für das Bild des tibetischen Buddhismus in - zumindest der amerikanischen - Öffentlichkeit ähnlich verheerende Folgen haben könnte wie die Skandale um den verstorbenen Vajradhatu-Regenten Ösel Tendsin und den Leiter der Rigpa-Organisation Sogyal Rinpoche ist absehbar: Einer der bekanntesten und angesehensten Rinpoches - zu dem der engagierteste Bannerträger der Verknüpfung von Lama-Funktion und Zölibat - hatte selbst mindestens eine geheime sexuelle Beziehung. Für einen Praktizierenden des Diamantweges mag es nicht schwerfallen, diese Tatsache als "an sich rein" zu sehen, auch ohne der von June Campbell erwähnten "vereinfachten Sicht der Perfektion des Guru" anheimzufallen. Ein Lama vom Kaliber eines Kalu Rinpoche war sicherlich jenseits davon, äußere Gelübde wie das der sexuellen Enthaltsamkeit für seine persönliche Entwicklung zu brauchen. Von gewöhnlichem "Gelübde brechen" kann man hier wohl kaum reden. Auch mag man sich der vielen Geschichten der großen alten Meister Indiens und Tibets erinnern, die bis zu einem bestimmten Punkt ihrer Entwicklung im Kloster äußerlich die monastische Lebensweise einhielten, im Geheimen jedoch tantrische Praktiken übten, die den Klosterregeln zuwiderliefen. Einige von ihnen - wie zum Beispiel Maitripa, einer der Hauptlehrer Marpas - wurden von den Disziplinmönchen erwischt und des Klosters verwiesen, da man ihre hohen Verwirklichung nicht erkannte. In Anbetracht dieser Ebene der Sicht ist es bedauerlich, daß Kalu Rinpoches frühere Freundin in dem Interview kein Wort darüber verliert, wie sich ihre enge Beziehung zu einem der größten Yogis dieses Jahrhunderts auf ihre eigene Meditationspraxis auswirkte, sondern die Beziehung ausschließlich im begrifflichen Kontext von Psychologie, Beziehungsstrukturen und Machtverhältnissen sehen kann. Was man jedoch verstehen muß, ist zum einen, daß die amerikanische Öffentlichkeit und auch die amerikanische Dharma-Gemeinschaft für das Thema des "sexuellen Mißbrauchs Abhängiger" viel sensibler sind als wir Europäer. Das ohnehin schon puritanische Amerika wurde - nicht nur in tibetisch-buddhistischen Zentren - von Skandalen erschüttert, gegen die alle europäischen Skandale Kleinkram waren. In einer früheren Ausgabe berichtete Tricycle beispielsweise, daß vor einiger Zeit das Thema des "sexuellen Mißbrauchs" eines der Hauptthemen auf einem großen Treffen der Zen-Vereinigungen der USA war. Zum anderen sieht man nun einige Ereignisse in Kalu Rinpoches Organisation in einem anderen Licht: Kalu Rinpoche hatte immer darauf bestanden, daß die von ihm als Zentrumsleiter und Lamas eingesetzten Leute Mönche waren und blieben. Kaum einer unter ihnen hielt jedoch diese Lebensweise über lange Zeit durch, was kein Problem hätte sein müssen, da die Gelübde ja zurückgegeben werden können. Damit wäre jedoch der Verlust der etablierten "Dharma-Stellung" verbunden gewesen. So hatten viele dieser Lamas ein geheimes Liebesleben, das, wenn es dann bekannt wurde, öffentliche Skandale verursachte und so dem Ansehen des Buddhismus wirklich schadete. Eine Folge davon, daß das, was ihr Lehrer Kalu Rinpoche lehrte und das was er tat, nicht völlig übereinstimmte?

Auszüge aus dem Interview [...]

