Aus: Buddhismus Heute Nr. 22, ( 1997)

Tsurphu, Yangpachen und der Berg Kailash - eine Tibetreise

Von Eva Diller, Hans Embert und Wolfgang Günther

Wir, eine Gruppe von sechs Frauen und sechs Männern, machten uns im August 1996 nach gründlicher Vorbereitung, mit Lama Oles Segen auf nach Tibet, zum Mt. Kailash.

Das Dach der Welt empfing uns mit sanftem Klima und strahlend blauem Himmel, was uns half, die Unterkühltheit des chinesischen Flughafens zu verkraften.

Acht Tage standen zur Verfügung, uns an Lhasas Höhe - 3700 m - und das gebotene Kontrastprogramm zu gewöhnen, bestehend aus "chinesischer Moderne" und einem Rest lebendiger tibetischer Kultur rund um den Jokhang.

Aufschlußreiche Treffen mit tibetischen Freunden und Exkursionen in mehrere Klöster im wunderbaren Umland gewährten uns Einblick in die aktuelle politische Situation.

Ein uns seit Jahren vertrauter Tibeter, der erfreut Brillen, Medikamente und einen Teil unserer Spenden zum Weitergeben entgegennahm, berichtete bei unserem Besuch folgendes: Ganden, das größte Gelugpa-Kloster, unweit von Lhasa, ist im Frühsommer 1996 geschlossen worden und noch immer unzugänglich. Mönche dort hatten sich geweigert, Dalai Lama-Bilder abzuhängen. Durch die vorläufige Schließung des Klosters wollte man westliche Zeugen fernhalten und eine Dokumentation der bei der Razzia entstandenen Tumulte und vorgenommenen Verhaftungen verhindern. Die 150 inspizierenden chinesischen Beamten hielten sich gerade im Kloster Sera auf, das für Besucher ebenso bis auf weiteres geschlossen war. Allen weiteren Klöstern im Land sollte in naher Zukunft die gleiche Säuberungsaktion beschieden sein. Dalai Lama-Bilder waren derzeit nur noch im Privatbesitz geduldet.

Neugierig waren wir auch auf das große Kloster der Karmapas in Tsurphu. Hierzu entnehmen wir einen persönlichen Bericht dem Reisetagebuch einer Teilnehmerin:

In Lhasas morgendlicher Dunkelheit - die Straßen blank geputzt vom nächtlichen Wolkenbruch - steigen wir in einen kleinen Blechkasten, den Linienbus nach Tsurphu. Ratternd, polternd, prustend kriechen wir hoch zum heiligen Platz. Manchmal kocht das chinesische Modell. Nach 3,5 Stunden haben wir die 70 km geschafft.

Leicht aufgeregt und fröstelnd stehe ich in 4300 m Höhe vor der Klosteranlage an einem wunderschönen Fleck Erde. Dicke Wolken hängen tief, weiter oben blitzt Schnee. Die chinesische Zerstörung ist noch sehr sichtbar. Viele Mönchszelleneingänge wirken erbärmlich. Zwei große Stupas ersticken im Brennesselwuchs. Es wird gehämmert, gesägt, gestapelt, gebaut. Große Gebäude stehen im Rohbau, manche kleinen haben schon bemalte Frontseiten. Gleich hinter dem Eingangstor steigen wir zur Gompa empor. Puja im Inneren. Wir setzen uns zu den Mönchen. Sie verrichten ihr Werk so schwunglos wie Schulkinder ungeliebte Aufgaben. Die Atmosphäre ist bedrückend.

Eine andere Gompa dient noch als Baumaterialienlager. Hinter Türmen von Holzbalken und abgelegtem Wirrwarr entdecken wir einen Altar mit drei herrlichen Riesenstatuen: Buddha, Guru Rinpoche, Karmapa. Ich traue meine Augen nicht: direkt davor, am verstaubten Schutzglas, prangt Clemens Kubys Filmposter vom ‘Living Buddha'. Ein mürrisch wirkender Mönch, freudlos sein Wächteramt verrichtend, erlaubt für 10 Yuang (DM 2,-) einen Schnappschuß. Mißtrauisch verfolgt er jeden unserer Schritte, bis wir gehen.

Um 13 Uhr soll Audienz sein. Tibetische Bauern und Bürger reisen auch an. Unser teuer bezahlter Eintritt wird mit einem vielfarbigen Hochglanzprospekt von Tsurphu quittiert. Wir reihen uns artig mit Katak in die segensheischende Schar und steigen Stufe um Stufe hinauf zum Thronsaal. Handgepäck und Fotoapparate abliefern, Hosentaschen- und Körperkontrolle. Für den Oberchecker in Roben ist Lächeln out. Unbehagen schleicht sich bei mir ein. Fließbandartig gleiten wir im Pilgerstrom vorbei am Knaben auf dem Thron. Er blickt über unsere Köpfe hinweg in die Ferne als wären wir alle nicht vorhanden. Will er uns überhaupt begegnen? Wo bleiben der kraftvolle Segen, die Wärme, die Offenheit, die ich von buddhistischen Lehrern und Rinpoches kenne? Nichts erreicht mich über die abstandschaffende Absperrung um den Thron, neben einem ernst dreinschauenden Aufpasser. Irritiert und enttäuscht nehme ich noch ein Segensfädchen von einem Routinier im Mönchsgewand entgegen. Pflicht ohne Freude, kraftloses Ritual, chinesisches Muß ohne Überschuß: Das war für mich Tsurphu.

