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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 22, ( 1997)

Die Bedeutung des Kagyü Mönlam

Von Khenpo Tschödrag Thenphel Rinpoche

Historischer Hintergrund

Als der historische Buddha Shakyamuni nach seiner Erleuchtung zu lehren begann, wurde er bald als neuer religiöser Führer sehr populär. Aus diesem Grund entwickelten viele Meister anderer philosophischer Schulen eine Abneigung gegen ihn. Einige von ihnen folgten dem Buddha, der durch die vielen kleinen Königreiche wanderte, die das heutige Indien ausmachen, um ihn zu einem "Wettstreit der Wunder" herauszufordern, da sie glaubten, ihn damit öffentlich demütigen zu können. Sie baten die Könige aller Königreiche, durch die sie wanderten, um Erlaubnis, diesen Wettstreit stattfinden zu lassen. Der Buddha antwortete jedoch, die Zeit wäre dafür noch nicht reif.

Nachdem die Hindumeister dem Buddha eine ganze Weile gefolgt waren, erreichten sie die Stadt Shravasti, wo der Buddha erklärte, die Zeit für den Wettbewerb sei jetzt gekommen. Die buddhistischen Chroniken berichten, daß Buddha Shakyamuni in Shravasti innerhalb eines Zeitraums von fünfzehn Tagen täglich Wunder manifestierte, die den Leitern der nicht-buddhistischen Traditionen klar zeigten, daß er ein unübertrefflicher Meister war. Zur Feier dieses Ereignisses entstand der Brauch, sich in den ersten beiden Wochen des neuen Jahres zum gemeinsamen Wunschgebet (tib. Mönlam) zu versammeln.

In Tibet wurde diese Tradition bereits im Kloster Samye (erstes buddh. Kloster in Tibet, gegründet im 8. Jahrhundert, Anm. d. Übers.) gepflegt. Über die Jahrhunderte hinweg wurden diese Versammlungen immer populärer, und im 13. Jahrhundert förderte der damalige König Tibets, Sakya Drogön Chogyal Phagpa (1235-1288), diese Veranstaltungen, an denen über 50.000 Mönche teilnahmen. Der dritte Karmapa Rangjung Dorje (1284-1339) initiierte im gleichen Jahrhundert diese Tradition in der Kagyü-Linie. Von dieser Zeit her ist das Mönlam als Teil der Kagyü-Tradition durch die Jahrhunderte hindurch erhalten geblieben. Zur Zeit des siebten Karmapa, Tschödrag Gyamtso (1454-1506), wurde diese Zusammenkunft zu einer der wichtigsten buddhistischen Feiern.

Die Tradition des gemeinsamen Wunschgebetes bestand also sowohl in Indien als auch in allen vier Schulen des Tibetischen Buddhismus. In der Gelugpa Linie begann diese Tradition mit dem Meister Tsongkhapa (1357-1419). Zu dieser Feier versammelten sich jedes Jahr 30.000 bis 40.000 Mönche in dem Tempel Lhasas, in dem die berühmte Buddha-Statue des Edlen Buddha Shakyamuni steht (der sogenannte "Djowo".)

Der Sinn des gemeinsamen Wunschgebetes
Jeder einzelne, der an den gemeinsamen Wunschgebeten teilnimmt, sammelt viele positive Eindrücke im Geist an. Zudem erhält man aber auch all den Verdienst, der durch die Wunschgebete von allen anderen Teilnehmern angesammelt wurde. Das heißt, wenn eintausend Menschen zusammen das Wunschgebet praktizieren, dann erhält jeder einzelne in dieser Versammlung die Anhäufung von positiven Eindrücken von eintausend Menschen.