Tricycle: In »Traveller in Space« erzählen sie von ihrer eigenen sexuellen Beziehung zum verstorbenen Kalu Rinpoche (1904-1989). Diese Enthüllung war für jeden in Ost und West, der diesen Meister gekannt hatte, schockierend. Er wurde als ein großer tibetischer Lehrer angesehen und der Welt als ein zölibatärer Yogi präsentiert. Die meisten seiner engen Schüler hatten keine Ahnung davon, daß er Gefährtinnen hatte. Sein geheimes Sexualleben schien zu seinen Lebzeiten wohl gehütet gewesen zu sein. Hat Kalu Rinpoche ihrer Ansicht nach seine Gelübde gebrochen? June Campbell: Ich weiß nicht, was seine Gelübde waren. Wir sprachen nie über sie. Was ich weiß ist, daß ich in unserer Beziehung ganz deutlich nie eine Gleichgestellte war. Meinem Verständnis nach sind die Ideale des Tantra, daß zwei Leute zu einem rituellen Austausch gleichwertiger und unterschiedlicher Energien zusammenkommen. Idealerweise sollte diese Beziehung wechselseitig, gegenseitig sein. Das Weibliche sollte von beiden Seiten als in der Beziehung ebenso wichtig wie das Männliche angesehen werden. Meine Beziehung mit Kalu Rinpoche war keine Partnerschaft von Gleichgestellten. Als es anfing, war ich Ende zwanzig. Er war beinahe siebzig Jahre alt. Er kontrollierte die Beziehung. Ich wurde auf Geheimhaltung eingeschworen. Was ich sagen will ist, daß es keine formelle ritualisierte Beziehung war und auch nicht die "tantrische" Beziehung, die Leute sich gerne vorstellen mögen. [...] Tricycle: Sie wurden von ihm auf Geheimhaltung eingeschworen? June Campbell: Ja. Und von der weiteren Person, die Bescheid wußte. Ein Mitglied seiner Gefolgschaft. Tricycle: Was hätte passieren können, wenn sie das Schweigen gebrochen hätten? June Campbell: Nun, man nahm an, daß ich es nicht tun werde. Aber mir wurde erzählt, daß Kalu Rinpoche in einem früheren Leben, das letzte Leben vor diesem, eine Frau gehabt hatte, die Probleme gemacht hätte, da sie ihm näher sein oder länger mit ihm zusammensein wollte. Sie äußerte ihre eigenen Bedürfnisse, stellte Forderungen. Er legte einen Bann auf sie, und sie starb. Tricycle: So wie Kindesmißhandler mit ihren Opfern umgehen: "Wenn du etwas sagst, wird dir was Schlimmes zustoßen". June Campbell: "Ja, es gibt viele Ähnlichkeiten". Es werden Ängste im religiösen Kontext erzeugt. Versetzen sie sich in meine Lage: "Wenn ich mich geweigert hätte zu kooperieren, hätte ich trotzdem etwas gewußt, was für den Lama und seine Anhänger eine Bedrohung gewesen wäre. Was hätte ich weiter tun sollen? Wenn ich darüber hätte reden wollen, so hätte mir niemand geglaubt. Einige Leute glauben mir jetzt noch nicht. Und was, wenn ich es ausgesprochen und der Lama es öffentlich bestritten hätte? Hätte er noch mein Lehrer sein können? Ich glaube kaum. Ich willigte zu der Zeit gerne ein, hielt es für das Richtige und dachte, daß es mir helfen würde. Ich war jedoch sehr sehr isoliert und hatte jahrelang Angst, darüber zu reden". Aus Traveller in Space: Meiner eigenen Erfahrung nach gab es – trotz einer fehlenden tibetischen Erziehung – ganz bestimmte motivierende Faktoren, die mich über viele Jahre schweigen ließen: Diese Faktoren sind vielleicht denen ähnlich, die tibetische Frauen über die Jahrhunderte beeinflußt haben. Zuerst einmal steht es außer Zweifel, daß die geheime Rolle, in die eine nichtsahnende Frau gezogen wird, ihr eine gewisse Menge an persönlichen Prestige verleiht – trotz der Tatsache, daß es keine öffentliche Würdigung ihrer Position gibt. Zweitens war die Frau in der Lage, durch die Beteiligung an intimen Aktivitäten mit Jemanden, der in ihrer eigenen und der buddhistischen Gemeinschaft als äußerst heilig galt, den Glauben zu entwickeln, daß auch sie in gewisser Weise "heilig" sei und die Ereignisse um sie herum karmisch vorherbestimmt seien. Schließlich haben viele Frauen, trotz der ihnen auferlegten Restriktionen, ihr geheimes Einverständnis als einen "Vertrauenstest" gesehen und als eine angemessene Gelegenheit, vielleicht ihr Verständnis des Dharma zu vertiefen