Am folgenden Tag war ein weiteres Vorhaben, Shamarpas Kloster Yangpachen, nördlich von Lhasa, zu besuchen. Auch hierüber ein persönlicher Eindruck eines Teilnehmers:

Früh morgens, bei strahlend blauem Himmel, machten wir uns auf den Weg zum Kloster Künzig Shamarpas. Wir besuchten zunächst den unweit des Klosters gelegenen Medizinbuddha-Stupa, den uns Hannah und Ole wärmstens empfohlen hatten. Den mit besonders heilsamer Energie versehenen Stupa umrundeten wir in Uhrzeigerrichtung mit vielen Wünschen für alle Wesen. Ein kurzer Fußmarsch führte uns dann zum Kloster. Die wenigen Mönche (etwa zwölf), die treu zu Künzig Shamarpa stehen, begrüßten uns im ersten Moment zurückhaltend. Nachdem wir Grüße und eine Geldspende von Shamarpa überbracht hatten, löste sich die angespannte Stimmung, und wir wurden freundlich durchs Kloster geführt. Alle freuten sich über das dann doch noch rasch entstandene Vertrauen. Ich war vom Mut der Mönche beeindruckt, die trotz offensichtlicher chinesischer Observation ein Bild des in Delhi lebenden Karmapa Thaye Dorje auf dem Altar stehen hatten. Schnell machte ich noch ein paar Fotos zur Erinnerung an die freundschaftliche Begegnung. Vor der Rückfahrt badeten wir noch in den heißen Quellen von Yangpachen.

Nach dieser ereignisreichen Zeit in Lhasa brachen wir - bestens ausgerüstet, bereits an die Höhe gewöhnt und gut gelaunt - in zwei Jeeps und einem LKW zu unserem Pilgerabenteuer Mount Kailash auf. 1300 km sollte es westwärts durch die endlose Weite der zentraltibetischen Hochebene gehen. Breite Flüsse ohne Brücken, staubige Sandpisten, steinige Schotterebenen, Schlammwüsten waren mit unseren Fahrzeugen zu durchqueren. All diese Strapazen hinderten uns jedoch nicht daran, die klare Schönheit der Landschaft aus vollem Herzen zu genießen. Auf unserer achttägigen Fahrt lagen unter anderem der Kum Bum in Gyantse, Kloster Tashilhünpo in Shigatse und das alte Gründungskloster in Sakya.

Immer wieder war soviel Segen zu spüren, der uns brenzlige Situationen schnell wahrnehmen, Wartezeiten ertragen und anstrengende Gruppenprozesse, meistern ließen.

Vor der eigentlichen Umrundung des Mount Kailash (tibetisch: Kang Rinpoche = Schnee-Juwel) waren uns noch zwei vergnügliche Rasttage in einer Herberge am Manosarovarsee vergönnt. Heiße Quellen für Körper und Klamotten und ein heiliges Reinigungsbad im See nutzten wir als Pilgervorbereitung. Und all das im überwältigenden Anblick des schneebedeckten heiligen Berges.

Die Tibeter sehen die Umrundung des Kailash als symbolischen Weg durch den Bardo - den Zwischenbereich zwischen Tod und Wiedergeburt.

Wir umwanderten den 6614 m hohen Mount Kailash auf der äußeren "Kora" etwa 55 km in fünf Tagen. Alle unsere physischen Kräfte waren gefordert. Jeder Schritt hinauf zum Tarapaß, dem 5723 m hohen Dölmala, war begleitet von kurzen Atemzügen in der dünnen Luft. Unser Gepäck schien, je höher wir kamen, um ein vielfaches schwerer zu werden.

Voller Freude über das erreichte Ziel dankten auch wir, wie es die Tibeter praktizieren, mit Wunschgebeten und Opferungen an allen Buddhas für diese symbolische Wiedergeburt im Geiste. Wieder angelangt am Ausgangspunkt unserer Umwanderung wurden wir von unseren Fahrern mit einem üppigen tibetischen Festmahl begrüßt; eine willkommene Stärkung für unser nächstes Abenteuer.

Auf einem alten Handelsweg ging es entlang reißender Flüsse, über schmale Pfade sechs Tage lang bergauf, bergab: über den Himalaja nach Nepal. In Simikot, Westnepal angelangt ließ eine kurze, lehmig-nasse Startbahn unter schweren Monsunwolken gewisse Zweifel an einen baldigen Abflug aufkommen. Schon nach zwei Wartetagen brachte uns ein kleines Propellermodell heil nach Kathmandu. Der krönende Abschluß unserer fünfwöchigen Pilgerreise war eine Einladung zu einem köstlichen Abendessen mit Lopön Tsetschu Rinpoche und Lama Kalsang. Mit Rinpoches kraftvollem Segen traten wir gesund und inspiriert den Heimflug an.


Von Eva Diller, Hans Embert und Wolfgang Günther