In dem Sutra "Eine Wand aus Blumen" heißt es, daß jedes Wunschgebet in Erfüllung geht, das an einem Stupa gemacht wird, der Reliquien Buddhas enthält. Der indische buddhistische Meister Nagarjuna sagte, daß die Kraft, die dadurch entsteht, daß man Wunschgebete zusammen mit einem hohen Bodhisattva macht, so stark ist, daß Hunger- und Naturkatastrophen abgewendet werden können, und man negatives Karma aller Art auflöst. Aus diesem Grund treffen sich jedes Jahr Vertreter der vier tibetisch-buddhistischen Schulen an verschiedenen heiligen Orten in Indien, um zusammen diese Wunschgebete zu praktizieren. Dieses Jahr repräsentieren wir dabei die Karma-Kagyü-Schule des Tibetischen Buddhismus in Bodhgaya.

Das Wunschgebet selbst
Der tibetische Name lautet "phags pa bzang po spyod paíi smon lam gyi rgal po bzhugs so". Die Sutras (die Worte, die vom Buddha selbst gesprochen wurden) enthalten eine große Anzahl von Wunschgebeten. Das Wunschgebet, welches in Bodhgaya rezitiert wird, gilt als das Hervorragendste, als der König der Wunschgebete. In diesem König der Wunschgebete streben buddhistische Praktizierende, Anfänger und Fortgeschrittene, positives Verhalten an, das heißt ein Verhalten, welches der Verwirklichung der Buddhaschaft und dem Besten aller Wesen zuträglich ist.

Der erste Teil dieses speziellen Wunschgebetes, besteht aus dem siebenteiligen Gebet. Dadurch schafft man das positive Potential, welches als Ursache dafür dient, das zu verwirklichen, was man zu verwirklichen anstrebt - nämlich das, wovon das Wunschgebet handelt. Der zweite Teil, das eigentliche Wunschgebet selbst, hat 16 Punkte. Durch die gemeinsame Anstrengung aller Teilnehmer wird dieses Wunschgebet 100.000 mal oder öfter rezitiert.

Die richtige Motivation
Wunschgebete sollten immer mit der richtigen Motivation gemacht werden, das ist eine der Hauptbedingungen dafür, daß sie in Erfüllung gehen. Für uns gewöhnliche Wesen bedeutet eine korrekte, reine Einstellung, diese Wünsche zum besten anderer zu machen. Das ist deswegen eine reine Einstellung, weil man, solange man nicht die Erfahrung von der Natur der Wirklichkeit hat, sich selbst für eine wirkliche Person in einer von sich getrennten, wirklichen Umgebung hält. Obwohl man noch nicht die Erkenntnis von der Leerheit oder Essenzlosigkeit des Selbst und aller Phänomene erlangt hat, versucht man diese Wünsche zum Besten anderer zu machen. Dabei stellt sich die Frage, wie weit man wirklich in der Lage ist, zum Besten anderer zu handeln - nicht nur darüber zu sprechen oder daran zu denken, dies zu tun. Es geht darum in einer Weise zu handeln, die anderen nutzt. Letztendlich nutzen kann man anderen allerdings erst, wenn man die Essenzlosigkeit realisiert hat.

Die richtige Motivation bedeutet deshalb, sich anzustrengen, eine echte, auf Erleuchtung ausgerichtete Geisteshaltung zu entwickeln, sich an die zwölf Taten des historischen Buddhas Shakyamuni zu erinnern und für diejenigen, die die Madhyamaka-Belehrungen studiert haben, zu versuchen, in Leerheit zu verweilen. Um Leerheit "wahrnehmen" zu können, muß man ein außergewöhnliches "Gewahrsein" der Natur der Dinge entwickeln. Wir alle streben diese Bewußtheit an und die Fähigkeit, diese an alle Wesen weiterzugeben, wenn wir den Zustand von Buddhaschaft realisiert haben. Jeder der in der Lage ist, in dieser Weise in Bodhgaya zu praktizieren, hat extremes Glück.