und in den "heiligen Raum" einzutreten. Tricycle: Es gibt Westler, die sie kannten, als sie mit Kalu Rinpoche zusammen waren, andere enge Schüler. Sie wußten nicht explizit, was zu der Zeit vor sich ging, und doch sagen einige von ihnen jetzt, daß sie von ihrem Buch nicht überrascht sind, daß sie "wußten" ohne genau zu wissen, und daß sexuelles Verhalten von Lehrern – sogenannte zölibatäre oder andere – so verbreitet ist, daß es – abgesehen von ihrem Respekt vor ihrer persönlichen Integrität – keinen Grund gibt, ihre Wahrhaftigkeit in Frage zu stellen. Zugleich bestreiten Schüler im Westen, die Kalu Rinpoche nie kannten, ihre Geschichte. Ich habe bereits Anrufe von zwei tibetischen Lamas aus Kalu Rinpoches Linie erhalten, die mich baten, nichts von ihrer Arbeit zu veröffentlichen und ihnen vorwerfen, dies alles erfunden zu haben. Sie sagen, in beiden Fällen: "Diese June Campbell phantasierte, daß sie eine Affäre mit Kalu Rinpoche hätte". June Campbell: Nun, es ist nicht das erste Mal, daß das "Phantasie"-Argument gegen Frauen verwendet wird. Freud beugte sich dem sozialen Druck seiner Zeit, um die Wahrheit über das, was er über sexuellen Mißbrauch und Inzest wußte, zu unterdrücken und brachte die Theorie über die "weibliche Phantasie", die heute völlig diskreditiert ist. Es ist natürlich verständlich, daß diese Lamas in dieser Weise reagieren; sie wußten schließlich nichts von dem was vor sich ging. Aber ich werde mich jetzt lieber der Tatsache stellen, daß Leute meinen Charakter beschimpfen als damit fortzufahren, die Wahrheit zu leugnen. Wie auch immer, mein Buch handelt nicht von Kalu Rinpoche. Es geht um größere Themen als meine persönliche Erfahrung, obwohl die Bemühung es zu schreiben, aus dieser Erfahrung erwuchs. Ich bin aus dem tibetischen Buddhismus vor 13 Jahren ausgestiegen und habe die meisten dieser Jahre damit verbracht, über die Komplexität des Geschehenen nachzudenken. Wenn das von mir Geschriebene von Buddhisten als irrelevant, als eine Phantasie oder eine Lüge zurückgewiesen wird – sei es so, es stört mich nicht. Ich weiß, daß das Schreiben des Buches mir half, meine Vergangenheit anzuerkennen und mit einer Menge schwieriger Gefühle zurechtzukommen. Es half mir das Geschehene selbst und auf meine eigene Weise zu verstehen. Niemand kann mir sagen, das sei nicht wahr. [...] Tricycle: Ist Kalu Rinpoche weniger erleuchtet als wir dachten, oder müssen wir unser Verständnis davon ändern, was ein erleuchteter Guru ist? June Campbell: Ich bin versucht, diese Frage einfach abzulehnen, denn ich kann schon das Aufheulen von Empörung und Entrüstung einiger Kreise über den Gedanken, eine einfache Frau zum Stand der Erleuchtung eines Lamas zu fragen, hören. Aber ich denke, daß es hier nicht um meine Meinung zu Kalu Rinpoche geht, denn diese ist, wie die von jedem anderen, höchst subjektiv und auf persönlicher Erfahrung beruhend. Ich denke, es geht eher um das Problem, wie man die Idee von Perfektion mit der Beobachtung von fragwürdigem Verhalten in Übereinstimmung bringt. Ein Verständnis des "erleuchteten Gurus" ist, daß alles an seinem Verhalten, ganz gleich wie merkwürdig oder unmoralisch, ein Ausdruck von Erleuchtung ist. Diese Sicht mag in der tibetischen Gesellschaft aufrecht zu erhalten gewesen sein, wurde sogar gefördert, aber ich denke, es ist sicher, daß die westliche Gesellschaft sie nicht aufrecht erhalten kann. Meine Sicht ist, daß wenn Leute sich weigern, diese Frage anzuschauen, bestimmte Gruppen innerhalb der westlichen Gesellschaft im Versuch, sich vor Herausforderung zu schützen und Veränderung zu vermeiden, immer isolierter werden. Sie werden nicht über eine vereinfachte Sicht der Perfektion des Guru hinausgehen, und die Gurus selbst werden nicht über völliger Macht und des Verehrt werdens hinausgehen. Meiner Ansicht nach würde diese Art von Isolierung entweder den Niedergang des ganzen Systems beschleunigen, oder abgeschlossene, Kult-ähnliche Gruppen erzeugen, die keinerlei Einfluß auf die Gesellschaft haben.