Der Veranstaltungsort
Der historische Buddha Shakyamuni empfahl denjenigen, die ihn nicht mehr persönlich treffen konnten, sich an einer der vier großen Pilgerstätten zu versammeln. Dies ist in einem der Vinaya Sutras dokumentiert. Diese vier Orte sind: Lumbini, der Geburtsort des Buddha; Bodhgaya, der Ort, an dem er erleuchtet wurde; Sarnath, wo er das erste Mal Belehrungen gab und Kushinagara, wo er ins Parinirvana überging.

Wenn Praktizierende sich an einem dieser vier Plätze versammeln, um Wunschgebete zu machen, entfernt dies einen großen Teil ihres negativen Karmas. Es wirkt dem Erleben unerwünschter Umstände in diesem Leben entgegen und resultiert in einer Wiedergeburt in einer erleuchteten Sphäre. Der indische buddhistische Meister Bhavaviveka sagte: "Durch das Rezitieren von Wunschgebeten oder Sutras an einer dieser vier Pilgerstätten, erinnert man sich des historischen Buddhas und vergegenwärtigt sich ihn." Das Rezitieren von Sutras an einem dieser Orte ist so kraftvoll, daß es selbst extrem negatives Karma, wie die fünf unermeßlich negativen Handlungen, reinigt.

Von diesen vier Pilgerstätten ist Bodhgaya wohl die wichtigste, denn an diesem Ort wurde das Resultat der Bemühungen reif, die der Buddha während drei zahlloser Weltzeitalter unternommen hatte. Hier wurden alle Buddhas der Vergangenheit erleuchtet und werden alle Buddhas der Zukunft Erleuchtung erlangen. Unmittelbar beim Bodhibaum, unter dem der Buddha erleuchtet wurde, befindet sich ein großer Stupa zur Erinnerung an dieses Ereignis. Auf der Spitze dieses großen Stupas befindet sich ein kleiner Stupa, erbaut von Nagarjuna. Dieser Stupa enthält zahllose Reliquien des historischen Buddhas Shakyamuni.

Die Buddha-Statue im Meditationsraum auf der Grundebene des Stupa wurde vor der Zeit des indischen buddhistischen Königs Ashoka angefertigt, also ungefähr 100 Jahre nach dem Tod des Buddha. Bodhgaya, als Ort buddhistischer Pilgerschaft, überstand die Anschläge der Mogul-Invasoren, die es zerstören wollten, bis ins 16. Jahrhundert, weil die burmesischen Könige die Verantwortung für diesen Platz trugen und ihn verteidigten. Unter dem Einfluß von Hindus verfiel der Ort im 16. Jahrhundert und geriet in Vergessenheit. Die indische Regierung restaurierte Bodhgaya in diesem Jahrhundert. Als der Stupa freigelegt wurde, fehlte die Buddha-Statue. Sie wurde später im Haus einer indischen Familie gefunden. Zum Stupa zurückgebracht, paßte sie perfekt auf ihren Thron. Durch archäologische Untersuchungen wurde nachgewiesen, daß diese Statue die authentische ist.

Durch die Jahrhunderte haben verschiedene buddhistische Meister ihren Respekt zu Füßen eben dieser Statue bezeugt. Die größten Meister der buddhistischen Geschichte Indiens sind die sogenannten "Sechs Ornamente der Welt", (Nagarjuna, Aryadeva, Asanga, Vasubandhu, Dignaga und Dharmakirti), die "Zwei Außergewöhnlichen Meister" (Gunaprabha und Shakyaprabha ) sowie die 84 Mahasiddhas. Sie alle haben dort auf den Buddha meditiert. Durch ihre Kraft haben sie die Weisheit des Buddhas mit der Statue verschmolzen. Man kann also sagen daß diese Statue den Buddha selbst verkörpert. Außerdem haben buddhistische Meister aus allen anderen buddhistischen Ländern wie Tibet, China, Burma, Sri Lanka, etc., dort in gleicher Weise praktiziert. In unserer Kagyü-Linie ist zum Beispiel ein Lied von Marpa dem Übersetzer überliefert, in dem er seinen Kummer darüber ausdrückt, Indien und damit diese Statue verlassen zu müssen. An dem Stupa in Bodhgaya befindet sich auch ein Fußabdruck Buddhas und der Bodhi-Baum, unter dem Buddha Shakyamuni saß, als er Erleuchtung erlangte. Dieser Bodhi-Baum wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrmals von Nichtbuddhisten zerstört. Ein Setzling des authentischen Baumes war aber frühzeitig nach Sri Lanka gebracht worden und dort gewachsen. Jedesmal wenn der Baum zerstört wurde, wie zur Zeit des Königs Ashoka, oder später durch die Mogul-Invasoren, konnte der Baum durch einen Abkömmling des ursprünglichen Baumes ersetzt werden. Der Baum, der jetzt in Bodhgaya wächst, ist ebenfalls ein Setzling des Baumes aus Sri Lanka, der Anfang des Jahrhunderts von der indischen Regierung dort angepflanzt wurde. Dieser Baum ist sehr außergewöhnlich hinsichtlich seiner Verbindung mit Erleuchtung. So befindet sich in den Prajnaparamita-Schriften ein ganzer Band, der die hervorragenden Qualitäten dieses Bodhi-Baumes beschreibt.

Bodhgaya ist daher ein Ort, der in ganz besonderer Weise Erleuchtung repräsentiert, insofern sich hier der Stupa mit der Buddha-Statue, der Bodhi-Baum und der Fußabdruck Buddhas befinden. Wenn man versucht, in Gegenwart einer hervorragenden Repräsentation des Erleuchtungsgeistes sein negatives Karma zu reinigen, trägt die Kraft dieser Repräsentation zum Erfolg dieser Praxis bei.

Ein außergewöhnliches Zusammentreffen: Die beiden Hauptpersonen, die diese Wunschgebete machen, sind S.H. der 17. Karmapa, Thaye Dorje und Künzig Shamar Rinpoche, beide große Bodhisattvas, die sich auf den Bodhisattvastufen befinden. Das Wunschgebet auch nur ein einziges Mal mit zwei solchen Wesen zu rezitieren, ist verdienstvoller, als es eine Millionen mal allein zu tun. Diese Möglichkeit zu haben, ist historisch gesehen äußerst selten - selbst wenn man die tibetische Geschichte betrachtet. Man sollte seine Berechnungen bezüglich dieser Möglichkeit nicht auf dieses eine Leben beschränken, Jahrhunderte lang war solch ein Ereignis nicht möglich.

Zudem ist dies der offizielle Eintritt des 17. Karmapa in das Tor des Dharma. Dies bedeutet, daß die Haarschneide- und Namensgebungs-Zeremonie von Künzig Shamar Rinpoche vollzogen wird. Erstmals in der Geschichte der Karmapas findet diese Zeremonie in Indien, in Bodhgaya statt. Es ist auch das erste Mal, daß ein Karmapa eine Wunschgebets-Zeremonie in Bodhgaya leitet.

Betrachtet man die buddhistische Geschichte Tibets, ab dem 12. Jahrhundert bis in die Gegenwart, so sind Karmapa und Shamarpa zwei wirklich große Bodhisattvas. Jeder, der an diesem von ihnen geleiteten Wunschgebet in Bodhgaya teilnehmen kann, sollte sich besonders glücklich schätzen. Die beiden Bodhisattvas, Tschenresig und Öpame, haben den Worten des Buddha zufolge während zahlloser Weltzeitalter den Erleuchtungsgeist entwickelt und auf dieser Basis zum Besten aller Wesen gewirkt. Karmapa und Shamarpa sind Inkarnationen dieser beiden großen Bodhisattvas. Diese Versammlung ist also nichts Geringeres als eine Zusammenkunft im Reinen Land Dewachen.


Khenpo Tschödrag Thenphel Rinpoche

Übersetzung aus dem Tibetischen: Kiki Ekselius
Übersetzung aus dem Englischen: Kerstin Rädlein
Überarbeitung von Manfred Seegers